Miriam Yung Min Stein kam in Südkorea zur Welt und wuchs in einer deutschen Familie als Adoptivkind auf. Sie hat mit Christoph Schlingensief und Rimini Protokoll Theater gemacht, ist eine profilierte Kulturjournalistin und Autorin.
Mit dem Bestseller „Die gereizte Frau“ holte sie 2022 die Wechseljahre aus der Tabuzone und machte sie zur gesellschaftlichen Debatte. In ihrem neuen Buch „Die unverschämte Frau“ wagt sie den Versuch, die vielen Schamerzählungen, die ihr eigenes Leben und das vieler Frauen unnötig verdüstern, zu entlarven und sich von ihnen zu lösen.
Wir haben mit Miriam Stein über ihre Wahlheimat Berlin gesprochen und darüber, wofür sie sich hier manchmal schämt.
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1. Frau Stein, Sie wurden 1977 in Südkorea geboren. Wann und warum hat Ihr Weg Sie nach Deutschland und schließlich nach Berlin geführt?
Ich wurde im Juli 1977 vermutlich an einer Straßenecke in der südkoreanischen Stadt Daegu gefunden, in ein Kinderheim gebracht und im November 1977 nach Osnabrück adoptiert. Dort habe ich gelebt, bis ich etwa sechzehn Jahre alt war, und habe dann ein paar Jahre in Washington, D.C., New York und in London gelebt. 2001 bin ich nach Berlin gezogen und geblieben.
2. Wie war Ihr erster Eindruck von Berlin, auch im Vergleich zu anderen, viel größeren Städten?
Berlin ist auf mal mehr, mal weniger angenehme Weise provinzieller als andere internationale Großstädte. Angenehm, weil wir hier wirklich weniger profitorientiert denken als in anderen Metropolen. Andererseits stelle ich fest, dass Berliner nicht besonders offen gegenüber Neuem sind. Eine Großstadt befindet sich jedoch ständig im Wandel. Als Einwohnerin muss ich diese Veränderungen auch aushalten – selbst, wenn sie nicht meinem eigenen Geschmack oder der persönlichen Lebensplanung entsprechen.
3. In welchen Berliner Stadtteilen haben Sie schon gewohnt und wo sind Sie schließlich gelandet und geblieben?
Ich habe fünf Jahre im Prenzlauer Berg und zehn Jahre in Mitte gelebt. Seit 2016 wohne ich in Schöneberg. Der Umzug nach West-Berlin erforderte zunächst eine große Umstellung, besonders weil mein Herz über viele Jahre eng mit der Choriner Straße, der Fehrbelliner Straße und dem Teutoburger Platz verbunden war.
Jeden Tag bin ich diese Straßen entlangspaziert, und anfangs fiel es mir schwer, dieses Viertel nicht mehr jeden Tag zu sehen. Mit Abstand betrachtet hat es mir gut getan zu erkennen, dass ich auch andere Orte in Berlin für mich gewinnen kann.
Zur Person
4. Sie haben früher auch mit Christoph Schlingensief Theater gemacht. Was meinen Sie, würde er wohl heute zur Berliner Theaterlandschaft und zum Volksbad an der Volksbühne sagen?
Ich finde es schwer, darüber zu spekulieren. Ich habe 2003/2004 mit ihm gearbeitet, das ist lange her. Grundsätzlich mochte er immersive, interaktive Arbeiten. Deswegen könnte ich mir schon vorstellen, dass es ihm gefallen hätte. Vielleicht hätte er es mit Farbe gefüllt. Oder mit Schlagsahne.
5. Über Berlin wird in den sozialen Medien viel geschimpft, die Stadt sei zu voll, zu laut, zu aggressiv. Wie sehen Sie das? Und wann haben Sie zuletzt über einen Umzug nachgedacht?
Ich denke ungelogen alle zwei Wochen über einen Umzug nach und stelle am Ende meiner Überlegungen immer wieder fest, dass ich Berlin dennoch als meine (Wahl-)Heimat empfinde. In der Heimat erträgt man auch weniger euphorische Zeiten, oder? Kein Ort kann immer inspirierend und aufregend sein.
6. Was nervt Sie persönlich in Berlin besonders – und was heitert Sie wieder auf?
Ich habe gerade ein Buch über Scham geschrieben, welche Scham ich im Miteinander brauche und welche mich klein hält. Manchmal schäme ich mich als Langzeitberlinerin für den Müll in der Stadt, für unser häufiges Gemecker; das gelegentlich richtig biestige Grundrauschen finde ich, um die olle Phrase wieder rauszuholen, ziemlich arm und null sexy.
Andererseits bin ich sehr stolz darauf, dass Kultur an kaum einem anderen Ort so aktiv gelebt wird wie von den Berlinerinnen und Berlinern. Die Begeisterung, mit der das Gallery Weekend, die Berlinale oder auch das Literaturfestival aufgenommen werden, ist einzigartig.
7. Welcher ist Ihr Lieblingsort in Berlin?
Das mag ein bisschen abgekapselt klingen, aber: Es ist mein Balkon.
8. Ihre persönliche No-Go-Area?
Ich habe keine No-Go-Areas. In Berlin durfte ich von Lichtenberg bis Tempelhof, von Köpenick, Wedding bis Pankow auf Veranstaltungen lesen und habe überall wunderbar engagierte und interessierte Berlinerinnen und Berliner kennengelernt.
9. Ein Abend mit Freunden: In welchem Restaurant wird reserviert?
Im koreanischen Restaurant Gokan in Schöneberg.
10. Einkaufen in der Stadt: In welchem Laden kennt Ihre Kreditkarte kein Limit?
Dussmann und das K-Beauty House auf der Friedrichstraße. Ich meide beide Orte aus reinem Selbstschutz.
11. Der beste Stadtteil Berlins? Und der schlimmste?
Eine meiner besten Freundinnen wohnt in Friedrichshain. Ich besuche sie dort und mag den Omu-Rice im japanischen Diner Yume unheimlich gern, aber selbst wohnen möchte ich dort eher nicht. Ich mag den Stadtteil am meisten, in dem ich gerade wohne. Seit zehn Jahren ist das Schöneberg. Fast jeden Samstag gehe ich zum Winterfeldtplatz auf den Markt und unterhalte mich mit den Marktleuten über Fisch, Kimchi und Obst. Für mich ist das auch ein Stück Zuhause.
In Friedenau habe ich eine hervorragende chinesische Ärztin, ich schätze die Auswahl an frischen Doenjang- und Misopasten in der Go-Asia-Filiale auf der Hauptstraße sowie den veganen Orangenkuchen in der Bäckerei Gorilla am Euref-Campus. Diese verschiedenen Facetten von Schöneberg bilden zusammen die Puzzleteile meines Alltags.
12. Wenn Sie ein Buch über Berlin schreiben würden – was wäre der Titel?
Das ist halt der Berlin-Style. (Was den ausmacht, habe ich in 25 Jahren nicht herausfinden können.)
13. Wer sollte unbedingt mal ein Buch über Berlin schreiben – und warum?
Mein 17-jähriger Sohn und seine Freundinnen und Freunde. Die sind mit Herz und Seele Berlinerinnen und Berliner, leben aber anscheinend in einer ganz anderen Stadt als ich. Wenn ich die Stadt mit seinen Augen sehe, stelle ich fest: Berlin wird auch in Zukunft aufregend bleiben.
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