Alltagspoesie

Gedichtzyklus „Ost“: Dem Alltag einen poetischen Tritt verpassen

Frank Kralemann ist Hobbydichter mit Leidenschaft, lebt in Nordrhein-Westfalen und beschreibt in seinem Gedichtzyklus „Ost“ beeindruckend und berührend verlassene Landschaften, Orte und Menschen.

Lilli Vostry
10 Min
Frank Kralemann hat kurz nach der Wende zum ersten Mal den Osten besucht. Seitdem schreibt er Gedichte über verlassene Landschaften.

Frank Kralemann hat kurz nach der Wende zum ersten Mal den Osten besucht. Seitdem schreibt er Gedichte über verlassene Landschaften.

© privat

Was erzählt eine Landschaft, wenn die Menschen gegangen sind? „Eine verlassene Haltestelle in der Uckermark. Das Schild steht noch. Die Schrift hat der Regen zur Hälfte genommen. Was lesbar bleibt, ist ein Versprechen: Abfahrt“, so beginnt Frank Kralemann seinen Gedichtband „Ost“. Darin geht es um Warten, Gehen, Ankommen – und um eine Natur, die weitermacht ohne Menschen. Der Gedichtzyklus, den er in diesem Jahr verfasst hat und der noch unveröffentlicht ist, hat fünf Teile. Teil 1 heißt „Stille Landschaften“, Teil 2 „Konsum und Datscha“, Teil 3 „Die Stummen und die Gehenden“, Teil 4 „Herbst 89 und danach“ und Teil 5 „Kerzen und Kopfsteinpflaster“.

„Dieser Gedichtzyklus Ost ist kein Geschichtsbuch und kein Tribunal. Es ist der Versuch, Dinge zum Sprechen zu bringen, die in Schubladen liegen, in Alben kleben, in Kellern stehen und in den Körpern derer, die sie trugen“, sagt Frank Kralemann. Er ist 67 Jahre alt, ist in einem kleinen Ort bei Bielefeld aufgewachsen und lebt heute im Raum Gütersloh bei Rheda-Wiedenbrück in Nordrhein-Westfalen. Alltagspoesie nennt er das, was er schreibt, seit nunmehr 20 Jahren. Sie handelt von verpassten Bussen, Gelegenheiten, vom ersten Kaffee am Montag, von Liebeskummer beim Discounter, kleinen Siegen und großen Niederlagen. Von Situationen und Emotionen, die jeder kennt und die nicht haltmachen vor Landesgrenzen zwischen Ost und West.

Frank Kralemann macht in seinen Gedichten verlassene Landschaften sichtbar, er beschreibt, was früher dort war und wie die Zeit jetzt scheinbar stillsteht: Ein See in einem ehemaligen Braunkohletagebau, eine einzige, gekrümmte Kiefer steht noch am Rand. Eine Allee, die ins Nirgendwo führt. Ein Kirchturm im Prenzlauer Land. Die Glocke hängt noch, sie schlägt nicht mehr. Manchmal bewegt der Wind den Klöppel ein wenig und es entsteht ein Ton, der kein Ton ist – nur die Ahnung eines Tons. „So klingt ein Dorf, das sich selbst überlebt hat“, schildert es Kralemann. „Dieser Himmel, der nicht aufhört. Dieser Horizont, den keine Stadt unterbricht. Man kann hier stehen und denken: Hier ist die Welt zu Ende. Oder hier hat sie noch nicht angefangen.“

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Anschaulich, bilderreich atmosphärisch, beeindruckend und berührend vielfältig erzählt Kralemann in seinen Gedichten über Alltägliches, die Welt im Großen und im Kleinen. Seine Beobachtungen von Menschen, Orten und Landschaften vor und nach der Wende. Gesehenes, Erinnerungen, Vergangenes und Gegenwart verbinden sich eindrucksvoll in diesen Gedichten über den Osten Deutschlands. Die Idee dazu kam von einem Mann, der ihm von den menschenleeren Dörfern erzählte, erklärt Kralemann. Dies brachte ihn zum Nachdenken über Heimat und die Frage, was bleibt, wenn ein Land verloren und Vertrautes nicht mehr da ist.

„Man kannte die Lücken wie die Gesichter der Verkäuferinnen“, heißt es im Gedichtzyklus „Ost“. „Heute sind die Regale voll, so voll, dass man nichts mehr findet.“ Die Datscha verhieß 600 Quadratmeter Freiheit, eingezäunt. „Der Zaun war keine Grenze. Der Zaun war die Erlaubnis, hinter ihm ein anderer Mensch zu sein. Stachelbeeren, krumm und sauer, die niemand im Westen kennt. Tomaten an Schnüren, die der Großvater spannte wie Telegrafen in ein Land, das nur ihm gehörte.“ Nicht zu vergessen die wohlduftenden Westpakete mit Kaffee, Cremes und Strumpfhosen, die „glänzten wie das Versprechen, das der Westen war, solange er eine Tüte blieb“.

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Weiter heißt es im Gedichtzyklus: „Später, als alles West war, hörten die Pakete auf. Nicht weil die Verwandten uns vergaßen. Sondern weil es nichts mehr gab, was sie uns hätten schicken können, das wir nicht selbst im Regal fanden. Das war die Freiheit und sie schmeckte nach nichts Besonderem mehr.“

Alte Landstraße nach Brodowin: Das Dorf Brodowin liegt im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin inmitten von Endmoränen, Feldern und Seen. Nach 1990 wurde die Landwirtschaft in Brodowin auf biologisch-dynamisches Wirtschaften umgestellt. Heute ist in der Region einer der größten Demeter-Betriebe Deutschlands beheimatet.

Alte Landstraße nach Brodowin: Das Dorf Brodowin liegt im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin inmitten von Endmoränen, Feldern und Seen. Nach 1990 wurde die Landwirtschaft in Brodowin auf biologisch-dynamisches Wirtschaften umgestellt. Heute ist in der Region einer der größten Demeter-Betriebe Deutschlands beheimatet.

© Konrad Weifl/imago

Kralemann war kurz nach der Wende das erste Mal im Osten und hat Schwerin besucht. Darüber schrieb er das folgende Gedicht:

Hinter der Grenze, die keine mehr ist
Der Asphalt endet, wo das Pflaster beginnt,
und die Allee der Linden nimmt dich in Empfang
wie ein alter Mann, der viel gesehen hat
und nichts davon erzählt.

Es riecht nach Braunkohle und nassem Putz.
Die Häuser stehen da in ihrem Grau
wie Gesichter, die vergessen haben,
dass man lächeln darf.

Ein Trabant hustet vorbei, blau der Rauch,
und aus dem Konsum, der noch Konsum heißt,
trägt eine Frau eine Tüte mit Westwörtern drauf,
als hielte sie ein fremdes Kind.

Die Losungen an den Wänden verblassen,
niemand hat sie abgenommen,
niemand glaubt sie mehr –
sie hängen einfach, wie Wäsche im Regen.

Und über allem diese Stille,
die keine Ruhe ist, sondern ein Warten:
auf Geld, auf Arbeit, auf Antworten,
auf jemanden, der sagt, wie es weitergeht.

Dann öffnet sich die Straße, und der See liegt da,
so still, so groß, so ohne Meinung,
und das Schloss spiegelt sich im Wasser,
als sei nichts geschehen in vierzig Jahren.

Du stehst am Ufer, ein Fremder aus dem Westen,
mit heiler Jacke und zu vielen Fragen,
und begreifst: Hier wurde nicht die Mauer aufgemacht.

Hier wurde ein Leben aufgemacht –
und niemand hat gefragt, ob es bereit war.

Kindheit an einem See in der Uckermark

Kindheit an einem See in der Uckermark

© imago

2012 fuhr Kralemann in den Spreewald. „Dort war es sehr schön.“ In Berlin war er 2019, im Museum am Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße. „Da ist es ziemlich voll. War nicht so meins.“

Frank Kralemann ist Hobbydichter mit Leidenschaft, der seine Gedichte in den sozialen Netzwerken auf Facebook veröffentlicht und dort eine wachsende Fangemeinde hat. Derzeit hat er mehr als 1400 Follower. Er ist vierfacher Familienvater, gelernter Steuerfachgehilfe – dazu schrieb er auch einen witzig-ironischen Gedichtzyklus mit dem Titel „Der Irrsinn oder: Wie Deutschland sich selbst verwaltet“. Darin heißt es: „Deutschland wurde nicht gebaut, es wurde genehmigt. Stein für Stein, Stempel für Stempel, Paragraph für Paragraph, bis niemand mehr wusste, was unter dem Papier lag.“

Und über den „Katechismus der Mehrwertsteuer“: „Höret und staunet. Das Katzenfutter: sieben Prozent. Die Babynahrung: neunzehn. Die Katze frisst ermäßigt. Das Kind isst zum Vollpreis. So steht es geschrieben. So ist es Gesetz. Die Kartoffel: sieben Prozent. Die Süßkartoffel: neunzehn. Der Trüffel: sieben. Die Kartoffel ist Grundnahrung. Die Süßkartoffel ist Luxus. Der Trüffel ist wieder Grundnahrung. Es gibt einen Beamten, der das entschieden hat. Er sitzt in einem Büro mit Neonlicht und Linoleum und hat über Trüffel entschieden, ohne je einen gegessen zu haben. Das ist kein Witz. Das ist Deutschland.“

Außerdem hat Kralemann viele Jahre als Müllwagenfahrer in der Gemeinde Hiddenhausen, im Landkreis Herford bei Bielefeld, gearbeitet. Er weiß, was schwere Arbeit bedeutet. Inzwischen ist er pensioniert und widmet sich noch mehr seiner Passion, dem Schreiben. Seit 2007 schreibt Frank Kralemann Gedichte. Er hat schon mehrere Bücher im Selbstverlag über Books on Demand in Hamburg herausgegeben. Darunter die Bände „Herzkarate – Worte wie Pflaster“ (2025) und „Alltagspoesie 1 – Verrückt“ (2026), in dem weitere 193 Gedichte versammelt sind. Inzwischen hat Kralemann ein großes digitales Archiv mit seinen Texten.

Auch sein Hauptwerk ist nun fertiggestellt: sieben Bücher mit 3000 Seiten und mehr als 1000 Gedichten, die in den letzten drei bis vier Jahren entstanden, erschienen in einer Reihe mit dem Titel „Sieben Stationen zu dir“. Die Bände gibt es bei Thalia und sie sind über Amazon erhältlich. Der Gedichtband „Zweifel“ aus dieser Reihe steht bei Amazon auf Platz 20 in der Sparte für kontinentaleuropäische Literatur, darüber freut sich der Autor. „Ich schreibe nicht wegen des Geldes, sondern weil es mir Spaß macht. Ich spiele gern mit Worten“, erklärt Kralemann. „Je mehr Worte man hat, desto größer ist die Welt.“

Sein Buch „Herzkarate“ verpasst dem Alltag poetisch einen Tritt. Frank Kralemann schreibt mit viel Wortlust, Herz, Verstand, Leichtigkeit und Tiefe über die Licht- und Schattenseiten des Lebens. Seine Biografie und seine Texte erinnern an Fernando Pessoas bekanntes „Buch der Unruhe“ des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares und auch an Kafka. Beide Schriftsteller schrieben, um die Absurditäten, Zumutungen und Verrücktheiten in der Welt leichter zu ertragen, und verwandelten ihre Gedanken, Träume, Ängste und Sehnsüchte in wunderbare Poesie. Er habe von Pessoa gehört, sagt Kralemann, doch noch nichts gelesen.

Seine Lieblingsdichter sind Rainer Maria Rilke, Pablo Neruda und Erich Fried. Kralemann reflektiert auch über die Sprache der Dinge, was wir sind, mit und ohne sie; über Fülle und Leere. „Was bleibt von einem, wenn man die Dinge abzieht?“, fragt er. Das leere Regal füllt sich mit Luft und Licht. „Und ich begreife: Die Leere ist kein Fehlen. Sie ist ein Raum, der endlich atmen darf“, heißt es in einem Gedicht. „Das Leben selbst reist ohne Koffer. Das Licht besitzt keinen Schrank. Der Wind hat keine Adresse. Der Regen fällt und fragt nicht, wo er bleiben darf. Nur ich schleppe Taschen durch meine Tage und nenne es: Sicherheit.“

Kralemanns Gedichte sind Selbstbefragungen und stellen ebenso Fragen an das Leben, das er mit Offenheit, Neugier, Staunen, Freude und Traurigkeit betrachtet. Sie sind mal klar, mal assoziativ, zuweilen skurril und nachdenklich. Mal sind es kurze, zarte Verse, die einen aufhorchen lassen, dann wieder Langgedichte und Prosa, die sich nicht bändigen lässt. „Und bei jedem entsteht im Kopf eine andere Welt“, das fasziniert Kralemann am Schreiben. 80 Prozent seiner Leser seien Frauen; sie versetzten sich in seine Welten und gingen tiefer in ihren Emotionen, während Männer eher geradeaus denken.

Sicher gebe es auch Männer, die feinfühlig sind und sich für Psychologie und Lyrik interessieren. „Für viele gilt noch das gängige Männerbild. Männer müssen hart sein, dürfen keine Gefühle zeigen und nicht weinen“, so Kralemann. „Man kann nicht in die Höhe steigen wollen, wenn man nicht fallen kann.“ In was für einer Zeit leben wir?, fragt er in seinen Gedichten. „Nichts ist mehr sicher. Wir leben in einer Gesellschaft der Beliebigkeit und der grenzenlosen Toleranz. Wenn das so weitergeht, dann siegen die Intoleranten“, sagt Kralemann mit Blick auf eine Zeit der politischen Extreme. Und er fragt: „Was bleibt dann noch?“

Auch darüber hat Kralemann ein Buch geschrieben, mit dem provokanten Titel „Radikale Verantwortung“, noch ist es unveröffentlicht. Es gehe dabei um Verantwortung für sich selbst, seinen Nächsten und Nachbarn. Er denkt darüber nach: „Was ist aus diesem Land geworden, dem Zusammenhalt? Die Leute sind unzufrieden, frustriert.“ In einem Gedicht formuliert er: „Zufriedenheit wächst in der stillen Kammer des Herzens. Meine Wurzeln tragen mich durch die Erde meiner eigenen Wahrheit. Zufriedenheit – eine Heimat, die ich mir selbst gegeben habe.“

Und darüber, warum er schreibt: „Weil ich unsere Sprache liebe, ihre Risse und Räume, das Schweigen zwischen den Silben. Weil ich glaube, ein Wort, das berührt, verändert die Welt um eine Winzigkeit – und Winzigkeiten häufen sich.“ Mit seiner Alltagspoesie möchte Frank Kralemann die Menschen bewegen. Er gibt keine fertigen Antworten, sondern Denkanstöße. „Poesie ist wie Blumen in der Natur, welche die Welt einfach ein bisschen schöner machen.“

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