„Alle zwei Jahre muss ich meiner Community den Kopf waschen“, sagt Barbara Kijewski auf den Magdeburger Angeltagen im Gespräch mit der OAZ. „Und dann ist das wieder erledigt.“ Grund dafür ist ein Video in den sozialen Medien, das viral gegangen ist.
„Ich bin selbst erschrocken“, so die Expertin, die seit elf Jahren auf der größten Angelmesse Mitteldeutschlands zu den Stammgästen zählt. 233.000 Mal wurde der Clip aufgerufen, üblich sind bei ihr 60.000 bis 70.000. Dabei ging es in dem Video nur ums Angeln. Erreicht hat er jedoch auch Nutzer weit über die Szene hinaus.
Barbara „Babs“ Kijewski ist seit elf Jahren auf den Magdeburger Angeltagen dabei.
© Willy Weyhrauch/Ostdeutsche Allgemeine Zeitung
Kommentare zu Brustwarzen statt zum Angeln
Statt um den Inhalt ging es in vielen Kommentaren um ihren Körper - konkret um die sich unter dem Oberteil abzeichnenden Brustwarzen der Profi-Anglerin. „Es kann ja nicht sein, dass ich darauf reduziert werde, wenn ich über das Angeln rede“, sagt Kijewski. An einem Tag habe sie dadurch 300 neue Fans gewonnen, was erschreckend sei.
Danach folgte eine klare Ansage über ihren Kanal: Es gehe um den Sport, nicht um ihr Aussehen. Schon vor vier Jahren hatte sie sich aus Protest gemalte Papierkreise aufs T-Shirt geklebt. Ihrer Wirkung in einer männerdominierten Szene sei sie sich bewusst, dennoch wolle sie mit ihrem Wissen überzeugen. Die gelernte Bauzeichnerin angelt seit rund 30 Jahren, ist Teamanglerin für namhafte Hersteller und trat 2022 mit dem ersten reinen Frauenteam bei einem internationalen Raubfischturnier an.
Ein Netzwerk nur für Anglerinnen
Darüber hinaus sei sie noch in einer „viel wichtigeren Mission“ unterwegs: mehr Frauen ans Wasser zu bringen. Dafür hat sie die Webseite „Club Fisherella“ gegründet, auf der sich Anglerinnen anmelden und vernetzen können. „Frauen only, kein Zutritt für Männer“, sagt sie. Viele trauten sich nicht, sich öffentlich auszutauschen, im internen Forum hätten sie die Chance dazu.
Ihr Wunsch sei es, Gleichgesinnte europaweit zusammenzubringen. „Ich arbeite dafür, dass die Frauen in der Szene zusammenarbeiten und nicht gegeneinander.“ Am Samstag trafen sich Mitglieder aus ganz Deutschland in Magdeburg, unterhielten sich und verabredeten erste gemeinsame Angelreisen. Begonnen habe das Format vor vier Jahren in der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts, inzwischen hätten München und Berlin nachgezogen.
Wer von Fischen nicht genug kriegt: Kuscheltiere zum Mitnehmen.
© Willy Weyhrauch/Ostdeutsche Allgemeine Zeitung
Frauenanteil bei bis zu sieben Prozent
Der Anteil der Anglerinnen ist nach ihrer Einschätzung über die Jahre gestiegen. „Als ich mit dem Angeln angefangen habe, gab es fast gar keine Frau. Inzwischen sind wir bei etwa fünf bis sieben Prozent.“
Abseits davon freut sie sich, dass die Messe in den vergangenen Jahren gewachsen ist, mit mehr Ausstellern und mehr Reiseanbietern. Während andere Messen nach und nach aussterben würden, lege Magdeburg zu, auch wegen der zentralen Lage. Die Menschen aus der Region beschreibt die Weltenbummlerin als „ein bisschen schüchterner“. In ihrer Heimatstadt Berlin seien die Leute durchaus direkter.
Messe will jüngeres Publikum gewinnen
Ihre Anwesenheit in Magdeburg ist kein Zufall, denn die Veranstalter wollen künftig gezielter auf bekannte Gesichter aus den sozialen Medien setzen. „Unser Ziel für das kommende Jahr ist, dass wir noch mehr Influencer haben und jüngeres Publikum anziehen“, sagt die Projektleiterin Johanna Buhrke, die die Angeltage im zweiten Jahr verantwortet. „Wir haben ein seit 20 Jahren bewährtes Konzept, wir müssen das aber ausbauen und auf jüngere Leute ausrichten.“
Mit dem bisherigen Zuspruch zeigt sie sich zufrieden. Die Zahlen seien, Stand Sonntagmittag, im Vergleich zu den Vorjahren stabil. Man rechne wieder mit rund 6000 Besuchern. Die Aussteller spürten zwar eine rückläufige Kaufkraft, „die Leute achten aufs Geld“, seien aber dennoch positiv gestimmt. Viele hätten sich bereits für die nächste Ausgabe angemeldet.
Die Projektleiterin der Messe Johanna Buhrke im Gespräch mit einem Aussteller.
© Willy Weyhrauch/Ostdeutsche Allgemeine Zeitung
Raubfischangeln liegt bei Jugendlichen im Trend
Der Vorteil in Magdeburg liege in der Größe. „Wir sind natürlich kleiner als andere Messen. Das bedeutet: Ist man hier Aussteller, fällt man auf.“ Erstmals seit mehr als 20 Jahren sind in diesem Jahr drei Hallen belegt. Angelreisen und Meeresangeln in Halle 1 und 3, alles rund um Raubfische in Halle 2.
Gerade Letzteres gehört aus Sicht der Messeleitung zu den Wachstumsbringern der nächsten Jahre. „Langfristig gesehen wird der Raubfischbereich mehr im Trend liegen“, sagt Buhrke. Grund dafür sei die steigende Nachfrage unter Jugendlichen. „Viele Aussteller werden ihr Angebot auch in diese Richtung anpassen.“
Neu war zudem eine Vorab-Öffnung: Zum ersten Mal war bereits am Freitag die neue Halle 3 geöffnet. Laut Buhrke wurde das Pre-Opening gut angenommen.
Sogar Boote standen bei den Angeltagen in Magdeburg zum Verkauf.
© Willy Weyhrauch/Ostdeutsche Allgemeine Zeitung
Niedrigwasser setzt den Gewässern zu
Wie es um das Angeln in Sachsen-Anhalt selbst steht, zeigt sich am Stand des Landesanglerverbands. „Die größten Herausforderungen haben die Fische“, sagt Bernd Manneck, beim Verband zuständig für Gewässerwirtschaft und Fischereischutz. Durch den Klimawandel und das Niedrigwasser in Elbe, Saale und anderen Flüssen verlören sie ihre Lebensräume, in der Altmark seien manche Gewässer bereits verschwunden: „Da haben wir wirklich Gewässer, die sind einfach weg.“ Hinzu kämen Wehre und Wasserkraftanlagen, die die Flüsse zerschneiden und nur selten mit Fischtreppen ausgestattet sind: „Fische wollen wandern und sie können nicht.“
Bernd Manneck vom Landesanglerverband Sachsen-Anhalt, zuständig für Gewässerwirtschaft und Fischereischutz.
© Willy Weyhrauch/Ostdeutsche Allgemeine Zeitung
Trotz allem sieht sich der Verband mit rund 48.000 Mitgliedern stabil aufgestellt, der Anteil der Kinder wachse stetig. Mit allen Fraktionen im Landtag stehe man im Austausch, einmal im Jahr gehe man sogar gemeinsam angeln. Auf einen dieser Termine gehe zurück, dass Jugendliche seit dem vergangenen Jahr schon mit zwölf statt mit 14 Jahren die Fischerprüfung ablegen dürfen. Der Landtag beschloss das, nach der Bitte des Verbands, einstimmig. Für den Nachwuchs, um den auch die Messe wirbt, ist der Weg ans Wasser damit kürzer geworden.
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Wie es politisch weitergeht, ist offen: Bei der Landtagswahl im September wurde die AfD stärkste Kraft, eine neue Landesregierung steht noch nicht. Der Verband sei laut Satzung parteipolitisch neutral, betont Manneck, auch mit der AfD treffe man sich zum gemeinsamen Angeln. „Unabhängig davon, wer die Regierung stellt, muss die gute Zusammenarbeit auch in Zukunft fortgesetzt werden.“
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