Das beharrliche Arbeiten hat sich gelohnt. Auf einem rund 500 Meter langen Abschnitt der stark genutzten Straßenbahnlinie M10 ist es gelungen, den Betrieb zuverlässiger zu gestalten. Ein schöner Erfolg, loben Beobachter. Doch leider gibt es einige Wermutstropfen.
So können sich Fahrgäste und Personal vorerst nicht lange an den Verbesserungen erfreuen. Am Montag wird der betroffene Abschnitt zusammen mit anderen Teilstücken der M10 wegen Bauarbeiten sieben Wochen außer Betrieb genommen – bis kurz vor Weihnachten.
Gravierender ist, dass andere Staustellen entlang der M10 geblieben sind. BVG-Beschäftigten berichten, dass die Tram immer noch an vielen Stellen gebremst oder aufgehalten wird, ohne dass Änderungen in Sicht sind. Über weite Strecken sei die Linie „eine Katastrophe“, klagt ein Fahrer. Um das Angebot trotzdem aufrechterhalten zu können, müsse eine weitere Straßenbahn eingesetzt werden – was die Kosten erhöht.
BVG-Linie M10 in Berlin: Senat prüft Maßnahmen gegen Stau und Verspätungen
BVG sperrt Tramstrecken monatelang: Diese Linien in Berlin sind 2027 betroffen
M10 zur Turmstraße: Viel mehr Fahrgäste als erwartet
Die M10 ist eine Erfolgsgeschichte – eigentlich. Die Straßenbahnlinie, die einen Teil des Stadtzentrums umkreist, gehört zu den am höchsten frequentierten Tramstrecken in Berlin. Sie beginnt am S- und U-Bahnhof Warschauer Straße. Über die Petersburger, Danziger, Eberswalder und Bernauer Straße geht es in Richtung Westen.
2015 wurde die M10 zum Hauptbahnhof verlängert. Seit 2023 führt das Doppelgleis weiter nach Moabit zum U-Bahnhof Turmstraße. Damit ist sie eine der wenigen Straßenbahntrassen in den Westen von Berlin. Bei jeder Verlängerung stieg die Fahrgastzahl. Zwischen Hauptbahnhof und Turmstraße sind montags bis freitags im Schnitt rund 28.000 Fahrgäste unterwegs. Das ist ungefähr das Dreifache des prognostizierten Werts.
Haltestelle Hauptbahnhof: Eine Bahn der Linie M10 zum U- und S-Bahnhof Warschauer Straße hält unter dem futuristisch wirkenden Dach.
© Sabine Gudath/imago
Insgesamt wird die Linie M10 täglich von rund 100.000 Menschen genutzt. Doch kaum eine andere Strecke im größten deutschen Tramnetz leidet so sehr unter dem übrigen Verkehr – und darunter, dass sie nicht ausreichend vor dessen Einflüssen geschützt wird.
„Mit 14,2 Kilometern pro Stunde ist die M10 aktuell mit Abstand die langsamste Berliner Straßenbahnlinie“, sagt Katharina Wolf, Verkehrsexpertin des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Berlin. Sie begrüßt es, dass eine neu gegründete Task Force den Straßenbahnverkehr in der Invalidenstraße zuverlässiger gemacht hat.
„Akut gefährdet“: Interne Akten zeigen, warum Senatsexperten vor der Magnetbahn warnten
Schneller, verlässlicher, weniger Verspätungen
„Kleine Maßnahme, große Wirkung“, bestätigten die BVG und die Verwaltung von Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU). „Durch die gute Zusammenarbeit zwischen dem Verkehrsmanagement des Landes Berlin und der BVG konnte eine der meistgenutzten Berliner Straßenbahnlinien jetzt deutlich stabilisiert werden.“
Zwischen Alt-Moabit und Hauptbahnhof rollen die gelben Bahnen am Autostau vorbei und bringen täglich Tausende Fahrgäste verlässlicher ans Ziel, hieß es. „Möglich wurde das durch eine konstruktive Lösung, die von der Beauftragung bis zur Realisierung in nur zehn Wochen umgesetzt werden konnte. In dem Bereich wurde der Fahrstreifen mit den Straßenbahngleisen abmarkiert und ist nun für Autos gesperrt.“
Die Bahnen, die sich zuvor auf einem von zwei Fahrstreifen einreihen mussten, haben jetzt freie Fahrt bis kurz vor dem Hauptbahnhof. „Die ersten Erfahrungen sind sehr positiv. Die Straßenbahnen benötigen nur noch rund die Hälfte der vorherigen Zeit, um das Nadelöhr auf der Strecke zu passieren“, so die BVG. „Das trägt maßgeblich dazu bei, die Linie insgesamt schneller, verlässlicher und pünktlicher zu machen.“
Straßenbahnlinie M10 nach Moabit: Immer voller – und immer langsamer
BVG-Mitarbeiter: „Es gibt Knackpunkte, die uns stören“
„Wir freuen uns, dass nach langen Jahren tatsächlich etwas passiert, um die M10 zu beschleunigen und zuverlässiger zu machen“, lobt Katharina Wolf. „Die Arbeit ist damit aber nicht getan. Allein auf dieser Linie müssen mindestens noch die Abschnitte rund um die Haltestellen Naturkundemuseum und Eberswalder Straße sowie auf der Warschauer Brücke abmarkiert werden, um die größten Staufallen zu beseitigen.“
Was sagen die Praktiker? „Es gibt einige Knackpunkte, die uns stören“, bestätigt ein Straßenbahner. Einer von ihnen sei die Kreuzung am U-Bahnhof Eberswalder Straße in Prenzlauer Berg. „Eine Markierung wie am Hauptbahnhof wurde Wunder bewirken, wenn wir uns Richtung Warschauer Straße nicht mehr anstellen müssten“, so der BVGer.
Die neue Endstation im Westen: Seit September 2023 fährt die M10 zum U-Bahnhof Turmstraße. Eine weitere Verlängerung, zum Bahnhof Jungfernheide, ist in Planung.
© Schoening/imago
Ein weiterer Problembereich sei die Baustelle im Verlauf der Petersburger Straße in Friedrichshain. Zwischen Landsberger Allee und Bersarinplatz behindern provisorische Ampeln, die mit Festzeitprogrammen laufen und die BVG nicht bevorzugen, den Betrieb. „Sie stören erheblich. Da verlieren wir zwei Minuten“, berichtet der Straßenbahner. Die BVG sei in die Planung zu spät einbezogen worden.
Auch die Warschauer Brücke in Friedrichshain sei eine Problemstelle. Dort sei eine Fahrbahnmarkierung geplant, die Konflikte mit dem Autoverkehr verringern soll. „Aber keiner weiß, wann sie kommt“, so der BVG-Mitarbeiter.
Interner BVG-Bericht: Warum die Straßenbahn in Berlin trotz Rekordzahlen immer wieder stecken bleibt
BVG muss nun noch mehr Bahnen auf der M10 einsetzen
Ein anderer Straßenbahner berichtet, dass die Bauarbeiten in der Danziger Straße am U-Bahnhof Eberswalder Straße die Lage verschärfen. „Die dortige Ampelschaltung wurde angepasst, es kommt zu Rückstau. Die Phase, in der die Straßenbahn fahren kann, ist nur noch sehr kurz“, erzählt er. Die Folge sind weitere Verspätungen.
Weil der Fahrplan im Alltag immer wieder Makulatur wird, muss die BVG ihr Einsatzkonzept zum Fahrplanwechsel im Dezember 2026 erneut anpassen. Nach Informationen der Berliner Zeitung wird die Zahl der Umläufe auf der Linie M10 nochmals erhöht – dann von 23 auf 24. Dieser Wert gibt an, wie viele Straßenbahnen im Regelfall eingesetzt werden müssen, um das mit dem Senat vereinbarte Angebot fahren zu können. Jede zusätzliche Bahn kostet die BVG zusätzliches Geld.
Noch eine Problemstelle: Die Bauarbeiten in der Danziger Straße am U-Bahnhof Eberswalder Straße halten die M10 zusätzlich auf. Immerhin: Die Bahn darf weiter fahren - bis Sonntag.
© Peter Neumann/Berliner Zeitung
Die erneute Aufstockung ist auch deshalb erforderlich, weil die Personalvertretung sonst Ärger macht. Sie achtet darauf, dass der Fahrplan zur alltäglichen Realität auf der Strecke passt. Dienstpläne, die nicht fahrbar sind, werden abgelehnt.
BVG-Nutzer erleben immer wieder, dass die M10 dem Plan hinterher fährt. So zeigt die Fahrplanauskunft im Internet immer wieder rote Zahlen: +5, +8, manchmal auch zweistellige Verspätungsminuten.
Desaströse Bilanz für Berlin: Ausbau der Straßenbahn geht nicht voran
Bauarbeiten auf der M10: Fahrgäste müssen Bus fahren
Doch vom 2. November 2026 an gibt es erst einmal Bauarbeiten. Eine Woche lang werden zwischen Turm- und Kniprodestraße alle Bahnen durch Busse ersetzt. Vom 9. November bis zum Betriebsbeginn am 21. Dezember 2026 erstreckt sich die M10-Sperrung auf den Abschnitt zwischen Turmstraße und Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark.
Immerhin: Dem Vernehmen nach wird während der Sperrpause unter anderem auch die Langsamfahrstelle am Nordbahnhof beseitigt. Doch für die Fahrgäste werden die sieben Wochen beschwerlich.
Denn der Schienenersatzverkehr (SEV) mit Bussen beginnt im Westen jeweils erst am U-Bahnhof Naturkundemuseum. Wer also ab dem 9. November vom Hauptbahnhof zum wichtigen Knotenpunkt Eberswalder Straße möchte, müsste auf der Route zweimal umsteigen.
„Fahrgäste auf dieser Relation haben keine sinnvollen Ausweichmöglichkeiten, da M1 und 12 auch nicht fahren und es entweder keinen SEV gibt oder hunderte Meter Umsteigewege zurückgelegt werden müssen“, ärgert sich ein Anwohner. Damit nicht genug. Abends werde auch die U2 nach Pankow unterbrochen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]