Kriege

90 Minuten Militärausgaben, ein halbes Jahr Überleben in Gaza: Warum UN-Chef Guterres jetzt vor einem „El Niño“ des Krieges warnt

UN-Generalsekretär prangert wirtschaftliche Folgen bewaffneter Konflikte für Haushalte weltweit an. Wie Kriege in der Ferne die Lebensmittelpreise vor Ort steigen lassen.

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Antonio Guterres, Secretary-General of the United Nations, attends a press conference in the Armenian capital of Yerevan on October 15, 2026. (Photo by KAREN MINASYAN / AFP)

Antonio Guterres, Secretary-General of the United Nations, attends a press conference in the Armenian capital of Yerevan on October 15, 2026. (Photo by KAREN MINASYAN / AFP)

© KAREN MINASYAN/AFP

UN-Generalsekretär António Guterres hat im UN-Hauptquartier in New York vor einer Kettenreaktion gewarnt, die von bewaffneten Konflikten über steigende Lebenshaltungskosten bis zu sozialen Protesten reicht. Der Vergleich, den er dabei wählte, ist ungewöhnlich: Die Welt erlebe einen „El Niño“ des Krieges, bei dem Konflikte wie das gleichnamige Klimaphänomen Verwerfungen weit entfernt von ihrem Ursprung auslösen.

Seine Rede richtete sich an Gesellschaften in Europa und in Entwicklungsländern gleichermaßen – überall dort, wo Haushalte unter Preisdruck und schwindenden Perspektiven leiden.

Wie der Krieg am Persischen Golf europäische Tankstellen erreicht

Als konkretes Beispiel nannte Guterres die Straße von Hormus, durch die ein erheblicher Teil des weltweiten Erdölhandels fließt. Störungen dort, verursacht durch den Konflikt zwischen den USA und dem Iran, können die Benzinpreise für Familien Tausende Kilometer entfernt in die Höhe treiben.

Protest gegen steigende Preise in der griechischen Hauptstadt Athen.

Protest gegen steigende Preise in der griechischen Hauptstadt Athen.

© Middle East Images/imago

Ein Krieg in der Ferne werde so zur alltäglichen Belastung: Es gehe darum, sich zu ernähren, die Wohnung zu heizen oder Rechnungen zu bezahlen. Damit stellte der UN-Generalsekretär eine direkte Verbindung zwischen geopolitischen Konflikten und dem Geldbeutel einzelner Haushalte her.

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Proteste in Frankreich, Italien und Portugal

Seine Warnung fiel in eine Phase massiver Straßenproteste in mehreren europäischen Ländern. In Frankreich, Italien und seinem Heimatland Portugal gingen Menschen auf die Straße, ausgelöst durch wirtschaftliche und soziale Unzufriedenheit.

Bundeskanzler Friedrich Merz während der Einweihungsfeier auf der Gustav-Heinemann-Brücke in Saarlouis.

Bundeskanzler Friedrich Merz während der Einweihungsfeier auf der Gustav-Heinemann-Brücke in Saarlouis.

© Chris Emil Janßen/imago

Guterres verurteilte Gewalt und Zerstörung, die einige Demonstrationen begleiteten, und forderte, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Zugleich warnte er davor, den Blick auf Ausschreitungen zu verengen: „Wir dürfen nicht zulassen, dass unerträgliche Gewalt die legitimen und sehr realen Forderungen der vielen friedlichen Demonstranten überschattet."

Steigende Preise, sinkende Hoffnung bei jungen Menschen

„Überall steigt der Druck auf die Preise für Lebensmittel, Treibstoff und andere lebensnotwendige Güter", erklärte Guterres gegenüber Reportern. Besonders für junge Menschen rücke die Hoffnung auf eine bessere Zukunft immer weiter in die Ferne.

Dieses Phänomen beschränke sich nicht auf Europa. Auch in vielen Entwicklungsländern litten Haushalte unter steigenden Preisen und erhöhten Kreditkosten. Die Proteste seien daher kein rein europäisches Ereignis, sondern Ausdruck einer globalen Dynamik.

Ungleichheit als Brandbeschleuniger

Der UN-Generalsekretär betonte, dass Konflikte allein die wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht erklärten. Sie träfen auf Gesellschaften, die bereits von tiefen Einkommens- und Vermögensunterschieden geprägt seien. Genau diese Verwundbarkeit mache die Folgen so verheerend.

Ein Junge trägt Brot: Das Welternährungsprogramm benötigt nach eigenen Angaben 450 Millionen US-Dollar, um Menschen in Gaza und im Westjordanland sechs Monate lang zu ernähren.

Ein Junge trägt Brot: Das Welternährungsprogramm benötigt nach eigenen Angaben 450 Millionen US-Dollar, um Menschen in Gaza und im Westjordanland sechs Monate lang zu ernähren.

© Anadolu Agency/imago

„Der Krieg schafft nicht all diese Ungleichheiten. Aber er schürt und nutzt sie aus und offenbart gleichzeitig die grundlegende Ungerechtigkeit eines Wirtschaftssystems, das diejenigen, die am wenigsten haben, den heftigsten Schocks aussetzt", sagte Guterres. Manche Haushalte könnten Preissteigerungen verkraften, andere müssten zwischen Lebensmitteln und Heizung wählen.

Die Kluft zwischen Staaten mit Kreditspielraum und verschuldeten Ländern

Auch zwischen Staaten zeige sich die Ungleichheit deutlich, so Guterres. Länder mit soliden Finanzen könnten Kredite aufnehmen, um Krisen abzufedern. Hoch verschuldete Staaten hingegen stünden vor der Wahl zwischen Schuldenrückzahlung und Ausgaben für Gesundheitswesen oder Bildung.

Diese wirtschaftliche Kluft werde durch eine zunehmende Konzentration von Reichtum und Macht noch verschärft. Damit verleihe der Generalsekretär den europäischen Protestbewegungen eine internationale Dimension, ohne alle Ursachen auf bewaffnete Konflikte zurückzuführen.

450 Millionen Dollar für Gaza – und ein Vergleich mit Militärausgaben

Im Gazastreifen, wo humanitäre Hilfe weiterhin stark eingeschränkt ist, benötigt das Welternährungsprogramm (WFP) nach eigenen Angaben 450 Millionen US-Dollar, um die Bevölkerung des Gazastreifens und des Westjordanlandes sechs Monate lang zu ernähren.

Guterres setzte diese Summe in ein Verhältnis, das seine zentrale Botschaft verdichten sollte: 450 Millionen US-Dollar entsprächen nach seinen Schätzungen etwa 90 Minuten globaler Militärausgaben. Die für Konflikte aufgewendeten Ressourcen nähmen stetig zu, während die Mittel zur Milderung ihrer humanitären Folgen fehlten.

UN-Generalsekretär António Guterres hat die weltweiten Militärausgaben mit dem Finanzierungsbedarf für humanitäre Hilfe im Gazastreifen verglichen (Symbolbild).

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