Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Der Wehrmacht und der Weltbühne verdankte ich meine erste Westreise, frühes WWW also, lange bevor ans World Wide Web zu denken war. Während des Journalistikstudiums in Leipzig war ich Autor des Blättchens geworden, was einerseits dem Bedürfnis von Chefredakteur Peter Theek zuzuschreiben war, seinen Autorenstamm zu verjüngen. Andererseits handelte es sich um einen Akt jugendlicher Anmaßung: Ich hatte auf einen – in meinen Augen – dilettantischen Beitrag im Heft mit einer Polemik reagiert.
Die trug mir eine Einladung in die 8. Etage des Pressehauses am Alexanderplatz ein. Dort saß die kleine Weltbühnen-Redaktion Tür an Tür mit der Jungen Welt. Theek, der von Tucholsky die Leibesfülle geerbt hatte, war mir nicht nur wegen seiner Einladung sympathisch. Er füllte intelligent die Nische, die der pazifistischen Weltbühne aufgrund ihrer Geschichte zugestanden wurde. In manchen Augen war es der journalistische Olymp. Zumindest in der kleinen DDR.
Pastorenkinder in der DDR: Über Hintertür oder Schlupfloch zum Abitur und an die Uni
Auf der Suche nach zwei ehemaligen Wehrmachtsoldaten
Nach dem Diplom und etlichen Weltbühnen-Beiträgen begann ich als Geschichtsredakteur bei der Jungen Welt, wo ich vier Jahre zuvor mein Volontariat absolviert hatte. In dieser Tageszeitung wie überhaupt in der DDR nahm man die Vergangenheit sehr wichtig, insbesondere die Lehren, die man daraus ziehen konnte oder sollte.
Einmal fuhr ich mit dem Chefredakteur im Lift nach oben. Er erkundigte sich, ob ich der Schumann sei, der auch in der Weltbühne schreibe. Die Frage ließ mich um mindestens zehn Zentimeter wachsen. Wenig später bekam ich ein Projekt übertragen. An dem hing ein Pass.
Ich sollte zwei Männer suchen. Sie gehörten zu einer kleinen Gruppe ehemaliger Wehrmachtsoldaten, die in der Kriegsgefangenschaft eine Antifa-Schule besucht hatten und dann hinter der Front abgesetzt worden waren, um gemeinsam mit Partisanen den Nachschub der deutschen Fronttruppen zu stören. Sechs lebten in der DDR, die beiden anderen waren nach Westdeutschland weitergezogen und gleichsam verschollen.
Was ich nicht wusste: Ihr seinerzeitiger Lehrer an der Antifa-Schule, der mit den deutschen Soldaten über den belarussischen Sümpfen absprang, war Iwan A. Bejdin, damals Major der Roten Armee und 23 Jahre alt. Nach dem Krieg war er in der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) tätig. Sein positives Votum für die FDJ und zu Honeckers Berufung an die Spitze des Jugendverbandes bescherten Bejdin ewige Dankbarkeit und mindestens zwei Einladungen pro Jahr in die DDR, wo sich der Oberst a. D. in einem ZK-Heim erholen und einkaufen durfte.
Honecker, der einst die Jugendzeitung mitbegründet hatte, war der Auffassung, dass man dieser Partisanengruppe und ihrem Kommandeur mit einer größeren Serie zum 35. Jahrestag der Befreiung ein publizistisches Denkmal setzen sollte. So landete der Auftrag auf dem Tisch des Chefredakteurs und dann auf meinem.
Den einen Ex-Partisanen fand ich in Xanten nahe der niederländischen Grenze, den anderen in Stuttgart. Die Porträts der Männer und ihre Geschichte erschienen in mehreren Teilen in der JW, dann trat der Militärverlag an mich heran. Der arbeitete in der Storkower Straße, publizierte Bücher und Zeitschriften und hatte diverse Redaktionen und Lektorate.
Für mich interessierte sich der Bereich, der sich vorwiegend mit militärhistorischen Themen beschäftigte – von dickleibigen Memoiren bis hin zu dünnen Tatsachen-Heften. Die bunten Blättchen, groß wie ein Oktavheft, wurden für fünfzig Pfennig an jedem Zeitungskiosk des Landes angeboten, die Startauflage bewegte sich zwischen 50.000 und 100.000.
Der Verlag hatte offenbar ein Vorleben
In dieser Reihe publizierten die bekanntesten Autoren des Landes, ich durfte gleich mit den Nummern 238 und 239 starten, in denen ich den Stoff der acht Partisanen verarbeitete. Und ich blieb bei den netten Damen im Lektorat Belletristik/Memoirenliteratur. Von ihnen wie auch von den Kollegen der Weltbühne lernte ich das Handwerk, was die Sektion Journalistik nur bedingt hatte vermitteln können.
Außerdem: Immer wenn die Familie eine größere Anschaffung plante oder in den Urlaub fahren wollte, schrieb ich ein zweiseitiges Exposé, das von den Lektorinnen (oder wem auch immer) auf seine Verwertbarkeit geprüft wurde. Dann kam der Auftrag und der Vertrag, ich haute die 46 Seiten am Wochenende in die Erika und verzehrte anschließend das recht ordentliche Honorar mit den Meinen.
Der Militärverlag sorgte in jeder Hinsicht für seine Autoren, insbesondere für die Freischaffenden. In jedem Jahr lud der Verlagsleiter für drei Tage in ein Heim der NVA. Dieses befand sich mal an der Ostsee, mal im Erzgebirge, wir waren auch in Benneckenstein im Harz und in Schloss Boitzenburg in der Uckermark, einst Stammsitz der von Arnims. Es gab immer sehr interessante Vorträge über Politik, Militär und Literatur. Die Vortragenden waren so exklusiv wie ihre Informationen, die man in keiner DDR-Zeitung fand.
An einem Abend gab der Verlagsleiter stets einen Empfang, an welchem nicht nur der geistige Austausch gepflegt, sondern auch geistige Getränke ausgeschenkt wurden. Der unlimitierte Genuss war nicht jedem zuträglich. Ich erinnere mich dunkel, dass wir einmal den Rettungswagen rufen mussten, nachdem einer aus dem TV-Erfolgs-Duo Schauer-Bonhoff kopfüber die Treppe genommen hatte und blutend und besinnungslos an deren Ende zum Liegen gekommen war. Der stocknüchterne Verlagsleiter, ein Oberst, reagierte vergleichsweise hilflos, womit mir endgültig klar wurde, weshalb die Armeeführung ihn in die Etappe und nicht in die Truppe geschickt hatte.
Der Militärverlag war am 26. Mai 1956 als Verlag des Ministeriums für Nationale Verteidigung gegründet worden, erst in den frühen Sechzigerjahren bekam er seinen Namen Deutscher Militärverlag (DMV). Dass aber der zeitgleich mit der Nationalen Volksarmee (NVA) gebildete Verlag ein Vorleben haben musste, war schon aus dem Hinweis im Impressum ersichtlich, denn er trug die Lizenznummer 5 der SMAD. Die Nr 1. hatte der Verlag Neuer Weg (später Dietz), der Parteiverlag, bekommen, die 2 der Gewerkschaftsverlag Tribüne, die 3 Kultur und Fortschritt.
Original-Signet des Militärverlages
© Frank Schumann
Eine bis heute unbeantwortete Frage
Das aber war insofern ein wenig mysteriös, denn als diese Lizenznummern vergeben wurden, existierten weder ein Verteidigungsministerium noch eine NVA. Die Besatzungsmächte hatten am 12. Mai 1945 alle deutschen Medienunternehmen geschlossen, eine Wiederaufnahme der Verlagstätigkeit war an die Vergabe einer Lizenz gebunden. Während in den Westzonen diese Zulassungen vorzugsweise an Einzelpersonen gingen, vergab die SMAD diese in der ersten Zeit nur an neu gegründete antifaschistische Organisationen und Parteien.
Die Frage ist bis heute unbeantwortet, welche Einrichtung die Lizenz Nr. 5 bekam. Ging sie an ein Verlagsunternehmen der Ende 1946 gegründeten Deutschen Verwaltung des Inneren, aus dem im Mai 1949 die Deutsche Volkspolizei wurde? 1952 wuchs daraus die Kasernierte Volkspolizei, aus der 1956 die NVA hervorging – mit seinem Verlag, der sich auf eben jene Lizenz Nr. 5 berief. Dessen Stammnummer ging in die 1986 im deutschen Sprachraum eingeführte ISBN-Verlagsnummer ein – sie ist noch immer gültig: 327.
Nach der Jahrtausendwende stand ich, mal wieder, vor Gericht. Ein Grafiker, getrieben von seinem geldgeilen Anwalt in Rostock, forderte ein exorbitantes Honorar für Zeichnungen, die wir einer Publikation des DMV entnommen hatten. Die Grafiken waren dort namentlich nicht gekennzeichnet, die verschiedenen Illustratoren nur genannt, ohne Angaben der Seiten. Deshalb wiesen wir im Buch darauf hin, dass der Verlag die Urheber nicht hatte ermitteln können, aber die Honoraransprüche selbstverständlich einlösen würde, sofern sie diese bei ihm anzeigten. Aber doch nicht auf diese Weise!
Der Kläger musste seine Urheberschaft nachweisen, indem er einige der inkriminierten Zeichnungen im Original dem Richter vorlegte. Der interessierte sich jedoch mehr für die Rückseite der Blätter. Auf denen befand sich der Stempel des DMV-Archivs. Der Militärverlag hatte den Grafiker beauftragt und ihn als Angestellten dafür auch entlohnt. Damit waren sie in das Eigentum des Verlages übergegangen. Der Richter wusste also, dass es zwischen den Urheber- und Verwertungsrechten in der DDR und in der BRD Unterschiede gab. „Sie dürfen diese Blätter gar nicht besitzen, sie haben diese dem Verlag gestohlen“, sprach der Richter zu ihm und mich als den Beklagten frei.
Mein Anwalt – der Streitwert lag über 5000 Euro, weshalb die Verhandlung vorm Landgericht erfolgt war – meinte lakonisch, ich solle doch den Verlag kaufen, dann würden mir Verfahren dieser Art erspart bleiben.
Zwei Staaten, zwei Logiken: Der Nahostkonflikt im Spiegel des geteilten Deutschlands
Ein fast normales Leben trotz DDR-Wochenkrippe
Durch westdeutsche Verlagshäuser gereicht
Der Verlag hatte sich 1990 in Brandenburgisches Verlagshaus umbenannt und war anschließend durch einige große westdeutsche Verlagshäuser gereicht worden. Das letzte saß in Bonn und trat die Rechte und den bis 1990 gültigen Namen DMV gegen die Zahlung einer fünfstelligen Summe ab. Ballast, weg damit.
Ehemalige hochrangige DDR-Militärs hingegen begrüßten den Eigentümerwechsel am 1. März 2010 in der Presse. „20 Jahre nach der Auflösung der Nationalen Volksarmee, die ein wesentlicher Friedensfaktor in Europa war, sind die Rechte des Verlages an seinen einstigen Standort zurückgekehrt“, hieß es in einer Erklärung von Generalen, Admiralen und Offizieren. Zu den Unterzeichnern gehörten der letzte NVA-Chef Admiral a. D. Theodor Hoffmann und General a. D. Reinhard Brühl, von 1961 bis 1989 Direktor des Militärgeschichtlichen Instituts in Potsdam.
Angesichts der gegenwärtigen Kriegshysterie meldete sich der DMV in seinem 70. Jahr als deutscher Antikriegsverlag mit einer Reihe Publikationen zurück – darunter Victor Grossmans „Madrid, du Wunderbare“, mit dem an den spanischen Krieg 1936–1939 erinnert wird. Getreu dem Verlags-Credo, das der Erkenntnis folgt, welche Rosa Luxemburg am 27. Mai 1913 in Leipzig in ihrer Rede zur weltpolitischen Lage in den Satz goss: „Solange das Kapital herrscht, werden Rüstungen und Kriege nicht aufhören.“ Der Spruch ist vorm dortigen Felsenkeller in den Bürgersteig eingelassen. Ehern und unübersehbar.
Frank Schumann ist Verleger des 1990 gegründeten Verlages Edition Ost, gelernter Spezialglasfacharbeiter und Diplom-Journalist. Drei Jahre fuhr er zur See und war, Australien ausgenommen, auch auf allen Kontinenten unterwegs. Meist publiziert er unter seinem Namen, aber gern auch unter einem seiner fünf Pseudonyme.
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nichtkommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Ostdeutschen Allgemeinen bzw. Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]