Der Osten kennt eine Erfahrung, die viele westdeutsche Wohlstandsregionen lange für weit entfernt hielten: Wohlstand ist nicht selbstverständlich. Mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung wirkt eine alte Rollenverteilung plötzlich erstaunlich brüchig.
Lange galt Ostdeutschland als der Teil des Landes, in dem wirtschaftliche Unsicherheit, Abwanderung und der Verlust industrieller Strukturen besonders tief ins gesellschaftliche Gedächtnis eingesunken sind. Der Westen dagegen stand in der öffentlichen Wahrnehmung eher für Kontinuität: starke Unternehmen, sichere Arbeitsplätze, wachsenden Wohlstand. Inzwischen werden auch dort Werksschließungen, Stellenabbau, Investitionszurückhaltung und der Verlust internationaler Wettbewerbsfähigkeit mit einer Nervosität diskutiert, die früher häufig als ostdeutsche Befindlichkeit abgetan wurde.
Kann die Erfahrung Ostdeutschlands deshalb mehr sein als historische Last? Ist es vielleicht sogar eine Art Frühwarnsystem? Drei Stimmen aus den alten Bundesländern, die Wirtschaft aus sehr unterschiedlichen Perspektiven kennen, zeichnen kein einheitliches Bild. Aber sie beschreiben eine Verschiebung: Sorgen, die viele Ostdeutsche seit Jahren kennen, erreichen inzwischen auch westdeutsche Wohlstandsregionen.
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„Voll auf der Rutsche nach unten“
Thomas Sattelberger formuliert die schärfste Diagnose. Der frühere Personalvorstand der Deutschen Telekom und von Continental, ehemalige Lufthansa-Airline-Vorstand sowie spätere Bundestagsabgeordnete sieht Deutschland nicht in einer vorübergehenden Schwächephase. Der wirtschaftliche Abstieg habe sich über Jahre angekündigt: erst bei Innovationen, dann im internationalen Wettbewerb, schließlich in der Breite. „Seit ungefähr sieben, acht Jahren sind wir voll auf der Rutsche nach unten“, sagt Sattelberger. In seinen Bundestagsreden habe er diese Entwicklung immer wieder thematisiert und sei dafür als Miesmacher kritisiert worden.
Dass Ostdeutsche wirtschaftliche Veränderungen häufig früher und empfindlicher wahrnehmen, überrascht ihn nicht. Sattelberger verweist darauf, schon vor Jahren über die Benachteiligung ostdeutscher Führungskräfte geschrieben zu haben. Die Zukunftssorgen im Osten könne er „bestens“ verstehen. Heute, sagt er, fräßen sie sich in die gesamte Bevölkerung. Sein Befund ist politisch wie wirtschaftlich: Deutschland werde real ärmer, während die Belastung durch den Staat steige.
Von einem „kleinen Tief“ zu sprechen, hält Sattelberger deshalb für eine „krasse Untertreibung“. Seine Liste der strukturellen Defizite reicht vom Gesundheitssystem über die marode Verkehrs- und Bahninfrastruktur bis zu Schulen, Verteidigungsfähigkeit und Innovationskraft. Der 77-Jährige erinnert an ein Deutschland, das er selbst als Vorbild für Wachstum, Wohlstand und Erfindergeist erlebt habe. Gerade dieser Vergleich treibe ihn an, sagt er: Die junge Generation solle eine solche Dynamik wieder erleben können.
Trunk: Umbruch als Chance
Heribert Trunk setzt einen anderen Akzent. Der Bamberger Mittelständler, Mitgründer und geschäftsführende Gesellschafter der BI-LOG Service Group sowie früherer Präsident der IHK für Oberfranken, spricht weniger über Niedergang als über Handlungsspielräume. Er komme selbst aus einfachen Verhältnissen und sehe wirtschaftliche Umbrüche grundsätzlich auch als Chance. Gleichzeitig wirft er Politik und großen Unternehmen vor, Zukunftsentwicklungen verschlafen oder zu einseitig beantwortet zu haben.
Bei der Energiepolitik habe Deutschland Chancen nicht offensiv genug genutzt, in der Automobilindustrie zu hektisch auf ein Entweder-oder gesetzt. Auch nach dem russischen Angriff auf die Ukraine seien neue industrielle Möglichkeiten, etwa im Bereich Verteidigung, zu spät erkannt worden. Entscheidend sei nun, sagt Trunk, nicht auf Subventionen zu warten. Die gut ausgebildeten Beschäftigten könnten den Wandel leisten und „die Unternehmerinnen und Unternehmer müssen die Weichen stellen“.
Was die Mangelwirtschaft hinterlassen hat
Trunks Blick auf Ostdeutschland ist biografisch geprägt. Unmittelbar nach der Wende war er in den neuen Ländern aktiv und begleitete Unternehmensgründungen und Entwicklungen. Die Menschen habe er als „unglaublich flexibel und einfallsreich“ erlebt. Die Mangelwirtschaft habe Fähigkeiten hervorgebracht, die in Umbruchphasen wertvoll seien: improvisieren, Ersatzlösungen finden, sich auf neue Bedingungen einstellen. Gerade darin liegt für ihn ein Potenzial, das heute wieder relevant werden könnte.
Allerdings romantisiert Trunk diese Erfahrung nicht. Er kritisiert, dass massive Förderprogramme nach der Wiedervereinigung Eigeninitiative teilweise überlagert hätten. Seine Warnung richtet sich damit auch an den Westen: Wer Transformation vor allem mit staatlichem Geld abfedern wolle, riskiere, Anpassungsfähigkeit zu schwächen. Für Ostdeutschland sieht Trunk zugleich konkrete Standortchancen, wie etwa für energieintensive KI-Infrastruktur, neue Produktionsanlagen oder Teile der Verteidigungsindustrie, nicht zuletzt wegen der großen Potenziale erneuerbarer Energien im Osten und Norden.
Am Eingang Tor 7 zum Mercedes-Benz-Werk steht eine Fahne der Gewerkschaft IG Metall bereit. Mitarbeiter versammeln sich zu einer großen Demonstration gegen den verschärften Sparkurs.
© Bernd Weißbrod/dpa
Der schleichende Verlust industrieller Substanz
Matthias Weik, Finanzanalyst und Bestsellerautor aus Baden-Württemberg, beschreibt die Lage nüchterner als Trunk und ähnlich grundsätzlich wie Sattelberger. Auch er sieht keine normale Konjunkturdelle, sondern über Jahre entstandene Strukturprobleme. Zu hohe Energiepreise, Steuern und Sozialabgaben, Bürokratie, Infrastrukturdefizite, Demografie und ein härterer globaler Wettbewerb griffen ineinander. Besonders gefährlich sei, dass Deutschland industrielle Substanz oft nicht spektakulär, sondern schleichend verliere: Erst werde eine Investition verschoben, dann eine Stelle nicht nachbesetzt, eine Produktionslinie verlagert oder ein Standort verkleinert. Am Ende verschwänden nicht nur Jobs, sondern Zulieferer, Wissen, Steuereinnahmen und ganze Netzwerke.
„Bei mir in der Heimat brennt die Hütte“
Gerade hier sieht Weik einen Unterschied zwischen Ost und West. Viele Menschen im Osten hätten nach 1990 erlebt, wie schnell Betriebe und Arbeitsplätze verschwinden können und wie stark solche Brüche eine Region verändern. Im Westen sei das Vertrauen in das deutsche Wirtschaftsmodell deutlich länger stabil geblieben. Für Baden-Württemberg galt das in besonderem Maße: Automobilindustrie, Maschinenbau und Mittelstand schufen über Jahrzehnte Wohlstand und Sicherheit. Nun erreichten Sorgen um Stellenabbau, Standortschließungen und Verlagerungen auch diese Regionen. „Bei mir in der Heimat im Großraum Stuttgart brennt sprichwörtlich die Hütte“, sagt Weik.
Für ihn verläuft die entscheidende Trennlinie künftig deshalb weniger zwischen Ost und West als zwischen Regionen, denen es gelingt, Wertschöpfung zu halten, und solchen, denen das nicht gelingt. Das ist ein bemerkenswerter Perspektivwechsel. Die ostdeutsche Erfahrung wird damit nicht zur Sondergeschichte, sondern zu einer möglichen Vorwegnahme von Entwicklungen, die andere Regionen nun ebenfalls treffen können.
Drei Diagnosen, drei Rezepte
Bei den politischen Schlussfolgerungen gehen die drei Stimmen auseinander. Sattelberger fordert tiefgreifende Strukturreformen und mehr Innovationsfähigkeit. Weik verlangt deutlich niedrigere Steuern und Abgaben, weniger Regulierung, günstigere Energie und eine stärker auf Arbeitsmarkt und Qualifikation ausgerichtete Zuwanderungspolitik. Trunk setzt stärker auf Unternehmertum, technologische Erneuerung und die Bereitschaft, aus Krisen neue Märkte zu entwickeln. Beim Klimawandel etwa sieht er nicht nur Kosten, sondern eine industrielle Chance: Wer Technologien entwickle, die Emissionen vermeiden, CO₂ binden oder wieder nutzbar machen, könne neue Exportmärkte schaffen.
Gerade Trunks Optimismus verhindert, dass aus der Analyse eine reine Niedergangserzählung wird. Sein historisches Beispiel ist der Katalysator: Auf ein Umweltproblem sei nicht nur mit Verboten reagiert worden, sondern mit Forschung und Technologie. Das Ergebnis sei zu einem Wettbewerbsvorteil deutscher Hersteller geworden. Ähnlich müsse Deutschland heute handeln. Bei Künstlicher Intelligenz, Energie, industrieller Produktion und Verteidigung, so Trunk.
Eine Warnung ohne Handlung bleibt folgenlos
Was also lässt sich aus diesen westdeutschen Stimmen über den Osten lernen? Zunächst: Es gibt nicht „die“ ostdeutsche Mentalität. Und drei Gesprächspartner sind keine repräsentative Erhebung. Aber ihre Aussagen zeigen, dass eine Erfahrung, die im Osten lange als regionale Besonderheit behandelt wurde, an gesamtdeutscher Bedeutung gewinnt: das Wissen darum, dass wirtschaftliche Strukturen nicht naturgegeben sind und dass ihr Verlust gesellschaftliche Folgen weit über Betriebsbilanzen hinaus hat.
Vielleicht liegt darin tatsächlich eine Frühwarnfunktion. Nicht weil Ostdeutsche grundsätzlich pessimistischer oder klarsichtiger wären. Sondern weil viele von ihnen erlebt haben, was im Westen über Jahrzehnte kaum vorstellbar war: dass Arbeitsplätze, Unternehmen, Sicherheiten und gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten in kurzer Zeit verschwinden können. Wer diese Erfahrung ernst nimmt, hört Warnungen anders.
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Die Pointe ist allerdings eine andere: Ein Frühwarnsystem hilft nur, wenn auf die Warnung Handlung folgt. Sattelberger mahnt Reformen an, Weik einen harten wirtschaftspolitischen Kurswechsel, Trunk unternehmerische Initiative. Gemeinsam ist ihnen die Absage an die Vorstellung, Deutschland müsse lediglich auf bessere Zeiten warten. Die eigentliche Ost-West-Frage könnte deshalb künftig nicht mehr lauten, wer die größeren Sorgen hat. Sondern wer schneller aus ihnen Konsequenzen zieht.
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