Russland

Hammer in der Hand: Russischer Botschafter erinnert an „unsere mächtigsten Waffen“

Zugleich vorhersagbar und aufschlussreich: Im Gespräch mit Ben Berndt trägt der russische Botschafter sein Narrativ vor und zeigt sich wenig subtil.

5 Min
Der russische Botschafter Sergej Netschajew (l.) spricht mit Ben Berndt.

Der russische Botschafter Sergej Netschajew (l.) spricht mit Ben Berndt.

© Paulus Ponziak/Ostdeutsche Allgemeine, Rolf Vennenbernd/dpa

Jeder Konflikt, vom Ehekrach über den Rechtsstreit bis zum Atomkrieg, wird von (mindestens) zwei Narrativen begleitet. Und jede Konfliktpartei ist eifrig bedacht, die eigenen Anhänger vom eigenen Narrativ zu überzeugen. So gut es geht.

In internationalen Konflikten wie dem völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieg in der Ukraine – auf die Formulierung wird zurückzukommen sein – ist das mitunter schwierig. Die Regierungen mögen geschlossen eine Position einnehmen, die Völker mitnichten. Nicht alle Russen sind Parteigänger Putins und nicht alle Deutschen Parteigänger Selenskyjs. Viele Menschen in Deutschland sind überhaupt weder noch.

In einer offenen Gesellschaft, auf die wir zu Recht stolz sind, muss der Zugang zu den Narrativen aller Seiten offen sein. Noch ist Deutschland keine Kriegspartei nach dem Völkerrecht, auch wenn die damalige Außenministerin das schon Anfang 2023 – „Wir kämpfen einen Krieg gegen Russland“ – anders sah.

Man muss einem Podcaster wie Ben Berndt dankbar sein, dass er diese Offenheit herstellt und dem russischen Botschafter Gelegenheit gibt, sein Narrativ vorzutragen. Übrigens gegen erhebliche Widerstände, mit denen sich mein Kollege Alexander Dergay an anderer Stelle auseinandersetzt.

Zutiefst gegensätzliche Narrative

Schauen wir auf das, was der Botschafter zu sagen hat. Zum Auslöser der gegenwärtigen Krise, den mit Sprengstoff ausgestatteten Drohnen auf dem Flugplatz Leipzig-Halle im August, hat er nichts Neues beizutragen. Wenn Russland dahintersteckt, wird er sowieso der letzte sein, der es eingesteht. Dass Deutschland keine Beweise vorlegt, wird auch im Westen kritisiert. Und Sergej Netschajews Argument, die Aktion wäre ganz sicher erfolgreich gewesen wäre, wenn russische Dienste sie ausgeführt hätten, wird von vielen missratenen Operationen widerlegt.

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Aufschlussreicher sind andere Teile des Interviews. Wer allein das westliche Narrativ kennt (oder glaubt, russische Propaganda sei ein einziges Lügengespinst), kann von Netschajews Aussagen zu den Ereignissen 1990 und 2014 nur profitieren. Zu beiden Themenkomplexen – Nato-Osterweiterung und dem ersten Jahr der Ukrainekrise – existieren zutiefst gegensätzliche Narrative.

Klar ist: Man hat 1990 versäumt, die auf höchster Ebene getätigten Aussagen zur Osterweiterung der Nato schriftlich festzuhalten. Eine Erklärung ist, dass die Auflösung der Sowjetunion zum damaligen Zeitpunkt noch Zukunftsmusik war. Letztlich musste das Ende des Warschauer Paktes bei Fortbestand und Ausweitung der Nato zu Verwerfungen in der Sicherheitsarchitektur führen.

Auch die Wahrnehmung der Ereignisse ab dem 21. Februar 2014 in der Ukraine driftet weit auseinander. Die damalige Vereinbarung mit der Opposition, von drei europäischen Außenministern garantiert, wurde offensichtlich gebrochen. Russland interpretiert den Vorgang als illegitimen Putsch.

Russland interpretiert auch das Vorgehen der neuen Regierung und nationalistischer Verbände der russischen Minderheit gegenüber anders als der Westen. Befreit man Netschajews Sätze von ihrer Anti-Nazi-Rhetorik, ist sein Hinweis auf das drastisch verschlechterte polnisch-ukrainische Verhältnis bedenkenswert. Er hat einen Punkt, wenn er die im Vergleich zu Polen geringe Sensibilität der Deutschen angesichts ukrainischer Tendenzen zur Verherrlichung nationalistisch-faschistischer Traditionen herausstreicht.

Einen weiteren Punkt hat er bei der westlichen Doppelmoral. Auch Ben Berndt fragt sich, warum in deutschen Medien niemals vom völkerrechtswidrigen amerikanisch-israelischen Angriffskrieg gegen den Iran die Rede ist. Dass der Botschafter die Sezession des Kosovo mit derjenigen der Krim vergleicht, ist nichts Neues. Auch dazu gehen die Narrative diametral auseinander.

Wo Netschajew es sich allzu leicht macht, ist bei der Bewertung der Vorgänge im Frühjahr 2022. Immerhin enthüllt er den ursprünglichen Kriegsplan. „Bis die westlichen Mächte sich eingemischt haben, sollte das alles sehr schnell zu Ende gehen.“ So war es, und das misslang.

Weniger wäre mehr gewesen

Dass der russische Rückzug vor Kiew eine Geste des guten Willens war, ist allerdings ein Ammenmärchen. In die Welt gesetzt wurde es vom russischen Vize-Verteidigungsminister Alexander Fomin Ende März 2022, nach der fünften Verhandlungsrunde in Istanbul. Die Wahrheit ist wohl, dass man im Kreml froh war über eine Ausrede für das völlige Versagen der eigenen Militärs.

Skandalös, aber erwartbar, ist Netschajews Einlassung zum Massaker von Butscha im selben Frühjahr. Er bezeichnet es als ukrainische Provokation. Dafür gibt es nicht den geringsten Beleg. Warum erwartbar? In Russland gilt auch die dreisteste Lüge als Instrument im politisch-diplomatischen Werkzeugkasten. Erinnert sei an das jahrzehntelange Leugnen der sowjetischen Urheberschaft am Massaker von Katyn 1940.

Dem Gastland gegenüber wenig respektvoll ist Netschajews Unterstellung, die deutsche Politik und deutsche Medien seien teils vom Ausland gesteuert. So sehr man nachvollziehen kann, dass der Botschafter antiwestliche Ressentiments in der deutschen Bevölkerung schüren möchte – da fehlen ihm die leisen Töne. Weniger wäre mehr gewesen.

Geduld ist nicht grenzenlos

Höhepunkt des Interviews ist sein Hinweis auf „unsere mächtigsten Waffen“. „Noch“ sei Russland nicht bereit, sie zu nutzen; es gebe entsprechende Nukleardoktrinen. „Aber wissen Sie, unsere Geduld ist auch nicht grenzenlos.“

Ben Berndt hat uns zu einer Lehrstunde in sowjetisch-russischer Großmacht-Diplomatie verholfen. Seliges Schwelgen in der goldenen Vergangenheit und den Potenzialen der Freundschaft und Zusammenarbeit – dabei den Hammer stets in der Hinterhand.

Auch aus dem Grund verzeichnet die russische Außenpolitik im 21. Jahrhundert zunehmend weniger Erfolge. Mit dem Aufstieg Asiens und der chinesischen Rückkehr als Supermacht ändert sich der Ton. Er wird subtiler. Die Zeiten, in denen der Weiße Mann mit dem Hammer Weltpolitik machen konnte, waren einmal. Donald Trump und Wladimir Putin werden daran nichts ändern.

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