Politiker gehen durch Taten in die Geschichte ein – oder durch Sätze, die Jahre später noch nachhallen. „Ja, wir sind auch bereit, selbst dafür einen hohen wirtschaftlichen Preis zu bezahlen, denn es geht um die Sicherheit der Ukraine.“
So sprach Annalena Baerbock am 7. Februar 2022 in Kiew, an der Seite ihres damaligen Amtskollegen Dmytro Kuleba – 17 Tage vor dem russischen Angriff auf das Land.
Gemeint waren damals ausdrücklich Sanktionen und die engen wirtschaftlichen Verflechtungen mit Russland, nicht Waffenlieferungen; die lehnte Deutschland zu diesem Zeitpunkt noch ab.
Baerbock und Habeck verspottet: Satirisches Gedicht im Auswärtigen Amt sorgt für Eklat
Vier Jahre später ist die Rechnung geschrieben. Gezahlt haben vor allem andere. Die Ukraine hat einen Blutzoll entrichtet, Deutschland und Europa haben schwere soziale Opfer gebracht.
Baerbock indes gab in New York den Zeremonienhammer der UN-Generalversammlung an Khalilur Rahman aus Bangladesch weiter und wechselt als Professorin an die Columbia University. „Jetzt bin ich Privatmensch“, sagt sie. Und der Privatmensch Baerbock zahlt keine Rechnung. Der Privatmensch Baerbock steht wirtschaftlich wohl besser denn je da.
Baerbocks Einfluss auf Waffenlieferungen und Deutschlands Ukraine-Politik
Annalena Baerbock war nach dem 24. Februar 2022 eine der lautesten Fürsprecherinnen der Lieferung schwerer Waffen an Kiew. Bereits am 11. April 2022 forderte sie das öffentlich und setzte sich damit von der vorsichtigeren Linie von Kanzler Olaf Scholz (SPD) ab.
Baerbock warb für das Luftverteidigungssystem IRIS-T und räumte zugleich ein, dass Produktion und Auslieferung Monate dauern würden.
Ein Leopard 2 A6 Panzer steht auf dem litauischen Truppenübungsplatz Gaiziunai, etwa 90 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Vilnius.
© Alexander Welscher/dpa
Am 22. Januar 2023 erklärte sie, Deutschland werde einer Weitergabe von Leopard-2-Panzern durch Polen oder andere Staaten nicht im Wege stehen – ein Signal, das eine europäische Blockade politisch aufbrach.
Waffenlieferungen an die Ukraine: Baerbock hatte Rückhalt im Bundestag
Doch ihr Beitrag war politisch und diplomatisch, nicht exekutiv. Beschaffung und Lieferung lagen beim Verteidigungsministerium und der Gesamtregierung.
Am 28. April 2022 stimmte der Bundestag mit 586 Stimmen für umfassende Unterstützung einschließlich schwerer Waffen – getragen von Ampelfraktionen und CDU/CSU.
Das parlamentarisch-exekutive System verteilt solche Entscheidungen bewusst auf viele Schultern, ja. Aber Baerbocks Aufgabe als Chefdiplomatin wäre gewesen, ein diplomatisches Gegengewicht zu bieten. Diplomatie aber war ihr stets so fern wie Rhetorik.
Fast 100 Milliarden Euro Hilfe – und die deutsche Energieabhängigkeit nur verlagert
Weil es nicht um Zuständigkeit geht, sondern um eine Haltung. Baerbocks Kiew-Satz war eine strategische Wette: Ein siegreicher Russland-Angriff gefährde Freiheit, Stabilität und Wohlstand Europas langfristig stärker als jeder Sanktionsschmerz.
Nicht per se töricht – aber mit einem Konstruktionsfehler. Die Wette unterstellte, der Westen halte durch, bis Moskau einlenke. Eine Wette auf jeden Fall, die ohne den Blick in Geschichtsbücher auszukommen meinte.
So hoch ist Deutschlands Ukraine-Rechnung bis heute
Die Zahlen des Einsatzes: Bis Ende 2025 leistete oder stellte Deutschland rund 39 Milliarden Euro zivile und etwa 55 Milliarden Euro militärische Unterstützung bereit; Stand August 2026 nennt die Bundesregierung 57,6 Milliarden Euro Militärhilfe und über 43,3 Milliarden Euro zivile bilaterale Hilfe.
Das ist nicht nur abgeflossenes Geld, sondern auch Materialabgaben, Ausbildung und eingeplante Mittel für Folgejahre.
Auf der Habenseite steht das Ende der Energieabhängigkeit von Moskau. Auf der Sollseite eine unbequeme Wahrheit: Deutschland hat die Abhängigkeit nicht abgebaut, sondern verlagert.
Gas-Stopp für Russland: Deutschland bleibt abhängig
Die heimische Förderung deckte 2024 nur rund vier Prozent des Bedarfs; etwa 95 Prozent des Erdgases kommen weiter aus dem Ausland – 2024 rund 48 Prozent aus Norwegen, 25 Prozent über die Niederlande, 18 Prozent über Belgien.
Und 2025 stammten laut Bundesnetzagentur 96 Prozent des an deutschen LNG-Terminals angelandeten Flüssiggases aus den USA – über diese Terminals liefen 106 Terawattstunden, gut 10 Prozent aller Gasimporte.
Iran-Krieg eskaliert: USA zerstören fünf Öltanker, Teheran greift US-Basis an
Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: Söder über die Brandmauer, Kritik an Merz bei Maischberger
Souveränität ist etwas anderes als der Wechsel des Gläubigers.
Der soziale Preis der Zeitenwende: 79 Prozent mehr für Gas, 925.000 Industriejobs unter Druck
Die Inflation lag 2022 im Jahresdurchschnitt bei 7,9 Prozent, Energie war ein wesentlicher Treiber. Im zweiten Halbjahr 2025 zahlten Privathaushalte 12,23 Cent je Kilowattstunde Gas – 79,1 Prozent mehr als 2021; der Haushaltsstrompreis lag bei 40,55 Cent.
Frau Baerbock, Herr Habeck, es ist etwas Großes, was ich hier gerade schreibe!
Nach Angaben des ifo-Wirtschaftsinstituts entfielen 2021 auf fünf energieintensive Branchen 77 Prozent des industriellen Energieverbrauchs; 2023 beschäftigten sie rund 925.000 Menschen – Chemie, Glas, Papier, Metall, Keramik, Zement gerieten unter Druck.
Sanktionen und Waffen: So schwand die Zustimmung
Und hier zeigt sich das eigentliche Versäumnis. Die Zustimmung war nie unbegrenzt – sie war messbar begrenzt.
Im Juli 2022 trugen im ARD-DeutschlandTrend 58 Prozent die Sanktionen auch bei Nachteilen für Deutschland mit – im Westen 63 Prozent, im Osten aber lehnte eine knappe Mehrheit von 51 Prozent das ab.
Das ZDF-Politbarometer wies für Juli bis September 2022 70, 71 und 74 Prozent Unterstützung trotz hoher Energiepreise aus. Gleichzeitig sagten im September 2022 57 Prozent, die Preise bereiteten ihnen persönlich große Probleme. Seither kamen weitere Kosten dazu, etwa an den Tankstellen.
Warum die Stimmung gegen weitere Waffenlieferungen kippte
Dann kippte es. Anfang 2023 gab es keine Mehrheit mehr für einen weiteren Ausbau der Waffenlieferungen. Leopard-2: Januar 2023 54 zu 38 Prozent dafür. Taurus: Im März 2024 lehnte eine Mehrheit diese Lieferung dieses Waffensystems an Kiew ab.
Ipsos, September 2024: 51 Prozent wollten keine weiteren Waffenlieferungen. Vor der Bundestagswahl 2025 wollten laut ZDF 27 Prozent mehr, 40 Prozent gleich viel, 27 Prozent weniger.
Kurzformel: Zustimmung zu spürbaren Kosten – aber kein Mandat für „jeden Preis“.
Die politische Quittung der Ukraine-Politik
Politisch verfestigten sich die Konfliktlinien: „Ukraine unterstützen, Russland abschrecken“ gegen „Waffen und Sanktionen beenden, Energie billiger machen“.
Davon profitierte vor allem die AfD. CDU und SPD verlieren. Die Bundespolitik ist von Sorgen und Zukunftsängsten getrieben schriller und polarisierter geworden.
Der Krieg war eine Ursache – Migration und Wirtschaft galten als wichtigere Problemthemen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung verweist auf wirtschaftliche und demografische Faktoren in den Hochburgen.
Ampel-Streit über Ukraine-Hilfen: Wie der Konflikt in Berlin eskalierte
Die Energie- und Friedensfrage gab der Unzufriedenheit eine Adresse: Berlin. Und die Grünen standen im Zentrum, weil sie für entschlossene Militärhilfe und beschleunigte Energiewende zugleich hafteten.
Nobelpreisträgerin Han Kang in Berlin: Kamillentee für mehr als zehn Jahre
Nach Wahl: Söder spricht Klartext über die gescheiterte Brandmauer bei Maischberger
Im Januar 2025 stritten Scholz und Baerbock offen über die Finanzierung eines zusätzlichen Drei-Milliarden-Pakets; sie warnte, der Streit beschädige Deutschlands Ansehen. Wenige Wochen später war die Ampel Geschichte.
Baerbock in New York: 76 Prozent vermissen sie in Berlin nicht
Baerbock selbst sagt heute, sie verstehe „diese maskulinen Powergames“ ziemlich gut, und: „Man darf keine Angst vor Gegenwind haben.“ Als persönliche Resilienz achtbar.
Als politische Haltung grenzt es an Überheblichkeit angesichts der Kosten, die andere tragen. Ihr viraler Satz „egal, was meine deutschen Wähler denken“ war ein weiteres Beispiel dafür. Dass solche Sätze haften blieben, ist kein Zufall.
Im September 2026 gaben in einer Civey-Umfrage 76 Prozent an, Baerbock in Berlin nicht zu vermissen. In ihre Amtszeit fiel auch das Scheitern der deutschen Sicherheitsrats-Kandidatur. Die Bilanz wurde also nicht besser für die Grüne.
Baerbocks Zwischenbilanz in den USA
Nun lehrt sie an der Columbia SIPA, deren Dekanin Keren Yarhi-Milo die neuen Fakultätsmitglieder für „außergewöhnliche Leistungen“ lobt.
Der hochschulweite Professorendurchschnitt liegt bei etwa 254.500 US-Dollar. Eine Schätzung. Aber schon die Größenordnung erzählt von der Asymmetrie zwischen Verantwortung und Konsequenz.
Über die UNO sagte Baerbock zum Abschied: Große Systeme sterben nicht mit einem Knall, sie zerfallen leise. Der Satz gilt auch für politische Legitimität. Sie erodiert nicht am Tag der Entscheidung, sondern in den Jahren danach – wenn die Rechnung eintrifft und diejenigen, die sie zu verantworten haben, ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]