TV-Kritik

„Babylon Berlin“: Die Jagd nach der Krankenakte Adolf Hitler

Die finale Staffel der weltweit erfolgreichen ARD-Serie zeigt, wie schnell der NS-Staat 1933 zum Verbrecher wurde. Und ein Simulant ganz Deutschland und die Welt ins Verderben führte.

6 Min
Das war’s dann: Die letzte Staffel „Babylon Berlin“ läuft an.

Das war’s dann: Die letzte Staffel „Babylon Berlin“ läuft an.

© Frédéric Batier/ARD Das Erste/obs

Ein allerletztes Mal werfen sich Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) und Gereon Rath (Volker Bruch) in ihre Abendgarderobe und gehen tanzen. Doch die frühere Unbeschwertheit ist längst verflogen. Auch beim Berliner Presseball wird ihr Walzer jäh unterbrochen: Charlotte entdeckt auf der Empore einen gesuchten Arzt (Ulrich Noethen). Gereon eilt hinauf und kann ihn vor der anrückenden SA retten. Draußen vor der Halle marschiert die SA mit Fackeln: Adolf Hitler ist gerade zum Reichskanzler ernannt worden.

Die finale Staffel verdichtet das dramatische Geschehen

Tatsächlich hatte der Presseball, der heute als letzter Tanz der Weimarer Republik gilt, schon zwei Tage zuvor, am 28. Januar 1933, in den Zoo-Hallen stattgefunden. Die fünfte und finale Staffel der ARD-Serie „Babylon Berlin“ verdichtet das ohnehin dramatische Geschehen von Ende Januar bis Ende Februar 1933, also von der Machtübergabe bis zum Reichstagsbrand. „Danach ist es vorbei mit ‚Babylon Berlin‘“, erklärt Henk Handloegten, einer der drei Autoren und Regisseure der Serie. „Es beginnt ein komplett neues Zeitalter.“ Das Berlin der Nazis wollten Henk Handloegten, Tom Tykwer und Achim von Borries nicht mehr zeigen – das sei schon oft und gut getan worden.

Dagegen hatte Volker Kutscher, der Erfinder der Berliner Kriminalromane um den Kommissar Gereon Rath, seine Reihe bis ins Jahr 1939 laufen lassen. Da die TV-Adaption aber schon 1933 endet, musste sie schon weit eher auf das große Finale zulaufen und dramaturgisch ein größeres Rad drehen. Von Kutschers fünftem Roman „Märzgefallene“ übernahmen die Serienschöpfer im Grunde nur den Titel. Die Kennzeichnung „frei nach Motiven“ verweist darauf, wie weit sie sich von der Vorlage entfernt und ihren eigenen Kosmos aufgebaut hatten.

Die eigentliche Vorlage der fünften Staffel wird schon in der Ouvertüre eingeführt: Da untersucht der Psychiater Dr. Edmund Forster, jener Mann, den Gereon Rath 1933 beim Presseball rettet, im Herbst 1918 in einem Pasewalker Militärlazarett den Gefreiten Adolf Hitler (Clemens Schick), der als Simulant gilt und bei dem er eine „hysterische Blindheit“ diagnostiziert hat.

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Mithilfe der Hypnose heilt der Arzt den schnauzbärtigen Gefreiten und gibt ihm mit auf den Weg, dass es für Menschen mit herausragender Willenskraft keinerlei Fesseln gebe. Jener Arzt ist „Der Augenzeuge“ von Ernst Weiß, dessen 1939 geschriebener Roman erst postum 1963 erschienen war. Welches Schicksal  Forster und Weiß unter der Naziherrschaft erlitten, verrät der dokumentarische Abspann der achten und letzten Folge: Beide verzweifeln und bringen sich um.

Lars Eidinger in einer früheren Szene aus „Babylon Berlin“ (Archivbild)

Lars Eidinger in einer früheren Szene aus „Babylon Berlin“ (Archivbild)

© Frédéric Batier/X-Filme/ARD/SKY/dpa

Die letzte Staffel widmet sich keinem einzelnen Kriminalfall mehr – der NS-Staat wird sofort mit der Machtübernahme zum brutalen Verbrecher. Schon im Februar 1933 werden Hunderte politische Gegner verhaftet und in Kellern gefoltert. Auch Figuren von „Babylon Berlin“ landen hier – wie der streitbare Publizist Heymann (Martin Wuttke), dessen Biografie an die von Carl von Ossietzky angelehnt ist.

Neben der Jagd nach der Krankenakte Adolf Hitler rückt die Vorbereitung des Reichstagsbrandes ins Zentrum. Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries zeigen, wie der verwirrte niederländische Kommunist Marinus van der Lubbe (Tobias Kerlsloot), der ein Zeichen setzen will, von den neuen Machthabern benutzt wird – die Listen mit den Verhaftungen der kommunistischen Spitzenfunktionäre und weiterer Gegner werden schon zuvor im Polizeipräsidium eifrig getippt. Es bleibt schließlich Charlotte Ritter und Polizeifotograf Reinhold Gräf (Christian Friedel) vorbehalten, den Brandstifter im brennenden Reichstag zu verhaften – so viel Fiktion darf schon sein.

Bei aller Schwere des Themas besitzt die fünfte Staffel sogar komische Seiten: nämlich wenn Witwe Behnke (Fritzi Haberlandt) versucht, zwei Spitzenfunktionärinnen der verfeindeten Arbeiterparteien (Jördis Triebel als KPD-Anwältin, Jenny Schily als Sozialdemokratin) von einem gemeinsamen Vorgehen bei den anstehenden Reichstagswahlen zu überzeugen. Sie kostümiert sich als jüngste Schwester von Rosa Luxemburg!

Die drei Macher betonten zwar stets, dass sie das Geschehen von 1933 stets aus der Perspektive von damals, nicht mit dem Blick von heute erzählen wollen. Doch kann man das Wissen darüber, was ab 1933 geschah, wirklich ausblenden? So erscheinen frühe Attentatspläne auf Adolf Hitler im Februar 1933 eher als eine Projektion von später.

Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) schaut sich auf der Fähre um.

Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) schaut sich auf der Fähre um.

© ARD Das Erste/ARD Das Erste/obs

Auch die Serie selbst hat Geschichte geschrieben, nicht nur wegen der optischen und schauspielerischen Brillanz, sondern schon wegen des enormen Aufwands: Christoph Pellander, Geschäftsführer der ARD Degeto Film, verweist auf  mehr als 533 Drehtage an mehr als 500 Drehorten, auf über 400 Schauspieler und über 17.000 Komparsen vor der Kamera sowie über 2000 Mitarbeiter hinter der Kamera.

Angesichts der knapperen Budgets bei der ARD, die die fünfte Staffel allein finanzieren musste, weil der Koproduktionspartner Sky nach der vierten Staffel ausstieg und nun gar keine Fiktion mehr produziert, wird es solch ein aufwendiges Projekt kaum noch einmal geben. Dies gelang nur, weil die Serie in über 140 Länder verkauft wurde und bewies, dass Deutsche auch Monumentalserien können. Wohl kaum eine Serie wird noch mal solch ein Aufgebot an Schauspielern versammeln – selbst Nebenrollen sind hier stark besetzt (etwa Devid Striesow als Hermann Göring).

Serie mit besonderer, aktueller Relevanz

Zum Finale rücken Figuren ins Licht, die bisher im Vagen gelassen worden waren – vor allem die von Jens Harzer gespielte Figur von Gereons Bruder. Andere bekommen noch einmal einen großen Auftritt, etwa Lars Eidinger als narzisstischer Industriellensohn Nyssen, der das gesamte Großkapital mit Hitler zu Tisch lädt, Karl Markovics als lässiger Wiener Reporter, selbst Misel Maticevic taucht  noch mal als „Armenier“ auf. Schon jetzt schmerzt der Abschied von Liv Lisa Fries und Volker Bruch als Charly und Gereon. Fast zehn Jahre lang durften sie sich leidenschaftlich aneinander reiben. Beide wirken nicht nur reifer, sondern auch deutlich gezeichnet.

Mit der Darstellung der aufgewühlten Zeit vom Frühjahr 1929 bis zum Frühjahr 1933 besitzt „Babylon Berlin“ eine ganz besondere, aktuelle Relevanz. Denn in den letzten zehn Jahren wird ja verstärkt über die  Bedrohung der Demokratie diskutiert, Begriffe wie Faschismus und Nazis wurden zu Schlagworten in der politischen Auseinandersetzung. Als die erste Staffel 2017 zu sehen war, war Angela Merkel noch mal zur Kanzlerin gewählt worden und die AfD erstmals in den Bundestag eingezogen.

Kurz darauf nannte deren Ehrenvorsitzender die NS-Zeit einen „Vogelschiss“ der tausendjährigen deutschen Geschichte. Die finale Staffel spielt drastisch durch, was Faschismus wirklich bedeutete: brutale Gewalt gegen alle politischen Gegner. Welche Folgen die zwölfjährige NS-Terrorherrschaft hatte, zeigt die Serie ganz zum Schluss: Da fliegt die Kamera über das kriegszerstörte Berlin im Frühsommer 1945 und der Hit aus der ersten Staffel wird neu interpretiert: „Zu Asche, zu Staub“.

Babylon Berlin. Die fünfte Staffel ab 10.9. in der ARD‑Mediathek, Folgen 1–4 am Sa, 19.9., um 20.15 Uhr, Folgen 5–8 am Fr, 25.9., ab 22.20 Uhr im Ersten

Die Begleitdoku ab 10.9. in der ARD‑Mediathek, am Mo, 21.9., um 23.35 im Ersten

Die Hörspielserie „Haus Vaterland“ von Volker Kutscher in der ARD Mediathek

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