Weniger arbeiten, gleicher Lohn

Zehn Stunden am Tag malochen: Nur so klappt die Vier-Tage-Woche

Berlin debattiert über die Vier-Tage-Woche in Behörden. Die Kleinstadt Wedel in Schleswig-Holstein setzt auf das Modell. Arbeitsökonomen sehen ein großes Risiko.

6 Min
Möchte über eine Vier-Tage-Woche diskutieren: Berlins Arbeitssenatorin Cansel Kiziltepe (SPD). 

Möchte über eine Vier-Tage-Woche diskutieren: Berlins Arbeitssenatorin Cansel Kiziltepe (SPD). 

© Monika Skolimowska/dpa

Für viele klingt es verlockend. Statt an fünf nur an vier Tagen in der Woche arbeiten, drei Tage lang frei haben – und das bei vollem Lohnausgleich. Die Vier-Tage-Woche wird derzeit heiß diskutiert, die Gewerkschaften liebäugeln mit ihr, andere – vor allem viele Arbeitgeber – lehnen sie ab. Auch der neue Berliner Senat ist auf den Zug aufgestiegen – und denkt zumindest über ein Modellprojekt nach. Das sagte jüngst die SPD-Arbeitssenatorin Cancel Kiziltepe und bekam sogar Rückendeckung von Berlins Regierendem Kai Wegner (CDU).

Es gehe, so die Arbeitssenatorin, darum, die Jobs im öffentlichen Dienst attraktiver zu machen – denn schon jetzt wollen viele in der Berliner Verwaltung nicht mehr arbeiten. Das wird sich in nächster Zeit nicht verbessern. In den kommenden acht Jahren werden mehr als 44.000 Mitarbeiter der Berliner Verwaltung in Rente gehen, fast ein Drittel der Belegschaft. Es gilt jetzt schon als sicher, dass nicht genug Personal nachrücken wird.

Und während in der Hauptstadt noch diskutiert und abgewogen wird, ist in einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein schon gehandelt worden. In Wedel tritt Ende Juni die Vier-Tage-Woche in Kraft, vor Ostern gab der Rat der Stadt grünes Licht.

Seitdem organisiert Jörg Amelung aus Wedel die neue Aufstellung. Er ist Fachbereichsleiter Innerer Service und damit auch zuständig für die Personalplanung und -entwicklung. Er sagt: „Wir müssen umdenken und flexibler in unseren Jobangeboten werden. Man braucht es nicht schönzureden: Der öffentliche Dienst zahlt nicht so gut, wie die freie Wirtschaft. Wir müssen an anderen Stellen punkten.“

Wedel vor Vier-Tage-Woche: Kaum Bewerbungen

Wedel liegt im Kreis Pinneberg und hat etwa 34.000 Einwohner. In der öffentlichen Verwaltung arbeiten derzeit 438 Menschen. Das ist natürlich winzig im Vergleich mit Berlin: In der Hauptstadt arbeiten rund 130.000 Menschen im öffentlichen Dienst. 

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Die Probleme aber seien gleich, sagt Amelung, egal, wie groß eine Stadt sei. Er fügt hinzu: „Deutschlandweit werden wir in den nächsten acht bis zehn Jahren 1,3 Millionen Beschäftigte im öffentlichen Dienst verlieren. Das heißt, wir haben einen riesigen Personalbedarf, und gleichzeitig gibt es etwa 30 Prozent weniger potenzielle Bewerber.“ 

In Wedel gab es im vergangenen Jahr 119 Stellenausschreibungen. „Wir mussten Stellen teilweise auch doppelt oder dreifach ausschreiben“, sagt Amelung. „Der Spitzenwert sind sechs Ausschreibungen für eine Planstelle.“ In Wedel seien derzeit zehn Prozent der Stellen nicht besetzt.

Seit es das Angebot einer Vier-Tage-Woche gebe, hätte sich die Bewerberzahl fast verdoppelt, sagt Amelung. Es gebe ganz viele Initiativbewerbungen, so viele wie lange nicht mehr. Und auch die Mitarbeiter seien motivierter. „Je flexibler das Arbeiten ist, desto besser“, sagt er. 

Geht es nach Amelung soll die Vier-Tage-Woche – sie ist freiwillig – für alle in der Behörde möglich sein, „ohne dass sich das Arbeitsentgelt ändert“. Der Personalplaner sagt: „Die volle wöchentliche Arbeitszeit, egal ob 20, 35 oder 41 Stunden, wird sich auf vier Tage verteilen, da wo es dienstlich möglich und gewollt ist.“ Alles sei eine Frage der Planung und Flexibilität innerhalb der Behörde.

Lohnausgleich: Wöchentliche Arbeitszeit bleibt gleich

Arbeitsrechtlich ist das laut Amelung kein Problem. Er erarbeite gerade mit dem Personalrat eine Dienstvereinbarung. Danach können Mitarbeiter, die sich für eine kürzere Arbeitswoche entscheiden, die Stunden beliebig auf die vier Tage verteilen. Das Stunden-Kontingent muss binnen eines halben Jahres erfüllt werden. Es gebe, so der Wedeler, keine Vorgaben – und wenn ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin mal zehn bis elf Stunden am Tag arbeite, sei das dank Dienstvereinbarung rechtlich möglich.

Der Personalplaner sagt: „Die wöchentliche Arbeitszeit, die man im Arbeitsvertrag geregelt hat, bleibt immer gleich.“ Man verteile sie nur anders. Nur wenn sich an den Stunden etwas ändere, dann ändere sich auch das Gehalt. Es gebe auch die Möglichkeit, Stunden aufzustocken oder zu verringern. Bei Teilzeitkräften – die Quote liegt in der Wedeler Verwaltung bei 57 Prozent – müsse man sehen, wie viele das neue Angebot annehmen wollen. 

Arbeitsökonomen sehen Vier-Tage-Woche skeptisch

Doch was bedeuten vier Tage Arbeit bei vollem Lohnausgleich? Arbeitsmarktökonomen sehen das skeptisch. „Wenn jetzt alle einfach bei gleichem Gehalt einen Tag weniger arbeiten, entspräche das einer Lohnerhöhung von 25 Prozent“, sagte jüngst Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Spiegel. „Es ist illusorisch, dass solch ein Aufschlag erwirtschaftet werden kann.“

Die Folgen wären sowohl für Unternehmen, Beschäftigte als auch den Staat potenziell negativ. „Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, hätten dann ein Problem. Investitionen würden deutlich zurückgehen. Auch Unternehmen, die von öffentlicher Finanzierung abhängig sind, hätten dann ein Problem. Damit würden wiederum die Steuerzahler belastet.“ Weber geht allerdings davon aus, dass bei einer Vier-Tage-Woche auch die wöchentliche Stundenzahl reduziert wird. In Wedel ist das nicht geplant. Dort sollen die Stunden nur flexibler verteilt werden.

Auch weitere Befürworter argumentieren anders. Die Produktivität werde gesteigert. Mit einer Viertagewoche steige die Arbeitszufriedenheit und damit die Effektivität der Beschäftigten, sagt etwa SPD-Chefin Saskia Esken. Auch hoffe man, die vielen Teilzeitbeschäftigen durch eine kürzere Arbeitswoche wieder in Vollzeit zurückzubringen. Das bringe bis zu 400.000 Beschäftigte mehr. Mitarbeiter, die derzeit fehlen würden. 

In Wedel hat man sich auch schon damit auseinandergesetzt – und erhofft einen gleichen Effekt. Wenn am Ende 10 bis 20 Prozent der Belegschaft das Angebot erreicht habe, sei er zufrieden, sagt Amelung. Er sei allerdings zuversichtlich, denn aus Studien wisse er: Das Wichtigste für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sei die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Neben diesem Modell setzt Wedel auch auf Homeoffice-Angebote.

Es ist egal, wie groß eine Verwaltung ist, es ist eine Frage der Organisation.

Wedels Personalplaner Jörg Amelung über die Vier-Tage-Woche

Doch ist das auch auf eine Metropole wie Berlin überhaupt übertragbar? „Natürlich, es ist egal, wie groß eine Verwaltung ist“, sagt Amelung, „es ist eine Frage der Organisation“. Die Vier-Tage-Woche passe zu fast allen Stellen. „Außer natürlich bei den Erzieherinnen an der städtischen Kindestagesstätte. Das ist klar, aber selbst dort kann man es so planen, dass die Betreuung gewährleistet ist.“

Auch in der Verwaltung  gebe es keine Probleme – vorausgesetzt, dass die Bürgerinnen und Bürger das Amt jeden Tag erreichen können. Das lasse sich durch eine flexible und faire Dienstplanung leicht regeln. Dann könne die eine Mitarbeiterin beispielsweise jeden Montag freibekommen, ihr Kollege jeden Freitag, oder man wechsle sich ab. Lösungen werden sich finden, so der Personalplaner. 

Ob das wirklich zu Berlin passt? Seit Jahren ächzt die Verwaltung unter wachsenden Anforderungen. Die gewollte Bürgernähe und die Digitalisierung ist nach wie vor das Hauptproblem und kann nur durch mehr Personal umgesetzt werden. Daher erntet das Modell einer Vier-Tage-Woche auch Kritik. Für die Berliner FDP, die allerdings nicht mehr im Abgeordnetenhaus sitzt, ist das Modell undenkbar. „Termine in Berliner Bürgerämtern sind Mangelware, sodass Kfz-An- und Ummeldungen, Passdokumente oder auch die Beantragung einer Geburtsurkunde teilweise Monate dauern“, kritisierte FDP-Landesvorsitzender Christoph Meyer. Die Debatte komme deshalb zur falschen Zeit. In Wedel lautet darauf die Antwort: Nicht kleinreden, sondern Lösungen finden.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner