Porträt

FDP: Wer Bundeskanzler werden will, kommt an Christian Lindner nicht vorbei

Der FDP-Chef ist der Spiritus Rector hinter dem Bündnis der Stärke mit den Grünen. Ist Christian Lindner nur Taktierer oder doch großer Stratege?

Julia Haak
Julia Haak
10 Min
FDP-Chef Christian Lindner im Wahlkampf in Berlin.

FDP-Chef Christian Lindner im Wahlkampf in Berlin.

© AFP/Tobias Schwarz

So sieht es aus in Berlin mit der Regierungsbildung für das Land. Im Zentrum von allem: Christian Lindner.

Es sind Lindner-Tage – in dieser Woche, in der vergangenen auch schon. Mal sehen, wie es weitergeht beim großen Koalitionspoker. Christian Lindner wirkt in diesen Tagen jedenfalls omnipräsent. Ein wenig ist dieser Eindruck sicher der Tatsache geschuldet, dass die FDP eigentlich niemand so richtig auf dem Zettel hatte bei diesen Wahlen. Man staunt eben.

Aber da ist noch mehr. Die Fixierung aller Blicke auf die große Koalition in den vergangenen Wahlperioden und im Wahlkampf auf die Performance der Spitzenkandidaten von Union, SPD und Grünen haben die Sicht verstellt auf das, was sonst noch passiert im politischen Deutschland.

Dass da etwas ist, ist schon am Wahlabend zu beobachten als Lindner von einem Gespräch mit den Grünen spricht. Am Tag danach ist dann die neue Stärke im Hans-Dietrich-Genscher-Haus an der Reinhardtstraße in Mitte deutlich zu spüren. Christian Lindner kommt die Treppe herunter und schaut durch ein langes schmales Fenster ins Atrium des Hauses, wo sich zu diesem Zeitpunkt eine große Menge Journalisten versammelt hat. Lindner spricht über den Erfolg der FDP – zum zweiten Mal ist das Ergebnis zweistellig, in Folge.

An diesem Tag wirkt er angespannt. Er kann noch nicht sicher sein, dass sich alles in seinem Sinne entwickeln wird. So kann man die Mimik rückblickend deuten. Das ist mittlerweile offenbar anders. Der Wert der Freiheit, das wirtschaftliche Vorankommen jedes Einzelnen, die Neugier auf und die Freude an Technologie, keine Verbotshaltung – das sind die Stichworte, die er zur Erklärung für den Wahlerfolg gibt. Interessant ist an diesem Tag nach der Wahl aber ein anderer Satz. „Die FDP ist als eigenständiges politisches Angebot gestern gestärkt worden. Es waren die Freien Demokraten, die tatsächlich gemeint waren. Das war kein taktisches Wahlverhalten“, sagt Christian Lindner und plötzlich sieht er dann doch zufrieden aus – mit sich, mit der Wahl.

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Die emanzipierte Partei

Und er hat ja auch Grund dazu. Die FDP hat sich wieder etabliert, nachdem sie 2013 sogar mal aus dem Bundestag geflogen war. Sie hat sich sogar emanzipiert und ist nicht mehr bloß Mehrheitsbeschaffer. Viele haben das nur noch nicht gemerkt.

Im Grunde sind dies alles Tage des Triumpfes für Christian Lindner. Denn das, was jetzt wahrscheinlich passiert, eine Regierungsbeteiligung der FDP und das, was schon passiert ist, eine neue Positionierung der Partei im politischen Gefüge, die neue Stärke der kleinen Parteien – der Grünen und der FDP – als Kanzlermacher, selbst die neue Verschwiegenheit in den Vorsondierungen, das alles ist unter seiner Führung geschehen.

Dies ist eine Geschichte über Christian Lindner. Man kann sagen, er ist tatsächlich aktuell die interessanteste Figur auf dem politischen Spielbrett. Es liegt an einer Wiederauferstehung der FDP, die lange niemand mehr ernst genommen hat. Die aktuelle Stärke spielt eine Rolle. Es liegt aber auch daran, dass Lindner so viele Widersprüche bietet und dass man sich wahnsinnig über ihn ärgern kann, weil er gleichzeitig richtige Dinge sagt und im nächsten Moment wieder grenzenlos überheblich ist. Wie damals, als er Greta Thunberg und den Kids auf diesem Planeten erklärte, von Klimaschutz hätten sie keine Ahnung, das sollten sie lieber den Profis überlassen.

Es gibt jetzt eine neue deutsche Erzählung. Man kann sie Aufbruch und Erneuerung nennen. Ein Projekt für Deutschland. Eine Möglichkeit. Eine Chance, die man nur zu ergreifen bräuchte. Erzählt wird diese Geschichte von Christian Lindner und von den Grünen. Im Unterschied zu den Grünen, deren Transformationsagenda für das Land den Wahlkampf deutlich bestimmt hat, sind die Wir-wollen-den-Wechsel-Parolen der FDP aber doch eher untergegangen.

Jedenfalls, wenn man aufs große Ganze schaut. 11,5 Prozent der Stimmen konnten die Freien Demokraten bei den Wahlen am 26. September erzielen. Sie haben zugelegt, besonders bei den jungen und jüngsten Wählern. Die haben die Veränderungsversprechen also durchaus gehört und gut gefunden.

Jetzt aber, in diesen Zwischen-Tagen, ist diese Erzählung plötzlich überpräsent. In ihrer Mitte steht Christian Lindner. Der Mann an der Spitze der FDP: Fraktionschef, Parteichef, Spitzenkandidat und jetzt eben Obersondierer. In der FDP hat sich in den vergangenen Jahren vieles auf Lindner verengt. Von außen betrachtet, gewinnt man den Eindruck, neben Christian Lindner gebe es gar keine FDP. Dieser Mann ist die FDP und die FDP ist Christian Lindner, kann man sagen.

Natürlich ist dieser Satz gleichzeitig richtig und falsch. Es gibt mehr Menschen als Christian Lindner in der FDP. Zurzeit sind es mehr als 76.000. Die FDP hat gerade in letzter Zeit eine Menge Menschen dazugewinnen können. Im Sondierungsteam sind außer Christian Lindner auch noch neun andere Parteikollegen.

Und doch stimmt der Satz. Die FDP wirkt schon seit einigen Jahren wie eine One-Man-Show. Alles konzentriert sich auf Lindner. Er habe ja auch die Partei wieder in den Bundestag zurückgebracht, sagen Parteikollegen und loben seine körperliche und geistige Belastbarkeit im Wahlkampf. Und bei den aktuellen Vorsondierungen und Sondierungsgesprächen gilt er als derjenige, der sich die neue Verbrüderung von FDP und Grünen inklusive Selfie nach dem ersten Treffen ausgedacht hat. Anscheinend hat er schon lange vor den Wahlen Gespräche mit den Grünen geführt, so sagen Parteikollegen. Auf diese Weise mussten gemeinsame Absprachen nach der Wahl nicht spontan getroffen werden. Die neue Stärke der kleinen Parteien bei der Regierungsbildung, ihre Position als Königsmacher war offenbar bereits vorbereitet. Ihn selber kann man danach zurzeit nicht fragen. Abseits der öffentlichen Statements hat er keine Zeit.

Fragt man in der Union herum, hört man für diesen Coup uneingeschränkte Bewunderung. Dass FDP und Grüne nicht nur entscheiden, wer Kanzler wird, sondern auch noch einer gemeinsamen Choreografie folgen, macht neidisch. Die Legende von einem fortschrittlichen Zentrum aus zwei derart unterschiedlichen Parteien müssten sie dann in der Regierung aber erst mal beweisen und sich nicht nur gegen die beiden größeren SPD und Union damit abgrenzen, heißt es.

Lindner, der Hellsichtige. Der Mann im Zentrum der Dinge. Die Frage ist, wie ist er da hingekommen?

Christian Wolfgang Lindner wurde 1979 in Wuppertal geboren. Er hat ein Gymnasium in Wermelskirchen besucht, Politikwissenschaft, Staatsrecht und Philosophie studiert. Sein Vater war Lehrer, die Eltern ließen sich scheiden, er wuchs bei der Mutter auf. Er hat geheiratet und sich scheiden lassen. Keine Kinder. Die dürren Daten erklären allerdings nichts. Schon eher die Tatsache, dass er bereits mit 16 Jahren der FDP beigetreten ist.

Es existiert ein Video im Internet von Lindner als Schüler. Er führt dort großspurige Reden und erklärt, warum die FDP seine politische Heimat ist. Stern TV hat es gemacht und vor den Wahlen 2017 wieder aus der Mottenkiste gezogen. Es ist sehr lustig. Man sieht Christian Lindner in einem übergroßen Anzug, eine Krawatte um den Hals, die einen schwarz-weiß-gescheckten Hund zeigt. Eine geliehene Limousine kommt in dem Film vor und alles andere ist auch groß und gewaltig. Christian Lindner erklärt, warum Schule Nebensache ist (weil man da sowieso nichts lernt), wie er mit seiner neu gegründeten Firma PR-Konzepte an den Mann bringen will und dass man selbstbewusst auftreten und Mittfünfzigern erklären muss, warum sie umdenken sollen.

Natürlich ist der Blick zurück in die Jugend unfair und doch zeigt er auch was. Große Schuhe hatten immer schon einen Reiz für  Lindner. Sie konnten gar nicht groß genug sein. Mangelndes Selbstbewusstsein gehört nicht zu seinen Problemen. Es gibt ein schönes Zitat von  Lindner aus diesem Video frei nach Kant, das diesen Anspruch aus einer Position, die nichts rechtfertigt aufs Wunderbarste spiegelt: „Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie an und handelt. Unsere Maxime: ran an die Arbeit, Arbeit bewältigen. Probleme sind nur dornige Chancen.“

Jüngster Abgeordneter und jüngster Parteivorsitzender

Der Film hat ihm nicht geschadet. Die politische Karriere ging  steil aufwärts. Der Jüngste war er lange. Der jüngste Abgeordnete in einem Landesparlament, der jüngste Bundesvorsitzende in der Parteigeschichte.

Es gibt weitere Videos im Netz, die man heranziehen kann zur Erklärung dieses Mannes. Eine Schlüsselszene zum Verständnis der aktuellen Positionierung der FDP ist zum Beispiel der Abend des 20. November 2017. Damals hat es noch nicht gereicht zum Regieren.

Es ist kurz vor Mitternacht, als Christian Lindner nach langwierigen Sondierungsverhandlungen für eine Jamaika-Koalition hinwirft. Draußen in der kalten Nachtluft vor der Landesvertretung Baden-Württemberg warten Hauptstadtjournalisten und Kamerateams. Lindner baut sich im Scheinwerferlicht auf, neben ihm sein Vize Wolfgang Kubicki und Generalsekretärin Nicola Beer. Ihre Gesichter wirken wie versteinert. Lindner spricht von den Tagen und Wochen, in denen man miteinander gerungen habe, aber noch immer liege nur ein Papier mit zahllosen Widersprüchen und Konflikten vor. Nach so langer Zeit – kein tragfähiger Kompromiss. Die FDP fühle sich nicht hinreichend repräsentiert. Und dann sagt er jenen Satz, mit dem er seitdem immer wieder zitiert worden ist: „Es ist besser nicht zu regieren als falsch zu regieren.“ Noch ein Blick in die Kamera und dann ist Jamaika Geschichte.

Grüne und CDU warfen Lindner später vor, diesen Abgang und das Scheitern eines Bündnisses eiskalt geplant zu haben. „Die FDP hat das von langer Hand vorbereitet“, zitiert die Zeitung taz Robert Habeck, der im grünen Sondierungsteam saß. Der Grünen-Stratege Jürgen Trittin spricht von Vorsatz. Die Welt schreibt, Lindner habe Jamaika exekutiert. Lindner, der Stratege.

Das wirkt lange nach. Lindners Erklärungen, woran Jamaika eigentlich gescheitert ist, sind nicht ausreichend. Lindner gilt fortan als Bösewicht. Ein Zocker im politischen Betrieb. Jemand, der im entscheidenden Moment vor der Verantwortung kneift. Im Grunde wirkt die Geschichte bis zum heutigen Tag nach. Auch diesmal steht die Frage im Raum, ob Christian Lindner im entscheidenden Moment unterschreiben wird. Lindner, der Unzuverlässige.

Er weiß das. Natürlich. Vielleicht ist auch das einer der Gründe, warum er die Dinge an sich gezogen hat, warum Christian Lindner diesmal zum Motor wird, lange vor den anderen und nichts dem Zufall überlässt. Er hat etwas gut zu machen.

Aber Geschichten verändern sich auch, je öfter sie erzählt werden. Und diese wird mittlerweile so erzählt, dass Lindners Partei in den Verhandlungen zum bloßen Anhängsel verkommen wäre, ohne eigene Vorstellungen durchsetzen zu können. Da habe er die Notbremse ziehen müssen. Christian Lindner, der Konsequente.

Viele Parteikollegen stützen Christian Lindners Kurs. Die Verteidigungspolitische Sprecherin der Partei Marie-Agnes Strack-Zimmermann sagt: „An der Eigenständigkeit der FDP arbeiten wir ja seit acht Jahren. Das war immer das Ziel.“ Bei dieser Wahl seien die Freien Demokraten um ihrer selbst gewählt worden.

Es hat aber auch viel Kritik in den vergangenen Jahren an Lindner gegeben. Auch innerhalb der Partei. Der frühere FDP-Spitzenpolitiker Gerhart Baum bezeichnete Lindners Kurs als zu weit rechts. Die FDP unter Lindner gehe unkritisch mit dem Kapitalismus um. Soziale Verantwortung und eine Ethik für die Wirtschaft fehlten vollkommen. Es gab auch Kritik im Zusammenhang mit der Regierungskrise in Thüringen 2020, als Lindner die Aufstellung Thomas Kemmerichs unterstützte, der dann mit Stimmen der AfD gewählt wurde. Es gab eine Sexismus-Debatte nach der Verabschiedung Linda Teutebergs als Generalsekretärin. Aber zurzeit sind alle Kritiker mucksmäuschenstill.

Das Lustigste an Christian Lindner ist, dass auch so jeder glaubt, ihn relativ gut zu kennen. Weil es diese prägnanten Auftritte von ihm gibt und weil er das Gesicht seiner Partei ist. Aber wenn man über Lindner schreibt, merkt man, dass man nur sehr wenig über die Person weiß. Christian Lindner hat sich selbst zu einer Figur stilisiert.

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