Die Bundeswehr überprüft beim Sanitätsregiment 1 in Weißenfels, wie dort Führungskräfte und Ausbilder ausgewählt werden. Für die Vorgesetzten wurden zudem strengere Kontrollen angeordnet. Hintergrund sind Vorwürfe sexueller Übergriffe und Drogenmissbrauchs in dem Regiment.
Das berichtet der MDR. Demnach prüft die Truppe auch, ob die Führung versagt hat. Im Mittelpunkt steht eine Ausbildungseinheit des Sanitätsdienstes, in der Führungspersonal ein Klima geschaffen haben soll, das Dienstvergehen, Grenzüberschreitungen und sexuelle Übergriffe begünstigt hat. Das hatte ein Sprecher des Unterstützungskommandos der Bundeswehr bereits Mitte Oktober mitgeteilt.
Zehn Beschuldigte, fünf Fälle bei der Staatsanwaltschaft
Die Vorwürfe richten sich nach Angaben der Bundeswehr gegen zehn Personen. In fünf Fällen wurde die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Gegen Beschuldigte wurden vorläufig Verbote ausgesprochen, die Kaserne zu betreten und Dienst zu leisten.
Laut Medienberichten laufen gegen acht Soldaten Disziplinarverfahren. Alle Beschuldigten sollen aus demselben Zug stammen. Einigen wird demzufolge vorgeworfen, ihre Stellung als Vorgesetzte ausgenutzt zu haben.
Wettbewerb um Sex mit Rekrutinnen
Die Soldaten sollen sich einen Wettbewerb darum geliefert haben, wer mit mehr Kameradinnen Sex hat. Für eine Strafbarkeit kommt es darauf an, ob es zu sexuellen Handlungen ohne Einwilligung der Betroffenen kam. Mindestens eine Betroffene soll damals minderjährig gewesen sein. Bestätigt hat die Bundeswehr das bislang nicht.
Die Beschuldigten sollen Soldatinnen bedrängt und intim berührt haben. Ermittelt wird auch wegen des Verdachts auf Handel mit Amphetaminen und Testosteron. Hinzu kommen Vorwürfe der Bedrohung und der Unterdrückung von Beschwerden.
Minderjährige dürfen zur Truppe
Wer noch nicht volljährig ist, kann mit Zustimmung der Eltern bereits mit 17 Jahren zur Bundeswehr. Die Ausbildung an der Waffe wird dann bis zum 18. Geburtstag aufgeschoben.
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) kündigte Aufklärung an. „Bislang handelt es sich um Vorwürfe. Wenn die sich bestätigen, wäre das widerwärtig“, sagte er. Man werde alles tun, um jeden Täter zu fassen. Ob sich solche Vorfälle jemals ganz abstellen ließen, wisse er allerdings nicht.
Grüne fordern unabhängige Meldestelle
Das Unterstützungskommando betonte, sexuelle Übergriffe hätten in der Bundeswehr keinen Platz, die Null-Toleranz-Politik gelte uneingeschränkt. Die Grünen-Verteidigungspolitikerin Sara Nanni sieht Hinweise darauf, dass Täter auf den Schutz ihrer Vorgesetzten vertraut hätten.
Nanni fordert eine unabhängige Meldestelle außerhalb der Bundeswehr. Dem Ministerium wirft sie vor, sich mit seinen angekündigten Maßnahmen zu viel Zeit zu lassen.
Hunderte Verdachtsfälle pro Jahr
Weißenfels ist kein Einzelfall. Ende vergangenen Jahres wurden zahlreiche Vorfälle beim Fallschirmjägerregiment 26 im rheinland-pfälzischen Zweibrücken bekannt. Dort ging es um sexuelle Übergriffe, Drogen und Extremismus. Gegen 59 Beschuldigte wurde ermittelt, bis zum Frühjahr wurden 21 Entlassungen beantragt.
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Laut dem Jahresbericht der damaligen Wehrbeauftragten Eva Högl (SPD) wurden 2024 in der Truppe 376 Verdachtsfälle von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung gemeldet. 2023 waren es 385, 2022 waren es 357. Experten gehen davon aus, dass viele Fälle gar nicht gemeldet werden. Eine Studie der Bundeswehr soll bis Jahresende klären, warum Betroffene schweigen und wie gut die bestehenden Schutzmaßnahmen wirken.
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