Mit fünf Abgeordneten ist das BSW erstmals im Landtag von Sachsen-Anhalt vertreten. Eine von ihnen ist Margitta Kriebel aus Colbitz. Nach mehr als 40 Jahren im öffentlichen Dienst hat die frühere Ministeriumsmitarbeiterin den Schritt in die Politik gewagt.
Im Interview spricht sie über ihren Weg zum BSW, ihre ersten Erfahrungen im Parlament und ihre Sicht auf die langjährige CDU-Regierung. Auch die mögliche Wahl von Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten, ihre Erfahrungen während der Wiedervereinigung und die Zukunft des ländlichen Raums kommen zur Sprache.
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Frau Kriebel, vor ein paar Wochen dürfte Sie in Sachsen-Anhalt kaum jemand gekannt haben. Jetzt sitzen Sie im Landtag. Wie fühlt sich das an?
Ich bin froh, dass wir es in den Landtag geschafft haben. Genau das war das Ziel, und jetzt können wir hier im Land etwas verändern.
Wie haben Sie die erste Sitzung erlebt?
Mit Herzklopfen. Erst im Plenarsaal wurde es real. Als Fraktion sind wir allerdings noch nicht zu hundert Prozent arbeitsfähig. Wir haben noch keine Büros, uns fehlt noch die Kommunikationsausstattung. Wegen der Baustellen im Landtag habe ich Verständnis für die Landtagsverwaltung. Aber dass sich ausgeschiedene Abgeordnete so viel Zeit nehmen, ihre Büros zu räumen, kann ich nicht nachvollziehen.
Wie gehen die Abgeordneten miteinander um?
Ich erlebe Unterschiedliches. Es gibt freundliche Kollegen, die Grüße erwidern, aber auch einzelne Personen, welche ich immer wieder grüße, die aber wegschauen.
Und was macht Ihnen an Ihrer neuen Aufgabe bislang am meisten Freude?
Dass man endlich Politik für die Menschen im Land machen kann. Der Umgang mit der Presse ist auch eine neue Lebenserfahrung. Ich nehme eine hohe Erwartungshaltung wahr. Wir werden alles tun, dem gerecht zu werden.
Zur Person
Kriebel lebt in Colbitz (Landkreis Börde), ist verheiratet und hat ein Kind. Seit Dezember 2024 ist sie Mitglied des BSW. Bei der Landtagswahl 2026 zog sie über Listenplatz drei ins Parlament ein. In ihrer Freizeit fährt sie Fahrrad, geht auf die Jagd und kümmert sich um ihren Garten.
Wann haben Sie erstmals darüber nachgedacht, in die Politik zu gehen?
Ich bin ein DDR-Kind und mit der weißen Friedenstaube groß geworden. Wir hatten die deutsch-sowjetische Freundschaft. Das hat mich geprägt. Mich hat der Überfall auf die Ukraine sehr mitgenommen, denn kein Land hat das Recht, ein anderes zu überfallen. Dann habe ich Sahra Wagenknecht im Fernsehen gesehen. Sie ist den Altparteien entgegengetreten, da sie die Waffen sprechen lassen, und wollte einen neuen Weg beschreiten, den Krieg beenden durch Diplomatie. Das hat mich beeindruckt. Ich habe mich als Unterstützerin beim BSW angemeldet und dann einen Mitgliedsantrag gestellt. Ich hätte nie gedacht, dass ich noch mal in eine Partei eintrete.
Vor der Landtagswahl deuteten die Umfragen an, dass es knapp wird. Was ging Ihnen am Wahlabend durch den Kopf?
Bei fünf Prozent war ich noch skeptisch. Wenn das auf 4,9 runtergeht, haben wir dieselbe Situation wie zur Bundestagswahl. Als es dann bei 5,3 Prozent stand, konnte ich es erst gar nicht glauben. Da haben wir uns alle sehr gefreut.
Wie haben Ihre Kollegen im Ministerium auf Ihre Kandidatur reagiert?
Ich habe es nur wenigen erzählt. Aber die Gerüchteküche funktioniert ja doch. Einige haben mich angesprochen, aber immer nur unter vier Augen. Es sollte nicht erkennbar sein, dass sie für das BSW sind.
Haben Sie nach dem Wahlerfolg noch einmal überlegt, ob Sie das Mandat annehmen?
Nein, die Linie war klar. Ich bin sehr froh, meine praktischen Erfahrungen aus den Jahren im Ministerium jetzt in die Politik einbringen zu können.
Wie Kriebel auf die CDU-Regierung zurückblickt
Wie blicken Sie auf die CDU nach den vielen Jahren an der Regierung?
Die haben schon selbstgefällig regiert.
Haben Sie mit Ihrem früheren Minister Sven Schulze schon gesprochen?
Gesprochen habe ich nicht mit ihm, aber er hat mich an der Wahlkabine begrüßt. Ich glaube, ihm war schon bekannt, dass ich jetzt auch Abgeordnete bin.
Wie haben Sie die lautstarken Debatten im Landtag zu Ihrem Friedensantrag erlebt?
Ich hätte mir gewünscht, dass der Landtagspräsident ein bisschen mehr zur Ordnung aufruft. Teilweise hat man gar nicht mehr verstanden, was Claudia Wittig gesagt hat. Sie hat uns allen aus dem Herzen gesprochen.
Wie Kriebel auf die Grünen und Ulrich Siegmund blickt
Das BSW hat sich vorgenommen, mit allen zu sprechen. Aber mit welcher Fraktion können Sie sich am wenigsten eine Zusammenarbeit vorstellen?
Wie es aussieht, mit den Grünen.
Können Sie denn etwas Nettes über die Fraktionsvorsitzende Susan Sziborra-Seidlitz sagen?
Ich kenne sie noch nicht weiter.
Glauben Sie, dass Ulrich Siegmund Ministerpräsident wird?
In zwei Monaten kann viel passieren. Wir sind nach wie vor für einen überparteilichen Ministerpräsidenten, der die Spaltung im Land überwinden könnte.
Welche Rolle spielt die Friedenspolitik heute für Sie als Landespolitikerin?
Wir sind die Friedenspartei, auch in Magdeburg. Die Aufrüstungspolitik von Kriegsminister Boris Pistorius ist entsetzlich.
Sie haben den Aufbau der Landesverwaltung nach der Wiedervereinigung miterlebt. Wie war das?
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Ich war gerade mit dem Studium fertig und hatte meine Stelle im staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb sicher. Dann wurde die Landesverwaltung aufgebaut. Viele westdeutsche Beamte aus Niedersachsen haben die Führung übernommen und sich wichtige Posten gesichert. Viele Vorschriften wurden fast eins zu eins aus Niedersachsen übernommen.
War das richtig?
In der damaligen Zeit musste alles schnell gehen, aber im Nachhinein war es nicht richtig, dass Ostdeutsche so gut wie keine Chance hatten, mitzugestalten.
Wie blicken Sie auf diese Beamten zurück?
Das waren, wie sich später herausstellte, nicht immer die geeigneten Leute.
Müsste die Politik heute noch gegensteuern?
Leider ja. Nach 35 Jahren ist der Anteil ostdeutscher Führungskräfte noch zu gering.
Wir trafen Margitta Kriebel in Berlin: Dort besuchte sie den Bundesverband des BSW.
© Emmanuele Contini/Ostdeutsche Allgemeine
Was hätten Sie aus der DDR gerne übernommen?
Das Schulsystem. Ich war zehn Jahre in einem Klassenverband. Wir hatten Produktive Arbeit, waren alle 14 Tage zum Beispiel in Leuna und haben gesehen, wie die Prozesse in den Betrieben laufen. Das entdeckt man gerade wieder neu. Wir brauchen ein langes gemeinsames Lernen.
„Das Sterben der mittelständischen Betriebe muss aufhören“
Was möchten Sie als Abgeordnete konkret verändern?
Zunächst einmal entbürokratisieren, dazu muss man Gesetze ändern. Und das werden wir tun.
Welches Problem liegt Ihnen persönlich besonders am Herzen?
Das Sterben der mittelständischen Betriebe muss aufhören. Rings um meinen Wohnort melden Betriebe Insolvenz an. Colbitz hatte früher drei Fleischer, jetzt keinen mehr. Früher gab es in jedem Dorf einen Bäcker, heute sterben Apotheken, schöne Gaststätten stehen leer. Man muss sich fragen: Wie kann man energieintensive Betriebe wie Fleischer und Bäcker unterstützen? Die Maschinen müssen laufen, der Ofen muss brennen. Der ländliche Raum muss wieder attraktiver werden. Die Jugendlichen wandern nach wie vor mangels guter Angebote ab.
Was wollen Sie dagegen tun?
Die Politik muss den Mittelstand fördern, nicht mit der Gießkanne, sondern gezielt. Das BSW wird das Beratungsangebot des Landesrechnungshofes annehmen und eng mit dem Landkreistag und anderen zusammenarbeiten. Sachsen-Anhalt hat grob geschätzt 25 Milliarden Euro Schulden. Also eigentlich sind die Kassen leer. Oberstes Gebot muss sein, den Haushalt zu konsolidieren.
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Sie haben den möglichen Abbau Tausender Stellen in der Verwaltung angesprochen. Wie sehen Sie das als ehemalige Mitarbeiterin?
Ich war immer skeptisch, das Landesverwaltungsamt als Mittelbehörde abzuschaffen. Die notwendigen Aufgaben müssen erfüllt werden, danach muss sich die Struktur der Verwaltung richten. Das wird ein dickes Brett, aber wir müssen es angehen, so auch eine Forderung der Kommunen, und vor allem müssen wir die Kolleginnen und Kollegen bei diesem Prozess mitnehmen.
Was wollen Sie in fünf Jahren erreicht haben?
Dass das BSW viel deutlicher bundesweit wahrgenommen wird, für eine wirkliche Friedenspolitik. Der ländliche Raum soll wieder attraktiver für die Menschen werden, dazu gehören auch Schulen und Kindergärten. Noch immer gibt es Ortschaften, die über Radwege nicht erreichbar sind. Hier möchte ich mich einbringen.
26 Kilometer mit dem Fahrrad nach Magdeburg
Fahren Sie selbst regelmäßig mit dem Fahrrad zur Arbeit?
Ich fahre schon seit vielen Jahren mit dem Fahrrad zur Arbeit. Eine Strecke ist 26 Kilometer lang, dafür brauche ich etwa 70 Minuten. Das hat schon vor der Corona-Zeit begonnen. Mir macht Fahrradfahren Spaß, man bekommt den Kopf frei und ist auch gesund. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen das Fahrrad dem Auto vorziehen, das würde auch Ressourcen sparen.
Auch im Winter und bei schlechtem Wetter?
Im Winter schon, aber nicht bei Regen und Frost. Dann fahre ich mit dem Auto.
Wie gut sind die Radwege auf Ihrer Strecke?
Ich bin froh, dass ich einen durchgängigen Radweg habe. Wegen der Pflasterrillen in Magdeburg habe ich mir ein Fahrrad mit breiten Reifen gekauft.
Warum die BSW-Abgeordnete Kriebel auf die Jagd geht
Sie waren Vorsitzende der Jägerschaft Wolmirstedt. Wie sind Sie zur Jagd gekommen?
Ich habe seit 1994 den Jagdschein. Mein Vater war Jäger, mein Mann ist Jäger. Das macht mir Spaß. Ich bin in der Natur, mich entspannt das.
Geht es Ihnen bei der Jagd vor allem ums Schießen?
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Nein, aber es gehört dazu. Reh- und Rotwild verbeißen junge Sprösslinge und können damit verhindern, dass der Wald von selbst nachwächst. Zudem essen wir auch gerne Wildfleisch. Aber zur Jagd gehören auch die Hege des Wildes und die Pflege seiner Lebensräume. Ich habe schon viele Erlebnisse gehabt, bei denen ich nur beobachtet habe. Man sieht einen ganzen Abend eine Dachsfamilie oder Vögel, die man sonst kaum wahrnimmt. Ich sitze im Wald und genieße den Anblick.
Sie sprechen mit großer Begeisterung über die Natur. Mit den Grünen können Sie politisch trotzdem wenig anfangen?
Sicher haben die Grünen auch Absichten, die sinnvoll sind, aber manchmal sind sie eben zu überzogen und sehr teuer. Am Ende haben wir nur den einen Wald. Wir müssen die Interessen von Waldbesitzern, Wirtschaft, Naturschutz, Jagd und Tourismus vereinen.
Welche jagdpolitischen Themen nehmen Sie mit in den Landtag?
Dem Wald geht es nicht gut. Hohe Schalenwildbestände verhindern die Naturverjüngung und damit die Entwicklung klimaresilienter Wälder. Die Jäger brauchen unbürokratische Handlungsspielräume, genauso beim Wolfsmanagement.
Ist das ein Lob für die schwarz-rote Bundesregierung, die den Wolf ins Jagdrecht aufgenommen hat?
Ja, das war richtig.
Gibt es eine politische Persönlichkeit außerhalb des BSW, die Sie bewundern?
Angela Merkel und auch Gerhard Schröder waren nicht schlecht als Bundeskanzler. Politik heißt nun mal, Kompromisse zu machen. Ich war damals stolz darauf, dass mit Angela Merkel eine Frau aus dem Osten Bundeskanzlerin war. Aber sie hätte mehr daraus machen können.
Haben Sie selbst vor, einmal Ministerin zu werden oder ein anderes hohes Staatsamt zu übernehmen?
Nein.
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