Bahnverkehr

Kein ICE für Magdeburg: Sachsen-Anhalt droht „abgekoppelt zu werden“

Sachsen-Anhalt ist sich einig: Magdeburg braucht auch tagsüber einen ICE. Doch Bund und Bahn bremsen. Infrastrukturministerin Hüskens warnt vor dem Abstieg des Landes.

7 Min
Rote Kelle am Bahnsteig: Magdeburg wartet wohl weiter vergeblich auf einen regulären ICE im Tagesverkehr.

Rote Kelle am Bahnsteig: Magdeburg wartet wohl weiter vergeblich auf einen regulären ICE im Tagesverkehr.

© Jan Woitas/dpa

Magdeburg liegt nicht am Rand der Republik. Die Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts liegt mitten in Deutschland. Von Berlin aus ist es näher nach Magdeburg als nach Hamburg, München, Warschau oder Prag. Trotzdem bleibt ein regulärer ICE im Tagesverkehr für Magdeburg vorerst wohl Wunschdenken.

Dabei hatte Friedrich Merz kurz vor der Bundestagswahl im MDR noch über bessere Verkehrsverbindungen „aus dem Osten nach Warschau“ und „aus dem Osten nach Prag“ gesprochen. Die künftige Bundesregierung solle Ost-West-Verbindungen nicht nur vom Westen her denken, hieß es von der CDU. Warschau und Prag stünden beispielhaft für Städte, „die wir als sehr wichtig ansehen – auch im Hinblick auf künftige politische Beziehungen“, sagte der damalige Kanzlerkandidat. Für Magdeburg gilt diese Perspektive offenbar nicht.

Sachsen-Anhalt geschlossen für ICE

Dabei ist sich Sachsen-Anhalt einig: Die Parteien fordern quer durch das politische Spektrum eine ICE-Anbindung Magdeburgs. Die Grünen beantworteten die Frage nach einem ICE im Tagesverkehr in Versalien: „JA.“ Die SPD nennt den fehlenden Anschluss ein „Trauerspiel, das endlich beendet gehört“. Die CDU hält eine reguläre ICE-Anbindung für „unabdingbar“. Die Linke spricht von einem Anschluss, der „dringend notwendig und längst überfällig“ sei. Die FDP setzt sich nach eigenen Angaben „seit geraumer Zeit“ für eine bessere Anbindung Magdeburgs und des Landes an den Schienenfernverkehr ein. Das BSW unterstützt grundsätzlich eine bessere ICE-Anbindung von Großstädten und Landeshauptstädten.

Auch die AfD spricht sich in ihrem Wahlprogramm für eine ICE-Anbindung Magdeburgs aus. Wie sie dieses Ziel erreichen will, bleibt allerdings offen. Auf Anfrage dieser Zeitung äußerte sich die Partei als einzige nicht.

Die Forderung kommt nicht nur aus den Fraktionen und Parteien. Bereits 2023 hatte Infrastrukturministerin Lydia Hüskens deutlich bessere ICE-Verbindungen für Sachsen-Anhalt gefordert. Magdeburg müsse „auf ICE-Niveau“ an Berlin, Hamburg, München, Frankfurt am Main und über Hannover nach Westdeutschland angebunden werden, hieß es damals im Strategiepapier „Mehr ICE für Sachsen-Anhalt“ aus ihrem Ministerium.

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Warum also hält bis heute kein regulärer ICE im Tagesverkehr in Magdeburg?

Bund und Bahn blockieren

Die Antwort der Deutschen Bahn fällt nüchtern aus. Magdeburg sei mit rund 45 Fernverkehrshalten pro Tag bereits attraktiv angebunden. Dort hielten unter anderem zwei zweistündliche Intercity-Linien sowie weitere Direktverbindungen, etwa nach Berlin, Hamburg oder Schwerin. Ganz ohne ICE ist Magdeburg ebenfalls nicht: Es gibt eine nächtliche Verbindung Berlin–Magdeburg–Hannover–Köln–Frankfurt–Karlsruhe–Basel.

Das Problem sei nicht der Name auf dem Zug, sondern die Strecke darunter: Die Bahnstrecken rund um Magdeburg seien maximal mit 160 Kilometern pro Stunde befahrbar. Ein ICE könne dort deshalb keine kürzere Reisezeit erzielen als ein Intercity oder der Nahverkehr. Wirtschaftlich interessant würden ICE-Fahrten über Magdeburg erst dann, wenn sie ähnlich kurze Fahrzeiten wie bestehende Routen erreichten. Zwischen Hannover und Berlin dauere die Route über Magdeburg rund drei Stunden. Über die Schnellfahrstrecke via Wolfsburg in Niedersachsen seien es nur etwa eineinhalb Stunden.

Diese Realität blenden auch die Parteien in Sachsen-Anhalt nicht aus. Die Grünen schreiben, der aktuelle Ausbaustand rund um Magdeburg reiche für häufigere und schnellere Fernverkehrsverbindungen „schlicht nicht aus“. Wenn mehr ICE-Halte in Magdeburg gewollt seien, müssten „zunächst die infrastrukturellen Voraussetzungen verbessert werden“. Auch BSW-Bahnexperte Volkmar Gryschok warnt vor einer rein symbolischen Debatte. „Wer am lautesten schreit, kriegt einen ICE“, sagte er dieser Zeitung. Das eigentliche Problem sei die Infrastruktur: „Das Bahnnetz selbst ist nicht funktional.“

Dem widerspricht auch das Infrastrukturministerium nicht grundsätzlich. Die Darstellung, dass ein ICE auf Strecken mit höchstens 160 Kilometern pro Stunde kaum Reisezeitvorteile gegenüber einem Intercity bringe, sei „im engeren Sinne korrekt“. Genau deshalb hält das Land an seinem langfristigen Ziel fest, die Achse Halle–Magdeburg–Stendal–Wittenberge auf bis zu 200 Kilometer pro Stunde auszubauen.

Bahn lehnt Flügelung von ICE-Zügen ab

Für die Zeit bis dahin sucht die Politik nach anderen Lösungen. Die CDU bringt eine Flügelung von ICE-Zügen ab Braunschweig ins Spiel: Ein Zugteil führe direkt nach Berlin, der andere über Magdeburg und Potsdam. Doch auch diese Idee räumt die Bahn ab. Solche Flügelkonzepte seien verspätungsanfällig. Außerdem würde auf der stark nachgefragten Verbindung Frankfurt–Berlin nur noch etwa die Hälfte der Sitzplätze mit schneller Fahrzeit angeboten. Der Zugteil über Magdeburg wäre aus Sicht der Bahn schwach nachgefragt, der Zugteil über Wolfsburg dagegen überlastet.

Evelyn Palla, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, und Patrick Schnieder (CDU), Bundesminister für Verkehr, setzten sich nicht für einen regulären ICE im Tagesverkehr mit Halt in Magdeburg ein.

Evelyn Palla, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, und Patrick Schnieder (CDU), Bundesminister für Verkehr, setzten sich nicht für einen regulären ICE im Tagesverkehr mit Halt in Magdeburg ein.

© Kay Nietfeld/dpa

Der FDP schwebt dagegen der Ausbau einer Nord-Süd-Achse durch Sachsen-Anhalt vor. Falls die Neubaustrecke Hamburg–Hannover in Niedersachsen weiter auf Widerstand stoße, biete sich diese Route zur Entlastung an, sagte Maximilian Gludau, verkehrspolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion. Daraus könnten zusätzliche ICE-Verbindungen für Magdeburg und die Altmark entstehen.

Magdeburg im Deutschlandtakt

Doch das Bundesverkehrsministerium plant anders. Im Zielfahrplan des „Deutschlandtakts“ kommt Magdeburg zwar vor: mit einer stündlichen überregionalen Linie Leipzig–Magdeburg–Hannover und einer zweistündlichen Linie Magdeburg–Potsdam–Berlin. Eine ICE-Perspektive ergibt sich daraus nicht automatisch. Entscheidend ist der Ausbau. Und der ist nicht vorgesehen. „Ein Ausbau der Strecken ausgehend von Magdeburg mit Geschwindigkeiten höher als 160 Kilometer pro Stunde ist im Deutschlandtakt nicht vorgesehen“, heißt es aus dem Ministerium. Auch die Bahn sieht derzeit keine Projekte, die auf mehr Tempo auf den nach Magdeburg führenden Strecken abzielen.

Nach Angaben des Infrastrukturministeriums von Sachsen-Anhalt hatte die Bahn 2023 noch einen möglichen Probebetrieb nach den Generalsanierungen bis 2028 signalisiert. Aktuelle Aussagen der DB Fernverkehr ließen aus Sicht des Ministeriums aber nicht mehr erwarten, dass es dazu kommt.

Gleichzeitig verweist der Bund auf die Eigenwirtschaftlichkeit des Fernverkehrs. Ob Züge fahren, entscheiden demnach die Eisenbahnunternehmen. Das Bundesministerium könne darauf keinen Einfluss nehmen.

In Sachsen-Anhalt sieht man das anders. Als Alleineigentümer der Deutschen Bahn könne der Bund „durchaus auch Einfluss nehmen“, sagte Gludau. Genau dort sehen Linke und Grüne die Landesregierung in der Pflicht: Sie müsse den Druck auf Berlin erhöhen. Ministerpräsident Sven Schulze und Verkehrsministerin Lydia Hüskens müssten „endlich aktiv werden“, fordert Linken-Fraktionschefin Eva von Angern. Die Grünen schreiben, seit dem Strategiepapier von Ministerin Hüskens 2023 sei „nicht viel passiert“. Das Land müsse „deutlich mehr politischen Druck auf den Bund und die Deutsche Bahn ausüben“.

ICE-Anbindung sei „strukturpolitische Notwendigkeit“

Hüskens lässt diesen Vorwurf nicht stehen. Die Gespräche mit Bund, Bahn und weiteren Anbietern würden fortlaufend geführt, die Interessen des Landes in Planungsprozesse eingebracht, heißt es aus ihrem Haus. Von der Forderung rückt die Ministerin nicht ab. Eine bessere Fernverkehrsanbindung Sachsen-Anhalts sei „keine Option, sondern eine verkehrs- und strukturpolitische Notwendigkeit“, sagte die Ministerin dieser Zeitung. Für das Land stehe „weit mehr auf dem Spiel als einige Minuten Reisezeitgewinn“.

Lydia Hüskens (FDP), Ministerin für Infrastruktur und Digitales des Landes Sachsen-Anhalt, warnt vor Standortnachteilen, falls Magdeburg weiter ohne regulären ICE im Tagesverkehr bleibt.

Lydia Hüskens (FDP), Ministerin für Infrastruktur und Digitales des Landes Sachsen-Anhalt, warnt vor Standortnachteilen, falls Magdeburg weiter ohne regulären ICE im Tagesverkehr bleibt.

© IMAGO/dts Nachrichtenagentur

Es gehe nicht nur um einen Zug, sondern um Anschluss im weiteren Sinn: wirtschaftliche Entwicklung, Investitionen, Fachkräftegewinnung, gleichwertige Lebensverhältnisse, sagte Hüskens dieser Zeitung. Ohne bessere Fernverkehrsanbindung drohe Sachsen-Anhalt, „im nationalen Standortwettbewerb zurückzufallen und von den wichtigsten Verkehrsströmen Deutschlands abgekoppelt zu werden“.

Der ICE muss nicht nur durch die Landschaft fahren. Er muss dort auch halten.

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