Open Source

Wo kommen wir denn da hin? Wohl dem, der einen DDR-Marschkompass hat

Wer in Ostdeutschland gelernt hat, mit dem F73 umzugehen, der lässt sich auch im Nebel nicht so leicht in die Irre führen – weder im Wald noch im Leben.

Volker Metzler
Volker Metzler
5 Min
Die „Rosa dos Ventos“ in Lissabon ist ein atemberaubendes Bodenmosaik direkt vor dem berühmten Entdeckerdenkmal „Padrão dos Descobrimentos“ im historischen Stadtteil Belém.

Die „Rosa dos Ventos“ in Lissabon ist ein atemberaubendes Bodenmosaik direkt vor dem berühmten Entdeckerdenkmal „Padrão dos Descobrimentos“ im historischen Stadtteil Belém.

© Luis Boza/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Westdeutsche erben Vermögen und Immobilien, Ostdeutsche Erinnerungen. In meinen Händen halte ich eine kleine gelbliche Schachtel, etwa halb so groß wie eine Zigarettenpackung. Auf dem Deckel sind drei kleine Kaffee- oder Teeflecken, die auf den ersten Blick aussehen wie Tintenkleckse. Einer sitzt ganz am Rand und will Rügen sein, der andere ein Mond. Jemand hat daneben geschrieben – für alle Fälle … vorher die Bedienungsanleitung studieren. Nicht einfach schnell lesen, nein, sich Zeit nehmen.

Darin liegt ein originaler Marschkompass des VEB Freiberger Präzisionsmechanik, Hainichener Str. 2a. Der F73 mit Fluidkapsel dient zur Orientierung im Gelände und umgekehrt. Er funktioniert praktisch unabhängig von Inklinationsunterschieden in beliebigen Einsatzgebieten der Erde, beim Wandern oder Marschieren.

Sozialistische Ideologie – Zutritt verboten

Ich muss schmunzeln. Als der Kompass hergestellt wurde, endete meine Welt irgendwo im Eichsfeld und verlief nach Norden als unüberwindbare Trennlinie aus Beton und Stacheldraht. Diese Grenze war absolut. Eine fließende Grenze entsteht dort, wo harte Grenzen unerträglich oder allgegenwärtig sind. Die Statik des Sozialismus: starre Mauern im Außen und Bewegung im Innen. Damit das Leben überhaupt stattfinden konnte, mussten die Menschen in der DDR lernen, zwischen den Zeilen zu lesen und sich darin einzurichten.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Mit Kollegen in der Garagensiedlung, den Kumpels im Keller oder der Familie am Küchentisch entstanden die Schutzräume einer Nischengesellschaft. Hier konnte man sagen, was man dachte. Sozialistische Ideologie musste vor der Türe warten. Zutritt verboten. Sie kam zackig, einfach durch die Hintertür. Lasst euch nicht stören, ich möchte einfach nur hier sitzen, bisschen zuhören.

Das Leben in der Diktatur des Proletariats war bei genauerer Betrachtung ein Sein in weltlicher Theokratie, die Gebote und heiligen Schriften der Parteifunktionäre fungierten gleichzeitig als Gesetze des Staates. Der Staatsratsvorsitzende und Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Genosse Erich Honecker – ein Kleriker, schon bei der Geburt, beide Hände in der Wiege.

Abbild von Erich Honecker auf der Oldtema in Erfurt

Abbild von Erich Honecker auf der Oldtema in Erfurt

© KH/Imago

Dieses Gerät lügt nicht

Da ham wir ja unser feines Schätzchen! Na, wo isser denn, der Junge Pionier? Kuckuck! Da isser ja. Tutututzi, guck mal, was ich für dich habe: einen Marschkompass. Und jetzt ab ins Körbchen, mein kleiner Rumtreiber. Der Kompass meines Vaters scherte sich nicht um politische Diskurse, um Zeitgeist oder welche Werte gerade en vogue sind.

Das Magnetfeld der Erde ist Naturgesetz. Das ist ein echtes System. Es ist verlässlich, logisch und bietet eine unbestechliche Orientierung. Wenn man wissen will, wo Westen ist, lügt dieses Gerät nicht.

Stolpere nicht kopflos über Stock und Stein, mein Junge. Schau mal auf die Karte, da siehst du alles, was du wissen musst. Höhe, Gelände, Hindernisse. Vertrau mir, Orientierung ist Arbeit.

Als ich ein kleiner Junge war, genügte mir seine warme Hand, ein liebevoller Blick, um den eigenen Weg durch unwegsames Land zu finden. Sich treiben lassen, ist das Geschenk einer Kindheit in der DDR. Verstand, Erfahrung und Prinzipien – die Sache von Erwachsenen.

Die wären fast krepiert daran und haben die Grenze niedergerissen. Freiheit, Aufbruch, Emanzipation – das neue Fundament für eine neue Weltordnung. Da hängen deine neuen Klamotten, zieh mal an, das passt schon. Und lass hier frische Luft rein, das riecht ja ekelhaft hier.

Wer man ist und woher man kommt, ist Biografie – keine Jacke. Kultur, Literatur, Sprache sind Ankerpunkte – kein Unfall. Herkunft, Brüche, erlebte Geschichte – inneres Skelett, nach außen unsichtbar, im Innen der Echoraum für Generationen.

Wir marschieren mehr denn je im Gleichschritt

Unsere Gesellschaft leidet nicht unter Orientierungslosigkeit, sondern an latentem Dekonstruktivismus. Ausgerechnet eine promovierte Physikerin hat vorgemacht, wie man Werte nicht verteidigt, sondern möglichst geräuschlos entsorgt. Wir lüften nur kurz. Ach komm, dann gleich das ganze Haus. Aus den Trümmern generiert man Reichweite. Das ist kein Leben in einem neuen System. Das ist Leben ohne System, Existenz im Vakuum. Stell das nicht infrage, du Hetzer. Such nicht die Ursachen, du Hasser.

Wo kommen wir denn da hin, ist längst keine rhetorische Floskel mehr, sie ist eine Bürgerpflicht. Mein Erbstück spiegelt die Welt wider, aus der es kam, und beschreibt das heutige Gelände. Eine Reliquie des Systems, das auf der einen Seite eine enorme, fast erdrückende Struktur, Disziplin und sprachliche Strenge vorgab, den Menschen aber auf der anderen Seite ein konkretes, verlässliches Handwerkszeug zur Orientierung mitgab. Den verordneten Kollektivismus haben wir hinter uns gelassen, marschieren aber mehr denn je im Gleichschritt.

Die Marschrichtungszahlen kommen aus derselben Richtung, mit dem Grundton moralischer Überlegenheit. Nur besitzen sie keine Bindungskraft, geben deshalb keinen Halt. Man fällt widerstandslos in die Kulissen beim Versuch, sich daran festzuhalten. Wer gelernt hat, mit dem F73 umzugehen, der lässt sich auch im Nebel nicht so leicht in die Irre führen – weder im Wald noch im Leben.

Volker Metzler, Jahrgang 1965, geboren in Karl-Marx-Stadt. Schauspielstudium an der Theaterhochschule Hans Otto in Leipzig, 35 Jahre Theater u.a. Staatsschauspiel Dresden, Volkstheater Rostock, Junges Staatstheater Berlin als Regisseur, Schauspieldirektor und Theaterleiter. Gründer und Autor der Kolumnenserie POLEMIKA – unsachlich & persönlich.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner