Nachruf

Was es bedeutet, wenn Arnim sagt, er wolle „in eine kleinere Wohnung umziehen“

Unser Autor hat einen Freund verloren, den großen Berliner Satire-Fan Arnim Stamm. Jetzt erinnert eine Lesung mit Gerhard Henschel und Wenzel Storch an ihn.

Christan Y. Schmidt
7 Min
Arnim Stamm schrieb erst kürzlich auf Facebook: „Alles muss raus.“ Es war sein letzter Beitrag. 

Arnim Stamm schrieb erst kürzlich auf Facebook: „Alles muss raus.“ Es war sein letzter Beitrag. 

© privat

Als ich Arnim Stamm das letzte oder vorletzte Mal traf, zierte seine Stirn eine verschorfte Wunde. Ich vermutete, er sei gestürzt, fragte ihn aber im Scherz, ob er sich geprügelt hätte. Ich sagte das, weil kaum etwas bizarrer sein konnte als diese Frage. Denn Arnim gehörte sicher zu den sanftesten Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe. Er erklärte mir denn auch, dass die Wunde von seiner Diabetes herrühre. Sei er falsch eingestellt, platze die Haut auf und es komme zu offenen Stellen. Jetzt war mir meine absurde Frage peinlich. Ich wusste doch, dass Arnim Diabetiker war, hatte aber diese Tatsache zwischenzeitlich wieder vergessen. Aber auch diesen Fauxpas nahm Arnim nicht krumm. Ich glaube, er war der Typ, der selten wirklich etwas übel nahm: Leise, lustig, immer freundlich und, ja, aufmerksam.

Arnim kannte mich wahrscheinlich länger als ich ihn. Er kam zu meinen Lesungen. Überhaupt mochte er Lesungen, nicht nur meine, von Titanic-Leuten und aus dem Titanic-Umfeld. Erstmals wahrgenommen habe ich ihn im September 2017, als er auf Facebook einen kleinen, launigen Bericht von einer Lesung im Potsdamer Freiland veröffentlichte, bei der ich in Texten das „Herrliche Deutschland“ mit dem „Herrlichen China“ verglich. Damals habe ich seinen Namen wahrscheinlich auch auf Landesliste der Satirepartei Die Partei entdeckt, wo er auf einem der hinteren Berliner Plätze zur Bundestagswahl 2017 kandidierte.

In den Jahren drauf fiel er mir immer wieder auf, weil er die härteren Stücke meiner „Nightflights“ und „Daycares“ likte, einer Rubrik auf Facebook, in der ich täglich ein Musikvideo verlinke und die heute „Spaceflight Psamathe“ heißt. Aha, dachte ich, der hat wahrscheinlich eine Punkvergangenheit. Dazu passte, dass wir uns gleich mehrmals bei Konzerten trafen, zufällig, ohne dass wir uns verabredet hatten. Beim Der-Plan-Konzert im Juni 2019 saßen wir nebeneinander und kommentierten ab und zu murmelnd, was wir auf der Bühne sahen. Und beim Fehlfarben- und Zerfall-Konzert im November desselben Jahres auf dem Alexanderplatz froren wir uns beide tapfer im Nieselregen die Knochen steif.

Arnim Stamm im Park: In Nuancen neben dem Mainstream, so mochte er es am liebsten. 

Arnim Stamm im Park: In Nuancen neben dem Mainstream, so mochte er es am liebsten. 

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Der Stammgast

Stammgast war Arnim auch bei den inzwischen berühmten Lesungen in Falkensee-Finkenkrug, die das Ehepaar Jahnke während der Pandemie in ihrem Garten veranstaltete, weil Veranstaltungen in geschlossenen Räumen nicht möglich waren. Ich bin mir sicher, dass Arnim, der im benachbarten Spandau wohnte, jedes Mal mit von der Partie war, bei Til Mette und Oliver Maria Schmitt, bei Pit Knorr und Thomas Gsella und allen anderen Satirikern aus dem Umfeld der sogenannten Neuen Frankfurter Schule, die da waren.

Ich hatte das einmalige Privileg, zweimal in Jahnkes Garten lesen zu dürfen, und Arnim kam auch da. Nach meiner zweiten Lesung im Juli 2021 – es war die zweite „Herrliche Deutschland-Lesung“ überhaupt bis heute – bot er mir an, mich mit seinem Auto nach Spandau zur S-Bahn zu bringen. Ich nahm das Angebot dankbar an, denn die Speckgürtelgemeinde Finkenkrug ist nachts wirklich beschissen an Berlin angebunden.

In der folgenden halben Stunde erzählte er mir auch ein wenig aus seinem Leben. Er stammte aus Hagen und war dort – man merkte es dem Alt-Punk nicht an – zu so etwas wie einem Verwaltungsfachmann ausgebildet worden. Nach der Wende hatte es ihn dann in den Osten verschlagen; im brandenburgischen Wustermark hatte er dann in der Gemeindeverwaltung als Kämmerer gearbeitet. Inzwischen aber sei er Frührentner und froh darüber. Auch mit der Partei Die Partei habe er nichts mehr zu schaffen. Der ganze Zinnober habe eine Zeitlang Spaß gemacht, sei ihm aber zusehends auf die Nerven gegangen. Vor allem der Umgang der Parteiführung mit Sexismus-Vorwürfen im Jahr 2019 habe ihm nicht gepasst, und deshalb sei er schließlich ausgetreten.

Während wir durch dunkle Alleen schossen und dann wieder vorbei an Autowaschanlagen, erzählte mir Arnim noch viel mehr, doch das – soweit ich es nicht sowieso vergessen habe –, soll unser Geheimnis bleiben. Danach sahen wir uns nur noch einmal bei der Knorr/Gsella-Lesung, am 31. Juli 2021; anschließend begegneten wir uns nur noch auf Facebook.

Auf Facebook

Sehr präsent war er in der letzten Zeit hier nicht mehr, und auch die üblichen Likes blieben aus, wenn ich mal „seine“ Musik in der „Spaceflight“-Rubrik verlinkte. Mitte Mai gab es dann aber überraschend zwei Postings von Arnim Stamm am selben Tag. In dem ersten kündigte er an, eine ganze Regalwand Marvel-Comics zu verschenken, in der zweiten die DVD-Sammlung „Best of Bollywood“ Nr. 1 – 130. Beide Postings wurden mit Fotos illustriert, auf denen akkurat sortierte Sammlungen zu sehen waren. „Nur an Selbstabholer in Berlin-Spandau. Wer sich zuerst in den Kommentaren meldet, erhält den Zuschlag.“

Ich stand kurz davor, nachzufragen, was ihn denn zu diesem, für einen – das wurde anhand der Fotos deutlich – Hardcore-Sammler sicher nicht leichten Schritt bewegt hatte, doch das hatte statt meiner bereits eine Frau getan: „Platz für Neues schaffen?“ – „Schön wär‘s: es sieht so aus, als wenn ich mir demnächst eine kleinere Wohnung suchen müsste. Daher gilt die Devise momentan: Alles muss raus.“

Das waren die letzten Sätze, die Arnim auf dieser sozialen Plattform geschrieben hat. Gut eine Woche später, am Pfingstsamstag kurz nach Mittag, bekam ich eine Message von einer sehr guten Freundin Arnims, mit der auch ich befreundet bin. Ich war gerade zu Tür hereingekommen und las, dass Arnim am letzten Donnerstag gestorben war. Er hatte seinem Leben selbst eine Ende gesetzt. Mir fielen sofort seine letzten Facebook-Sätze ein. Das war also die „kleinere Wohnung“, die er gemeint hatte.

Mir schossen die Tränen in die Augen. Hätte ich das nicht verstehen müssen? Und was bedeutete: „Es sieht so aus“? Hätte ich ihn nicht an diesem letzten Schritt hindern können? Irgendwie? Immer ist erst alles klar, wenn es zu spät ist.

Zurück aus Peking: Christian Y. Schmidt ist ein freier Autor und lebt in Berlin.  

Zurück aus Peking: Christian Y. Schmidt ist ein freier Autor und lebt in Berlin.  

© Gong Yinxin

Gedenkveranstaltung

Was uns nunmehr noch bleibt, ist Arnim Stamm – der in seiner Heimatstadt beerdigt wird – auch in Berlin zu gedenken. Dazu laden einige gute Freundinnen und Freunde Arnims am 29. Juni ins Baiz in Berlin-Prenzlauer Berg ein. Hier werden unter anderen der Schriftsteller Gerhard Henschel sowie der Filmregisseur Wenzel Storch auftreten. Arnims beste Freundin, die unter dem Pseudonym Heinrich Bauer firmiert, erinnert anhand von Fotos und Dokumenten an einige Stationen aus seinem Leben, Elli Popelli (Ex-„Blumenwunder“) und Jan F. Kennedy rahmen die Leserei mit eigenen und gecoverten Punksongs ein.

Es wird auch deshalb eine besondere Veranstaltung werden, weil der diesjährige Preisträger des Kasseler Literaturpreises für grotesken Humor, Henschel, und der „Universalkünstler“ (Die Zeit) Storch zum ersten Mal seit etlichen Jahren wieder in Berlin zu sehen und zu hören sein werden. Angekündigt haben sie, gemeinsam „katholische Fotoromane“ zu zeigen, Storch kramt eventuell auch Schnipsel aus seinen monumentalen Untergrund-Filmen wie „Die Reise ins Glück“, „Sommer der Liebe“ oder „Der Glanz dieser Tage“ heraus. Henschel verspricht obendrein sogar eine Premiere. Er stellt sein im August bei Hoffmann & Campe erscheinendes Buch vor, das den vielversprechenden Titel „Putins nutzlose Idioten“ trägt, und in dem „die schlechtesten Fälschungen des russischen Geheimdienstes“ präsentiert werden. Ich selbst werde einen Auszug aus Ulrike Haseloffs und meinem Kinderbuch für Erwachsene „Der kleine Herr Tod“ lesen. Diese melancholische Death-Metal-Erzählung lag Arnim besonders am Herzen, seitdem er 2020 die Premierenlesung besucht hatte.

So wird es trotz des traurigen Anlasses sicher ein rasanter und auch komischer Abend werden. Ach, Arnim. Ich wette, der Abend wird genauso wie die Veranstaltungen, die du so geliebt hast: „In Nuancen neben dem Mainstream“, wie du einmal formuliertest. Nur du, ausgerechnet du wirst fehlen.

In Nuancen neben dem Mainstream. Ein Arnim-Abend. Zum Gedenken an Arnim Stamm. Mit Heinrich Bauer, Gerhard Henschel, Jan F. Kennedy, Elli Popelli, Christian Y. Schmidt und Wenzel Storch. 29. Juni 2023 – 18 Uhr, Baiz, Schönhauser Allee 26A, 10435 Berlin. Der Eintritt ist frei.

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