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Arthur Schopenhauer soll sinngemäß gesagt haben: Wo Menschen zusammenkommen, geht es oft darum, sich selbst indirekt zur Schau zu stellen, andere ein wenig schlechter aussehen zu lassen und Neuigkeiten über Dritte auszutauschen. Nach vielen Jahren in Deutschland muss ich sagen: Ganz falsch ist das nicht.
Deshalb möchte ich einmal den Filter wegnehmen. Nicht, um zu beweisen, dass Deutschland schlecht ist. Und auch nicht, um China besser darzustellen. Sondern um zu erzählen, was eine Chinesin sieht, wenn sie lange genug in Deutschland lebt – und gleichzeitig ihre chinesische Perspektive behält.
Auch deutsche Frauen wollen nicht alt werden
Chinesen und Deutsche haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt. Ab einem gewissen Alter kann bei Frauen plötzlich wieder eine erstaunliche Lust auf Jugend entstehen. In China gibt es die berühmten Damen beim Square Dance, manchmal auch Frauen, die sich als Stewardessen verkleiden. In Deutschland ist das nicht grundsätzlich anders. Nur der Stil ist ein anderer.
Beim chinesischen Square Dance geht es um Gleichmäßigkeit, Synchronität und gemeinsames Auftreten, das ganze Jahr über. Als könne man Jugend durch gemeinsames Training herstellen. Deutsche Frauen lassen ihre „zweite Jugend“ eher an Karneval heraus: als Hexe, Clown oder sogar als Pippi Langstrumpf. Die chinesische Dame scheint zu sagen: „Ich bin noch jung.“ Die deutsche Dame eher: „Ich muss nicht jung aussehen. Heute habe ich einfach Spaß.“
Gleicher Trotz gegen das Alter, aber eine ziemlich unterschiedliche Lebenshaltung.
Beim chinesischen Square Dance geht es um Gleichmäßigkeit, Synchronität und gemeinsames Auftreten, das ganze Jahr über. Als könne man Jugend durch gemeinsames Training herstellen.
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Deutsche Pünktlichkeit kann einen verzweifeln lassen
In Berlin bekomme ich um diese Jahreszeit manchmal ein Déjà-vu: Die nächste Katastrophe kommt pünktlich. Beim BVG-Streik 2026 begann die Arbeitsniederlegung am 27. Februar um drei Uhr morgens und endete 48 Stunden später ebenfalls pünktlich. Selbst der Stillstand hatte einen Zeitplan. Das ist vielleicht eine besondere Form deutscher Ordnung: Man muss das Chaos nicht vermeiden – man muss es nur ordentlich organisieren.
Gerade dort, wo besonders viele Menschen abhängig sind, haben Streiks eine enorme Wirkung. Öffentlicher Nahverkehr, Post und andere große Dienstleister können eine ganze Stadt in Geiselhaft ihrer Tarifverhandlungen nehmen. Ich habe deshalb gelernt: Deutsche Pünktlichkeit bedeutet nicht nur, dass ein Zug pünktlich kommt. Manchmal ist sogar die Katastrophe pünktlich.
Deutsche können genauso gut tratschen – nur gründlicher
In meinem früheren Viertel traf sich jede Woche eine Gruppe von Frauen zum Frühstück. Die Gastgeberin wechselte, Kaffee und Brot standen bereit. Die Frau, die an diesem Morgen fehlte, war trotzdem anwesend – zumindest als Gesprächsthema.
Ihre Ehe, ihre Kinder, ihre Nachbarn, ihre Arbeit: Alles wurde sortiert, analysiert und mit etwas zusätzlicher Würze versehen. Das Unglück einer Familie konnte dabei durchaus als besondere Frühstücksbeilage dienen.
Was mich besonders beeindruckte, war die deutsche Gründlichkeit. Eine Frau hatte die Nachrichten, Gerüchte und Geschichten der vergangenen Woche ausgedruckt, sortiert und abgeheftet. Dann wurden sie beim Frühstück Seite für Seite besprochen. Deutsche können sogar beim Tratschen eine Art Aktenführung entwickeln.
Blumen – eine kleine deutsche Geschenkphilosophie
Eine Sache ist mir in Deutschland besonders aufgefallen: Blumen. In China schenkt man sich bei Besuchen oder zum Geburtstag eher etwas, das einen konkreten Wert hat: Reis, Öl, Fleisch, Kleidung, ein Geschenk oder einfach einen roten Umschlag mit Geld. Blumen gibt es natürlich auch – aber als alltägliches Geschenk sind sie längst nicht so selbstverständlich wie in Deutschland.
In Deutschland scheint dagegen fast jeder, der irgendwo zu Besuch kommt, einen Blumenstrauß mitzubringen. Ich habe allerdings zwei Blumensträuße besonders gut in Erinnerung. Der erste war bei einem Frauenfrühstück in meinem früheren Viertel. Eine Frau kam zu mir und brachte Blumen mit. Ich wusste genau, woher diese Blumen kamen.
Zwei Blumensträuße hat unsere Autorin besonders gut in Erinnerung ...
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Sie hatte sie ungefähr eine Woche zuvor gekauft und seitdem bei sich zu Hause stehen gehabt. Als sie zu meinem Frühstück kam, waren die Blumen bereits deutlich auf dem Weg zum Verblühen. Und dann schenkte sie sie mir. Ich musste ein wenig lachen.
Der zweite Strauß war noch bemerkenswerter. Als ich einmal in Schanghai meinen Geburtstag in einem sehr guten Restaurant feierte, brachten die Gäste normalerweise kleine Geschenke mit – ein Hemd, etwas Schönes für den Alltag oder eine andere Kleinigkeit. Blumen waren in diesem Rahmen eher ungewöhnlich, weil man sich schließlich in einem Restaurant traf. Dann kam eine deutsche Bekannte mit einem Blumenstrauß. Ich sah ihn an und dachte sofort: Diese Blumen haben vermutlich schon zehn Tage im Wohnzimmer gestanden. Sie waren nicht mehr wirklich frisch. Eigentlich waren sie kurz davor, endgültig zu verblühen. Und trotzdem brachte sie sie mit – als Geburtstagsgeschenk.
Das sind die zwei Blumensträuße aus Deutschland, an die ich mich bis heute erinnere. Nicht die vielen wunderschönen, frischen und farbenprächtigen Blumen, die ich im Laufe der Jahre gesehen oder bekommen habe. Sondern ausgerechnet diese beiden.
Vielleicht liegt darin sogar etwas typisch Menschliches: Ein Geschenk muss nicht immer perfekt sein. Manchmal ist es einfach das, was gerade da ist. Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen einem Geschenk, das man vergisst, und einem Geschenk, das eine Geschichte bekommt.
„Gaffen“ – vielleicht eine sehr chinesische Angewohnheit
In China gibt es ein schönes Wort: „mai dai“ – was in etwa bedeutet: herumstehen und sich ein Ereignis anschauen. Bei Verkehrsunfällen funktioniert das besonders gut. Ein Auto hält, und schon bildet sich eine kleine Menge. Manche helfen, manche filmen, manche wollen einfach wissen, was passiert ist. In Deutschland erlebe ich häufiger etwas anderes. Wer helfen kann, hilft. Wer nichts tun kann, geht weiter. Notruf, Erste Hilfe, Platz machen – und dann weiter.
Ich glaube inzwischen, dass dieses „Gaffen“ tatsächlich etwas sehr Chinesisches ist. Das Leben ist langweilig genug. Wenn plötzlich etwas passiert, schaut man eben hin. Der deutsche Gedanke ist eher: „Das ist dein Unfall, nicht meine Geschichte.“
Ein Volk schaut eher hin, das andere hält eher Abstand. Keines ist deshalb automatisch zivilisierter. Es geht vielmehr darum, wie viel Interesse man an den Angelegenheiten anderer Menschen hat.
Mit welcher Erzählung man neurechten und autoritären Kräften begegnen sollte
Diskriminierung passiert nicht nur anderswo
„Gibt es in Deutschland Rassismus?“ Diese Frage wird mir häufig gestellt. Ich antworte manchmal: „Glaubst du wirklich, dass du in deinem eigenen Land nicht diskriminiert werden kannst?“ Meine direkteste Erfahrung mit Diskriminierung habe ich tatsächlich in China gemacht.
In Schanghai wohnte ich in einer Wohnanlage, in der viele Ausländer lebten. Die monatliche Miete betrug 5000 Euro. Ein ausländisches Gesicht wurde am Eingang kaum kontrolliert. Wenn ich dagegen zu Fuß oder mit dem Fahrrad kam, wurde ich jedes Mal befragt – unabhängig davon, wie lange ich dort schon wohnte. Das ausländische Gesicht war offenbar der Passierschein. Mein chinesisches Gesicht musste immer wieder erklären, warum ich hierhergehörte.
In Deutschland ist Diskriminierung oft subtiler. Sie sagt nicht unbedingt direkt: „Du gehörst nicht hierher.“ Manchmal steckt sie in einem einzigen, scheinbar harmlosen Satz.
Zwei Katzen aus China
Als wir von Schanghai zurück nach Deutschland zogen, brachten wir zwei Katzen mit. Sie stammten ursprünglich aus Huangshan und hatten viele Jahre bei uns in Schanghai gelebt. Der Transport nach Deutschland war kompliziert. Die Katzen konnten nicht gemeinsam mit uns reisen. Erst einen Monat später wurden sie von einer professionellen Tiertransportfirma nach Frankfurt gebracht und von dort mit einem eigenen Fahrzeug zu uns gefahren. Für diese beiden Katzen hatten wir viel Zeit, Aufwand und Geld investiert.
Kurz nach unserem Einzug kam eine ältere deutsche Nachbarin vorbei. Wir waren neu in der Gegend, deshalb wirkte sie zunächst sehr freundlich. Sie sagte: „Ich sehe Ihre Katzen oft am Fenster im zweiten Stock.“ Ich sagte: „Ja, die beiden haben wir aus China mitgebracht.“ Ihre nächste Frage kam sofort: „Aber essen Chinesen nicht Katzen?“
Ich war für einen Moment sprachlos. Ich dachte nur: Für diese beiden Katzen habe ich wahrscheinlich mehr Aufwand betrieben und mehr Geld ausgegeben als so mancher Deutsche für sein Haustier. Natürlich hätte ich ihr sofort etwas entgegnen können. Mir fielen sogar einige sehr unangenehme Beispiele aus der deutschen Geschichte ein. Aber ich schluckte die Antwort herunter. Stattdessen fragte ich: „Ach ja? Waren Sie schon einmal in China? Haben Sie das selbst gesehen? Woher wissen Sie das? Warum weiß ich als Chinesin nichts davon?“
Hinsichtlich Katzen haben Deutsche gegenüber Chinesen ein konkretes Vorurteil.
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Später habe ich immer mehr darüber nachgedacht. Vielleicht ist die beste Antwort auf ein Vorurteil nicht unbedingt ein Gegen-Vorurteil. Denn sobald man anfängt, sich gegenseitig Beispiele vorzuhalten, landet man schnell bei: „Ihr seid so – wir sind so.“ Die interessantere Frage ist: Warum glaubt man etwas, das man selbst nie gesehen hat?
Ein anderes Mal saß ich in Schanghai bei einem Essen in einem deutschen Bekanntenkreis. Die Frau eines deutschen Unternehmers sagte plötzlich: „Ich verstehe wirklich nicht, warum so viele Chinesen Deutsch sprechen wollen. Das ist unsere Sprache.“ Ich habe damals nicht widersprochen. Aber ich habe verstanden, dass auch eine Sprache eine unsichtbare Grenze markieren kann. Du darfst hereinkommen. Aber vergiss nicht, was „unser“ und was „euer“ ist.
Das Problem mit Vorurteilen
Ein deutscher Lehrer, der mehrere Jahre in Schanghai gelebt hatte, schrieb später ein Buch über die Stadt. Er hatte Schanghai in einer Zeit erlebt, in der die Stadt wirtschaftlich und international besonders dynamisch war. Auf dem Buchcover erschien trotzdem das Bild eines Chinesen aus einem alten kolonialen Klischee: Zopf, Hut, Essstäbchen. Der Titel lautete sinngemäß: „Ein Volk, das Reis isst.“ Ich musste darüber nachdenken.
Ein Mensch kann das moderne Schanghai mit eigenen Augen gesehen haben und trotzdem ein Bild aus der kolonialen Vergangenheit verwenden, um das heutige China zu erklären. Das Problem mit Vorurteilen ist manchmal nicht, dass man etwas nicht gesehen hat. Sondern: Man hat es gesehen – und hält trotzdem an der alten Vorstellung fest.
Deutsche junge Menschen können sehr menschlich sein
Wenn ich etwas nennen soll, wofür ich Deutschland wirklich dankbar bin, dann sind es die jungen Menschen. Sie sind oft erstaunlich bereit, „Mensch zu sein“. Damit meine ich nicht gesellschaftliche Gewandtheit. Ich meine die Bereitschaft, im richtigen Moment selbst ein wenig zurückzustecken.
In einem Zugabteil mit sechs gegenüberliegenden Plätzen sitzt manchmal nur ein junger Mann. Beim Aussteigen nimmt er die Koffer der anderen aus dem Gepäckfach und reicht sie herunter. Niemand hat ihn darum gebeten. Er ist jung, er kann es – also hilft er.
Auch im „Zug-Verhalten“ gibt es Unterschiede zwischen Deutschen und Chinesen.
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Als ich einmal mit einem sehr kleinen Baby von Deutschland nach Peking flog, brauchte ich wegen des Babybetts einen Platz in der ersten Reihe. Ich hatte diesen Platz nicht reserviert und fragte mehrere chinesische Passagiere, ob sie mit uns tauschen würden. Alle lehnten ab. Dann hörten zwei junge Deutsche unsere Situation. Sie standen ohne lange zu überlegen auf und überließen uns ihre Plätze. Keine Diskussion, keine Gegenleistung. Einfach: Ein Baby braucht diesen Platz. Also bekommt es ihn.
Diese Haltung schätze ich bis heute. Die Bereitschaft, einen kleinen Nachteil selbst zu tragen, damit jemand anderes es leichter hat. Vielleicht ist genau das eine Form von Zivilität, über die man weniger spricht als über Gesetze und Regeln.
In Deutschland hat selbst die Wut einen Kostenfaktor
In Deutschland sehe ich relativ selten Menschen, die sich öffentlich laut beschimpfen. Das bedeutet natürlich nicht, dass Deutsche keine Wut kennen. Sie wissen nur offenbar sehr genau: Gefühle sind kostenlos. Die Folgen sind es nicht.
Eine Beleidigung kann in Deutschland rechtliche Folgen haben. Wie hoch eine mögliche Geldstrafe ausfällt, hängt unter anderem von den Umständen und den persönlichen Verhältnissen ab.
Man macht deshalb manchmal einen deutschen Streit mit etwas Überraschendem durch: Man erwartet, dass zwei Menschen gleich explodieren – und plötzlich diskutieren sie über Regeln, Verantwortung und das Gesetz. Man könnte sagen: In Deutschland hat selbst die Wut einen Kostenfaktor.
Im Supermarkt muss nicht jeder Streit gewonnen werden
An der Supermarktkasse gibt es eine kleine deutsche Lebenslektion: Die Wahl der Schlange ist manchmal einfach Glückssache. Man stellt sich an, überzeugt davon, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Dann hat der Kunde vor einem ein Problem mit einer Rechnung, einem Gutschein oder einer Kundenkarte – und plötzlich bewegt sich gar nichts mehr.
In der Nachbarschlange geht es dagegen schnell. Irgendwann verliert jemand die Geduld und wechselt einfach hinüber, möglichst weit nach vorne. Natürlich kann man ihn darauf hinweisen: „Das ist nicht richtig.“ Aber oft passiert etwas anderes. Die Menschen hinter ihm schauen, schütteln den Kopf und sagen sinngemäß: Lass ihn. Nicht weil sie nicht wissen, was richtig oder falsch ist. Sondern weil sie denken: Ist es das wirklich wert? Man kann jeden Regelverstoß zum Prinzip machen.
An der Supermarktkasse gibt es eine kleine deutsche Lebenslektion: Die Wahl der Schlange ist manchmal einfach Glückssache.
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Aber manchmal wirkt am Ende ausgerechnet derjenige am unentspanntesten, der unbedingt Recht behalten wollte. Nicht jeder Fehler muss korrigiert werden. Nicht jede Ungerechtigkeit ist den eigenen Ärger wert. Es ist nur eine Supermarktschlange. Lass ihn gehen. Du hast noch dein eigenes Leben.
Deutsche Ehen: Auch Gentlemen können sehr kalt werden
Damit komme ich zu einem schwierigeren Thema: der deutschen Ehe. Ich habe die Auflösung vieler Ehen erlebt, darunter einige in gesellschaftlichen Kreisen, die man normalerweise für besonders kultiviert hält. Der Mann einer guten Freundin war ein typischer deutscher Manager: Vorstand eines großen Unternehmens, hohes Einkommen, intelligent, vielseitig und äußerst höflich. Als die Ehe zerbrach, war seine Haltung allerdings plötzlich sehr klar – und sehr kalt.
In Deutschland wird eine Scheidung stärker über persönliche Autonomie und rechtliche Grenzen geregelt. Es geht weniger darum, wer moralisch der „Gute“ oder der „Böse“ ist, sondern um Kinder, Unterhalt, Vermögen und Rechte. Auch die gesellschaftliche Reaktion auf eine neue Partnerin ist nicht dieselbe wie in vielen Teilen Ostasiens. Der moralische Pranger ist schwächer.
Das hat mich überrascht: Ein Mann kann ein großer Gentleman sein und trotzdem, wenn er eine Ehe beendet, zu einem Menschen werden, der nur noch nach Regeln mit dir kommuniziert. Aber ich kann die Verantwortung dafür nicht allein dem Mann geben.
Meine Freundin hatte einen außergewöhnlich guten Mann geheiratet. Aber sie selbst war mit dieser Ehe nicht gewachsen. Sie dachte viel darüber nach, wohin sie reisen, wo sie essen und was sie kaufen wollte. Weniger darüber, wie sie ihre eigenen Fähigkeiten, ihre Gesundheit oder ihre finanzielle Unabhängigkeit entwickeln könnte. Solange die Ehe funktionierte, konnte der Mann vieles auffangen. Nach der Trennung wurde sichtbar, was sie selbst nicht aufgebaut hatte. Die gefährlichste Sache in einer Ehe ist vielleicht nicht, den falschen Menschen zu heiraten, sondern die Fähigkeiten des anderen für die eigenen zu halten.
„Chinesinnen nehmen den Deutschen die guten Männer weg“
Im Internet sieht man häufig eine sehr schöne Version der deutsch-chinesischen Ehe: Die deutschen Schwiegereltern haben Geld, helfen bei den Kindern und geben Ressourcen. Der deutsche Ehemann ist liebevoll, verdient gut, kümmert sich um die Familie und um die Kinder. Kurz gesagt: ein Sechser im Lotto.
Dieses Glück hatte ich nicht. Meine Schwiegermutter hatte kein Geld. Trotzdem konnte ich in ihren Worten und Gesten manchmal eine subtile Form von Geringschätzung spüren. Irgendwann merkte ich, dass das wirksamste Gegenmittel manchmal keine Diskussion ist. Ich gab ihr mein Geld zum Ausgeben.
Meine Tochter besuchte eine Privatschule. Dort gab es ein Mädchen aus einer alten deutschen Adelsfamilie. Die Familie war stolz auf ihren Titel und nahm regelmäßig an Veranstaltungen teil, die nur Nachkommen bestimmter Adelsfamilien offenstanden. Aber die Familie war wirtschaftlich längst nicht mehr so privilegiert, wie der Titel vermuten ließ. Das Mädchen kam häufig zu uns, aß bei uns und übernachtete bei uns. Eines Tages sagte sie: „Meine Mutter sagt, chinesische Frauen nehmen den deutschen Frauen die guten Männer weg.“ Ich musste lachen. Ich dachte: Du kennst wie viele chinesische Frauen? Und warum glaubst du, ich hätte einen „guten deutschen Mann“ gestohlen?
Als ich meinen Mann heiratete, hatte er keine großen Vermögenswerte. Er hatte Schulden. Ich hatte keinen deutschen „guten Mann“ gestohlen. Wir hatten gemeinsam aus Schulden einen funktionierenden Haushalt aufgebaut.
Vielleicht ist das die wichtigere Frage: Nicht, welche Nationalität der Mann hat. Sondern: Was machen zwei Menschen aus dem Leben, das sie gemeinsam bekommen?
Der Stolz deutscher Mädchen
Zum Schluss denke ich an eine junge deutsche Frau, die einmal die Freundin meines Sohnes war. Sie kam aus keiner reichen Familie. Schon mit etwa 16 Jahren besuchte sie eine Berufsschule und begann, selbstständig zu leben. Dann wurde sie schwanger. Mein Sohn war damals sehr jung und wollte kein Kind. Sie blieb bei ihrer Entscheidung: „Das ist mein Kind. Ich will es bekommen. Ich liebe dieses Kind.“ Sie bekam das Kind und übernahm die Verantwortung.
Ich wollte ihr als chinesische Schwiegermutter helfen. Sie sagte: „Das ist mein Kind. Ich brauche keine Hilfe.“ Später trennten sie sich. Sie packte alle Sachen meines Sohnes zusammen und schickte sie zurück. Auch die Geschenke, die wir ihr gemacht hatten – sogar Schmuck – gab sie zurück.
Damals verstand ich etwas über ihren Stolz. Sie wollte keine Mitgift, kein Gold und keine Absicherung durch die Familie des Mannes. Sie bekam ein Kind nicht, um einen Mann an sich zu binden. Sie sagte einfach: Das ist mein Kind. Das ist meine Entscheidung. Also ist es meine Verantwortung. Sie konnte einen Mann lieben. Und sie konnte ihn verlassen. Aber unabhängig davon blieb sie zuerst: sie selbst.
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Die entscheidende Frage
Deutschland ist kein Paradies. Deutsche können tratschen, diskriminieren, arrogant oder kalt sein. Deutsche Ehen können zerbrechen. Deutsche Schwiegermütter sind nicht automatisch liebevoll. Und junge Menschen sind nicht automatisch gut. Aber es gibt Dinge, die ich an Deutschland sehr schätze: junge Menschen, die einen Schritt zurückgehen. Fremde, die bereit sind, einen kleinen Nachteil in Kauf zu nehmen, damit es jemand anderes leichter hat. Menschen, die eine Auseinandersetzung beenden, weil sie ihnen den Aufwand nicht wert ist. Und junge Frauen, die sehr früh lernen, für ihre eigenen Entscheidungen Verantwortung zu übernehmen.
Nach all den Jahren glaube ich deshalb nicht mehr, dass die entscheidende Frage lautet: Sind die Deutschen besser als die Chinesen? Die interessantere Frage ist: Welche Art von Erwachsenen bringt eine Gesellschaft hervor? Vielleicht ist genau das die Frage, die mich nach all den Jahren in Deutschland noch immer beschäftigt.
Liqun Martz wurde in der V.R. China als Liqun Yang geboren. Sie war zunächst als Projektbeauftragte und Devisenhändlerin im Bankwesen tätig und lebt seit 1999 in Deutschland. Heute ist sie im Bereich der internationalen Geschäftsentwicklung für ein Berliner Auktionshaus tätig und Mitgründerin von Time Matter Lab™, einem internationalen Kultur- und Business-Projekt, das Berlin mit Asien verbindet.
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