Handball

Die Handball-Dynastie: Der nächste Kretzschmar auf dem Sprung zum Profi?

Kretzschmar – der Name steht für außergewöhnlich große Erfolge. Jetzt schickt sich die dritte Generation an, die Geschichte fortzuführen.

Christoph Dach
8 Min
Elvis Kretzschmar erfüllt alle Voraussetzungen, um selbst ein erfolgreicher Profi-Handballer zu werden.

Elvis Kretzschmar erfüllt alle Voraussetzungen, um selbst ein erfolgreicher Profi-Handballer zu werden.

© IMAGO/Michael Taeger

Ins Auto steigen? Bei über 30 Grad Stau riskieren? Oder lieber zuhause im schönen Wandlitz bleiben? Für Stefan Kretzschmar haben sich diese Fragen am zweiten Augustwochenende gar nicht erst gestellt. Also setzte sich Deutschlands bekanntester (Ex-)Handballer hinters Steuer und nahm die 1300 Kilometer in Angriff, die Berlin von Belgrad trennen. Elf Stunden hin, 16 Stunden zurück.

Stefan Kretzschmar fährt zum U18-EM-Finale

In der serbischen Hauptstadt fand das Finale der U18-Europameisterschaft statt, an dem ein junger Mann beteiligt war, dessen Nachname in der Handball-Szene und darüber hinaus bestens bekannt ist: Elvis Ernesto Kretzschmar, seines Zeichens Sohn des ehemaligen Nationalspielers und heutigen Fernsehexperten. „Ich versuche, so oft wie möglich bei Elvis’ Spielen zu sein, deshalb war es für mich auch selbstverständlich, zum Finale zu fahren“, sagt Vater Kretzschmar.

Stefan Kretzschmar ist inzwischen ein vielbeachteter TV-Experte.

Stefan Kretzschmar ist inzwischen ein vielbeachteter TV-Experte.

© IMAGO/Foot Bowl/Björn Kecker

Viel schöner hätte der Anlass kaum sein können. Offenbar schickt sich der frisch gekürte U18-Europameister Elvis Ernesto Kretzschmar nämlich gerade an, die Geschichte seiner Familie weiterzuschreiben – und damit auch die Geschichte der Handball-Dynastie Kretzschmar.

Opa Peter war schon eine große Nummer im DDR-Handball: siebenmal Meister und Europapokalsieger der Landesmeister als Coach der Frauen des SC Leipzig, ab 1975 dann Nationaltrainer und mit zwei WM-Titeln sowie zwei olympischen Medaillen auch in dieser Position extrem erfolgreich. Maßgeblichen Anteil an all diesen Triumphen hatte, ganz genau: seine Frau. Waltraud Kretzschmar galt in den 70er-Jahren als beste und erfolgreichste Spielerin der Welt. Am Ende ihrer großen Karriere standen 217 Länderspiele in der Statistik der Ausnahmekönnerin, die 2018 verstarb, nur wenige Tage nach ihrem 70. Geburtstag und wenige Monate vor ihrem Mann.

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Noch ein Länderspiel mehr als seine Mutter, nämlich 218, darf wiederum Sohnemann Stefan Kretzschmar für sich beanspruchen: Der einstige Weltklasse-Linksaußen feierte seine größten Erfolge – unter anderem die Deutsche Meisterschaft und den Champions-League-Sieg – mit dem SC Magdeburg und räumte auch mit dem Nationalteam Medaillen ab. Seit 2023 gehört „Kretzsche“ zur „Hall of Fame“ des europäischen Handball-Verbands EHF.

Tochter Lucie-Marie ist weltklasse im Beachhandball

Sein Talent hat sich offenbar auf die Kinder übertragen. Tochter Lucie-Marie ist zweifache Welt- und Europameisterin im Beachhandball. Seit 2019 spielt die 26-Jährige in der Bundesliga, zunächst für die Sport-Union Neckarsulm, heute für die HSG Bensheim/Auerbach. Und jetzt gesellt sich also noch ihr Bruder dazu: Elvis Ernesto Kretzschmar, U18-Europameister.

Wie geht so etwas? Wie lässt sich Erfolg in einer Sportart über so viele Generationen weiterreichen und konservieren? Was ist das Geheimnis der Kretzschmars? Woher kommt die Motivation, woher der Antrieb? „Weil meine Mutter und mein Vater so sehr mit dem Handball verbunden waren, hat der Sport in unserer Familie natürlich immer eine besonders große Rolle gespielt“, erinnert sich Stefan Kretzschmar an seine Kindheit und Jugend. „Man musste da nichts Künstliches erzeugen, die Begeisterung kam ganz von allein.“

Beide sind sehr frei erzogen worden und haben sich ihre Sportart selbst ausgesucht.

Stefan Kretzschmar über seine beiden Kinder

Ähnlich lief es später mit dem eigenen Nachwuchs: Tochter Lucie-Marie war schon als Baby Stammgast bei den Heimspielen ihres Vaters im Trikot des SC Magdeburg, auch für Elvis Ernesto gab es frühe Berührungspunkte. Trotzdem war Handball, und darauf legt Stefan Kretzschmar Wert, für seine Kinder nie so etwas wie eine Pflicht. „Beide sind sehr frei erzogen worden und haben sich ihre Sportart selbst ausgesucht“, sagt der Vater. „Das war alles andere als strukturell organisiert.“

Lucie Marie Kretzschmar feiert ihre größten Erfolge auf Sand.

Lucie Marie Kretzschmar feiert ihre größten Erfolge auf Sand.

© IMAGO/speedshot | Dorianfrick

Weil im heimischen Garten stets ein Korb stand, versuchte sich Lucie-Marie früh als Basketballerin. In ihrer Altersklasse gab es damals allerdings keinen Verein im Großraum Magdeburg, der am Wochenende regelmäßig an Wettbewerben teilnahm. „So ist sie dann eher zufällig beim Handball gelandet, weil sie sich unbedingt in einer Mannschaft messen und nicht nur trainieren wollte“, sagt Stefan Kretzschmar.

Auch Elvis Ernesto machte seine ersten Sportlerschritte als Basketballer. Später spielte er erfolgreich sowohl Fußball als auch Handball. Vor der Einschulung an der Sportschule Magdeburg stand sogar die Frage im Raum: SCM oder FCM? Handball oder Fußball? „Elvis hat sich dann für Handball entschieden, was mich natürlich freut, weil der Sport so auch weiterhin ein Element bleibt, das unsere Familie verbindet“, sagt Stefan Kretzschmar.

Jedes Jahr persönliche Geschenke für den Papa

Wie eng und ausgeprägt die Verbindung ist, kann man bei genauerer Betrachtung jede Woche im Handball-Podcast des Streaming-Dienstes „Dyn“ sehen. Wenn Stefan Kretzschmar aus seinem Büro zugeschaltet ist, fällt im Hintergrund ein kleines, aber feines Detail auf: eine Fotomontage, die seine Kinder zum Geburtstag entworfen haben. „Die machen sich jedes Jahr Gedanken, welche persönlichen Geschenke sie mir machen können“, erzählt Kretzschmar.

Mal sind es Tassen, mal Golfhauben, mal andere personalisierte Dinge. Vor zwei Jahren war es ein Bild, auf dem die Trikots der Kretzschmars zu sehen sind – mit ihren jeweiligen Rückennummern, die sie ganz im Sinne der Familientradition ausgewählt haben. Waltraud trägt die 13, Stefan die 73 (sein Geburtsjahr), Lucie-Marie die 53 und Elvis Ernesto die 33. Darüber steht: „The legacy continues.“ Das Vermächtnis wird fortgesetzt. „Darüber habe ich mich wahnsinnig gefreut“, sagt Stefan Kretzschmar.

Manchmal war der prominente Nachname aber auch eine Belastung für die Kinder, durchaus typisch für Sportlerdynastien. Gerade zu Beginn ihrer Karriere wollte Lucie-Marie Kretzschmar zum Beispiel gar nicht, dass ihr Vater regelmäßig bei ihren Spielen vorbeischaut. „Meiner Tochter war es enorm wichtig, ihre eigene Identität aufzubauen“, sagt Stefan Kretzschmar.

Deshalb habe er bewusst entschieden, sie ihren Weg gehen zu lassen. Mittlerweile, erzählt Kretzschmar mit einem Lachen, gebe es mitunter schon minimale Anflüge von Eifersucht. „Wenn ich zum EM-Finale nach Belgrad fahre, um ihren Bruder zu sehen, sagt Lucie zu mir: Du hättest auch ruhig mal nach Kroatien zum Beachhandball kommen können“, berichtet der Papa.

Im Gegensatz zu ihrem acht Jahre jüngeren Bruder ist Lucie-Marie Kretzschmar bereits eine gestandene Bundesliga- und Weltklasse-Beachhandballerin. Vor Elvis Ernesto Kretzschmar liegen dagegen spannende Jahre, die Aufschluss darüber geben werden, ob aus dem hochbegabten Nachwuchsspieler tatsächlich ein Profi wird.

„Vom Talent hat Elvis alles, was es braucht, um gut zu werden“, sagt Stefan Kretzschmar und zählt auf: athletische Fähigkeiten, Sprungkraft, einen starken Wurf und – da kommt wahrscheinlich der Vater durch – den Hang, auch mal außergewöhnliche, unkonventionelle und überraschende Dinge zu probieren, einen Rückhandpass zum Beispiel oder einen Tipp-Pass zum Kreisläufer durch die Beine des Verteidigers.

„Bei Elvis erkennt man schnell, dass er früh Basketball und Fußball gespielt hat. Das hat ihn zu einem kompletten Ballsportler mit einem guten Spielverständnis gemacht“, sagt sein Vater. Manchmal gehe der Filius vielleicht noch ein bisschen zu viel Risiko auf der Handballplatte ein und treffe nicht die allerbesten Entscheidungen, ergänzt er, aber das sei total okay. „Weil es ihn von anderen unterscheidet und ihm etwas Besonderes gibt.“

Bei allem Talent zeichnet sich Kretzsche Junior auch durch ausgeprägten Ehrgeiz und Akribie beim Videostudium großer Spieler aus, wie der Vater zu berichten weiß. Elvis befinde sich gerade in der intensivsten Phase seiner sportlichen Entwicklung, sagt Stefan Kretzschmar. „Seine ganze Welt dreht sich extrem um Handball. Seit zwei, drei Jahren will er alles wissen und saugt es auf wie ein Schwamm. Das war früher nicht unbedingt so.“ Zu dieser Erkenntnis ist Stefan Kretzschmar erst kürzlich wieder gelangt, im gemeinsamen Vater-Sohn-Sommerurlaub in Bad Saarow.

„Ich bin ja mittlerweile in einem Alter, in dem ich vorbildlich um 23 Uhr ins Bett gehe“, sagt Stefan Kretzschmar. Wenn er seinen Sohn dann am nächsten Morgen am Frühstücksbuffet traf, hatte der allerdings oft noch kleine Augen, weil er sich die Nacht mal wieder mit Handball-Videos um die Ohren geschlagen hatte. Was macht eigentlich Mathias Gidsel im Detail? Welche neuen Tricks hat sich Gisli Kristjansson ausgedacht? Bei wem kann man sich sonst noch Kniffe abschauen?

EM-Titel mit der U18 ist die bisherige Krönung

Bei einem Blick auf die Resultate der vergangenen Jahre kann man nur feststellen: Offenbar führt diese Taktik zum Erfolg. So gewann Elvis Ernesto zunächst mit der B-Jugend und im Jahr darauf mit der A-Jugend des SC Magdeburg die Deutsche Meisterschaft. Vorläufig gekrönt wurde das Ganze mit dem U18-EM-Titel Mitte August in Belgrad. „Elvis hat einfach einen sehr guten Jahrgang erwischt, in dem er sich durchsetzen muss, aber das traue ich ihm auf jeden Fall zu“, sagt Stefan Kretzschmar.

Zumal sein Sohn sowohl im Verein als auch im Nationalteam bestens aufgehoben ist: In Magdeburg wird er von Christoph Theuerkauf gecoacht, einem alten Wegbegleiter und guten Freund von Stefan Kretzschmar. In der U-18-Auswahl übernimmt diese Aufgabe Eric Wudtke, der ehemalige Assistent von Bundestrainer Alfreð Gíslason. „Das sind zwei tolle Trainer, die meinen Sohn motivieren, verstehen und unterstützen. Für ihn ist das gerade ein perfektes Konstrukt, besser geht’s wirklich nicht“, sagt Stefan Kretzschmar.

Das klingt alles so, als wäre es nur eine Frage der Zeit, bis im Hause Kretzschmar die ersten Angebote für Elvis Ernesto einflattern. Falls es eines Tages so kommt, muss der 18 Jahre junge Junioren-Nationalspieler jedenfalls nicht lange darüber nachdenken, von wem er sich künftig im Hinblick auf seine Karriere professionell beraten lassen will. Diese Fachkraft steht nämlich längst fest: Es ist natürlich sein Vater, Deutschlands bekanntester (Ex-)Handballer. Stefan Kretzschmar sagt: „Diese Rolle werde ich nie abgeben – komme, was wolle.“

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