Aufrüstung

Bars mit 1000 Kilometern Reichweite: Bundeswehr plant erstmals Kauf ukrainischer Angriffswaffen

Die Ukraine setzt Bars gegen Ziele in Russland ein. Nun prüft Deutschland die Waffen laut einem Bericht fürs eigene Arsenal. Hunderte könnten folgen.

4 Min
Boris Pistorius und Wolodymyr Selenskyj: Die Bundeswehr steht offenbar erstmals vor dem Kauf ukrainischer Marschflugkörper.

Boris Pistorius und Wolodymyr Selenskyj: Die Bundeswehr steht offenbar erstmals vor dem Kauf ukrainischer Marschflugkörper.

© Kay Nietfeld/dpa

Die Bundeswehr soll ukrainische Bars-Marschflugkörper erhalten, die je nach Variante bis zu 1000 Kilometer weit fliegen. Deutsche Behörden bereiten laut einem Bericht der Financial Times eine Vereinbarung über eine erste Charge vor. Sie soll in den kommenden Wochen abgeschlossen werden. Das wäre der erste bekannte Kauf einer in der Ukraine entwickelten Offensivwaffe für den eigenen Einsatz der Bundeswehr.

Zunächst soll die Bundeswehr laut FT eine kleine Stückzahl erhalten und Anfang 2027 technisch erproben. Bei erfolgreichen Tests könnte eine Bestellung von mehreren Hundert Marschflugkörpern folgen. Ein deutscher Regierungsvertreter hatte dem Kyiv Independent bereits am Samstag bestätigt, dass Berlin mit Kiew über den Kauf verhandelt. Ein abgeschlossener Kaufvertrag ist bislang nicht bekannt.

Bars: In Deutschland gefertigt, in der Ukraine eingesetzt

Bars – das ukrainische Wort für Schneeleopard – verfügt über einen Strahlantrieb. Je nach Variante hat das System laut FT eine Reichweite von bis zu 1000 Kilometern und trägt eine Nutzlast von bis zu 105 Kilogramm. Während es in der Ukraine auch als „Drohnenrakete“ bezeichnet wird, ordnet Deutschland Bars als kostengünstigen Marschflugkörper ein.

Die Ukraine setzt die Waffe bereits gegen Ziele in Russland ein. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Bars als eines der Systeme genannt, mit denen Militärbasen und Energieanlagen angegriffen werden. Der Rüstungsexperte Fabian Hoffmann vom norwegischen Institut für Verteidigungsstudien verweist gegenüber der FT auf die zahlreichen Einsätze: Dadurch verfügten die ukrainische und die deutsche Seite über umfangreiche Daten zur Leistungsfähigkeit.

Reisehighlights

Mehr

Deutschland und die Ukraine vereinbarten nach Angaben des Kyiv Independent bereits im Juli eine gemeinsame Bars-Produktion. In der ersten Projektphase finanziert Deutschland die Fertigung, sämtliche Waffen sind für die ukrainischen Streitkräfte bestimmt. Laut FT produziert inzwischen ein ukrainisch-deutsches Gemeinschaftsunternehmen das System in Deutschland. Eine erste dort gefertigte und von Deutschland finanzierte Charge wurde im Oktober an die Ukraine geliefert. Künftig soll auch die Bundeswehr beliefert werden.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Günstige Marschflugkörper sollen Luftabwehr überfordern

Hinter der Beschaffung steht ein größeres Vorhaben: Die Bundeswehr soll weitreichende Waffen in hoher Stückzahl erhalten. Viele vergleichsweise günstige Flugkörper sollen im Ernstfall die gegnerische Luftabwehr überfordern. Teurere Systeme blieben strategisch wichtigen Zielen vorbehalten, erläuterte der Heeresinspekteur Christian Freuding nach Angaben der FT.

Neben Bars soll die Bundeswehr zunächst auch eine kleine Zahl von Anthem-Marschflugkörpern des amerikanischen Unternehmens Covenant testen. Bloomberg zufolge verhandelt Berlin mit dem Unternehmen zudem über die Beschaffung Tausender Anthem-Flugkörper für mehr als eine Milliarde Euro.

Eine amerikanische Tomahawk kostet der FT zufolge vier bis sechs Millionen Dollar, Anthem ungefähr ein Zehntel davon. Bars sei nach Angaben einer mit den Details vertrauten Person noch günstiger. Einen konkreten Stückpreis nennt die FT nicht. Produktionsengpässe machten Tomahawk-Lieferungen vor den 2030er-Jahren unwahrscheinlich. Einen möglichen Kauf des ukrainischen Marschflugkörpers Flamingo habe Deutschland vorerst zurückgestellt.

Start eines amerikanischen Tomahawk-Marschflugkörpers: Die Bundeswehr prüft mit Bars und Anthem deutlich günstigere Systeme.

Start eines amerikanischen Tomahawk-Marschflugkörpers: Die Bundeswehr prüft mit Bars und Anthem deutlich günstigere Systeme.

© Kenneth Moll/US NAVY/dpa

Milliarden für die Bundeswehr – Ökonom übt Kritik

Der geplante Raketenkauf gehört zu einer umfassenden Aufrüstung Deutschlands. Die Finanzplanung der Bundesregierung sieht vor, den regulären Verteidigungsetat von 82,7 Milliarden Euro im Jahr 2026 auf 183,7 Milliarden Euro im Jahr 2030 anzuheben. Damit würde er sich innerhalb von vier Jahren mehr als verdoppeln. Im laufenden Jahr kommen zusätzlich 25,5 Milliarden Euro aus dem Bundeswehr-Sondervermögen hinzu. Die Bundesregierung begründet die höheren Ausgaben mit der notwendigen Stärkung der Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit.

Die Hoffnung auf einen zusätzlichen wirtschaftlichen Aufschwung sieht der Ökonom Gunther Schnabl allerdings kritisch. „Ich sehe keine nachhaltigen Wachstumseffekte durch schuldenfinanzierte Rüstungsausgaben“, sagte der Direktor des Flossbach von Storch Research Institute auf eine frühere Anfrage der Berliner Zeitung. Zusätzliche Staatsschulden trieben die Zinsen nach oben und bremsten private Investitionen. Steigende Rüstungspreise könnten zudem die Kaufkraft der Militärbudgets schmälern: „Für das gleiche Geld gibt es weniger Verteidigung.“

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner