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Christel Focken glaubt inzwischen, dass die Nazis der deutschen Atombombe näher waren, als bisher zugegeben. Und die Brandenburgerin war in Polen beteiligt an der unterirdischen Entdeckung eines Panzerzuges. Es soll der legendäre „Goldzug“ sein – ein bislang verschollener Panzerzug der Wehrmacht. Doch wer ist die Frau, die mit Georadar unterwegs ist, in halb Europa in Hohlräume klettert und vermeintlich streng gehütete Geheimnisse lüften will? Die auf viel Unverständnis stößt oder gar angefeindet wird, weichen doch ihre Funde, Erkenntnisse und Schlussfolgerungen oft deutlich von offizieller Geschichtsauffassung ab. Bei einem Besuch in Märkisch Oderland kommt die abenteuerhungrige Bunkerlady ins Erzählen.
Frau Focken, Sie sind fast Rentnerin und jagen noch immer Hohlräumen und Bunkern hinterher wie jüngst in Kummersdorf-Alexanderdorf (Landkreis Teltow-Fläming) im Auftrag der Gemeinde Am Mellensee – woher kommt diese Leidenschaft?
Als Fünfjährige saß ich bei meinem Opa auf dem Schoß. Er war Leitender Ingenieur der U-Boot-Reparaturwerft in La Pallice und erzählte mir, dass er ab 1944 mit Zügen in unterirdische Werke fuhr, um Maschinenteile von Großkampfschiffen und U-Booten in Sicherheit zu bringen. Von da an bin ich praktisch in jedes Loch gekrochen.
Und mit dieser Neugier fanden Sie Ihren ungewöhnlichen Job?
Nicht direkt. Ich bin Elektroinstallateurin, habe eine Tischlerlehre gemacht und bin Diplom-Tauchlehrer. Ich hatte in Berlin eine Firma mit bis zu 17 Beschäftigten und engagierte mich stark für die Ausbildung im Handwerk.
Und jetzt sind Sie mit relativ aufwendiger Technik wie einem Georadar unterwegs, das wenige andere Historiker einsetzen. Was war mit diesem Gerät Ihre bisher größte Entdeckung?
Das sind sicher die Flugzeuge vom Typ Junkers EF 126, die noch heute unter dem Jonastal in Thüringen versteckt sind und die ich 2020 mit dem Georadar zufällig fand.
Nicht der 2016 in Polen unterirdisch entdeckte „Goldzug“? Um einen solchen Nazi-Zug ranken sich seit Jahrzehnten Legenden. Er soll gegen Ende des Zweiten Weltkriegs verschwunden sein. Was genau hat es mit diesem „Goldzug“ auf sich?
Die Wehrmacht hatte im Zweiten Weltkrieg 16 Panzerzüge in Breslau stationieren lassen. 14 wurden gesprengt oder stehen in einem Museum. Von zweien jedoch gab’s keine Spur mehr. Nach einer Zeugenaussage wussten wir, wo wir suchen müssen. Und fanden die Umrisse.
Grabung nach dem Nazi-Goldzug: Der Bagger der Grabungsfirma kam nur sieben Meter tief, nötig waren jedoch 21 Meter, sagt Christel Focken.
© Privat
Aber warum „Goldzug“?
Dieser gepanzerte Zug ist möglicherweise beladen mit bis zu 300 Tonnen Gold. Er sollte, der Legende nach, das Gold aus Breslau, dem heutigen Wrocław, vor der anrückenden Roten Armee in Sicherheit bringen. Es bot sich der Tunnel am Schloss Fürstenstein an, der für den Führerzug gebaut worden war, aber der war leer.
Woher soll denn so viel Gold gekommen sein?
Beim Rückzug der Nazis fehlte in der Reichsbank Breslau plötzlich genau diese Menge Gold.
Und – war der vermeintliche Milliardenschatz in dem Zug?
Das wissen wir leider bis heute nicht.
Haben Sie den gefundenen Zug denn nicht ausgraben lassen?
Natürlich war das beantragt, und diese Genehmigung hatten wir nach hartem juristischem Streit auch. Der Bagger der Grabungsfirma kam aber nur sieben Meter tief, nötig waren jedoch 21 Meter. Nach zwei Ebenen, also bei 14 Metern, mussten wir abbrechen. Außerdem hatten wir mehrere Glasfaserkabel besonders zu sichern, um sie keinesfalls zu beschädigen.
Und anders wäre an diese potenzielle Sensation nicht heranzukommen gewesen?
Doch, mit Bohrern. Aber das infrage kommende Gerät ist 40 Tonnen schwer. Dafür war unser Grabungsfeld zu klein, und diese Technik hätte die Glasfaserkabel ganz sicher beschädigt.
Inzwischen haben Sie gemeinsam mit Rolf-Günter Hauk auch das Buch „Atombombe Made in Germany“ veröffentlicht. Wie kam es zu diesem Thema?
Mit der Georadar-Technik, die ohne teure Eingriffe oder Grabungen in eine Tiefe von bis zu 30 Metern auskommt, fand Peter Lohr 2012 in Thüringen unterirdisch eine Bomben-Lagerstätte. Seine Bilder stellen eindeutig eine besondere Bombe dar.
Zur Person
Ein Bombenlager, aber Bomben, noch dazu eine Atombombe?
Der Bombenkörper konnte per Georadar auch im Inneren dreidimensional dargestellt werden. Das ließ klar die Struktur der Bombe „Little Boy“ erkennen, wie sie auf Hiroshima geworfen wurde.
Und so was passiert ganz im Geheimen?
Nein. Dieser Fund wurde natürlich den zuständigen Ämtern gemeldet. Aber was folgte, war mehr als manch’ Geheimdienst-Aktion in einem Kino-Thriller.
In Ihrem Buch legen Sie dar, dass auch die Staatsanwaltschaft Thüringen informiert wurde. Wurde denn diese historische Sensation freigelegt und gesichert?
Ganz im Gegenteil – zuerst verbot man das Betreten des Areals. Dann, nach der geheimen Entfernung der Bomben im Juni 2016, hat man Herrn Lohr eingeladen, sich das Gelände noch einmal anzuschauen. Das tat er und fand es komplett verändert. Zudem gibt es den Zeugenbericht einer immensen Explosion kurz vor der Einladung.
Sind es solche Vorwürfe, die Sie und Kollegen als Behindern beim Forschen oft beklagen?
Oh ja, wie ist das sonst zu deuten? Wir sehen in unserem Georadar unterirdisch Flugzeuge und Raketen, die es offiziell nur in der Nazi-Planung gab. Ließe man uns graben und bohren, könnten wir vieles beweisen.
Was zum Beispiel?
Dass in Thüringen um Arnstadt-Ohrdruf-Gotha als Sonderbauvorhaben S III eine komplette Raketenbasis unter der Erde steht und es in Thüringen und Sachsen riesige, noch heute unbekannte Fabriken gibt.
Das wird ja vielschichtig und kontrovers seit mehr als zehn Jahren diskutiert und es gibt einen Verein Jonastal, der sich damit intensiv befasst. Sie wollen offizielle Bestätigung für diese unterirdische Nazi-Welt – wer sollte sie denn geben?
Wir haben die Georadar-Beweise. Doch für Altlasten sind die Länder zuständig. Die Kosten will keiner tragen. Außerdem haben wir Beweise, dass in den Tunneln der Anlagen noch Zwangsarbeiter eingeschlossen sind. Der Aufschrei, der über Deutschland käme, würde eine solche Anlage geöffnet, will kein Bundesland verantworten. Wir reden hier ja nicht nur von ein paar hundert Toten.
Fockens gesammelte Werke
© Jutta Abromeit
Woraus schließen Sie die vermeintliche offizielle Ignoranz?
Wenn wir Anlagen nach einer Veröffentlichung später eingehender untersuchen oder jemandem zeigen wollen, dann sind unterirdische Hohlräume verfüllt, Zugänge geschlossen und Gelände ist oberirdisch verändert.
Was glauben Sie, warum will das niemand mehr wissen?
Weil es für die Deutschen politisch unbequem ist, noch mehr geschichtliche Schuld oder Verantwortung zu tragen, als ohnehin schon. Und die Amerikaner wollen nicht zugeben, dass es im Zweiten Weltkrieg einen Wissenstransfer mit dem Feind gab und sie womöglich von den Deutschen ihre Uran-Atombomben bekamen, weil sie selbst vielleicht nicht genug angereichertes Material hatten.
Ihre Erkenntnisse werden ja teils sehr gegensätzlich diskutiert und Sie werden zuweilen massiv angefeindet. Was machen Sie mit Ihren Funden und Schlussfolgerungen?
Wir erkennen inzwischen dutzendfach, dass deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945 an etlichen Stellen neu geschrieben werden muss.
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Was genau sollte denn geändert werden?
Zum Beispiel Opferzahlen – es gibt viel, viel mehr bei Kriegsende getötete Menschen, die nichts über die Rüstungsproduktion verraten sollten, als bisher in offiziellen Zahlen angegeben.
Woran arbeiten Sie derzeit noch?
Zum Beispiel mit Genehmigung vom Landesdenkmalamt an einer bisher unbekannten Bunkeranlage nahe Bernau.
Ihr Großvater, der Marine-Stabsingenieur Johann Wilhelm Focken, steckte Sie mit dem „Bunker-Virus“ an und brachte Sie zur Arbeit im Verein Berliner Unterwelten. Warum reichte Ihnen das irgendwann nicht mehr? Sie gründeten mit Gleichgesinnten schließlich 2017 den Bundesverband Privater Historiker?
Zum einen ist der Berliner Verein regional begrenzt. Zum anderen hatte ich mittlerweile dermaßen viele Ansatzpunkte für wissenschaftliche Forschungen, dass für mich diese Gründung der logische nächste Schritt war.
Sie sind Vorsitzende dieses Bundesverbandes. Wie viele Mitglieder hat er und womit beschäftigen die sich?
Wir sind rund 2500 Historiker im gesamten Bundesgebiet und haben Fachbereiche beziehungsweise Arbeitsgruppen zu Luftbild- oder Unterwasser-Archäologie, zu Funkgeschichte, Bunkern, Autobahn-Bau und vielem mehr.
Zum Beispiel Opferzahlen – es gibt viel, viel mehr bei Kriegsende getötete Menschen, die nichts über die Rüstungsproduktion verraten sollten, als bisher in offiziellen Zahlen angegeben.
Christel Focken
Inzwischen sind Sie für den Erhalt der Festungsfront Oder-Warthe-Bogen in Polen zur einzigen deutschen Ehrenbotschafterin ernannt. Zu welchen von Ihnen erforschten Wehrmacht-Standorten leiten Sie Führungen?
In Polen zur Pommernstellung, dem Oder-Warthe-Bogen, sowie zu den vormaligen Führerhauptquartieren Wolfsschanze, Askania 2 und dem Hauptquartier Riese in Schlesien.
Sie sind ehrenamtliche Denkmalpflegerin beim Brandenburgischen Landesamt zur Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum (BLDAM) in Wünsdorf. Wozu berechtigt Sie solch ein Ausweis?
Ich darf mit der Metallsonde oder eben dem Georadar – ohne etwas zu verändern natürlich – nach Bodenfunden suchen. Das Vertrauen, das mir damit entgegengebracht wird, verlangt von mir Ehrlichkeit bei den Funden, die genaue Dokumentation und gegebenenfalls auch die sofortige Meldung und Sicherstellung.
Das heißt: Sie betreten bei Ihrer Suche nicht illegal fremdes Terrain, und wenn es noch so verlockende Funde verspricht?
Richtig. Wir machen nichts, was nach deutschen Gesetzen falsch oder illegal ist. Das würde unseren Ruf unnötig schädigen. Inzwischen gilt übrigens in allen deutschen Bundesländern das Prinzip „Schatzregal“ – jeder, der etwas im Boden findet, muss es dem Staat übereignen, also zuerst dem jeweiligen Bundesland.
Es ärgert Sie und Ihre Verbandsmitglieder, permanent mit Metallsuchern, Militaria-Jägern oder Lostplacern in einen Topf geworfen zu werden – warum?
Lostplacer besichtigen auch solche Gelände, die nicht betreten werden sollen. Metallsucher und Militarier suchen den eigenen finanziellen Gewinn. Unsere Suche ist der Geschichte und gegebenenfalls der Aufklärung geschuldet. Archivarbeit und Georadarsuche will von denen keiner machen.
Was raten Sie historisch Interessierten?
Nur mit ernsthafter Spurensuche lassen sich ganze Fabrikanlagen nach den sogenannten U-Verlagerungen der Nazis unterirdisch auch heute noch neu entdecken.
Info: Wer mehr über Bunkersuche von Christel Focken und ihrem Team sowie zu ihren Forschungen wissen will, der findet Weiterführendes auf den YouTube- und TikTok-Kanälen Bunkerladys, unter Geo-detect.de, auf den Websites www.ostwall.info und https://private-historiker.de/ sowie in diversen Büchern von ihr, veröffentlicht zum Teil mit Co-Autoren.
Jutta Abromeit ist Dipl.-Journalistin. Nach ihrer Zeit als Leistungssportlerin im Rudern mit zwei Berufungen in den DDR-Olympiamannschaften 1980 und 1984 sowie zwei WM-Medaillen arbeitete sie von 1986 bis 2025 als Tageszeitungsredakteurin bei der Märkischen Volksstimme Potsdam/ab 3. Oktober 1990 Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ). Ihre Themenpalette umfasste in der Region südlich von Berlin sowohl Kommunalpolitik und außergewöhnliche Ereignisse als auch Historisches, Wirtschaftsansiedlungen oder wissenschaftliche Hintergründe.
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