La pelota no se mancha –
Diego Maradona, 10. November 2001
Der Fußball bleibt sauber.
Stellen Sie sich vor: Mexiko-Stadt, 11. Juni 2026, später Nachmittag. Über dem frisch umgetauften Banorte-Stadion – die meisten Älteren werden es bis ans Ende ihrer Tage das Azteca nennen – flirrt die Höhenluft, die hier oben auf 2240 Metern jeden Mittelstürmer schon nach zehn Minuten an seine Lunge erinnert. Und daran, dass er vielleicht doch ein Training im noch höher gelegenen Bolivien hätte absolvieren sollen.
Auf den Rängen ein Meer aus Grün, Weiß, Rot. Draußen, vor den Toren, Demonstranten: gegen Wohnungsnot, gegen Wasserknappheit, gegen ein Turnier, das in einer Stadt eröffnet wird, die schon vor dem Anpfiff an ihren eigenen Versprechen erstickt.
Drinnen: ein Pfiff. Und für 90 Minuten ist die Welt wieder rund.
Es ist die 23. Fußball-Weltmeisterschaft der Männer, die erste mit 48 Teams, die erste mit drei Gastgebern, die längste der Geschichte – 39 Tage, 104 Spiele, 16 Spielorte. Und vermutlich die politischste seit Argentinien 1978.
Ein Kontinent, der den Fußball erfand – und einer, der ihn lange ignorierte
Maradona, der Hugo Chávez und Fidel Castro so innig umarmte und Georg W. Bush so offen wie ehrlich verachtete, hätte an dieser WM seine helle Freude gehabt und zugleich tiefen Zorn empfunden. Denn nirgendwo auf der Welt ist Fußball so politisch wie in Lateinamerika – und nirgendwo war er so lange so randständig wie in den USA.
Die Zahlen sind kurios. Die USA nahmen am ersten Weltcup 1930 teil und erreichten das Halbfinale – bis heute ihr bestes Ergebnis. Das Turnier von 1930 sah auch den ersten Hattrick der WM-Geschichte, geschossen vom US-Amerikaner Bert Patenaude.
Die US-Aufstellung 1930.
© Argentine Football Association Library: "Primer Campeonato Mundial de Football", page 49
Dann: jahrzehntelange Funkstille. Im „Wunder von Belo Horizonte“ 1950 schoss ein haitianischer Student namens Joe Gaetjens, der sich in Brooklyn als Tellerwäscher durchschlug, das Siegtor gegen England. Sein Schicksal blieb tragisch: Er verschwand unter dem gefürchteten Duvalier-Regime in Haiti. Der Fußball in den USA, so scheint es, war von Anfang an eine Sache der Migranten, der Außenseiter, der Hereingewehten.
In Lateinamerika dagegen war er stets Identität, Klassenkampf, Religion. Brasilien spielt, Argentinien kämpft, Uruguay erinnert. Und immer wieder: Widerstand. Sócrates, der Arzt mit der Stirnlocke und der Zigarette, gründete 1982 mit Corinthians São Paulo die Democracia Corinthiana gegen die brasilianische Militärdiktatur.
Sein Motto: „Ganhar ou perder, mas sempre com democracia.“ Gewinnen oder verlieren, aber immer mit Demokratie. Carlos Caszely, der chilenische Stürmer, weigerte sich, Pinochet die Hand zu geben, und kämpfte 1988 öffentlich für das „No“ gegen den Diktator.
Maradona schließlich, der Heilige aus Villa Fiorito, machte aus seiner Anti-US-Haltung nie ein Geheimnis – das Tor mit der „Hand Gottes“ 1986 gegen England war auch eine späte Quittung für die Malvinas, von den britischen Kolonisatoren „Falklands“ genannt.
Wenn Geopolitik den Anstoß übernimmt
Sportgroßereignisse waren nie unschuldig. Die Olympischen Spiele 1968 in Mexiko-Stadt wurden zehn Tage vor ihrer Eröffnung mit dem Massaker von Tlatelolco eingeleitet, bei dem Militär und Polizei Hunderte demonstrierender Studenten erschossen.
Zusammenstöße bei Gedenken an Tlatelolco-Massaker in Mexiko-Stadt mit Polizei.
© IMAGO/Gerardo Vieyra
Die mexikanische Staatspartei PRI wollte Modernität präsentieren – und tat es mit Blut. Die USA, im Kalten Krieg mit antikommunistischen Sicherheitsdoktrinen in der Region engagiert, schauten nicht weg, sondern stützten den Status quo. Direkte Anweisungen aus Washington sind nicht belegt, aber die Logik des Kalten Krieges hat solche Reaktionen mit ermöglicht.
Im chilenischen Estadio Nacional, fünf Jahre zuvor noch Folterzentrum der Pinochet-Putschisten, hatte 1973 die Fifa tatsächlich ein WM-Qualifikationsspiel ansetzen lassen, das die Sowjetunion aus Protest boykottierte. Es sollte kein Ball rollen, dort, wo dem Sänger Víctor Jara seine Hände von Gewehrkolben zerschmettert wurden.
Acht Jahre später, in Argentinien 1978, spielten Kempes und Passarella ihr Heimturnier zum Titel, während wenige Kilometer entfernt in der Esma-Marineschule Menschen gefoltert und ermordet wurden. Die Junta nutzte die WM als globale Imagewäsche – und die Operación Cóndor, das transnationale Mord- und Mördernetzwerk der Militärregime von Chile bis Brasilien, lief im Hintergrund mit nachweislicher US-Unterstützung weiter.
Eine WM der Widersprüche: Kann das Event die Konflikte in Nordamerika überdecken?
Und der sogenannte „Fußballkrieg“ zwischen Honduras und El Salvador 1969 hatte mit Fußball nur den Funken gemein – die Lunte war Landfrage, Migration und die Erblast US-amerikanischer Bananenökonomie.
Fußball, so das Resümee, ist in Lateinamerika selten nur Sport gewesen. Er war Bühne, Ventil, Tarnung – und Widerstand.
Die USA und ihre späte Liebe zum Fußball
Und die USA? Sie haben den Fußball lange nicht ernst genommen, dann immer ernster. Die Major League Soccer (MLS) wurde 1996 als Vermächtnis der WM 1994 gegründet. Mit einer Verdreifachung der Teams von zehn im Jahr 1996 auf 30 im Jahr 2025 und gut besuchten Spielen kann die Major League Soccer als Erfolgsgeschichte gelten.
Megan Rapinoe, die Kapitänin der Frauen-Nationalmannschaft, hat dem Fußball in den USA mehr politische Stimme gegeben als alle MLS-Funktionäre zusammen: „You can't win a championship without gays on your team.“ Sie kniete bei der Hymne, sie stritt mit Trump, sie gewann Weltmeisterschaften. Und sie verkörpert, was die WM 2026 hätte werden sollen: ein Fest des inklusiven, vielfältigen Nordamerika.
US-Team feiert WM-Titel 2019: Rapinoe mit Trophäe bei Parade in New York
© JOHN ANGELILLO, via www.imago-images.de
Hätte. Denn so war es ursprünglich gedacht. Wenige Dinge können Gesellschaften so verbinden wie eine gemeinsame WM-Bewerbung, sagt Arturo Sarukhán, ehemaliger Botschafter Mexikos in den USA. Er hatte für diese gemeinsame Turnierbewerbung geworben und sie als Chance verstanden, den „Optimismus“ und „geteilten Wohlstand“ des Kontinents zu zeigen. Das Drei-Länder-Turnier wurde 2017 vorgeschlagen, in einem Dokument mit dem Titel „United Bid“ – ein Name, der heute aus der Zeit gefallen wirkt.
Die erste WM einer neuen Weltordnung?
Denn was 2017 als nordamerikanisches Familienfest geplant war, findet 2026 in einer fundamental veränderten Welt statt. In privaten Gesprächen rund um die Bewerbung gab es das Gefühl, dass Trump zum Zeitpunkt der WM nicht mehr auf der Bildfläche sein würde. Diese Annahme hat sich nicht bewahrheitet.
Und so sehen wir nun Bilder, die niemand auf der Rechnung hatte: Ein somalischer Schiedsrichter wurde an der US-Einreise gehindert, während der irakische Stürmer Aymen Hussein am Wochenende sieben Stunden lang verhört und sein Handy inspiziert wurde. Hussein durfte schließlich einreisen, andere Mitreisende des irakischen Teams, darunter ein Mannschaftsfotograf, nicht. Inmitten des andauernden Iran-Kriegs erlaubte die Fifa der iranischen Nationalmannschaft, ihr Trainingslager von den USA nach Mexiko zu verlegen.
Iran. Hier wird der politische Subtext zum Haupttext. Angesichts der US-Bombardierung iranischer Atomanlagen 2025, der US-israelischen Angriffe gegen Iran 2026 und der Tatsache, dass sich Iran für die WM 2026 qualifiziert hat, wird es wichtig sein zu sehen, wie iranische Spieler und Fans von den US-Behörden behandelt werden. Mindestens fünfzehn iranische Offizielle und Mitarbeiter wurden laut staatlichen Medien mit Visaverweigerungen belegt, darunter der Chef des iranischen Fußballverbands. Die Fifa entzog Iran zudem die Ticketkontingente, die jeder qualifizierte Verband für seine Fans verteilen darf – tausende Sitzplätze. Eine WM, bei der die Spieler erst zwei Tage vor Anpfiff wissen, ob sie einreisen dürfen, ist keine normale WM mehr.
Dazu kommt die Reibung mit den Nachbarn. Trump hat wiederholt vorgeschlagen, Kanada solle der 51. Bundesstaat werden, und auf Truth Social eine manipulierte Karte gepostet, die den nördlichen Nachbarn als Teil der USA zeigt. Im Januar drohte er Mexiko mit Militärschlägen und erklärte letztes Jahr den nationalen Notstand an der Südgrenze, um Migration zu stoppen. Mitten im Turnier, am 1. Juli, sollen die drei Länder das USMCA neu verhandeln – das Freihandelsabkommen, das 2020 Nsfta ersetzte und das rechtliche Gerüst der nordamerikanischen Wirtschaft bildet.
Irans Team vor WM 2026: Iran-Spieler Saeid Ezatolahi in Tijuana vor dem Training.
© IMAGO/Carlos A. Moreno
Es ist, mit Verlaub, eine bizarre Konstellation. Ein Turnier, das den Kontinent feiern soll, während sein größter Spieler Zölle gegen seine Mitspieler verhängt.
Ist das also – so die These, die unter Beobachtern kursiert – die erste WM einer neuen Weltordnung? Eine Weltordnung, in der Grenzen wichtiger sind als gemeinsame Trikots, in der Souveränität wichtiger ist als Multilateralismus, in der ein Krieg in Westasien darüber entscheidet, ob ein Stürmer aus Teheran ein Tor in Seattle schießen darf? Das Potenzial für laufende Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten zu eskalieren und für andere Konflikte zu entstehen, könnte die globale Weltordnung destabilisieren und die Weltmeisterschaft untergraben. Alternativ könnte das Ereignis helfen, solche Konflikte zu beenden. Es ist die Wahrheit dieser WM, dass beide Sätze nebeneinander stehen können.
Was bleibt: Der Ball, der rollt
Und doch. Und doch.
Es wird, trotz allem, eine wunderbare WM werden. Weil Fußball am Ende größer ist als die Männer, die ihn benutzen wollen. Weil 48 Nationen antreten, weil zehn afrikanische Teams dabei sind, weil vier Teams – Kap Verde, Curaçao, Jordanien und Usbekistan – zum ersten Mal überhaupt auf WM-Rasen stehen. Weil Messi, mit fast 39 Jahren, vermutlich seine letzte WM spielen wird. Weil im Azteca-Stadion vermutlich Tränen fließen werden, die nichts mit Politik zu tun haben.
Sócrates wusste das. Caszely wusste das. Sogar Maradona, dieser zerrissene Fußballgott der staubigen Straßen, wusste das: Der Fußball gehört am Ende denen, die ihn spielen. Und denen, die ihn lieben.
Wenn heute Abend deutscher Zeit in Mexiko-Stadt der Ball rollt, wird er auf den Spuren aus Schweiß und Freudentränen rollen, die Pelé und Beckenbauer 1970 hinterlassen haben, auf den Spuren von Maradonas Wunderlauf 1986 gegen England, auf den Spuren all derer, die hier gewonnen und verloren haben „aber immer mit Demokratie“, wie Sócrates es wollte.
Jubel bei der Fußball-Meisterschaft – aber auch das ganze restliche Gefühlsprogramm: Bei der WM erleben Kinder Spannung, Freude und Enttäuschung oft geballt. Eltern können als „Gefühls-Coaches“ helfen. (zu dpa: „Große Gefühle bei der WM: Wie Sie jüngere Kinder begleiten»)
© Julian Stratenschulte/dpa/dpa-tmn
Vielleicht ist das die schönste Prognose, die man dieser WM stellen kann: Dass sie, bei aller Geopolitik, bei allen Visaschlangen und Grenzkontrollen, am Ende doch das tut, was Fußball immer getan hat. Dass sie Menschen aus Lagos und Lima, aus Toronto und Teheran, aus San Salvador und San Francisco für 90 Minuten in demselben Schrei vereint. Dass sie, in einer Welt, die immer beschränkter und immer härter wird, vorübergehend den alten, naiven, schönen Glauben an etwas Gemeinsames zulässt.
Anpfiff. Der Ball rollt. Und er wird sauber bleiben. Anders als einige der Nutznießer des Spiels.
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