Zwanzig Jahre braucht Odysseus, um nach Ithaka zu kommen. Christopher Nolan braucht 173 Minuten, 250 Millionen Dollar und die halbe Traumfabrik – und kommt trotzdem nie an.
Das ist, in einem Satz, mein Problem mit „Die Odyssee“. Aber der Reihe nach.
Erst einmal: Wow
Der Film beginnt mit einem Bild, das sich festsetzt: das hölzerne Pferd halb im Sand, dahinter das brennende Troja. Nolan meint es ernst. Nolan meint es immer ernst. Das ist seine größte Stärke und, wir kommen noch dazu, sein ganzes Problem.
Erst mal aber muss man neidlos anerkennen, was hier auf der Leinwand passiert. Odysseus´ Schiff ist ein echtes, hochseetaugliches Holzschiff mit Eichenrumpf, das sich durchs echte Mittelmeer kämpft – gedreht ohne Greenscreen, von Marokko bis Griechenland. Andere Regisseure rendern Wellen. Nolan kauft sich ein Wikingerschiff.
Als Odysseus' Hauptschiff diente die „Draken Harald Hårfagre“ – ein nach traditioneller Wikinger-Bauweise gefertigtes Segelschiff. Teile der echten Crew standen mit vor der Kamera.
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Der Zyklop Polyphem ist das furchterregendste Ungetüm, das Hollywood seit Jahren gebaut hat. Ein Albtraum mit Gewicht, der sich mit der unheimlichen Langsamkeit der alten Trickfilm-Monster bewegt. Und die Zauberin Circe (eine großartige Samantha Morton) verwandelt Odysseus´ Gefährten in Schweine – so körperlich inszeniert, dass im Saal hörbar Popcorn zurück in die Tüte gelegt wurde. Wer diesen Film auf dem Handy schaut, sollte sein Kinoticket-Konto bei der Verbraucherzentrale melden. Das hier ist IMAX-Pflichtprogramm.
Der Aufwand ist unbestritten: echte Schiffe, echte See, kein Greenscreen. Über alles andere lässt sich streiten.
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Und dann stirbt der Hund
Der Moment, in dem der Film für mich zerbricht, dauert eine halbe Minute. Odysseus kehrt heim, sein alter Hund Argos hat zwei Jahrzehnte auf ihn gewartet. Er wedelt ein letztes Mal, stirbt – Schnitt, weiter im Programm.
Homer hat aus dieser Szene 3000 Jahre Weltliteratur gemacht. Nolan macht daraus einen Übergang.
Der Hund liefert in dreißig Sekunden mehr Tragödie ab als mancher Weltstar in drei Stunden. Aber der Regisseur hat keine Zeit für ihn. Er hat nie Zeit. Es wartet ja schon das nächste Spektakel.
Genau das ist das Muster. Zyklop, Circe, Unterwelt – jede Station imposant, jede abgehakt wie eine Sehenswürdigkeit auf einer Kreuzfahrt mit strammem Landgang-Programm. Eine Irrfahrt aber lebt vom zermürbenden Warten, vom langsamen Zerfasern eines Mannes. Nolan zeigt den Weg und überspringt das Verlorengehen.
Dort, wo der Film innehält, wird er besser
Ausgerechnet dort, wo nichts passiert, passiert am meisten. Bei Kalypso, gespielt von Charlize Theron als Wärterin eines paradiesischen Gefängnisses, hängt Odysseus sieben Jahre fest – und plötzlich spürt man, was der Rest des Films schuldig bleibt: wie sich Zeit anfühlt, wenn sie einen auffrisst.
Sieben Jahre bei Charlize Theron festzusitzen ist zugegeben ein Schicksal, für das das Wort Irrfahrt etwas hart gewählt scheint. Aber der Film macht daraus tatsächlich seine stärksten Minuten.
Ein Rationalist im Götterhimmel
„Eine Geschichte über offensichtliche Magie“ verkündet eine Texttafel zu Beginn. Schön wär's.
Nolan, der große Rationalist, traut seiner eigenen Ansage nicht. Zeus kommt praktisch nicht vor, Poseidon ist im Wesentlichen schlechtes Wetter, und Zendayas Athene schrumpft zur inneren Stimme, die Odysseus ins Gewissen redet wie eine sehr gut aussehende Therapeutin.
Bei Homer sind die Götter keine Metaphern. Sie mischen sich ein, sie machen die Welt unberechenbar. Nolan dagegen glaubt an Materie, an echte Masse, an Physik. Da verfilmt einer die älteste Zaubergeschichte der Menschheit – und traut sich nicht zu zaubern.
Stars als Deko
Den Cast besetzt Nolan inzwischen, wie andere Leute Parkplätze reservieren: Hauptsache belegt. Mia Goth huscht durchs Bild, als hätte sie sich verlaufen. Lupita Nyong´o darf als Helena von Troja vor allem schön aussehen – bei dieser Schauspielerin grenzt das an Arbeitsverweigerung des Drehbuchs.
Robert Pattinson spielt den Schurken Antinous, als gäbe es einen Oscar für Augenrollen. Tom Holland guckt drei Stunden lang besorgt, was man in diesem Film allerdings verstehen kann.
Dass es anders geht, beweist ausgerechnet die kleinste Rolle. John Leguizamo als blinder Hirte Eumaios, der geduldig auf seinen Herrn wartet, ist die ergreifendste Figur des Films. Der Nebendarsteller zeigt dem 250-Millionen-Epos, wo sein Herz hätte schlagen können.
Und Matt Damon? Kämpft, leidet, rudert ordentlich. Doch der listenreichste Mann der Antike war eben auch Lügner, Angeber, Blender – bei Nolan bleibt davon ein zäher Überlebender übrig, dem jemand die Ironie aus dem Drehbuch gestrichen hat.
Anne Hathaway spielt Penelope mit Würde – und mit deutlich mehr Widerborstigkeit, als die Rolle traditionell hergibt.
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Der Kulturkampf, der keiner war
Monatelang tobte im Netz die Empörung: über die moderne Homer-Übersetzung, den diversen Cast, jedes „Dad“ im Trailer. Nolan nannte das alles schlicht „irrelevant“.
Nach 173 Minuten kann ich bestätigen: Er hat recht, nur anders, als er denkt. Nicht die Gegenwart nimmt dem Stoff die Kraft, sondern Nolans Angst vor dem großen Gefühl. Wer sich über Hautfarben echauffiert statt über verschenkte Rollen, hat den falschen Film gesehen. Oder gar keinen.
Mein Fazit
In Amerika steht der Film bei Rotten Tomatoes bei fast perfekten Wertungen, es ist die beste Bilanz von Nolans Karriere. Ich verstehe jeden einzelnen Prozentpunkt – mit dem Kopf.
Nur das Herz blieb im Kinosessel sitzen und wartete. So wie Penelope. Vergeblich.
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