Draußen sprüht der herbstliche Regen, als wir Sofia Kourtesis drinnen in der kuschelig warmen Milchbar treffen, auf dem Funkhaus-Areal in Oberschöneweide. Gleich als Kourtesis den Raum betritt, wird sie herzlich begrüßt von Freunden, die zufällig zugegen sind und in der Milchbar speisen – welche eher ein Restaurant als wirklich eine Milchbar ist. Man kennt sich. So gut, dass Kourtesis lachend ein Stück Brokkoli vom Teller ihrer Freunde naschen darf. „Meine ganzen Freunde sind hier am Funkhaus“, sagt Kourtesis. „Die Menschen, die ich liebgewonnen habe.“
Da wundert es nicht, dass auch ein Track auf ihrer Debütplatte „Madres“, die am 27. Oktober erscheint, dem Funkhaus gewidmet ist. „Funkhaus“ heißt er, logo. „Mein Song ist ein Liebeslied ans Funkhaus“, sagt Kourtesis. „Hier kann ich mich fallenlassen.“ Schnell merkt man: Diese Frau ist hier zu Hause – zumal, als sie uns durch die labyrinthischen Gänge von der Milchbar ins Foyer schleust und später auch ins 400 Quadratmeter große Studio 2 mit mehr als zehn Meter hohen Decken, wo ein Teil der „Madres“-Platte entstand.
Kaum eine zweite House-Produzentin sorgt zurzeit weltweit für so viel Furore wie Sofia Kourtesis. Spätestens seit Erscheinen ihrer „Fresia Magdalena“-EP im März 2021 ist sie ein gefeierter Star der Szene, mit Auftritten bei den wichtigsten Festivals, von Sónar über Primavera Sound bis hin zum Glastonbury Festival. Angelsächsische Medien wie BBC und Pitchfork umjubeln sie.
Kourtesis steht für einen warmen, umarmenden, groovigen Sound mit verspielter Rhythmik. Sie liebt es, Salsa zu tanzen. Nicht nur in ihrer Wohnung in Berlin-Mitte. Und sie tut noch etwas, das ziemlich ungewöhnlich ist in der Welt der Clubs: Sie nutzt ihre elektronischen Tanzbodenknaller auch als Medium fürs (Auto-)Biografische. Auf der EP damals etwa ging es auch um ihren verstorbenen Vater. „Madres“ nun ist ihrer Mutter gewidmet. Oder (man beachte den Plural im Plattentitel) ihren Müttern. Und auch dem Mann, der ihrer leiblichen Mutter kürzlich das Leben gerettet hat. Ein Neurochirurg der Berliner Charité. Aber dazu später mehr.
Der Eyeliner sitzt (noch): Sofia Kourtesis beim Fotoshoot im Funkhaus
© Masha Demianova für Berliner Zeitung Wochenende
Der Aufstieg von Sofia Kourtesis ging in einem atemberaubenden Tempo vor sich. Schneller als die meisten ihrer Tracks. Nun jettet sie um die Welt, um selbige mit ihren Sounds zu beglücken. „Auf einmal ist es ganz schnell gegangen“, sagt Sofia Kourtesis selbst, als wir es uns auf Sesseln im Funkhaus-Foyer gemütlich machen. Ein Barkeeper klirrt dezent im Hintergrund mit Gläsern. „Für mich ist es nun wichtig“, sagt Kourtesis, „nicht den Überblick darüber zu verlieren, wie es mir selbst geht. Manchmal fühle ich mich überrumpelt von so viel Emotion.“ Flieger, DJ-Jetset, anonyme Hotelzimmer. Wenig Zeit, all das sacken zu lassen.
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Wenn sie so davon erzählt, bekommt man etwas Angst, dass ihr der wunderbar gezogene pechschwarze Eyeliner auch mal verlaufen könnte. Vermutlich fühlt sich Sofia Kourtesis auch deshalb hier im Funkhaus so geborgen: Diese Räume mit den Menschen erden sie. Gerade, als wir sprechen, kommt Nils Frahm vorbei, um im gigantischen Studio 1 des Funkhauses zu proben. „Hey, Nilsi!“, ruft Kourtesis, und es klingt bei ihr wie eine Umarmung. „Viel zu lange nicht gesehen“, erwidert der Neoklassik-Starpianist erfreut. Kourtesis hat eine Zeitlang das Musik-Booking hier im Funkhaus gemacht. Sie ist bestens vernetzt in der Szene. „Ich habe mein Studio inzwischen auf der ganzen Welt“, sagt Kourtesis, die ursprünglich aus Peru stammt. „Aber der Motor und die Power für mich kommen hier aus Berlin.“
Wo auch immer auf der Welt man Sofia Kourtesis in der DJ-Kanzel hüpfend und den Kopf heftig im Takt wippend erlebt, sei es in Brooklyn oder in Lissabon, sieht und spürt man sofort: Diese Frau hat sehr viel Bock zu tanzen. „Jaaa, natürlich!“, ruft sie aus, als wir darüber sprechen. Sowieso sprechen bei Kourtesis die Arme und die Hände bis hin zu den glamourös lackierten Fingernägeln meistens mit. „In der DJ-Booth fühle ich mich inzwischen auch zu Hause“, sagt sie. Ob das Funkhaus wohl eifersüchtig wird, wenn sie so etwas sagt? „Und von dort aus lade ich die Menschen auf dem Floor in meine Welt ein. Ich genieße in diesen Momenten alles in vollen Zügen – damit alle es mitgenießen und das Drumherum der Welt kurz vergessen können.“ Sie möchte, dass die Menschen sich dabei geborgen fühlen. „Und dass sie tanzen und in Trance kommen!“
Auch wenn sie in der Panorama Bar im Berghain auflegt. Ihr erstes Mal dort hat sie verdammt ernst genommen, wie sie erzählt: „Für mich war das ein Ritterschlag, dort aufzulegen, ein Mini-Part dieser Community zu sein.“ Schließlich ist das Berghain ihr Lieblingsclub. Dennoch fühlte sie auch Druck: „Für mich war es wichtig, sehr fokussiert zu sein und hohe Qualität zu liefern. Es war wie ein Examen, das Spaß macht“, sagt sie und muss dann selber lachen. „Trotzdem hatte ich auch Angst vor einem Blackout.“
So weit kam es nicht: Kourtesis hat die Crowd elektrisiert, mit Detroit-Techno und Chicago-House, Tracks von Robert Hood und Kenny Larkin. Auch ein paar eigene technoide Nummern. Und Disco-Klassiker. Oldschool-Disco liebt sie. Man merkt es ihrer eigenen Musik auch an, vom Groove bis zu ihren eigenen Vocals. Denn mittlerweile singt Kourtesis auch verstärkt, auf Spanisch und Englisch: „Ich wollte nicht mehr die Maschinen für mich reden lassen“, sagt sie.
Draußen vor dem Funkhaus in Oberschöneweide: die Berliner House-Produzentin und DJ Sofia Kourtesis
© Masha Demianova für Berliner Zeitung Wochenende
Bei „Madres“ geht es um eine verdammt harte, aber am Ende doch erbauliche Geschichte. „Es geht mir um das universelle Gefühl von Mutterschaft, das über Gendergrenzen hinausgeht“, sagt Kourtesis. Geborgenheit, Hoffnung und Kraft. „Auch dann weiterzukämpfen, wenn man denkt, es geht nicht mehr weiter. Ich bin echt kein Esoteriker. Und ich habe mit der Religion meine Probleme. Aber ich glaube an universelle Mutterliebe, die auch von deiner Omi oder deinem Opi kommen kann. Von deiner Cousine, deinem Cousin, deiner Schwester, deinem Bruder. Von deiner Community.“
Um das zu verstehen, muss man wohl wissen, dass Sofia Kourtesis zeitweise getrennt von ihrer leiblichen Mutter lebte. Gerade, während es in Peru politisch brenzlig wurde. Da schickten die oppositionell aktiven Eltern die kleine Sofia nach Deutschland zu Verwandten. „Ich habe aber immer Personen gefunden, die mir Mutterliebe gegeben haben“, sagt sie heute. „Auch einer meiner Lehrer war für mich wie eine Mama.“ Deshalb also steht der Titel „Madres“ im Plural.
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Und trotzdem ist die Geschichte mit ihrer leiblichen Mutter eine ganz besondere. Um sie geht es auch auf der Platte. Nur acht Monate, nachdem Sofia Kourtesis’ Vater gestorben war, bekam die Mutter im Juli 2021 eine schockierende Diagnose: Metastasen im Gehirn. „Ich war gerade dabei, mit meinem Psychiater den Tod meines Papis durchzugehen, und dann das!“, erzählt Kourtesis. Aber die Mama meinte: „Wir werden jetzt stark sein!“ Sofia Kourtesis begriff das als Aufruf zum Handeln: „Ich hätte auch Berge erklommen oder Magie probiert, damit sie noch eine Chance bekommt.“ Letztlich vertraute sie aber dann doch der seriösen Medizin: „Ich dachte mir: Ich muss den besten Neurochirurgen der Welt finden, der da operieren will. Einen, der die Metastase rausholt.“
Sofia Kourtesis und ihre Debüt-LP „Madres“: Feinarbeit an Herz und Hirn
Kourtesis recherchierte rund um den Globus und fand drei. Ihr Favorit: Peter Vajkoczy, Direktor der Klinik für Neurochirurgie an der Berliner Charité. „Der ist echt ein Genie! Und einer, der auch Risiken eingeht. Ich denke, der ist nicht aus dieser Welt. Ein außerirdischer Engel. Er meinte zu mir: Ich hab die Ehre, deine Mama zu operieren. Und nach der erfolgreichen OP: Deine Mutter ist die Heldin, nicht ich. Ich bin nur der Operateur. Dabei geht es krass ins Gehirn rein, mit Mikroskopen. Diese Feinarbeit ist unglaublich!“ Auch dem „außerirdischen Engel“ ist ein euphorischer Track der neuen Platte gewidmet: „Vajkoczy“ heißt er schlicht.
Der Kontakt zum Professor kam auch über die Musik: Kourtesis hat Plakate erstellt und ihn auf Instagram getaggt. „Ich wusste, der Typ wird denken, ich bin komplett verrückt – auch wenn ich das ein bisschen bin.“ Sie lacht. Schließlich meldet sich der Professor: „Ja, ich höre?“ Kourtesis kann es nicht fassen. Krasser als jeder Lotto-Gewinn. „Er hat sich das Gehirn meiner Mami angeguckt und gesagt: Ich hol das raus.“ Also die Metastase. „So wie ein Superheld, wie Obi-Wan Kenobi oder Yoda.“ Alle anderen Ärzte meinten zuvor: Operieren geht nicht. „Ich hab mich gefühlt wie Will Smith in ‚Das Streben nach Glück‘.“ Die Leichtigkeit aus dessen Soundtrackthema klingt auch im „Vajkoczy“-Track durch. Kourtesis kommt oft mit Filmbeispielen um die Ecke. Eigentlich wollte sie mal Regisseurin werden. „Nun erzähl ich meine Filme durch Musik.“
Im Funkhaus-Flur in Oberschöneweide: die Berlinerin Sofia Kourtesis
© Masha Demianova für Berliner Zeitung Wochenende
Ihre Mutter musste für die OP nach Berlin kommen, wo sie seitdem wohnt, unweit der Tochter. „Mittig in Mitte“, wie Kourtesis immer wieder gern betont. Vajkoczys Operation war ein Erfolg. Zum Dank gehen der Arzt und Kourtesis gemeinsam ins Berghain. „Ich habe nur geweint vor Glück“, sagt Kourtesis. Als sie davon erzählt, bekommt man noch einmal kurz Angst, dass gleich der Eyeliner verschwimmt. Seitdem kosten Mutter und Tochter das Berliner Leben aus. „Ich hab ihr meine Lieblingsecken gezeigt, wo sie nun auch gerne hingeht. Sie ist gern in den Museen. Im Goethe-Institut belegt sie einen Deutschkurs.“
Ein anderes Lied der Platte heißt „Si Te Portas Bonito“. Es handelt von der Zeit, als es der Mutter wieder besser geht. „Ich hatte das Gefühl, dass ich mich wieder mehr auf mich konzentrieren kann“, sagt Kourtesis. „Dass ich Leute treffen und auf Dates gehen kann. Das kann schön, aber auch traurig oder witzig sein.“ Plötzlich singt sie improvisierend, mitten im Gespräch, geradezu grönemeyerhaft: „Mit Schmetterling im Bauch: Warum ruft er nicht an?!“ Ja, warum, verdammt, ruft er nicht an? Oder sie?
Immer wieder sagt Kourtesis, wenn sie über Dating, wenn sie über die Liebe spricht: „Mit einer Frau oder einem Mann. Ich liebe Menschen im Generellen. Ich hatte einen Partner, aber auch schon eine Partnerin.“ Es klingt schön, aber die Story dahinter ist auch bitter: „Ich wurde von den Lehrern zum Priester geschickt, als ich mit 13 auf der Mädchenschule eine Mitschülerin küsste“, erzählt sie. „Später auch zum Psychologen. Die wollten den Teufel aus mir austreiben und mich ‚wieder hetero‘ machen.“
Sie wurde nicht mehr zu Geburtstagen eingeladen, weil Leute sie als schlechten Einfluss sahen. „Das hat mich sehr verletzt“, sagt sie. Dann atmet sie tief ein und aus und sagt: „Ein Trauma!“ Noch mal akute Gefahr für den Eyeliner. Es habe sie noch Jahre verfolgt. „Ich fühlte mich nicht mehr willkommen, wenn ich ehrlich bin. Versteckt leben will ich auch nicht.“ Sie erzählt von Eltern in Südamerika, die ihren queeren Kindern mit Tabletten und mit Psychotherapie drohen. Im Funkhaus dröhnt derweil von oben aus Studio 1 Nils Frahm.
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Als sie 17 ist, sagt Kourtesis zur Mutter: „Ich kann das einfach nicht, ich muss hier raus.“ Sie zog schließlich nach Berlin. „Hier habe ich die Freiheit, so zu sein, wie ich bin. Ich fühl mich in der Queer-Community zu Hause.“ Beflügelt vom Erfolg, fliegt Kourtesis zurzeit um die ganze Welt für ihre Auftritte. Aber wenn sie dann doch in Berlin ist (oft sind es nur drei Tage pro Woche, manchmal auch nur ein oder zwei), dann steht sie früh auf und geht schwimmen. „Ich surfe sehr gerne, aber das geht in Berlin dann doch nicht.“ Dann arbeitet sie an Musik. Es stehen einige große Remixe an, über die sie noch nicht sprechen darf. Um neue Sounds zu finden, stöbert Kourtesis auch in Berliner Plattenläden: Sie liebt das OYE: „Die Jungs machen das echt fein!“
Sowieso: immer wieder die Musik. Ein wichtiger Track der Debüt-Platte heißt „How Music Makes You Feel Better“. Eine Geschichte darüber, wie Menschen die Heilkräfte der Musik in ihrem alltäglichen Leben spüren. Der Charité-Operateur Vajkoczy, zweifelsohne ein besonders kluger Mann, meinte zu Kourtesis nach der OP der Mutter: „Sofia, du musst arbeiten. Die Musik ist wichtig für dich.“
Sofia Kourtesis: Madres. Ninja Tune, 2023
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