BERLIN, 4. April. Die Ärzteschaft hat die Bundesregierung vor einem Personalkollaps im Gesundheitswesen gewarnt. Die medizinische Versorgung drohe "in einen Versorgungsnotstand zu geraten", schrieb Bundesärztekammer-Präsident Jörg-Dietrich Hoppe in einem am Donnerstag veröffentlichten "Brandbrief" an Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). Die wachsende Zahl älterer Menschen sowie die Möglichkeiten des medizinischen Fortschritts stünden im "krassen Gegensatz zu den erodierenden Finanzgrundlagen der gesetzlichen Krankenversicherung".Hoppe warf der Gesundheitsministerin vor, die Ärzte als "technokratische Erfüllungsgehilfen einer dogmatisierten Leitlinienmedizin degradieren und die Patienten zu einer Norm- und Kostengröße reduzieren zu wollen". Die zunehmende Reglementierung im Gesundheitswesen, der enorme Wettbewerbsdruck und teilweise "menschenunwürdige Arbeitsbedingungen" schreckten potentiellen Nachwuchs ab. Schon jetzt zeichneten sich akute Personalprobleme in der Ärzteschaft wie auch bei den Pflegeberufen ab. Hoppe forderte, diese Berufe attraktiver zu machen. Andernfalls drohe "der Personalkollaps in der medizinischen Versorgung".Nach Ansicht von Hoppe verkomme die Gesundheitspolitik zum Selbstzweck. Längst stünden die Patienten nicht mehr im Mittelpunkt. Die Politiker ließen sich von "parlamentarisch nicht legitimierten Expertokraten den Weg in die staatliche Reglementierung der Gesundheitsberufe und in die gnadenlose Durchökonomisierung der Krankenversicherung weisen".Unterdessen haben SPD-nahe Wissenschaftler ihre Zuarbeit für das SPD-Wahlprogramm abgeschlossen. In einem Papier, das in der kommenden Woche offiziell vorgestellt werden soll, aber in den Grundzügen schon Anfang Dezember vorlag, fordern sie eine Einschränkung der Macht der Ärzte. Dagegen sollen die Krankenkassen mehr Einfluss bekommen. So wird verlangt, dass die Kassen die Verantwortung für die Sicherstellung einer ausreichenden medizinischen Versorgung übernehmen sollen.Ebenso wie Schmidt lehnten die mehr als ein Dutzend Wissenschaftler eine Aufteilung des Kassenangebots in Grund- und Wahlleistungen ab. Zugleich regten sie an, dass künftig Miet- und Zinseinnahmen bei der Berechnung der Kassenbeiträge einbezogen werden.Nachwuchssorgen // Viele Mediziner sorgen sich um mangelnden Nachwuchs. Etwa 2 400 der jährlich rund 12 000 neuen Medizinstudenten brechen ihr Studium nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin ab. Die Zahl der Approbationen und der Ärzte im Praktikum sei seit 1994 um ein Viertel gesunken. Ein großer Teil des Nachwuchses wandere in fachfremde Berufe oder ins Ausland ab.Die Zahl der offenen Arztstellen nimmt zu. An deutschen Kliniken fehlen bereits rund 2 000 Ärzte.
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