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„Revolutionsbrunnen“ in Quedlinburg: Ein Denkmal mit Erklärungsbedarf

Tausende gingen 1989 in Quedlinburg für Veränderungen auf die Straße. Ein neues Denkmal erinnert an ihren Mut – doch die Botschaft erschließt sich nicht jedem.

Wolfgang Schilling
6 Min
Wo eine Erklärungstafel nottut.

Wo eine Erklärungstafel nottut.

© Wolfgang Schilling

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Unter dem sperrigen Titel „Bürgerprojekt Erinnerungsort: Brunnen Friedliche Revolution 1989–1990 – Deutsche Einheit“, im Volksmund inzwischen flapsig als „Wendebrunnen“ bekannt, ist auf dem Carl-Ritter-Platz in Quedlinburg am 9. Oktober ein neues Denkmal übergeben worden. Im Rahmen einer Festveranstaltung, an der rund 500 Bürger teilnahmen, darunter auch damalige Demonstranten von 1989.

In Quedlinburg waren es seinerzeit rund 20.000 Menschen, die bei mehreren Veranstaltungen an diesem Ort Veränderungen forderten und sich gegen die eingefahrenen und verkrusteten Verhältnisse in der DDR auflehnten. Immerhin war diese friedliche Revolution mit dem unblutigen Ende einer Diktatur einmalig in der deutschen Geschichte und damit etwas außerordentlich Besonderes. Dessen gilt es angemessen zu gedenken und diesen Geist auch für die nächsten Generationen wachzuhalten.

Eine Metapher für den Zustand der Republik?

Während des einstündigen Festaktes hörte man mehrere Laudatoren. Einer der damals Bürgerbewegten, etwa Hans-Christoph Jaeckel, war jedoch nicht unter den Rednern, jedenfalls nicht mit einem Beitrag, der an diese epochalen Ereignisse erinnerte. Eine Chance wurde vertan.

Oberbürgermeister Frank Ruch sprach vom „Wunder der Kerzen, das auch in Quedlinburg Tausende auf die Straßen brachte“, und sieht die Friedliche Revolution als Brücke zur Deutschen Einheit. In einer Broschüre wird Ruch mit den bedeutungsschweren Worten zitiert: „Ein besonderer Ort, an dem nun ein neues Kapitel beginnt. Hinter ihm liegt eine lange Entwicklungsgeschichte.“ Wohl wahr: Das nun eingeweihte opulente Kunstwerk ist der Abschluss eines mehr als drei Jahrzehnte dauernden Entstehungs- und Diskussionsprozesses, an dem sich neben den Stadtratsmitgliedern auch 350 Bürger mit Spenden beteiligt haben.

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Rainer Robra, Staatsminister a. D., verwies als Redner indes darauf, dass man in Quedlinburg nun neben dem Denkmal auf dem Brocken ein weiteres habe, das an die deutsche Einheit und die Revolution erinnere. Sein Blick richtete sich nebenbei nach Berlin, wo die Bundesregierung erst neulich eingestehen musste, dass die sogenannte Einheitswippe durch die Insolvenzen des Generalübernehmers, der Arbeitsgemeinschaft Milla & Partner GmbH/Sasha Waltz sowie des als Nachunternehmer tätigen Stahlbauers „in eine schwierige Situation“ geraten ist. Stillstand auf der Baustelle. Ende ungewiss. Eine Metapher für den Zustand dieser Republik?

Schon 1990 hatte der Quedlinburger Künstler Wolfgang Dreysse die Idee für ein Denkmal, die sich im Laufe der Zeit bis zu ihrer heutigen Gestalt weiterentwickelte. Die Firma GBN Granitbau Nordhausen verantwortete den komplizierten, welligen Unterbau. Die Bildgießerei Witkamp setzte die Skulpturengruppe technisch um. Die Brunnenmeisterei M. S. Schreier GmbH verlegte die wassertechnische Anlage. Das gesamte Areal ist begehbar, sofern nicht gerade die Wasserspiele laufen.

Das Verhältnis vieler Quedlinburger zu diesem neuen Begegnungsort ist ambivalent, berichtet der Autor.

Das Verhältnis vieler Quedlinburger zu diesem neuen Begegnungsort ist ambivalent, berichtet der Autor.

© Wolfgang Schilling

Und noch eine vertane Chance

Hans-Jürgen Kant von der Magdeburger Firma „Zeitreise-Manufaktur“ erhielt den Auftrag, das Gesamtkunstwerk anschaulich zu vermitteln und zu erläutern. Im Gespräch erläutert der Geschichtslehrer, dass ein Video erarbeitet wird, das sich über einen QR-Code aufrufen lässt. Zugleich räumt er Verständnisschwierigkeiten bei einigen Segmenten ein. Daran arbeitet sein Team gerade. Entstehen soll nebenbei ein authentischer Lernort für Schüler. Doch die vermisste man an diesem wichtigen Tag fast vollständig. Eine weitere vertane Chance.

Sperrig bleibt also auch die Rezeption des Denkmals. Die richtige Auslegung bereitet selbst Eingeweihten einige Schwierigkeiten. Derzeit deuten Passanten den neuen Treffpunkt mitunter fälschlich als Denkmal zur Befreiung eines Gefangenenlagers oder Ähnliches.

Und auch das Verhältnis vieler Quedlinburger zu diesem neuen Begegnungsort ist ambivalent. Einige, darunter auch Stadträte, hadern mit der voluminösen Ausführung der komplexen Konstruktion, mit den Unterhaltungskosten für den Wasserantrieb und mit der kryptischen Anlage. Trotz der bereits verbauten Summe von 968.000 Euro fehlt überdies noch eine dazugehörige Sitzgruppe, für die um weitere Spenden gebeten wurde. Eine dringend nötige Erklärungstafel, die erläutert, worum es sich hier überhaupt handelt, soll später noch folgen.

Hommage an die friedlichen Demonstranten von 1989

Hommage an die friedlichen Demonstranten von 1989

© Wolfgang Schilling

Wo sind die Wächter der Staatssicherheit?

Der Brunnen zeigt im Zentrum ein berstendes Fass, das zum Überlaufen kam, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse aus dem Ruder liefen und die Spannungen zu groß wurden. In ihm stehen junge Menschen nackt und schutzlos um einen kaum wahrnehmbaren runden Tisch herum, Kerzen in den Händen. Von den Gegnern ist in der Hauptsäule nichts auszumachen. Möglicherweise verstecken sie sich metaphorisch in einem der bebilderten Kästen, in denen sich Menschen vor einer riesigen Wand aus Aktenordnern eingeschüchtert ducken. Damals waren die Wächter der Staatssicherheit allgegenwärtig.

Dreysse selbst hat sein Werk vor einem Jahr in einem städtischen Video nur andeutungsweise erläutert. Er überlässt den Besuchern eine eigene Sicht auf die Dinge und will die Kommunikation in Gang bringen.

Das Denkmal läuft in einen flachen Teil aus, der einen Zeitstrahl darstellen soll. An dessen Ende liegen mehrere unbekleidete Kinder übereinander. Auf dem Steg stehen Kästen mit verschiedenen Inhalten. Zwei fehlen noch und sollen bis November nachgeliefert werden. Zwischen ihnen hält eine Jesus ähnelnde Figur die Hände ausgebreitet. Kann oder will sie etwas aufhalten? Ahnt sie neue Probleme?

Eine Demonstrantin von damals erinnert sich

Hans-Jürgen Kant war der letzte Redner, bevor das Wasser sich Bahn brechen durfte. Seine Mahnung, dass es auch heute dringend an der Zeit sei, wieder mehr miteinander ins Gespräch zu kommen, anstatt sich zu beschimpfen und herabzusetzen, ging an diesem kühlen Tag beinahe etwas unter.

Das Schlusswort in diesem Text geht allerdings an die Quedlinburgerin Sabine Scheffler. Nach der Übergabe des Denkmals war im Gespräch mit ihr zu erfahren, dass sie 1989 als Demonstrantin mit dabei war. Heute im Rollstuhl sitzend, erinnert sie sich: „Ich werde nie vergessen, wie wir Demonstranten den Mitgliedern der ‚Kampfgruppen‘ mit geladenen Kalaschnikows ganz dicht gegenüberstanden. Wir hatten Angst, dass das alles kippt und in einem Blutbad endet. Nach Gesprächen sagten einige der Uniformierten, dass sie keinesfalls auf die eigene Bevölkerung schießen würden.“

Keine Gewalt! Das war damals das über allem stehende Motto.

Wolfgang Schilling, geboren 1957, 1975 Abitur in Blankenburg, Studium an der PH Clara Zetkin in Leipzig mit Diplom für Lehrer in Geschichte/Deutsch. Davor und danach DJ. Nach der Wende zur Verlagsgruppe Bauer gewechselt und dort fünf Jahre später nach kritischen Äußerungen ausgewechselt. Dann 27 Jahre in der Harzdruckerei Wernigerode tätig. Parallel seit über 25 Jahren journalistische Arbeit als freier Journalist und Herausgeber.

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