Woran denken Sie, wenn Sie den Namen Giacomo Casanova hören? An die heißen Liebesaffären eines italienischen Gigolos und Meisters der Verführung? Doch der Venezianer war noch so viel mehr. Das will auch das erste Casanova-Museum nördlich der Alpen bald in Dresden beleuchten.
900 Quadratmeter für ein Multitalent, das neben der Liebhaberei noch 28 Berufe und Tätigkeiten pflegte. „Casanova war Kirchenrechtler, Anwalt, Spion, Autor von über 40 Büchern, schrieb Theaterstücke und war sogar mal Besitzer einer Seidenfabrik. Doch eigentlich wollte er Arzt werden“, erklärt der Museumsleiter Torsten Hilscher im Gespräch mit der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung.
Der Lebensweg fasziniert auch den Museumsgründer André Döhring: „Diese enge Verbindung von Casanova zu Dresden war mir selbst nicht bekannt. Während eines Besuchs in Venedig vor zwei Jahren habe ich mir die berühmten Bleikammern im Dogenpalast angeschaut, aus denen Casanova damals ausgebrochen war. Dann habe ich weiter über ihn recherchiert und viele Bezüge zu Dresden gefunden.“ Das Wissen wollte er unbedingt teilen.
„Aus so einer Verbindung von Casanova mit Dresden muss sich doch etwas machen lassen“, dachte sich Döhring damals und entwickelte das Konzept für ein Museum in seiner Heimatstadt. Eigentlich ist Döhring Bauunternehmer und Hobbygalerist, doch für Casanova nun auch Museumsgründer.
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Im Casanova-Museum in Dresden entsteht ein Nachbau der Rialtobrücke von Venedig inklusive einer originalen venezianischen Gondel.
© Dirk Sukow/Casanova Museum
Die Ausstellungsflächen entstehen gerade im ersten und zweiten Stock eines Gebäudes am Dresdner Altmarkt. Casanovas vielschichtiges Leben soll in 13 Stationen erzählt werden.
Sein erster Dresden-Besuch ist im Jahr 1753 verbrieft. Damals wohnte er der Uraufführung seiner Parodie auf Racines „Le Thébaïde“ in Dresden bei. „Er hatte keinen festen Wohnsitz in der Stadt, sondern nächtigte häufig im Hotel Stadt Rom am Neumarkt“, hat Hilscher recherchiert.
Casanovas Mutter, Zanetta Farussi, wohnte da schon 16 Jahre in der Stadt. „La Buranella“, wie sie genannt wurde, war eine gefeierte Komödiantin am Hof von König August III., dem Kurfürsten von Sachsen. Sie lebte bis zu ihrem Tod in der sächsischen Residenzstadt. Als sie am 29. November 1776 starb, wurde sie auf dem Alten Katholischen Friedhof in Dresden beigesetzt, ihr Grab befindet sich dort noch heute.
Vier Casanovas in Dresden
Ihr ältester Sohn besuchte sie und auch seine Geschwister regelmäßig. Seine Brüder Giovanni Battista Casanova (1730–1795) und Francesco Casanova (1727–1803) waren beide Maler. Während letzterer als Schlachtenmaler etwa ein Jahr lang die Bilder der kurfürstlichen Galerie studierte, wurde Giovanni ab 1764 Professor und Mitdirektor der Sächsischen Kunstakademie. Dafür schlug er Angebote aus Neapel, Rom und London aus. Auch er fand seine letzte Ruhestätte auf dem Alten Katholischen Friedhof in Dresden.
Die Schwester Maria Magdalena Casanova (1732–1800) fand ebenfalls in Dresden ihre neue Heimat. Sie war als Tänzerin am Hoftheater engagiert.
Der Museumsgründer André Döhring brachte sich sein Wissen über Casanova autodidaktisch bei.
© Gaby Schütze für Ostdeutsche Allgemeine
Seine Kindheit und Jugend verbrachte Giacomo Casanova jedoch in Venedig und Padua. Mit nur 16 Jahren promovierte er 1742 im Kirchenrecht in Padua, schlug zunächst auch eine kirchliche Laufbahn ein und trug den Titel eines Abbé.
„Er war ein Universalgenie“, schwärmt Museumsgründer Döhring von seinem Forschungsobjekt. Mitte des 18. Jahrhunderts reiste Casanova nach Rom, Konstantinopel und Korfu, er war Soldat, Geiger oder auch Sekretär.
Sein Lebenswandel brachte ihn ins Gefängnis
Am 26. Juli 1755 wurde Casanova in Venedig verhaftet. Die Inquisitoren warfen ihm Religionsverachtung und Freigeisterei vor. Casanova mache sich öffentlich über kirchliche Dinge lustig, pflege einen freizügigen Lebenswandel und besitze verbotene Schriften wie Bücher über Magie und Kabbala. Auch war er als Freimaurer der katholischen Kirche ein Dorn im Auge. Er wurde zu fünf Jahren Haft in den berühmten Bleikammern des Dogenpalastes verurteilt.
Die „Piombi“, wie sie auf Italienisch heißen, verdanken ihren Namen ihrer Lage direkt unter dem mit Bleiplatten gedeckten Dach des Dogenpalastes. Die Gefängniszellen befanden sich auf dem Dachboden, weshalb es im Sommer unerträglich heiß und im Winter bitterkalt war.
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Im Herbst 1756 konnte Casanova zusammen mit einem Mitgefangenen fliehen. Übers Dach ging es in die dunklen Kanäle, in Sicherheit brachte ihn damals eine Gondel. Deswegen findet sich eine originale venezianische Gondel in der Dresdner Ausstellung wieder, auch die Rialtobrücke und venezianische Häuserfassaden sind im Museum nachempfunden.
Danach lebte Casanova als Weltreisender in Paris, London, Berlin, St. Petersburg, Warschau und vielen anderen Städten. Er bereiste Europa mit seiner Kutsche. Sie diente ihm nachts auch als Schlaflager. „Er hatte sich eine Matratze in die Kutsche gelegt. Das war nicht ganz unpraktisch“, erklärt Hilscher mit einem Augenzwinkern.
Casanova im Casino: Auch seine Spielsucht wird im Dresdner Museum thematisiert.
© Dirk Sukow/Casanova-Museum
Licht und Schatten im Liebesleben von Casanova
Das Liebesleben wird in der Dresdner Ausstellung natürlich ebenfalls beleuchtet. 116 Frauenbekanntschaften sind dokumentiert, es könnten auch viel mehr gewesen sein. Verheiratet war Casanova nie, er zeugte aber wohl ein gutes Dutzend Kinder. Sein Credo in Liebesdingen beschrieb er selbst so: „Oft verliebt, selten verlobt, nie verheiratet!“
„Wir wollen ihn nicht glorifizieren, sondern die ganze Bandbreite zeigen. Denn es gab auch Prostitution, Unzucht mit Minderjährigen und Vergewaltigungen“, erklärt Döhring.
Acht exemplarische Frauenstimmen, gesprochen von Schauspielerinnen, wird man in der Casanova-Ausstellung hören können. Eine Nonne erzählt da beispielsweise von „wenig Erfahrung in Liebesdingen“, aber einer „nicht zu bändigenden Neugier“, bei der Casanova ihr ein „toller Lehrer“ gewesen sei.
In Dresden soll Casanova die Liebe wohl eher im Bordell gesucht haben, sagen die Ausstellungsmacher nach ihren bisherigen Recherchen. Der Italiener schlug sich weiter mit diversen Unternehmungen durch: Er gründete seine eigene Lotterie, war Diplomat, Schriftsteller und „spielsüchtig in den Casinos unterwegs“, erzählt Hilscher. Sein Geburtsort Venedig verbannte ihn immer wieder aus der Stadt.
Alterssitz auf böhmischem Schloss
Erst mit 60 Jahren wurde sein Lebenswandel offensichtlich ruhiger: Graf Waldstein machte ihn 1785 zum Bibliothekar auf Schloss Dux (Duchcov) in Böhmen/Tschechien. Dort schrieb er ein Kinderbuch, „Eduard und Elisabeth bei den Megamikren“, das er 1788 auch persönlich auf der Leipziger Buchmesse vorstellte. Doch das viel bekanntere Werk, das ebenfalls in Dux entstand, ist seine Lebensgeschichte, die „Histoire de ma vie“. Die auf Französisch verfasste Autobiografie gab auch den Dresdner Museumsmachern viel Input.
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Von Dux nach Dresden sind es nur rund 60 Kilometer. Noch im Herbst 1788 ist ein Dresden-Aufenthalt belegt. Am 30. Oktober 1788 schrieb Casanova dem russischen Gesandten Fürst Belosselski, er sei nach der Umarmung seines „lieben Bruders“ in die Kutsche gestiegen. An der Stadtgrenze musste er sein Gepäck kontrollieren lassen, was er in dem Brief scharf kritisierte. Museumsleiter Hilscher kennt den Grund der Durchsuchung: „In dem Jahr wurde in Dresden ein Gemälde von Correggio gestohlen und alle, die die Stadt verlassen wollten, wurden kontrolliert. So wurde auch Casanova am Pirnaischen Tor angehalten.“
Auf Schloss Dux in Böhmen fand Casanova seinen Altersruhesitz. Dort starb er auch.
© stock&people/imago
1798 starb Casanova auf Schloss Dux. Doch die Legende um den berühmten Lebemann wurde über die Jahrhunderte kaum blasser. Die Leipziger Verlegerfamilie Brockhaus erwarb das Manuskript seiner Memoiren für die Erstausgabe 1822. Fast 200 Jahre später verkaufte sie es 2010 an die Französische Nationalbibliothek in Paris – für rund 7,5 Millionen Euro.
Mit dem Dresdner Museum soll die Faszination auch nach Deutschland geholt werden. Neben der täglichen Öffnung will André Döhring auch Lesungen oder Abende mit venezianischen Barocktänzen anbieten. Die Eintrittspreise werden variabel zwischen 11 und 21 Euro für Erwachsene liegen und sich nach dem jeweiligen Besucherandrang richten.
Am 31. Oktober öffnet das Dresdner Casanova-Museum seine Türen – das Datum markiert gleichzeitig den 270. Jahrestag von Giacomo Casanovas Flucht aus den Bleikammern Venedigs.
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