DEBATTE - Der Bundestag berät heute über eine Liberalisierung des strengen Stammzellgesetzes. Deutschlands Forscher wünschen, die engen Regeln zu lockern. Doch ist ihre Arbeit umstritten.

"Die alten Zellen sind nicht mehr ausreichend"

Anke Brodmerkel
4 Min

Tobias Cantz, 35, forscht seit 2004 am Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin in Münster. Er gehört dort der Arbeitsgruppe von Hans Schöler an, einem der angesehensten Stammzellforscher weltweit.Herr Cantz, noch erforschen Sie embryonale Stammzellen von Mäusen, demnächst wollen Sie auch mit menschlichen Embryozellen arbeiten. Müssen Sie Ihr Tun gegenüber Freunden manchmal verteidigen?Ja, das kommt vor. Viele Menschen denken ja immer noch, dass man, um embryonale Stammzellen zu gewinnen, quasi einem Baby Zellen entreißen muss. Sie wissen nicht, dass ein wenige Tage alter Embryo, dem man Stammzellen entnehmen könnte, auch dann entsteht, wenn eine Frau mit der Pille danach oder der Spirale verhütet. Denn beide Methoden verhindern ja nur, dass sich der Embryo in die Gebärmutter einnistet. Wenn ich meinen Kritikern das erkläre, haben sie gegen meine Arbeit meist nichts mehr einzuwenden. Außerdem nutzen wir nur Embryonen, die im Ausland ohnehin existieren, weil sie Überbleibsel von künstlichen Befruchtungsversuchen sind.Was genau haben Sie mit den embryonalen Stammzellen vor?Wir brauchen sie vor allem zu Vergleichszwecken. Denn eigentlich ist es unser Ziel, ausgereifte Körperzellen so zu verjüngen, dass sie die gleichen Eigenschaften wie embryonale Stammzellen erhalten. Dass das funktionieren kann, haben mehrere Forscherteams aus Japan und den USA gezeigt. Nun müssen wir noch untersuchen, ob die im Labor verjüngten Zellen sich tatsächlich genauso verhalten wie Embryozellen. Wenn sie das tun, wollen wir aus ihnen Leberzellen züchten, um Stoffwechselerkrankungen der Leber zu studieren. Ziel ist es, neue Heilverfahren zu finden.Dafür braucht man unbedingt Stammzellen?Ja, denn ansonsten müsste man immer wieder auf frisches Lebergewebe zurückgreifen. Wiederholte Biopsien aber wären keinem Patienten zuzumuten.Aber würden Ihnen nicht auch embryonale Stammzellen ausreichen, die vor dem 1. Januar 2002 hergestellt wurden? Sie wollen die Zellen ja nicht zu therapeutischen Zwecken nutzen.Auch für unsere Projekte sind die alten Zellen nicht mehr ausreichend. Denn in ihnen haben sich mittlerweile eine Reihe genetischer Defekte angesammelt, was zur Folge hat, dass sich die Zelllinien in ihrem Verhalten nur noch bedingt ähneln. Wir können also nicht sagen, unsere verjüngten Zellen sind gut, nur weil sie die gleichen Eigenschaften wie eine der älteren Zelllinien haben. Es könnte nämlich sein, dass mit einer anderen Zelllinie ein völlig anderes Ergebnis herausgekommen wäre. Zudem erschwert die bestehende Regelung, dass wir mit Forschergruppen aus dem Ausland zusammenarbeiten können. Denn dort wird künftig kaum noch jemand freiwillig mit den alten Zellen arbeiten.Plädieren Sie für eine vollständige Abschaffung der Stichtagsregelung?Nicht kategorisch. Ich fordere keinen Freibrief. Meine Kollegen und ich beabsichtigen nicht, für deutsche Forschungsprojekte neue Stammzelllinien herzustellen. Das befürchten ja viele Kritiker. Daher wäre uns derzeit mit einer Verschiebung des Stichtags geholfen. Aber ich weiß nicht, ob wir irgendwann nicht doch Stammzellen benötigen werden, die nach dem 1. Mai 2007 hergestellt wurden.Was sollte das Parlament beschließen?Wenn es nach mir ginge, gäbe es keine Stichtagsregelung. Stattdessen würde man jeden Antrag, mit Embryozellen zu arbeiten, einzeln prüfen und dann entscheiden. Eine solche Einzelfallprüfung zum Import neuer Zellen würde der wissenschaftlichen Entwicklung langfristig am besten gerecht. Aber wie gesagt: Mit einer Verschiebung des Stichtags können wir erst einmal leben.Und was werden Sie tun, wenn die Verschiebung wider Erwarten keine Mehrheit im Parlament findet? Gehen Sie dann ins Ausland?Nein. Ich habe mich vor dreieinhalb Jahren entschieden, in der Arbeitsgruppe von Hans Schöler mitzuarbeiten, und ich möchte auch weiterhin in Deutschland forschen. Die Entscheidung des Parlaments wirkt sich aber auf meine zukünftigen Schwerpunkte aus. Die Frage, um die es für mich derzeit geht, lautet: Kann ich künftig patientenorientierte Forschung betreiben oder widme ich mich vermehrt der Grundlagenforschung.Das Gespräch führte Anke Brodmerkel.------------------------------Foto: Tobias Cantz, Stammzellforscher------------------------------Foto: Auch aus Nabelschnurblut (Bild) können embryonale Stammzellen gewonnen werden, von denen Forscher die Heilung vieler Krankheiten erhoffen.

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