Nachlass

Sie malte bis zuletzt: Bleibt Annemirl Bauers Kunst für Berliner Museen ein blinder Fleck?

Wie es aussieht, geht das in der DDR ignorierte Lebenswerk der Ostberlinerin nun an die Brandenburgischen Kunstsammlungen. Zeit wird's.

3 Min
   Annemirl Bauer um 1966

Annemirl Bauer um 1966

© CC BY-SA 4.0/Amrei Bauer

Wieviel Zeit muss vergehen, ehe Kunst im übersatten Kunstbetrieb eine Chance hat ohne Lobby? Das heißt, ohne Galeristen, Biennale-Kuratoren, Hymnenschreiber und Preisjurys auskommen muss?

Annemirl Bauer, Malerin in Ostberlin, mit 49 Jahren an Krebs gestorben kurz vor dem Mauerfall 1989, hatte nie eine solche Zuwendung. Sie widersetzte sich dem System, verweigerte Botmäßigkeit und Anpassung. Der erst genervte, dann verhärtete DDR-Künstlerverband „sonderte“ sie aus, wegen ihrer Bilder und mehr noch wegen ihrer regimekritischen Worte. Sie wagte Kritik am System, an fehlender Reise- und Redefreiheit und an der Macht alter Männer, die Kunst nur ideologisch benutzten.

Was ihr in die Finger kam, wurde zum Bildträger

Sie hatte damit für die allmächtigen Funktionäre, die Apologeten des sozialistischen Realismus und die Argusaugen und gespitzten Ohren der Observierer alle Rechte verwirkt, im Lande von ihrer Kunst leben zu können. Aber sie wollte partout nicht in den Westen gehen, wie so viele andere, mürbe gewordenen Künstler. Sie malte bis zuletzt, bis ihr die Kräfte ausgingen, stopfte ihr Sommerhäuschen in Mühlenfließ, Potsdam-Mittelmark, voll mit den Bildern, die Butterseiten zur Wand, stapelte die Grafiken. Nur Vertraute und einige wenige mutige Museumsleute sammelten etwas von diesen 16.000 Arbeiten.

Reisehighlights

Mehr
Annemirl Bauer für ihre  in der DDR verfemte Malerfreundin, die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley: „Eingeschlossene“,  undatiert

Annemirl Bauer für ihre  in der DDR verfemte Malerfreundin, die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley: „Eingeschlossene“,  undatiert

© VG Bildkunst Bonn 2026/Annemirl Bauer

Seit September ist all das, was Bauers Tochter Amrei hütet und bewahrt, im Potsdamer Kunsthaus MINSK ausgebreitet. Es widmet sich seit Eröffnung 2022 vornehmlich der Kunst aus dem Osten. Undenkbar wäre diese Ausstellung zu Lebzeiten der Malerin gewesen. Jetzt drängt, ruft, nervt und mahnt ihre Bildsprache herunter von Leinwänden, Holztafeln, Fensterscheiben. Was ihr in die Finger kam, wurde zum Bildträger für Welt-Interpretation, Kritik, Aufbegehren gegen die Männermacht, auch in der DDR. Sie malte virtuos sinnliche, auch wütende Motive zu starren Rollenbildern, erstarrter Politik, Unfreiheit und Umweltzerstörung.

Diese Ignoranz ist nun endlich (fatale) Geschichte

Mittlerweile zeigt auch die kommunale Berliner Galerie im Turm im Kontext der ifa-Ausstellung von Kunst der DDR Bauers Bilder und Texte, zusammen mit denen der 1988 inhaftierten und nach England ausgewiesenen Malerfreundin und Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley, die auch nicht mehr lebt.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Es war George Bernard Shaw, der schrieb, das größte Vergehen an einem Kunstwerk sei nicht, es zu hassen, sondern es mit Gleichgültigkeit zu strafen. Diese Ignoranz ist nun endlich (fatale) Geschichte in über drei Jahrzehnten der deutschen Einheit. Das Kulturministerium des Landes Brandenburg will, wie am Dienstag mitgeteilt, mit dem Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus und Frankfurt (Oder) ausloten, wie der Nachlass Annemirl Bauers übernommen und öffentlich zugänglich gemacht werden kann. Ein Anliegen, das bislang in Berlins staatlichen wie städtischen Museen noch nie in Betracht gezogen wurde.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner