Es war ein großes Hallo, das durch den Saal des Gemeindehauses der St.-Trinitatis-Kirchgemeinde in Chemnitz-Hilbersdorf schwappte. Fast 100 leicht „angejahrte“ Herren hatten sich hier eingefunden, um einen Gedenktag zu begehen – den 40. Jahrestag ihrer Einberufung zum Bausoldaten-Regiment in Eggesin. Allesamt kamen einst aus den Bezirken Karl-Marx-Stadt und Dresden – vom Erzgebirge bis ins Zittauer Gebirge leben die meisten auch heute noch. Und wie damals 1986 sind die meisten bis heute tief christlich-pazifistisch geprägt.
Bilder und Videos von einst, aber auch von früheren Treffen der Bausoldaten wurden intensiv diskutiert.
© Ingo Eckardt/Ostdeutsche Allgemeine
Deshalb traf man sich kurz nach Beginn des Treffens am Mittwoch auch in der St.-Trinitatis-Kirche in Chemnitz-Hilbersdorf – umrahmt von einem Posaunenchor aus ehemaligen Bausoldaten. Auch Pfarrer Friedrich Christoph Ilgner gehörte einst zu den „Spatis“, mit 19 Jahren zog man den Pfarrerssohn ein. Am Mittwoch hielt der Geistliche die Andacht. „Ihr habt in jungen Jahren Kreuz bewiesen. Ich war damals ein Milchbart, für mich war das keine große Sache, Bausoldat zu werden. Aber viele von Euch waren gestandene Familienväter mit 24, 25 oder 26 Jahren – das war eine ganz andere Sache“, sagte er.
Und er erinnerte an jenen 4.11.86, als man gemeinsam auf einer abgezäunten Wiese im Nieselregen stand – „mit einem Haufen Angst vor dem, was kommt. Es war abartig, ich wollte das nicht, mir war hundselend. Es war die bestgehasste Zeit meines Lebens“, so der Pfarrer, der damit seinen Kameraden von einst aus der Seele sprach. Man habe aber auch in der Unfreiheit entdeckt, dass man in Gemeinschaft frei sein kann und man sich in der Kraft des Glaubens zu halten wusste. „Es geht nicht um den Sinn des Lebens, sondern in jeder Sekunde muss man sich fragen, was ist gerade jetzt der Sinn in meinem Leben. Ich sollte ich werden, war meine Begründung, warum Christus mich hierhergeführt hatte. Wir haben 18 Monate das Beste draus gemacht und sind wahre Brüder geworden“, sinnierte Ilgner.
„Das Leben stellt eine Frage und wir geben eine Antwort“
Und auch heute gelte: Man darf gespannt sein, welche Unverschämtheit als Nächstes kommt im Leben. „Das Leben stellt eine Frage und wir geben eine Antwort – hoffentlich aus dem Glauben heraus“, so der Geistliche, der die bestgehasste Zeit heute als zu den wertvollsten Zeiten seines Lebens zählt. Ein Halbsatz, den auch Christoph Mike Dietel, der Organisator des Treffens, genauso ausspricht. Im gemeinsam zelebrierten Gebet ging es um Erinnerungen, Dankbarkeit und aktuelle Anklänge an schwierige Zeiten, in denen Krieg so nah kommt wie in den vergangenen 81 Jahren nicht.
Friedrich Christoph Ilgner war einer der jüngsten, mit damals 19, die am 4. November 1986 zu den Bausoldaten eingezogen wurden. 40 Jahre später hielt der Pfarrer mit seinen Kameraden eine Andacht zum Gedenken an diesen Tag.
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Ilgner ist 1967 geboren, war gerade 19 geworden, als er zu den Bausoldaten kam. Sein Vater war Pfarrer in Görlitz, er selbst übt das Amt heute in der Christus-Kirche in Dresden-Strehlen aus. In der gemeinsamen Not des pazifistischen NVA-Baudienstes seien konfessionelle Unterschiede zurückgetreten, erinnert sich Ilgner. Schon damals habe sich ein eigener Posaunenchor zusammengefunden, der auch diesmal die Andacht begleitete.
Ilgner erzählt, dass er sich vor der Zulassung zum Abitur bereit erklären musste, Theologie zu studieren. „Dabei wollte ich eigentlich Kriminalistik oder Kunstgeschichte studieren, aber dazu wäre eine für mich undenkbare SED-Mitgliedschaft nötig gewesen.“ Nach dem Wehrdienst 1988 studierte er bis in die Wendezeit in Leipzig Theologie, erlebte 1989 im Herbst „das wahnsinnige Treiben mit – in der Fakultät an der Fuchsstraße am Zoo in Leipzig“. Die Welt öffnete sich.
Durch Zufall gab es einen Kontakt zu einer amerikanischen Kirche. „Dort hat man Geld gesammelt, um mir für ein Jahr ein Stipendium in St. Louis in Missouri zu ermöglichen“, erinnert er sich. Und daran, dass er fast ohne Englischkenntnisse dorthin gekommen sei. Seinen Abschluss machte er wieder an der Uni Leipzig, wurde Vikar und trat im Leipziger Süden, in Groitzsch, seine erste Pfarrstelle an und ist nun seit 17 Jahren in Dresden-Strehlen der zuständige Pfarrer.
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Ein Bausoldat von einst kam an seinem Geburtstag
Danach gab es einige Worte an die Kameraden von Organisator Dietel, der auch klare Worte zur aktuellen Zeit fand: „Wir müssen auch heute nicht kriegstüchtig werden, sondern friedensfreundlich. Wir Spatensoldaten stiften auch heute zum Frieden an, ohne naiv zu sein“, entwaffnete er ein gängiges Narrativ unserer Zeit. Man brauche den Mut, sich nicht zu fürchten, zitierte er Jesus. „Wir hatten damals Eier, waren Kerle, die die Regierung damals in Panik versetzte“, erinnerte er an die Kraft des Widerspruchs.
Auch andere Bausoldaten erzählten von ihren Erinnerungen. Manch einer berichtet, dass Vorgesetzte durchaus auch Menschen waren, da wurden Blanko-Urlaubsscheine erteilt oder Sportausgang trotz Ausgangssperre, der für manchen Heimatbesuch genutzt wurde. Es gab Polizisten, die die „Spatis“ nicht verpetzten. Auch Christoph Mike Dietel erzählte einige Anekdoten, von Bierbeschaffung eines längst Verblichenen und Weinbrandschmuggel in die Unterkunft.
Hartmut Schneider aus Dresden diente im zweiten Zug der Baukompanie. Zum Abschied kreierten die Kameraden ein Halstuch. „Panta Rhei“ ist darauf zu lesen – griechisch für alles fließt.
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Und dann der Moment des Tages: Dietel begrüßte – erstmals bei einem solchen, alle zehn Jahre stattfindenden Treffen – einen Offizier, Leutnant Andreas Krawietz, einen derer, die damals „auf der anderen Seite standen“. Er habe Krawietz eher im Scherz gefragt, doch der habe erstaunlicherweise sein Kommen zugesagt. Es gab eine Menge Fragen an den einstigen Offizier, der seine Beweggründe und seinen späteren Werdegang mit den damaligen Bausoldaten teilte. Wie er bei den Bausoldaten ankam, erzählen wir demnächst separat in der Ostdeutschen Allgemeinen.
Übrigens: Unter den Teilnehmern war auch Uwe Kirrbach. Der hatte am Mittwoch seinen 65. Geburtstag und sagte seine Feier zum Wiegenfest ab: Es war ihm wichtiger, die alten Kameraden noch einmal zu sehen, die wie er selbst von diesen 18 Monaten Schikanen der NVA für ihr Leben geprägt wurden.
Uwe Kirrbach (3.v.l.) feierte am Tag des Bausoldaten-Treffens seinen 65. Geburtstag und zog dennoch das Wiedersehen mit den Kameraden der heimischen Kaffeetafel vor.
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