Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Weit im Osten von Berlin und ein wenig südlich, Richtung Karlshorst, über die Straße am einstigen Schloss Friedrichs – das Dorf benannte er auch gleich nach sich – dehnten sich einmal struppige Brachen. Zu diesem Dorf Friedrichsfelde hin, das inzwischen zu einem Finger der um sich greifenden Hand der Stadt Berlin geworden war, siedelten sich in den Zwanzigerjahren schon die Waben der Lauben an, dicht an dicht, um dem sandigen preußischen Boden mit Mist und Geduld Johannisbeeren, Zwiebeln und Kartoffeln zu entlocken, alles hinter den vorgeschriebenen Hecken.
Auf den verbleibenden Brachen und in den hinteren Teilen des Schlossparks konnten in den ersten Kriegsjahren des Zweiten Weltkriegs ungestört Lager für ungefähr 20.000 Zwangsarbeiter und Häftlinge errichtet werden. Man baute räudige Baracken, aus denen die entführten, versklavten und verstörten Menschen aus dem tiefen Osten, aber auch aus Deutschland und Italien Morgengrauen für Morgengrauen aufbrechen mussten, um schwere Arbeit, vielleicht in Oberschöneweide oder in der nahe liegenden ersten sogenannten Stettiner Fleischwarenfabrik zu verrichten. Die eigenen kräftigen jungen Männer waren ja im Krieg.
Kinder betrachten im Tierpark Friedrichsfelde in Berlin (Ost) Bären in einem großen Käfig.
© Reinhard Kaufhold/imago
Zurück blieb eine schale Luft
Nach dem Krieg verschwanden die um ihre Jugend Beraubten, verschwanden schließlich auch die Baracken. Zurück blieb eine schale Luft von Niemandsland rechts und links an der großen Straße von Friedrichsfelde hinunter nach Karlshorst mit dem nun verkommenden Schloss im Park. Zur Erbauung der kriegsbeschädigten Menschen und als Zeichen der neuen Zeit wurde hier, zehn Jahre nach dem Ende des Krieges, im Schlosspark von Friedrichsfelde für alle ein Tierpark geschaffen.
Im Sommer 1961 war ich gerade das erste Mal in den Westen der Stadt geschoben worden, in einem klappbaren Sportkinderwagen mit tarnzeltgrünem Stoff, zu meiner Großtante Gertrud in der Elbestraße in Neukölln. Kurz darauf schloss die junge DDR ihre Grenzen, um den in die Millionen gehenden Menschenstrom in den Westen zu unterbinden. Und als die verbliebenen Kräfte und Materialien und Kenntnisse nicht ausreichten, das Alte, Zerstörte oder nur Beschädigte im Osten neu zu errichten, das zudem an zurückliegende Schrecken und Schulden erinnerte, wurde beschlossen, ganz Neues zu bauen, auf den Brachen am Rande der Stadt. Die erste davon war eben jene in Friedrichsfelde.
Auf diesem steppigen Areal, am Rande eines früheren Konzentrations- und Arbeitslagers, am jetzigen Tierpark, am ausgefransten Rand des ärmlicheren Teils des Ostens, wurde das erste große Wohnviertel der DDR gebaut. Es mussten eigentlich nur der Verlauf eines Grabens, der Bahngleise und der Verbleib des Wäldchens berücksichtigt werden, ansonsten war es flach und leer wie das Reißbrett, auf dem das Viertel geplant wurde, jedenfalls wenn die wieder wuchernden Laubenkolonien beseitigt waren.
Wie Trumps Zoll-Wutanfall Indien zurück in die Arme Chinas drängt
Hans Heinrich Franck: Chemiker, Humanist und unverstandener Brückenbauer zwischen Ost und West
Linker Hand nur struppiges, schweigendes Niemandsland
Verließ man also den Tierpark durch den südlichen der beiden Ausgänge, da wo auch heute noch die Braunbären zwischen ihren Felsen klettern, und querte die Treskowallee, die damals gerade frisch „Straße am Tierpark“ hieß, und ging dann weiter hinein in den damals noch sandigen Upstallweg an den Lauben entlang, linker Hand nur struppiges, schweigendes Niemandsland, kam man in das Neubaugebiet, das damals noch Hans-Loch-Viertel hieß.
Noch bevor die Häuser fertig waren, im Sommer 1964, lief mein noch sehr junger Vater mit mir diesen Upstallweg vom Tierpark ein Wäldchen entlang, um mir in einem noch grauen Rohbau unsere neue Wohnung zu zeigen. „Darf man das?“, fragte ich ängstlich. „Nein, aber wir machen das einfach“, beunruhigte mich mein Vater.
Wir kletterten also vorsichtig die Treppen, die noch ohne Geländer waren, vier Stockwerke hoch inmitten von lichtem Beton. Ich hatte Angst vor der neuen Wohnung, denn dort sollte es sogar ein Badezimmer geben, mit Toilette und einer großen Wanne, in der man „schön den Kopf Waschen kann“. Bisher hatten wir in Karlshorst nur eine kleine Zinkwanne auf dem hölzernen Küchenfußboden und ein Klo in einem winzigen, dunklen, spitz zulaufenden Raum. Haare waschen war ohne Bad schon schlimm genug, immer kriegte ich Seife in die Augen, ich wollte lieber in unserer alten Wohnung bleiben.
Straße der Befreiung in Berlin-Friedrichsfelde, 1980
© Stöpper/imago
Die Erwachsenen wirkten oft wie mit einem unsichtbaren Film beschäftigt
Jeweils eine Drei- und eine Vierzimmerwohnung, oder damals Vierraumwohnung, lagen sich auf einem der vier Stockwerke jedes neuen Hauses in jeweils vier Aufgängen gegenüber. Alle hatten sie einen großen Balkon und große Fenster, eine damals gerade in Mode kommende Einbauküche und Linoleumfußböden und gehörten der AWG, der Arbeiterwohnungsgenossenschaft. Die Vierzimmerwohnungen kosteten 92 DM, damals sehr viel Geld.
In dieses Wohnviertel aus gelb, grün oder grau gefärbten Betonelementen nun strömten junge Eltern, denn Eltern mussten sie natürlich sein, um diese Wohnungen zu bekommen, und mit ihnen zogen ihre unsichtbaren Schatten aus ihrer eigenen Kindheit und Jugend im Krieg. Allein in unserem Aufgang mit nur acht Wohnungen waren wir schließlich 20 Kinder. Im ganzen Viertel lebten 15.000 Menschen.
Die Erwachsenen wirkten oft wie beschäftigt mit einem unsichtbaren Film, der nur vor ihren Augen lief, und „Früher“ hieß. Man konnte ihn nicht sehen, man konnte nur die oft abwesenden, von diesem Film verschatteten Augen sehen. Manchmal las jemand etwas daraus hervor: „Früher, als es nichts zu essen gab“, „Früher haben wir gehungert“, „Früher musste man sich benehmen“, „Früher hätte es so was nicht gegeben“. Und manchmal hörte man von älteren Vätern mit herben Falten im Gesicht: „Früher wurde man für so was vergast.“
Keine Ahnung hatten wir, was dieses Vergasen war, vielleicht hatte es etwas mit unserem „Lachen bis zur Vergasung“ zu tun, das wir immer benutzten, wenn wir neue Ausdrücke erfanden, die wir uns wie Pingpongbälle an den Kopf warfen, zum Beispiel „Bandwurmsteppensaugerippe“.
Gefahr der Grauzone: Was ein eingefrorener Krieg für die Ukraine bedeuten würde
Der Kiosk K67: Renaissance einer sozialistischen Architekturikone
Ein kleines Stück Papier, das sehr kostbar war: eine Butterkarte
Es gab auch sehr alte Männer mit nur einem Bein oder nur einem Auge und altmodisch weiten Hosen und gelben Binden am Arm mit schwarzen Punkten. Sie wohnten aber nicht in dem Viertel, sondern am Rand in den bröckeligen Altbauten und liefen nur durch das Viertel hindurch zu Besuch oder zur S-Bahn und hatten besonders zerfurchte Gesichter.
Schnell fanden wir Freunde, den fast alle Kinder mussten immer draußen spielen. Die wenigen, die nicht mussten und gar nicht durften, waren „die Stubenhocker“. Einmal klingelte ich nach dem Spielen aus Versehen bei der falschen Mutti im falschen Aufgang. Ich heulte gleich los, als mir – ich war schon im dritten Stock – die fremde Frau von oben entgegenblickte. Aber sie schimpfte gar nicht, sondern half mir, meine richtige Mutti zu finden.
Einkaufen gingen wir in Läden im Hochparterre, die eigentlich später Wohnungen sein sollten, man kletterte frische rohe Holztreppen hoch und ging über den Balkon hinein. Das war lange bevor die große Kaufhalle fertig war. Brot und Schrippen und Knüppel, so hießen die länglichen Schrippen, gab es in der einen Ladenwohnung, Milch, Quark und Eier in der anderen und dort auch Butter, aber nur gegen ein kleines Stück Papier, das sehr kostbar war: eine sogenannte Butterkarte.
Ein Umzug in Friedrichsfelde im Juli 1991
© Rolf Zöllner/imago
In der Ferne ragte das Kraftwerk Klingenberg auf
Auf den Wegen blieben wir mit unseren Schuhen oft in den vielen gleichmäßigen Löchern der Betonplatten, die den schlammigen oder staubigen Boden bedeckten, stecken und ruckelten dann an unseren Füßen. Manchmal mussten wir sogar die Schuhe ausziehen, um sie wieder herauszubekommen. Die Straßen mussten ja erst noch gebaut werden, Häuser waren am wichtigsten.
Zwischen den hellgrauen Blocks gegenüber ragte in der Ferne, hinter einem dunkelgrünen Meer von Lauben, das Kraftwerk Klingenberg auf und qualmte aus riesigen Schornsteinen Tag und Nacht seine Wolken in den Himmel. Ich beobachtete sie so lange, bis ich Rillen an den Fingern und Händen hatte – von der Heizung, auf der ich saß. Ja, ich hatte jetzt ein eigenes Zimmer und eins war für die Jungs. Und hier gab es in jedem Zimmer eine Heizung statt nur einen gelben Ofen im Wohnzimmer.
Unsere Stimmen schallten in diesen glatten Räumen aus Beton. Keine Mäuse quetschten sich mehr zwischen Diele und Bodenleiste hervor, es gab gar keine Dielen, sondern etwas Dunkelgrünes, das Linoleum hieß. Unter uns wohnte kein Bäcker mehr, sondern eine Familie mit fünf Kindern.
Wir liefen oft durch das Wäldchen am Upstallweg zu der öden Steppe, fingen dort sogar einmal ein Kaninchen. Wir waren auf der Suche nach Schätzen, Ruinen und Geheimnissen aus einem ominösen Krieg, ohne zu wissen, was das wirklich gewesen war.
Meist kauten wir aber Grashalme und Sauerampfer, spielten mit Goldruten, Grashüpfern, Feuerkäfern und alten Holzbohlen und Ziegelresten oder stromerten für 50 Pfennig pro Kind im Tierpark herum, saugten die Gerüche der Tiere ein und machten die Hängebauchschweine nach. Von den Baracken der Lager war nichts mehr zu sehen.
Heute sind diese ersten vierstöckigen Neubauten fast völlig umringt von Hochhäusern.
Ute Novieku ist Berlinerin in vierter Generation, stammt aus einer multikulturellen Familie und wurde an der Freien Universität Berlin in Psychologie promoviert. Mit der Geschichte und Gegenwart ihrer Herzensstadt beschäftigt sie sich in Texten und auch Zeichnungen, besonders mit der Zeit und den kollektiven und individuellen Folgen des Nationalsozialismus bis in die Gegenwart.
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]