Im Rückblick wirken Revolutionen oft wie Blitze, die plötzlich in die Vergangenheit einschlugen. Aus der Nähe betrachtet gehen Epochenbrüchen jedoch lange Phasen der Gewitterwolkenbildung voraus.
An diesem Sonntag ist der Blitz in Sachsen-Anhalt noch nicht eingeschlagen. Die AfD landet nach den Hochrechnungen des Abends bei 44,5 Prozent und 39 der 83 Sitze, drei Mandate unter der absoluten Mehrheit. Die von Ulrich Siegmund selbst ausgegebene Marke „45 Prozent plus x“ verfehlt sie damit knapp. Sein Wort, er werde nur mit Puffer regieren, kann er nicht brechen, ohne seine kompromisslos erkämpfte Glaubwürdigkeit sofort tödlich zu beschädigen, und die der ganzen AfD gleich mit. Er wäre nicht so weit gekommen, täte er das. Doch zwischen den Wolken über Magdeburg schlagen die Funken heftig: ein Plus von 23,6 Prozentpunkten gegenüber 2021, als die Partei bei 20,8 Prozent lag, und eine Wahlbeteiligung von rund 76 Prozent, nach 60,3 Prozent vor fünf Jahren. Ein solches Ergebnis hat seit einem Jahrzehnt keine Partei in irgendeinem Bundesland mehr erreicht.
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Die Verlieren wollen den Groll dennoch nicht hören. „Uns gelingt es nicht, die Menschen so emotional zu erreichen, dass sie uns auf unserem politischen Reformkurs folgen“, erklärt CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann das Ergebnis. Beachtlich für eine Partei, die von 37,1 auf 18,5 Prozent abstürzt, also mehr Wähler verliert, als sie behält, und von 40 auf 16 Sitze schrumpft. So klingt die abgehalfterte Abwandlung der alten Ampel-Sentenz: Wir müssen unsere Politik nur besser kommunizieren, damit es auch der Dümmste versteht.
SPD-Spitzenkandidat Armin Willingmann erhöht die Lautstärke im Chor der Wählerbeschimpfung. Mit populistischen Parolen könne man natürlich mehr Stimmen holen als mit „seriösen“ Angeboten. Die beschränkten Wähler wurden also verführt, so die Deutung einer Partei, die bei 8,2 Prozent landet. Für Linken-Spitzenkandidatin Eva von Angern ist es gar ein „schwarzer Tag für Sachsen-Anhalt“. Dass in einer Demokratie gilt, was der Souverän entscheidet, scheint beiden fremd. Wer ist hier eigentlich antidemokratisch?
Doch es tut sich was. Einer aus dem üblichen Mittereigen zeigt nach dieser Wahl Größe. Ministerpräsident Sven Schulze gratuliert der AfD unaufgefordert zum Wahlsieg. Und widerspricht der Linken direkt und unaufgeregt: „Das ist kein schwarzer Tag für Sachsen-Anhalt, das ist Demokratie.“
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