Kommentar

Der Allwissende: Mit diesem Satz überschreitet Friedrich Merz eine Grenze

Kaum aus dem Urlaub zurück, macht Friedrich Merz kernige Ansagen. Man wolle die geplanten Reformen jetzt schnell angehen. Doch mit einem Spruch geht Merz zu weit.

Ingo Eckardt
Ingo Eckardt
3 Min
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erhebt sich über seine Bundesbürger, indem er behauptet, ganz genau zu wissen, was für das Land gut sei.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erhebt sich über seine Bundesbürger, indem er behauptet, ganz genau zu wissen, was für das Land gut sei.

© Michael Kappeler/dpa

Ist das noch anmaßend oder schon größenwahnsinnig? Friedrich Merz hat, gerade aus dem Urlaub zurückgekommen, versucht, gleich einmal voller Elan Pflöcke einzuschlagen für den „Herbst der Reformen“. Geschenkt, dass dieser schon für 2025 angekündigt und verschoben wurde. Dennoch hofft Merz offenbar, dass man ihm diesmal abnimmt, dass sich alles zum Besseren wendet. Skandalös aber war, dass er die Bürger augenscheinlich für betreuungswürdig hält.

Dass er nach wie vor – auch im Angesicht katastrophaler Wirtschaftsdaten und Wahlumfragen – der Auffassung ist, dass er mit seiner unbeweglichen, saft- und kraftlosen Union und der bräsigen SPD das Ruder des taumelnden Landes herumreißen kann, mag man seinem sauerländisch-bodenständigen Beharrungsvermögen zugutehalten.

Dass die vor der Sommerpause beschlossenen Vorhaben in den Bereichen Sozialversicherung, Steuerwesen und Bürokratieabbau jetzt die ganz große Wende bringen, glaubt Merz aber wohl als einer von wenigen. Die sachliche Kritik aus Wirtschaft und Gesellschaft – und sogar aus den eigenen Reihen – wird einfach ignoriert.

Politik am Abgrund der Missachtung durch die Bürger

Eine Aussage des Regierungschefs allerdings lässt tief blicken: „Die Bundesregierung lässt sich nicht von ihrem Kurs abbringen, wir wissen, was richtig und gut ist für das Land. Da lassen wir uns nicht beirren“, diktierte Merz einer großen Boulevardzeitung in den Schreibblock. Übersetzt heißt das: „Wir wissen, wie es geht, und jeder, der das anders sieht, ist ein Depp.“ Es ist die Fortsetzung dessen, was die aktuelle Politik genau dahin gebracht hat, wo sie gerade steht – an den Abgrund der Missachtung durch die Bürger.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Ich habe solche Sätze schon einmal gehört. Von Honeckers „Vorwärts immer – rückwärts nimmer“ führte das schnurstracks zum weinerlichen „Ich liebe euch doch alle“ von Stasi-Chef Mielke, als die Friedliche Revolution die DDR zu Geschichte werden ließ. Diese Sätze voller Überheblichkeit und Unverständnis sind nun wieder zurück.

Keine TV-Talkshow, in der nicht irgendein staatstragender Politiker den Menschen erklärt, dass man alles im Griff habe, genau wisse, was die Bürger brauchen und was für Deutschland der richtige Weg ist. Kritiker werden weggebügelt, indem man ihnen Ahnungslosigkeit oder wahlweise Populismus unterstellt.

Der Kanzler steht nackt da

Letzterer Begriff ist übrigens nur hierzulande negativ besetzt. Schon der frühmittelalterliche Gelehrte Alkuin wusste: „vox populi – vox Dei“, sprich „Die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes“. Vielleicht wäre es also gar nicht so dumm, „dem Volk aufs Maul zu schauen“, wie es vor rund 500 Jahren Martin Luther formulierte.

In Deutschland 2026 wird dieser Satz ins Gegenteil verkehrt, und es sorgt bei den politischen Protagonisten für Erstaunen, wenn die Menschen diese Form des stets allwissenden Nanny-Staates als übergriffig empfinden. Keine Rede ist mehr vom mündigen Bürger. Merz will den Menschen nicht nur ihr Geld in Form immer höherer Steuern und Abgaben abnehmen, sondern gleich auch noch das Denken.

Die Position der Fehlerlosen, der Wissenden und der Handlungsfähigen nimmt der aktuellen Bundesregierung kaum noch jemand ab. Der Kaiser, pardon, der Kanzler, steht nackt da!

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner