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Unter dem Künstlernamen Betterov hat sich Manuel Bittorf in den vergangenen Jahren einen Ruf als einer der besten Songwriter des Landes erworben und damit „Große Kunst“ erschaffen – so zumindest der Titel seines aktuellen Albums. Nun hat der 32-Jährige sein offenbar vielfältiges Talent genutzt, um ein Buch zu schreiben: „Goldener Retriever“, so der Name seines Debütromans, erschienen Anfang Oktober.
Herr Betterov, warum ein Buch?
Mir ging es nicht darum, auf Teufel komm raus ein Buch zu schreiben, aber ich hatte eine Idee, bei der sich das einfach angeboten hat. Davon abgesehen: Songs sind ja immer schnell fertig, da ist die Anzahl der Wörter sehr begrenzt. Ich fand es daher schön, mal etwas mehr Platz zu haben, meine Idee zu Papier zu bringen.
Was genau war die Idee?
Der Auslöser war ein solches Plakat, wie es meine Hauptfigur Max im Buch entdeckt: Mit einem verschwundenen Hund, für den 5.000 Euro Finderlohn ausgesetzt waren. Alles andere ist danach dazugekommen: Dass es eine Erzählung gibt über diesen Berliner Bezirk; der Kontrast zwischen den beiden Freunden, die mit ihrer Ost-Sozialisation in eine Reichengegend nach Westberlin ziehen; die Krankheitsgeschichte der Mutter und das damit einhergehende Abrutschen in Armut.
Als Sie dieses Plakat gesehen haben, ging bei Ihnen also direkt das Kopfkino an.
Ja – mich hat das lange beschäftigt. Ich weiß noch, wie ich dachte: „5000 Euro Finderlohn ausrufen – das muss man auch erst mal können.“ Dieses Plakat hat so unfassbar viel erzählt über diese Gegend und die Menschen dort, die scheinbar gar keine Preise mehr kennen. Die zumindest vermutlich gar nicht mehr wissen, wie Geld geht; was Dinge kosten, weil die sich damit wahrscheinlich schon seit Generationen nicht mehr beschäftigt haben. Was ich im Laufe der Recherche zum Buch herausgefunden habe, ist, dass viele Reiche sich ganz viel Mühe geben, im Umgang mit Geld normal zu sein – vor allem, wenn sie es geerbt haben. Aber die wissen oft gar nicht: Wie machen das eigentlich andere Leute? Dieses Setting fand ich spannend für so eine Geschichte.
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Ich gehe mal davon aus, dass Sie als Künstler mit offenen Augen durch die Welt gehen und den Automatismus entwickelt haben, auf Dingen, die Sie spannend finden und die Sie inspirieren, in Form von potenziellen Songs herumzudenken. War Ihnen in diesem Fall direkt klar, dass es kein Song werden würde?
Ja. Die Länge der Erzählung wäre auf Songlänge gar nicht verhandelbar gewesen. Aber klar, einen solchen Automatismus habe ich. Den konnte ich aber problemlos auch für das Buch nutzen.
Viele Debütromane von Musikern weisen autobiografische Züge auf – das scheint in Teilen auch bei Ihnen der Fall zu sein. Gleichzeitig wirkt das Buch angenehm weit weg von Ihnen. War Ihnen das wichtig oder Zufall?
Ich hatte einen riesigen Spaß daran, mir das alles auszudenken, und finde es toll, dass es so fiktiv und eben nicht autobiografisch ist – um es am Ende auch eskalieren zu lassen. Dadurch hatte ich erzählerisch viel mehr Möglichkeiten. Hinzu kommt: Ich habe auf meinem letzten Album viel Autobiografisches verarbeitet, sodass es total schön war, im Buch nun eine fiktive Geschichte zu erzählen.
Zur Person
Schon als Jugendlicher begeisterte er sich für Musik, besonders für Bruce Springsteen und Nirvana. Nach einer abgebrochenen Ausbildung zum Industriemechaniker zog er 2015 nach Berlin, wo er zunächst Schauspiel studierte. Heute lebt er als Musiker und Autor in der Hauptstadt. Seine Songs handeln von Herkunft, Selbstzweifeln und dem Gefühl, zwischen Heimat und Neuanfang zu stehen.
Inwiefern hat sich das Schreiben des Buches vom Schreiben von Song-Lyrics konkret unterschieden?
Das Medium Buch will etwas ganz anderes von einem als ein Song. Ein Buch braucht Figuren, Orte, eine aufeinander aufbauende Handlung mit Figuren, die sich entwickeln, die man kennenlernt; man braucht eine Form von Spannungsbogen, einen Höhepunkt und ein Ende. Das ist in Songs alles nicht so. Man braucht nicht unbedingt eine Figur, und wenn, dann sind es selten mehr als eine oder zwei – wie in einem typischen Breakup-Song. Ein Lied braucht auch keinen riesigen Überbau, oft sind es starke Momentaufnahmen. Wenn man die Musik weglassen würde, handelt es sich bei Songs auf eine Art um Gedichte. Das ist Poesie, es geht nicht selten um Reime. Bei einem Buch erzählt man hingegen über einen langen Zeitraum eine Geschichte.
Sie haben bei einem Buch gerade von der Wichtigkeit von Figuren und Orten gesprochen. Beides sind auch wichtige Komponenten in Ihren Songs.
Ja, das stimmt. Aber in Songs können Figuren nur sehr rudimentär charakterisiert werden.
Haben Sie es denn als befreiend empfunden, beim Schreiben des Buches nun mehr als nur eine DIN-A4-Seite Platz zu haben? Oder war das eher einschüchternd?
Das ist ein Großprojekt, und jedes Großprojekt kann einem Angst machen – egal, ob man einen Marathon laufen will, eine Doktorarbeit in Angriff nimmt oder ein Buch schreibt. Man muss einfach anfangen. Das kenne ich aus der Musik bereits, wenn ich mit einem neuen Album beginne. Wichtig dabei ist, dass man eine positive Sprache mit sich selbst entwickelt. Es hilft in künstlerischen Prozessen, nicht zu hart zu sich zu sein, weil man sich sonst blockiert.
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Ich habe Ihr Buch gelesen und mich nach ungefähr der Hälfte gefragt, warum es eigentlich „Goldener Retriever“ heißt – denn bis dato kam kein einziger Hund vor. Der taucht erstmals auf Seite 121 auf, spielt meiner Ansicht nach aber eine eher untergeordnete Rolle. Warum haben Sie sich für diesen Titel entschieden?
Das war der erste, der mir in den Sinn kam. Ich mochte das Wortspiel, dass man den Hund vergoldet im Sinne einer Einnahmequelle – das war der Hintergrund. Und ich mag den Umstand, dass man den Titel zu Beginn des Buches gar nicht so richtig zuordnen kann.
Warum ist auf dem Buchcover denn kein Golden Retriever, sondern ein Weimaraner abgebildet?
Ein Golden Retriever wäre mir zu naheliegend und langweilig gewesen. Ich mag es immer, eine Merkwürdigkeit zu erzeugen. Außerdem hätte man am Ende vielleicht gedacht, ich hätte einen Ratgeber geschrieben – das wollte ich vermeiden.
Was sich meiner Ansicht nach stets durch Ihre Kunst zieht, sind Themen wie Heimat und Standortbestimmung. Warum ist das offenbar ein so wichtiges oder zumindest künstlerisch ertragreiches Thema für Sie?
Das hat mich immer schon beschäftigt – und dann schreibt man auch darüber. Ich finde es faszinierend, wie sich Zeitgeschichte niederschlägt, was das für eine Bedeutung hat, was daraus resultiert. Auch andere Künstler aus dem Osten wie Hendrik Bolz und Don Pablo Mulemba haben das als Thema – weil es einfach sehr ergiebig ist.
Betterov während eines Podcast-Interviews bei der dpa
© Sören Stache/dpa
Also ist die Auseinandersetzung mit Heimat gerade für ostdeutsche Künstler spannend? Sie selbst sind ja 1994 geboren, die DDR als solche haben Sie gar nicht mehr mitbekommen.
Das ist sicher unterschiedlich. Aber für mich als Nachwendekind haben die Überbleibsel aus der DDR-Zeit definitiv eine Rolle gespielt und mein Leben, mein Denken und meine Entscheidungen beeinflusst. Erst als ich nach Berlin gezogen bin, wo sehr viele Menschen aus den unterschiedlichsten Teilen Deutschlands und der Welt zusammenwohnen, ist mir bewusst geworden, dass die DDR-Zeit für sie gar keine Rolle spielt. Das hatte auf deren Leben keinen Einfluss – das habe ich als deutlichen Unterschied zu mir wahrgenommen, obwohl ich ja selbst in der Bundesrepublik Deutschland geboren wurde und mich selbst nie als Ostdeutscher identifiziert habe. Aber mein Aufwachsen war ein anderes als das von Menschen aus den alten Bundesländern. Das hat mich sehr beschäftigt.
Sie sind in der thüringischen Provinz aufgewachsen, mit 16 dann nach Eisenach gezogen und vor zehn Jahren nach Berlin. Sie sind jetzt 32 Jahre alt, leben nun also genauso lange außerhalb Ihrer Heimat, wie Sie in ihr gelebt haben. Inwiefern haben Sie diese beiden „geteilten Leben“ geprägt?
Das ist nur schwer zu beantworten, zumal ich in meinem Dorf die meiste Zeit Kind war und mein Leben dort nicht groß hinterfragt habe. Ich hatte eine ganz fantastische Kindheit, bin nach der Schule immer sofort auf den Sportplatz gefahren, habe jeden Tag mit meinen Freunden Fußball gespielt und bin dann um 18 Uhr wieder nach Hause gefahren. Viel mehr gab es für mich damals nicht. Als Kind ist man ja sehr im Moment. Zukunft und Vergangenheit spielen keine große Rolle. Als Jugendlicher habe ich wiederum viel Zeit draußen und in der Natur verbracht. Irgendwann hatte ich eine Schwalbe, sodass ich dann viele Tage in der Garage daran rumgeschraubt habe, wenn ich nicht mit ihr durchs Dorf gedüst bin. Aber irgendwann habe ich gemerkt: Die Dinge, die ich gerne machen würde, kann ich dort nicht machen: Musik, schreiben – deswegen bin ich dann nach Berlin gezogen.
Sie wurden mal als jemand bezeichnet, der es geschafft hat, die von vielen empfundene Großstadtleere in tolle Songs und Bilder zu gießen. Nach zehn Jahren Berlin: Empfinden Sie die noch, diese Großstadtleere?
Leere ist ein starkes Wort in Bezug auf eine Großstadt, aber ja: Man muss schon wissen, wie man in einer Stadt wie Berlin lebt. Das muss man lernen und Strategien entwickeln, um gut durchzukommen. Es hilft, wenn man weiß, was einem guttut.
Womit hatten Sie in Berlin am Anfang die meisten Schwierigkeiten?
Mit den Distanzen. Selbst wenn jemand im angrenzenden Bezirk wohnt, brauchen Sie manchmal 45 Minuten dorthin. Einige gute Freunde wohnen eine Stunde von mir entfernt. So etwas war ich nicht gewohnt. Auf dem Dorf käme man da nie auf die Idee, sich spontan mit Freunden zu treffen, die so weit weg wohnen. Da bist du ja schneller von Essen nach Dortmund.
Mit ihm kann sich Betterov identifizieren: Bruce Springsteen bei einem Konzert in St. Paul, Minnesota
© Jerry Holt/Imago
Man trifft auch zufällig kaum jemanden, den man kennt, auf der Straße, oder?
Genau! Deshalb habe ich mir angewöhnt: Sobald ich in Berlin durch Zufall einen Freund auf der Straße treffe, unterbreche ich sofort alles, was ich gerade vorhabe, und gehe mit ihm einen Kaffee trinken – weil es so selten vorkommt. Zuletzt ist mir das mit Francesco Wilking von Die Höchste Eisenbahn passiert.
Haben Sie in Ihrem Kiez einen Späti, einen Imbiss und so etwas, wo Sie mittlerweile schon per Handschlag begrüßt werden?
Nein, aber das geht in manchen Bezirken auch deutlich leichter. Ich hatte mein Studio mal in Kreuzberg am Schlesi und bin da mal in einen Falafelladen gegangen, in dem ich vorher noch nie war. Ich konnte dort nicht mit Karte zahlen, hatte kein Bargeld dabei und meinte, ich würde mal schnell zur Bank gehen und gleich wiederkommen. Der Mitarbeiter bot mir an, dass ich auch anschreiben lassen könne, was ich verrückt fand – der kannte mich ja gar nicht! Aber total cool natürlich, wenn einem so viel Vertrauen entgegengebracht wird. In anderen Bezirken würde einem das nicht passieren.
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Sie haben am Theater gearbeitet und Schauspiel studiert – letztlich aber abgebrochen. Sie sind nun erfolgreicher Musiker, nun auch noch Romanautor. Was kommt als Nächstes?
Ich schreibe auf jeden Fall noch ein Buch. Es kommt aber auch neue Musik. Und es tut sich auch was im Bewegtbild, wozu ich gerade aber noch nichts sagen darf.
Was mir bei der Recherche aufgefallen ist: Auf Ihrer Wikipedia-Seite ist der erste richtige Satz zu Ihrer Person: „Seit seiner Kindheit ist Betterov großer Fan von Bruce Springsteen.“ Das erweckt den Eindruck, dass Springsteen wirklich immens wichtig für Sie war und ist. Stimmt das?
Er ist mir nicht so wichtig, dass das die erste Info über mich sein muss. Aber er ist schon eine wichtige Figur für mich und jemand, mit dem ich mich früh identifizieren konnte. Der kommt ja auch aus einer Arbeitergegend. Er selbst hatte aber einen anderen Traum, den er rigoros verfolgt hat und der für ihn Wirklichkeit geworden ist. Er hat zudem ganz unkonventionelle Songs geschrieben – oft Erzählungen des amerikanischen Alltagslebens, die für den Rest der Welt gar nicht richtig greifbar sein dürften, es aber trotzdem sind. Weil er sie einfach so toll erzählt hat. Das fand ich immer schon beeindruckend.
Als dessen großer Albumklassiker gilt „Nebraska“, auf dem Springsteen von der dunklen Seite des amerikanischen Traums erzählt. Würden Sie sagen, dass „Große Kunst“ so etwas wie Ihr „Nebraska“ ist mit seiner Hoffnungssuche, der Verlorenheit, der verhandelten Tristesse?
Ja, schon. Alles, was ich darin verhandle, sind ja die Themen, auf denen alles aufbaut. Schon mein Künstlername ist ja so ausgewählt, dass es um eine Ostthematik geht. Und das ist genau das Album, das ich immer machen wollte mit Themen, die richtig in mir gebrannt haben. Und so ging es Bruce Springsteen mit „Nebraska“ auch. Insofern kann man das schon vergleichen.
Daniel Schieferdecker arbeitet als freier Autor für verschiedene Medien wie Zeit Online, Esquire und den Rolling Stone. Er war außerdem drei Jahre lang Chefredakteur von Europas größtem HipHop-Magazin Juice und hat zwei Bücher geschrieben: das chinesische Reisekochbuch „Forever Yang“ und die autorisierte Biografie des Rappers RAF Camora.
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