Bundeskanzler Friedrich Merz hat bei einem Wahlkampfauftritt im baden-württembergischen Bad Rappenau die seiner Meinung nach hohe Zahl der Krankheitstage in Deutschland thematisiert. Der CDU-Chef verwies darauf, dass Beschäftigte hierzulande im Schnitt auf 14,5 Krankentage pro Jahr kämen. „Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?", fragte Merz vor Publikum.
Der Kanzler forderte eine Debatte über Anreize, damit Arbeitnehmer ihrer Beschäftigung nachgingen. Als konkretes Beispiel nannte er die seit 2021 geltende telefonische Krankschreibung, deren Abschaffung die Union anstrebt. Merz kündigte an, das Thema mit dem Koalitionspartner SPD zu beraten.
Opposition reagiert mit scharfer Kritik
Die Äußerungen des Kanzlers lösten bei SPD, Grünen, Linken und BSW deutlichen Widerspruch aus. Der frühere Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach erklärte dem Tagesspiegel, eine Verbesserung beim Krankenstand lasse sich durch „Vorbeugemedizin" erreichen – also durch Früherkennung, eine Erhöhung der Tabaksteuer und andere präventive Maßnahmen. Eine „Gängelei der Kranken" lehnte er ab.
Linken-Bundesgeschäftsführer Janis Ehling entgegnete, wer den hohen Krankenstand beklage, solle über Überlastung, Personalmangel und krankmachende Arbeitsbedingungen sprechen, statt Beschäftigten fehlende Arbeitsmoral zu unterstellen. Grünen-Chefin Franziska Brantner räumte ein, wirtschaftlich sei klar, dass mehr gearbeitet werden müsse. Allerdings brauche es dafür gute Rahmenbedingungen wie verlässliche Kinderbetreuung. BSW-Vorsitzender Fabio De Masi warf dem Kanzler vor, Millionen Beschäftigte unter Generalverdacht zu stellen.
Statistik zeigt Anstieg – digitale Erfassung als mögliche Ursache
Laut Statistischem Bundesamt waren Beschäftigte im Jahr 2024 durchschnittlich 14,8 Arbeitstage krankgeschrieben. Das entspricht einem Anstieg um 3,6 Tage im Vergleich zu 2021. Die Behörde nennt als möglichen Grund die Umstellung auf die digitale Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, durch die Ausfälle vollständiger erfasst würden.
Diese Einschätzung teilt auch eine Studie der Krankenkasse AOK von Anfang 2025. Als Treiber für zusätzliche Fehltage identifizierte die Untersuchung unter anderem Atemwegserkrankungen. Bei der telefonischen Krankschreibung, die Merz als Problem benannte, fand die AOK-Studie hingegen keinerlei Anzeichen für einen systematischen Missbrauch.
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