Wehrdienst

„Wir wurden verarscht“: Bundeswehr-Musterung trifft schon jetzt junge Männer ohne Interesse am Wehrdienst

Die Bundeswehr mustert bereits in diesem Jahr erste 18-Jährige. Auch Männer ohne Interesse bekamen Post. Das Ministerium

4 Min
Trotz anderer Angaben der Regierung werden 18-Jährige bereits gemustert.

Trotz anderer Angaben der Regierung werden 18-Jährige bereits gemustert.

© Oliver Langel/imago

Die Bundeswehr hat bereits 2026 erste 18-jährige Männer zur Musterung geladen – Monate früher, als die Bundesregierung es angekündigt hatte. Betroffen sind auch junge Männer, die auf dem Erfassungsbogen ausdrücklich kein Interesse am Wehrdienst angegeben hatten.

In Kiel und Flensburg landeten seit Juli Musterungsbriefe in den Briefkästen von Schülern. Bereits über 1000 betroffene 18-Jährige wurden demzufolge bereits gemustert. Nach Angaben des Bündnisses „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ bestätigte das Verteidigungsministerium am 18. September, dass die Bundeswehr-Musterung bereits läuft. Für Freitag, den 25. September, ruft die Bewegung zum vierten bundesweiten Schulstreik auf.

Warum die Bundeswehr schon 2026 mustert

Nach dem Zeitplan der Bundesregierung sollten verpflichtende Musterungen erst zum 1. Juli 2027 flächendeckend beginnen – zunächst für den Geburtsjahrgang 2008.

Das Wehrdienstmodernisierungsgesetz gilt allerdings schon seit dem 1. Januar 2026. Volljährige, ab 2008 geborene Männer können demnach seit Inkrafttreten verpflichtend geladen werden.

Entscheidend ist ein Detail, auf das die Initiative verweist: Die Formulierung, dass die Musterung erst am 1. Juli 2027 startet, habe ursprünglich im Gesetzestext gestanden, sei aber zwei Tage vor der Verabschiedung gestrichen worden. Sie finde sich nur noch in der Gesetzesbegründung. Juristisch bindend ist allein der Gesetzestext – frühere Musterungen sind damit möglich.

Was das Verteidigungsministerium zur Musterung sagt

Auf Anfrage dieser Redaktion erklärte das Bundesverteidigungsministerium Anfang September, die Musterungspflicht für den Jahrgang 2008 bestehe bereits seit Inkrafttreten des Gesetzes. Die „bereits erfolgten Ladungen zur Musterung“ seien „gesetzlich legitimiert“.

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Das eigentliche Problem sei die Infrastruktur. Mit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 seien die Kreiswehrersatzämter weggefallen. Kapazitäten für einen ganzen Jahrgang stünden erst Mitte 2027 bereit. Bis dahin übernähmen die bestehenden Karrierecenter die Musterung.

Musterungsbrief trotz „Nein“ zum Wehrdienst

Golo Kirsch, 18, aus Kiel bekam eine Ladung für den 31. August 2026, 7 Uhr, ins Karrierecenter Kiel – zum Assessment und Musterung. Der Brief liegt dieser Redaktion vor. Interesse an der Bundeswehr hatte er nie angegeben.

Er ist kein Einzelfall. Nach Angaben des Schulstreik-Bündnisses erhielten über 1000 junge Männer eine Ladung, die im Fragebogen 0 von 10 Punkten beim Interesse am Wehrdienst angekreuzt hatten.

Bei einer Aktion des Schulstreikkomitees vor dem Karrierecenter Kiel hätten alle befragten 18-Jährigen angegeben, im Erfassungsbogen vollständiges Desinteresse geäußert zu haben. Viele interessierten sich für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung.

„Erst sollten die Musterungen im Juli 2027 starten und jetzt werden wir gezwungen. Wenn über 1000 Jugendliche ohne Interesse zur Musterung geladen werden, zeigt das, dass wir kurz vor der Wehrpflicht stehen!“, so Shmuel Schatz, Schüler aus Berlin.

Freiwillig oder Pflicht? Widersprüchliche Auskünfte zur Musterung

In den Briefen wird zur Musterung „eingeladen“, über die rechtliche Lage klären sie nicht auf. Am Telefon habe es für Kirsch anders geklungen als im Schreiben.

„Die Frau am Telefon meinte zu mir, dass das, also wenn ich dieses Jahr noch nicht dahin komme, dass das noch nicht so schlimm ist, und nächstes Jahr darf ich auch zweimal nicht kommen. Aber dann würden irgendwann die Polizei vor meiner Tür stehen“, schilderte er dieser Redaktion.

Auch bei der Frage, wer zuerst geladen wird, gibt es widersprüchliche Angaben. Dem Ministerium zufolge kommen zunächst jene an die Reihe, die Interesse bekundet haben. Einem anderen Schüler sagte das Karrierecenter dagegen, es würden gerade gezielt jene gemustert, die kein Interesse angegeben hätten.

Schulstreik gegen Wehrpflicht: Das fordert die Bewegung

Zum vierten Mal streiken Schüler in über 100 Städten gegen die Wiedereinführung einer Wehrpflicht. Sie fordern die Rücknahme des Wehrdienstmodernisierungsgesetzes und einen sofortigen Stopp der Musterungen.

Unter dem Motto „Nein zu Wehrpflicht, Zivildienst und Krieg“ richtet sich der Streik auch gegen Gerüchte über einen möglichen Zivildienst und gegen das Nato-Manöver Red Storm Charlie, das zeitgleich in Hamburg stattfindet.

Der Schulstreik findet in vielen deutschen Städten statt, darunter Berlin, Chemnitz, Dresden, Erfurt, Halle und Leipzig.

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