Der Dauer-Streit um den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan belastet derzeit die Stabilität der Grünen. Auch in Hamburg, wo sich die 51 Abgeordneten diese Woche eigentlich zur Herbstklausur versammelt hatten, um ihr Programm die nächsten Monate zu beschließen, wurde das als gemütlicher Neustart gedachte Treffen völlig überschattet vom Streit um die Frage: Darf die Fraktion der Verlängerung der Afghanistan-Mandate zustimmen? Und welche Führungsfigur geht aus dem Streit als Sieger hervor?Renate Künast, die Fraktionsvorsitzende, die gerne Spitzenkandidatin bei der Bundestagswahl 2009 werden möchte, steht wie die Mehrheit ihrer Fraktion zu dem Afghanistan-Einsatz, inklusive der an der Parteibasis umstrittenen sechs Tornados. Sie glaube nicht, dass man sich in so einer wichtigen Frage enthalten könne, sagte sie in Hamburg mit Blick auf die Abstimmung im Herbst und den Leitantrag der Parteispitze für den Afghanistan-Sonderparteitag nächste Woche in Göttingen. Der Bundesvorstand legt den Abgeordneten in dem Papier nahe, sich im Bundestag der Stimme zu enthalten. Damit soll das Wohlwollen der Partei gegenüber der Wiederaufbauleistung der Isaf-Truppen und die gleichzeitige Skepsis über die Tornados zum Ausdruck gebracht werden. Beide Mandate sollen bei der Abstimmung im Bundestag ja zusammengelegt werden, was viele grüne Abgeordnete vor eine Zerreißprobe stellen dürfte. Denn nicht wenige von ihnen sind zwar für Isaf, aber gegen die Tornados. Künast, Fritz Kuhn, Reinhard Bütikofer oder auch Katrin Göring-Eckardt lehnen eine Enthaltung als Ausweg aus dem Dilemma aber strikt ab, weil sie sich dem einmal beschlossenen Einsatz in Gänze verpflichtet fühlen. Und weil sie die Partei mit Blick auf mögliche Machtoptionen nach 2009 realpolitisch fest verankern möchten.Für Künast und ihre Mitstreiter ist es eine riskante Strategie. Denn der Unterstützung der grünen Basis können sie sich nicht sicher sein. Nachdem eine knappe Mehrheit der Fraktion dem ersten Tornado-Mandat im Frühjahr zugestimmt hatte, hagelte es in den Orts- und Kreisverbänden Protest. Am Ende erzwang die Basis einen Sonderparteitag. Und derzeit wagt niemand zu prognostizieren, wie die Delegierten am übernächsten Sonnabend entscheiden werden.An dieser Stelle kommt Jürgen Trittin ins Spiel. Dem für Außenpolitik zuständige Fraktionsvize werden ebenfalls Ambitionen auf die Spitzenkandidatur nachgesagt. Mit Blick auf die Stimmung an der Basis hält er sich derzeit betont zurück und damit alle Optionen offen. Zwar ist auch Trittin ein Befürworter des Isaf-Einsatzes. Die Entsendung der Tornados hatte er im Frühjahr aber abgelehnt. Wie es heißt, liebäugelt er mit einer Enthaltung und weiß die Mehrheit der Parteispitze um die Vorsitzende Claudia Roth und einige mächtige Landesverbände hinter sich.Man dürfe den Streit nicht überbewerten, stapelte Trittin in Hamburg tief. Dennoch dürfte viel davon abhängen, wie sich der Ex-Minister auf dem Sonderparteitag in Göttingen positioniert. Trittin gilt als einer der wenigen grünen Spitzenpolitiker, die einen Parteitag dank rednerischer Begabung im Alleingang entscheiden können. Und so könnte er bis zuletzt die Stimmung abwarten, um dann das mutmaßlich kritische Tornado-Votum der Basis für sich zu reklamieren. Künast wäre düpiert und hätte mit Trittin einen ernsthaften Konkurrenten. Offen bliebe dann auch die Frage, ob sich die Grünen mit Blick auf 2009 im Sinne Künasts eher realpolitisch-bürgerlich oder im Sinne Trittins links-alternativ aufstellen. In der Hängepartie der Grünen um die zukünftige inhaltliche und personelle Ausrichtung könnte die Afghanistan-Frage also eine vorentscheidende Rolle spielen.
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