Man muss nicht mit der Musik von Mireille Mathieu aufgewachsen sein, um den Zauber zu verstehen, der sich schon ab den ersten Takten im ausverkauften Tempodrom über die Konzerthalle legt. Nach sechs Bühnenjahrzehnten verabschiedet sich der „Spatz von Avignon“ mit dem Programm „Goodbye my Love Goodbye - Das große Finale der Welt“ endgültig von seinem Berliner Publikum. Schon 2024 hatte Mathieu längere Tourneen für beendet erklärt, doch an diesem Abend soll der finale Vorhang nun wirklich fallen. Erst im Juli feierte die Sängerin ihren 80. Geburtstag.
Es ist ein großer Moment als Mireille Mathieu im schillernden Paillettenkleid die Bühne betritt. Stehender Applaus zur Begrüßung und im Verlauf des Abends immer wieder, wenn die Chansonette all jene Lieder wie „Martin“ oder „An einem Sonntag in Avignon“ singt, die die Konzertgäste mitsingen, und die sie zurück in ihre Jugend und in die Kindheit transportieren. Nach fast jedem Stück tritt jemand an die Bühne und überreicht ein Blumenbouquet. Mathieu ist eine der letzten großen Ikonen des deutschen Schlagers, der Ära der Schallplatten und Kabelmikrofone, vielleicht sogar einer ganzen deutschen Ära.
Eine Französin, die auch in der DDR zu Hause war
Die meisten Gäste kommen aus dem ehemaligen Osten. Manche sind extra aus Mecklenburg-Vorpommern angereist, wieder andere kommen aus Dresden und verbinden das Konzert von Mireille Mathieu wie früher mit einem „Schwof-Wochenende“ in Berlin. Mathieu gehörte zu jenen westlichen Künstlerinnen, deren Popularität nicht an der innerdeutschen Grenze endete.
1966 stand sie im Ost-Berliner Friedrichstadtpalast zum ersten Mal auf einer deutschen Bühne. Der Bundesrepublik gab sie erst ein Jahr später die Ehre. Internationale Stars waren in der DDR keineswegs selbstverständlich. Ihre Auftritte wurden von der staatlichen Kulturpolitik ermöglicht und kontrolliert, boten dem Publikum aber zugleich eine seltene Begegnung mit der westlichen Unterhaltungskultur. Mehrfach trat sie in der Sendung „Ein Kessel Buntes“ auf, allerdings „viel zu selten“, erinnert sich ein Konzertgast. „Ich habe sie mir immer heimlich im Westfernsehen angeschaut.“
Mireille Mathieu war der DDR eine ideale Botschafterin. Sie verkörperte französische Eleganz, romantische Sehnsucht und eine Form von Glamour, die nicht provozierte, sondern verzauberte. Ihre Lieder handelten von Liebe, Verlust, Hoffnung und Wiedersehen. Themen, die auf beiden Seiten der Mauer verstanden wurden. Wo die Politik Grenzen zog, ließ die Unterhaltungsmusik zumindest für einige Minuten eine andere Wirklichkeit entstehen.
Wie persönlich ihre Beziehung zum ostdeutschen Publikum war, erzählt die Sängerin noch Jahrzehnte später: Vor einem Konzert im Friedrichstadtpalast begegnete sie einem schwer kranken, mittellosen jungen Mann, der sie unbedingt singen hören wollte. Ihr Manager nahm ihn mit in den Saal. Damals, erinnert sich Mathieu, hätte sie geglaubt, der Mann werde bald sterben, doch er überlebte.
Mireille Mathieu verwandelt Schmerz und Sehnsucht in eine elegante Form des Dramas.
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Die Kunst der großen Gefühle
Musikalisch bewegt sich Mireille Mathieu seit jeher zwischen zwei Welten: dem französischen Chanson und dem deutschen Schlager. Beiden Gattungen wird gelegentlich vorgeworfen, pathetisch und sentimental zu sein, doch Mathieu hat aus dem Pathos eine Kunstform gemacht. Hin und wieder, vor allem bei ihren französischen Chansons wie „Au nord du nord“ oder „Un dernier mot d'amour“ kommt man nicht um den Édith-Piaf-Vergleich herum. Doch während die Piaf ihre Lieder mit einer beinahe selbstzerstörerischen Verzweiflung auflud, verwandelt Mathieu den Schmerz auch an diesem Abend in eine elegantere Form des Dramas. Begleitet von ihrer Live-Band, Streichern und Klavier.
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Dass Mireille Mathieu 80 Jahre alt sein soll, will keinem so richtig einleuchten. Ihre Stimme hat nichts an Volumen und Kraft eingebüßt. Das für sie zur gesanglichen Unterstützung arrangierte Chor-Trio ist kaum zu hören. Auch in der Konzertpause wird von nichts anderem gesprochen: „Früher ist sie zwar noch über die Bühne gehüpft - aber diese Stimme!“ Und es ist in der Tat beeindruckend mit wieviel Energie und Klasse die Sängerin durch den mehr als zweistündigen Abend führt.
Während sich andere Sängerinnen und Sänger immer wieder neu erfanden, blieb Mireille Mathieu ihrer musikalischen Welt treu. Kein radikaler Stilwechsel oder der Versuch, sich einer jüngeren Generation anzubiedern - sie ist eine Grande Dame, und kein Popstar zum Anfassen. Ihre Erscheinung folgt einer seit Jahrzehnten unveränderten Ordnung: Der Pagenschnitt ist nicht bloß eine Frisur, sondern bis heute ihr Markenzeichen.
Sie machte Karriere in einer Zeit, in der Unterhaltungsmusik noch eine internationale Sprache sprach. Sie trat mit Dean Martin, Charles Aznavour und Plácido Domingo auf und verkaufte in ihrer Karriere mehr als 185 Millionen Tonträger. Und auch in der zweiten Konzerthälfte hören die Ovationen und der Blumenregen nicht auf. Vor der großzügigen Zugabe schließt sie mit „Hinter den Kulissen von Paris“, einer ihrer wohl berühmtesten und gefeiertsten Lieder.
Wird Mireille Mathieu ihre Abschiedstour verlängern?
Jetzt soll sich der Kreis endgültig schließen. Mitte November beendet Mireille Mathieu ihre Abschiedstournee im Leipziger Gewandhaus. Es ist das Ende einer ungewöhnlichen Beziehung zwischen einer Sängerin und einem Land, das sich während ihrer Karriere mehrfach verändert hat. An die Wiedervereinigung habe sie immer geglaubt. „Sie wird niemals aufhören“, sagt ein Gast am Ausgang und tatsächlich kursieren bereits Gerüchte, dass Mireille Mathieu, so lange es die Gesundheit erlaubt, ihren Abschied noch einmal in die Länge ziehen wird.
Vielleicht ist das Schönste an diesem Abend, dass sich der erwähnte Zauber nicht nur in den vielen deutschen und französischen Liedern des Abends findet, sondern auch in den Gesichtern der ergriffenen Besucher. Sie haben die deutsche Teilung erlebt, die Wiedervereinigung, den Wandel der Musikindustrie und das allmähliche Verschwinden jener großen Unterhaltungsshows, in denen Stars wie Mireille Mathieu einst zu Hause waren.
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