Der Warnhinweis steht in Deutschland seit mehr als einem Jahr auf jeder Packungsbeilage. In den USA aber fehlt er bis heute. Hunderte US-Amerikaner klagen nun gegen die Pharmakonzerne Novo Nordisk und Eli Lilly vor Gericht, weil sie nach der Anwendung von Ozempic, Wegovy oder Zepbound auf einem Auge weitgehend erblindet sind. Über die Verfahren berichtete zuerst das Wall Street Journal, der Sender NBC News griff das Thema auf.
Im Zentrum steht eine Erkrankung mit dem sperrigen Namen „nicht-arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie“, kurz Naion. Der Sehnervenkopf wird nicht mehr ausreichend durchblutet, der Sehverlust kommt plötzlich und schmerzlos, meist auf einem Auge, häufig über Nacht. Eine Therapie gibt es bisher nicht, der Schaden bleibt. Betroffen sind überwiegend Menschen jenseits der 50.
Wie groß ist das Risiko, an Naion zu erkranken?
Die Gefahr, an Naion zu erkranken, ist gering. Der Pharmakovigilanz-Ausschuss der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) schloss im Juni 2025 eine entsprechende Überprüfung ab und beziffert das Risiko auf bis zu einen Fall pro 10.000 Behandelte. Das entspricht der Häufigkeitsstufe „sehr selten“.
Registerstudien der Süddänischen Universität kamen auf anderthalb bis zweieinhalb zusätzliche Fälle pro 10.000 Behandlungsjahre. Relativ betrachtet bedeutet das ungefähr eine Verdopplung gegenüber Nichtbehandelten, absolut bleibt es ein seltenes Ereignis. Die EMA hält das Nutzen-Risiko-Verhältnis des Wirkstoffs Semaglutid ausdrücklich für positiv. Semaglutid ist ein sogenannter GLP-1-Rezeotor-Agonist.
Verfahren vor dem US-Bundesgericht
Wer Medikamente wie Ozempic nimmt, hat häufig Diabetes, Bluthochdruck oder eine Schlafapnoe. Dies sind Faktoren, die für sich genommen schon eine Naion begünstigen. Das macht die Beweisführung vor Gericht schwierig.
Die US-Verfahren sind seit Dezember 2025 am Bundesbezirksgericht für den östlichen Distrikt von Pennsylvania gebündelt, parallel laufen Klagen vor dem Staatsgericht in New Jersey. Die Gerichte wollen zuerst klären, ob Wirkstoffe wie Semaglutid oder Tirzepatid die Erkrankung Naion auslösen können. Novo Nordisk hält die Klagen für unbegründet und verteidigt sich nach eigenen Angaben energisch. Eli Lilly erklärte, Patientensicherheit habe oberste Priorität.
Der Vorwurf lautet nicht, die Mittel seien untauglich. Vor Gericht wird es vielmehr um die Frage gehen, wann die Hersteller genug wussten, um vor Naion als sehr seltener Nebenwirkung zu warnen. Und warum ein solcher Hinweis in Europa längst auf Beipackzetteln steht. Vergleichbare Hinweise gibt es in Großbritannien, Japan, Australien und Neuseeland. Die US-Behörde FDA prüft den Verdacht seit Ende 2024, hat aber nichts derartiges angeordnet.
Der Wirkstoff Semaglutid wird in Deutschland zur Gewichtsreduktion auf eigene Rechnung verordnet, da solche GLP-1-Mittel als Lifestyle-Arzneimittel eingestuft und von der gesetzlichen Kasse nicht erstattet werden.
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