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Vorwort
Seit Jahrhunderten lebt ein kleines slawisches Volk unter, neben und mit den Deutschen. Es unterscheidet sich bis heute von den Deutschen durch eine eigene Sprache, eigene Sitten, Bräuche und Traditionen sowie eine eigene Hymne und Fahne.
Vor allem die Industrialisierung sowie juristische und politische Restriktionen bewirkten, dass die slawische Mehrheitsbevölkerung in ihrem Siedlungsgebiet im Verlaufe der Zeiten zu einer ethnischen Minderheit wurde.
Mit allen deutschen „Obrigkeiten“ gab es mal mehr, mal weniger heftige Differenzen. Dabei passte sich das Verhalten vieler Lausitzer Slawen an die Verhältnisse an, ohne dass sie ihre slawische Identität vollständig aufgaben. Andererseits gab es stets Gruppen und Persönlichkeiten, die sich dafür engagierten, über die eigenen Angelegenheiten, Rechte und Interessen selbst bestimmen zu können.
Wesentliche Momente dieses Ringens aus den letzten knapp 200 Jahren sollen hier nachgezeichnet werden.
Die Lausitzer Slawen, Teil 3: Demagogen, Duckmäuser und Leisetreter
Die Lausitzer Slawen, Teil 4: Mut und Klarheit – wie die Domowina dem NS-Regime trotzte
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Der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland war im Leben der Menschen des neuen Landesteils ein tiefgreifender, langanhaltender sozialer Umbruch. Für nicht wenige war es ein Aufbruch, für den Großteil ein Abbruch. Betriebe und Biografien wurden „abgewickelt“; allgemeine Verunsicherung und konkrete Arbeitslosigkeit wurden zum „normalen“ Alltag; die in den letzten Monaten der DDR lebendigen Hoffnungen auf mehr Demokratie hatten sich erübrigt.
Die in der „Wendezeit“ von der oppositionellen Serbskanarodna zhromadźizna (Sorbische Nationalversammlung) geforderte demokratische sorbische Volksvertretung war gegenstandslos. Das Sorbische verschwand immer mehr aus dem öffentlichen Leben. Nicht wenige Lausitzer Slawen empfanden ihre Muttersprache als Belastung auf dem Weg in die neue Gesellschaft. Selbstbewusste Sorben hingegen waren besorgt über lautlose Ohnmacht und vorauseilende Loyalität in ihrem Volk.
Die Domowina gab sich als Vertretung des sorbischen Volkes, wurde vom deutschen Staat als solche anerkannt sowie durch die Stiftung für das sorbische Volk, strukturell und konzeptionell eher auf Kontrolle als auf Selbstbestimmung ausgerichtet, beeinflusst.
Engagierte sorbische Patrioten bewerteten viele Entscheidungen der Domowina in der Spanne von „eher handzahm“ bis „obrigkeitsorientiert wie immer“. Aus dem Kreis der Domowina-Kritiker, vielfach ja selbst Mitglieder, gab es über mehr als ein Jahrzehnt ungezählte Versuche, den Dachverband zu bewegen, Interessen der Lausitzer Slawen energischer einzufordern.
Ein jahrelanger Nachdenk-, Streit- und Klärungsprozess
Das misslang regelmäßig. So entwickelte sich unter Lausitzer Slawen eine Stimmung, immer noch oder wieder fremdbestimmt zu sein, von der neuen Obrigkeit nicht wirklich wahr-, ernst- und mitgenommen zu sein. In vielen Gesprächen hörte man die Frage: „Wann wird’s endlich besser?“ Mitunter antwortete der eine oder andere: „Besser war’s schon!“
Rückblickend auf das erste Jahrzehnt der neuen deutschen Republik ist ein anhaltender, vielgestaltiger Nachdenk-, Streit- und Klärungsprozess in beiden Lausitzen zu konstatieren. Zu diesem „Gärungsprozess“ zählt z. B. die (Neu-)Gründung der Partei Lausitzer Allianz ebenso wie mehrere Gutachten von Wissenschaftlern aus Innsbruck, Leipzig, Hamburg und Görlitz. Trotz unterschiedlicher Ansätze waren sich die Gutachter einig: Die Sorben seien ein autochthones Volk und könnten sich auf ein Selbstbestimmungsrecht berufen. Für das Teilstaatsvolk der BRD sei ein privatrechtlicher Verein ebenso wenig eine demokratisch legitimierte Repräsentanz des sorbischen Volkes wie eine privatrechtliche Stiftung.
Solche Erkenntnisse trafen bei selbstbewussten Sorben auf stabile Erfahrungen mit Protest, Widerstand und Umbruch. Geschichte vollzieht sich ja nicht in sauberen, klaren Schnitten, sondern in widersprüchlichen Übergängen. Der Faschismus war nicht weg, als die Rote Fahne auf dem Reichstag gehisst wurde. Die DDR war nicht weg, als der Einheitsvertrag unterschrieben war.
Am 14. Mai 2011 formierte sich in Njebjelčicy (Nebelschütz) die Initiative für eine demokratisch legitimierte sorbische Volksvertretung (Serbski Sejm). Die Jahre danach waren gekennzeichnet durch viele Runde Tische, Klausuren, Medienkampagnen, Workshops, öffentliche Foren, Petitionen, Strategiepapiere, die Gründung einer „Rada Starostow“ (Ältestenrat), Filmabende sowie Forderungen und Gesprächsangebote an Regierungen und Parlamentsfraktionen in Bund und Ländern.
Sorbisches Kulturzentrum in Slepo (Schleife): Am 17. November 2018 fand hier die feierliche Konstituierung des Serbski Sejm, bestehend aus je zwölf Abgeordneten aus der Niederlausitz und aus der Oberlausitz, statt.
© Rolf Zöllner/Imago
Das Schlüsselwort: Selbstermächtigung
Das Schlüsselwort zur Änderung des parlamentslosen Zustandes lautete: Selbstermächtigung. Zum einen gründet sie sich auf die Gewissheit, dass sich ohne deutliche Artikulation der eigenen Interessen die Zustände weiter zu Ungunsten der Sorben verändern werden. Zum anderen auf Erfahrungen mit dem System(zusammen)bruch in der DDR, dass sich bei zielorientierter Abstimmung und gemeinsamem Handeln politische Umstände ändern lassen.
Einen besonderen Platz bei der Suche nach dem besten Weg zu mehr Selbstbestimmung nimmt die Fachkonferenz ein, die am 17. Mai 2012 rund ein Dutzend sorbischer Enthusiasten aus beiden Lausitzen mit Fachleuten aus den Heinrich-Böll-Stiftungen Sachsens und Brandenburgs und der Stiftung Futurzwei zusammenführte. Diskutiert wurde, wie eine Institution geschaffen werden könne, die das sorbische Volk politisch vertritt und gesellschaftlich anerkannt wird. Sie müsse sich von tradierten Formen des deutschen Parlamentarismus unterscheiden, insbesondere hinsichtlich Meinungsbildung, Entscheidungsfindung, Kultur- und Naturverständnis. Im engeren Sinne sei das zwar ein Vorhaben des sorbischen Volkes, seine Angelegenheiten selbst zu regeln. Aber zugleich stehe es im Kontext globaler Probleme.
Man war sich einig, das Ringen um ein sorbisches Parlament werde dann nachhaltig wirken, wenn es gelingt, möglichst viele Lausitzer Slawen zu begeistern und eine positive Öffentlichkeit zu schaffen. Als Antriebskraft für die weitere Arbeit schälte sich der Begriff „enkeltauglich“ heraus. Dafür müsse man „großelternkritisch“ vorgehen.
Weil die Verfassungen Sachsens und Brandenburgs die Sorben als Volk anerkennen, sei nach Auffassung der Konferenzteilnehmer folglich sowohl die Uno-Resolution 61/295 (Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker) als auch die Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation (Ilo) Nr. 169 gültig. Zur Domowina wurde betont, sie bündele als Dachverband die Interessen sorbischer Vereine, könne aber genau deshalb nicht für alle Sorben sprechen. Minimalziel des künftigen sorbischen Parlaments sei ein geregeltes Anhörungsrecht in Kommunen, den beiden Ländern und im Bund.
Zu diesen Standpunkten sollten sich in der Folgezeit teils heftige, bis heute anhaltende Kontroversen entwickeln. Einig waren sich die in Berlin Versammelten darin, ein sorbisches Parlament werde nicht als abgeschottete Veranstaltung in einer ansonsten wie bisher existierenden sorbischen Gemeinschaft existieren können. Vielmehr sei es notwendig, mit einer grundsätzlichen Erneuerungsbewegung die sorbische Identität zu stärken.
Als einen wichtigen Auftrag nahmen sie die Aufgabe mit, in sorbischen Dörfern den Gemeinsinn zu stärken, neue Strukturen der politischen Willensbildung und des Miteinanders zu suchen und die Bereitschaft zu unterstützen, sich für die Rechte der Sorben selbstbewusst einzusetzen.
Aufruf zum Boykott der Wahl
Knapp sechs Jahre später, am 1. Mai 2018, wurde der Aufruf zur Wahl eines Serbski Sejm veröffentlicht. Damit verbundene Gesprächsangebote der Kandidaten wurden von politischen Konkurrenten abgelehnt oder ignoriert. Der Domowina-Vorstand verschickte Briefe an Vereine, um zum Boykott der Wahl aufzurufen.
Am 17. November 2018 fand im Sorbischen Kulturzentrum in Slepo (Schleife) die feierliche Konstituierung des Serbski Sejm, bestehend aus je zwölf Abgeordneten aus der Niederlausitz und aus der Oberlausitz, statt. Die demokratische, freie, geheime und allgemeine Wahl zuvor wurde von mehreren internationalen Beobachtern aus Polen, Tschechien und Südtirol begleitet.
Allen Anwesenden war bewusst, Zeuge und Mitgestalter eines außerordentlichen, beeindruckenden, historisch bedeutsamen Wendepunkts zu sein. Erstmals in seiner Geschichte hatte das Volk der Sorben ein Parlament. Endgültig vorbei waren die schier endlosen und meist bedrängenden und bedrückenden Zeiten, in denen es „für die Entwicklung der Dinge außerordentlich erschwerend (war), dass die Lausitzer Serben keine eigene parlamentarische Vertretung haben“. (J. Skala in: Kulturwehr, Heft 47/1929, S. 145)
Prof. Thielmann, Mitglied des Ältestenrates, fand große Zustimmung, als er sagte, die künftige Geschichtsschreibung werde zwei Epochen im Leben der Lausitzer Slawen unterscheiden: „Eine vor dem Parlament und eine ab heute.“ Dr. Walde, Gründungsmitglied der an diesem Tage aufgelösten Initiativgruppe, erinnerte an Hintergründe und Notwendigkeiten für ein sorbisches Parlament. Alle Parlamentarier erhielten ein signiertes Buch „Minderheitenrecht ist Menschenrecht“ vom Autor dieses Textes.
Die Lausitzer Slawen, Teil 5: Professoren, Propaganda und Rassenwahn
Die Lausitzer Slawen, Teil 6: Sorben oder Wenden? Eine Frage, die bis heute bewegt
Bekenntnis zur Demokratie und Menschenwürde
Geleitet von der Alterspräsidentin Edith Pjenkowa (geb. 1938) aus Rowne (Rohne) wurden in öffentlicher Sitzung die Geschäftsordnung und drei konzeptionelle politische Dokumente beschlossen. In der „Friedensbotschaft“ erklärten die Sejm-Mitglieder sich zu einer „Brücke zwischen Ost und West“, die „friedensstiftend gegenüber allen Völkern der Welt wirken“ wolle. Im „Manifest des Serbski Sejm“ bekräftigten sie ihr Bekenntnis zu Demokratie, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit sowie zur Wahrung und Stärkung der Identität ihres Volkes. Im „Vertretungsanspruch“ betonten sie, der Sejm sei ein wichtiger Schritt zur „Schließung einer Demokratielücke“.
Das öffentliche Echo auf die Konstituierung enthielt außerhalb der Lausitz eine Mischung aus Abwarten, Neugier und Staunen. Innerhalb der Lausitz mischten sich freudige Erwartung und Desinteresse. Die Sejm-Gegner bewerteten die Konstituierung von „romantisch“ über „populistisch“ bis „separatistisch“. Die offizielle Bundespolitik ignorierte die Konstituierung. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages meinten, „nach gegenwärtiger Rechtslage (dürfte)“ kein Recht der Lausitzer Slawen „auf die Schaffung einer eigenen demokratisch legitimierten Volksvertretung in Form einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft bestehen“. Ich teile diese Reaktion nicht, weil ich in ihnen eine Mauer aus politischer Unvernunft und moralischer Empfindungslosigkeit spüre. Hoffnungsvoll stimmen mich gleichwohl die Relativierung „gegenwärtige Rechtslage“ und der Konjunktiv „dürfte“.
Seit 2018 tagen die sorbischen Parlamentarier nun monatlich, stets an wechselnden Orten. Die Ausschüsse (Bildung, IT, Kultur, Petition, Workshop, Regionalentwicklung und Wirtschaft, Öffentlichkeitsarbeit, Verfassung und Recht) arbeiten über elektronische Medien zusammen. Sie tun das ehrenamtlich in ihrer Freizeit und unentgeltlich. Alle müssen die finanzielle Sicherung ihres Alltags und ihrer Familien im Blick haben. Sie aber haben zudem die Interessen ihres Volkes im Blick.
Sorbische Fähnchen im Haus der Sorben in Bautzen
© Miriam Schönbach/dpa
Lautstark und anhaltend artikuliert
In den Sejm-Beratungen stehen komplexe, schwierige Themen an. Es geht z. B. um eine eigene Verfassung des sorbischen Volkes. Sehr wichtig ist ein Staatsvertrag mit Bund und Ländern. Darin „(wird) eine Wiedergutmachung des in den vergangenen 1000 Jahren der Geschichte begangenen Unrechts als moralische Verpflichtung der Gegenwart an erster Stelle stehen, wenn die Regierung sich zu ihren Deklarationen zum europäischen Minderheitenproblem durch die Tat bekennt.“ (J. Skala Kulturwehr, Heft 4/1929, S. 141 ff.). Entwürfe der Verfassung und des Staatsvertrages, datiert vom 28. Januar 2025, kann man auf der Internetseite des Sejm nachlesen.
Lautstark und anhaltend artikulieren die sorbischen Parlamentarier die Misere sorbischer Schul- und Hochschulbildung. Sie sind fest überzeugt: Es kann und darf nicht sein, dass ein Volk über die Schulen des anderen bestimmt. Sie lösten damit eine bis heute anhaltende, sich rasch verbreiternde, lebhafte innersorbische Diskussion aus, die auch in deutschen Behörden gehört wird.
Mutig, aber bislang nicht erfolgreich, kämpfen die Abgeordneten für die Anerkennung der Sorben als indigenes Volk gemäß der Konvention 169 der Ilo. Die Landesregierungen und die Bundesregierung lehnen das bisher ab. Diese Konvention ist bis heute die einzige internationale Norm, die indigenen Völkern rechtsverbindlichen Schutz garantiert. In 44 Artikeln werden deren Rechte und Traditionen gegen politische und wirtschaftliche Interessen geschützt. Unterzeichnerstaaten haben mit innerstaatlichen Gesetzen den „wirksamen Schutz dieser Rechte sicherzustellen“ (Art. 12). „Die Eigentums- und Besitzrechte“ an dem von diesen Völkern „von alters her besiedelten Land sind anzuerkennen“ (Art. 14).
Am 17. Oktober 2012, zufällig rund vier Monate nach der Fachkonferenz in Berlin, lehnte die Regierung von CDU/CSU und FDP einen Antrag von SPD und Grünen zur Ratifikation ab. Laut Bundestagsprotokoll befürchteten die Ablehner, Betroffene würden zu weitgehende Rechte auf die Nutzung der Landschaft und den Abbau von Bodenschätzen erhalten. Fast neun Jahre später, am 15. April 2021, zufällig knapp dreieinhalb Jahre nach der Konstituierung des Sejm, als eine GroKo aus CDU/CSU und SPD regierte, wurde die Ratifizierung dann doch beschlossen. Müsste es nun nicht eine andere Antwort auf den Anspruch Sejm geben?
In Łaz (Lohsa) konstituierte sich am 12. April 2025 der 2. Serbski Sejm. Die Parlamentarier bekräftigten ihre Überzeugung, dass wichtige Änderungen „von unten“ zu erkämpfen sind, weil sie selten „von oben“ gewährt werden. Sie sahen sich in einer guten Tradition sorbisch-deutscher Geschichte, die durch den Kampf gegen Ungerechtigkeit und das Streben nach Selbstbestimmung gekennzeichnet ist.
Dawid Statnik, der Vorsitzende der Domowina, beim traditionellen Osterritt
© Daniel Schäfer/Imago
Eine Schädigung sorbischer Identität
In meinen Augen erwachsen daraus zwei Impulse für die Abgeordneten des Serbski Sejm, seine Unterstützer und Sympathisanten: Zum einen sollten sie stets das Slawische betonen, das, was allen gemeinsam ist. Egal, ob sie Niedersorbisch, Obersorbisch oder Deutsch sprechen. Die Lausitzer Slawen sind ein friedliebendes und fleißiges Volk. Sie hatten nie eine eigene Armee und keine Rüstungsproduktion. Sie ehren und achten die Traditionen, die Sprache. Sie haben ein achtsames Verhältnis zu Mutter Erde und ein naturverbundenes Weltbild. Sie sind gastfreundlich und offenbaren ihre Seele in vielen schönen Liedern und Gedichten.
Sehr klar, sehr komprimiert, sehr praktisch kommt das „Slawisch-Sein“ in der von dem ehemaligen Nebelschützer Bürgermeister und Sejm-Abgeordneten Tomaš Čornak gegründeten Stiftung Enkeltauglichkeit zum Ausdruck. Sie realisiert in praktischen Aktionen mit scheinbar kleinen, konkreten Lösungen die humane Verantwortung für Mutter Erde und für den Erhalt und die Wiedergewinnung des Friedens.
Die Sejm-Mitglieder haben seit 2018 erfahren, wie schwer es ist, mit ihren Themen voranzukommen. Mit Ideenreichtum und Engagement bleiben sie „am Ball“ und lehnen vorauseilenden Gehorsam, Unterwürfigkeit und Obrigkeitshörigkeit ab. Sie achten darauf, dass es niemandem gelingt, die Unterschiede zwischen Nieder- und Oberlausitz in ein Gegeneinander zu vertiefen.
Noch immer aber wird ihre ehrenamtliche Arbeit für die Interessen der Lausitzer Slawen zwischen Cottbus und Bautzen bürokratisch behindert. Um den Zeitaufwand der berufstätigen Parlamentarier zu reduzieren, beantragte ein Förderverein bei der Stiftung für das sorbische Volk die Finanzierung einer Geschäftsstelle für organisatorisch-technische Arbeiten. Der Antrag stützte sich auf den Zweck der Stiftung, ein Instrument zur Erhaltung der Identität des sorbischen Volkes zu sein. Eigentlich war zu erwarten, dass der Antrag befürwortet wird. Denn alle Aktivitäten des Sejm zielen darauf, Zustände zu beseitigen, die die Identität des sorbischen Volkes schädigen und zerstören. Das Abbaggern sorbischer Dörfer und die Schließung sorbischer Schulen sind zwei Schädigungen sorbischer Identität, die den Entscheidern in der Stiftung bekannt sind und dringenden Handlungsbedarf signalisieren. Aber die Stiftung lehnte den Antrag ab.
Der Förderverein klagte. Die 7. Kammer des Verwaltungsgerichts Dresden wies am 18. November 2025 die Klage ab. Das Gericht ist der Meinung, die Förderung politischer Arbeit gehöre nicht zum Stiftungszweck. Die Domowina könne aber von der Stiftung gefördert werden, denn wenn sie sich doch einmal politisch artikuliere, dann nur, wenn und weil sie „von außen“ gefragt werde. Und da die Domowina keine Förderung für politische Arbeit erhalte, müsse man den Sejm gleichbehandeln.
Aber die Domowina agiert selbstständig, sozusagen „von innen“ politisch! In der Satzung heißt es, dass sie national und international „die Interessen des sorbischen Volkes in der Öffentlichkeit (vertritt)“. In der Richtlinie für den „Zeitraum 2025–2027“ wird im Punkt II „Politische Vertretung“ betont, sie „(formuliert) insbesondere in sorbischen politischen, kulturellen und Bildungsangelegenheiten als Sprecherin der Interessen der Sorben politische Stellungnahmen“.
Die Lausitzer Slawen, Teil 7: Erfolgsstory mit Widersprüchen – die Sorben in der DDR
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Der Streit ums Geld für eine Geschäftsstelle
Wenn die Stiftung politische Arbeit nicht fördern darf, die von ihr geförderte Domowina aber nach eigenen Worten solche betreibt, dann könnte man vermuten, die Stiftung verstoße gegen ihre Satzung. Untauglich wäre es jedoch, nun über eine eventuelle zweckwidrige Vergabe öffentlicher Gelder nachzudenken. Ich rege stattdessen an, dass die Stiftung ihre Richtlinien präzisiert, den Antrag des Fördervereins erneut auf die Tagesordnung setzt und sodann die politische Arbeit des demokratisch gewählten Parlaments ebenso wie die politische Arbeit des Dachverbandes fördert. Könnte es so gelingen, dass Domowina und Sejm selbständig, aber gemeinsam elementare Entscheidungen über sorbische Heimat, Sprache, Bildung, Kultur und Traditionen selbstbestimmt, selbstbewusst und enkeltauglich regeln?
Letztlich verbirgt sich im Streit ums Geld für eine Geschäftsstelle eine allgemeine Maxime: Was politisch gewollt ist, dafür ist immer genug Geld da. Was politisch nicht gewollt ist, dafür wird immer zu wenig bis gar kein Geld bereitgestellt. Offen bleibt derzeit die Antwort auf die Frage: Wer darf sorbische Interessen politisch vertreten und dafür von der Stiftung gefördert werden?
Es kann nicht hoch genug geachtet und gelobt werden, dass der Sejm unter diesen schwierigen Umständen den Aufbruch in eine neue Zeit wagt. Die Abgeordneten haben diesen Mut, weil alle Aktivitäten rechtlich, moralisch und politisch geboten sind, die den Alltag der Lausitzer Slawen verbessern und jede Form von Diskriminierung, gleichviel, wo und wie sie auftritt, beenden.
Noch hat der Sejm die politische Wirklichkeit in der Lausitz nicht tiefgreifend verändert. Aber er hat Entwicklungen in Gang gesetzt, die es zuvor nicht gab. Er hat die Unhaltbarkeit heutiger Zustände vor Augen geführt. Sorbische und deutsche Öffentlichkeit diskutiert vom Sejm aufgeworfene Fragen, z. B.: Warum bestreiten Politiker der BRD, dass in zwei Bundesländern ein indigenes Volk lebt? Was ist zu tun, damit die Lausitzer Slawen angemessen an den Gewinnen aus der Zerstörung ihrer Heimat beteiligt werden? Wer will die „hierarchischen“ Beziehungen zwischen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und den Lausitzer Slawen beibehalten und wer will diese Verhältnisse auf „Augenhöhe“ gestalten? Erreicht hat der Sejm, dass Bevormundung infrage gestellt und beseitigt wird. Erreicht hat er, dass sorbische Selbstbestimmung nur noch von ganz wenigen Zeitgenossen in Frage gestellt wird. Hilfe für seine Ziele findet der Sejm zudem, weil er unter Deutschen immer mehr Verbündete gewinnt.
Positiv wirkt, dass sich kein Sejm-Abgeordneter engstirnig als politischer Vertreter etwa von Slepo (Schleife) oder Wětošow (Vetschau), von Wojerecy (Hoyerswerda) oder Njebjelčicy (Nebelschütz), von Běła Woda (Weißwasser) oder von Worklecy (Räckelwitz), von Pančicy-Kukow (Panschwitz-Kuckau) oder Chrósćicy (Crostwitz) versteht. Jede und jeder ist immer Vertreter des ganzen sorbischen Volkes in beiden Lausitzen. Meist handeln sie einzeln und an verschiedenen Orten. Aber sie sehen nicht nur den eigenen „Kirchturm“ und betrachten den vom Nachbardorf nicht als Gegner. Denn sie wissen: Eine nachhaltig bessere Zukunft für das sorbische Volk entsteht nur, wenn jede individuelle Aktivität dem großen, allgemeinen Ziel dient.
Was wir dank Kopernikus wissen
Man kann die Sejm-Mitglieder „Romantiker“ nennen, aber weltfremd sind sie nicht. Ich sehe sie als Kämpfer für eine Utopie. Schlichte Gemüter lehnen das als „Spinnerei“ ab. Utopien jedoch sind so wahr und so wichtig wie die Sterne. Wir erreichen sie noch nicht, aber sie geben uns schon lange und nachhaltig eine sichere Orientierung. Unter anderem durch den „Sternenforscher“ Kopernikus wissen wir: Eine fortschrittliche Idee wird erst abgelehnt und bekämpft, dann ignoriert und belächelt und letztlich als normaler Teil des Alltags gelebt und akzeptiert. Die Wahrheit hat eine Kraft ganz eigener Art: Nichts kann sie ersetzen. Dummheit, Manipulation und Gewalt können sie durch Irrtümer oder Lügen nur zeitweilig verdrängen und partiell vernichten.
Es wäre an der Zeit, dass Bundesregierung und Bundestag den Serbski Sejm offiziell als legitime Volksvertretung anerkennen und so den politischen Willen des sorbischen Volkes zur Selbstbestimmung achten. Einen schlechteren Streiter für ihre Rechte als den Serbski Sejm haben die Lausitzer Slawen nicht verdient. Einen besseren werden sie und die deutsche Politik so schnell nicht finden.
Peter Kroh, 1944 in Namslau (Schlesien) geboren, Enkel und Biograf des sorbischen Poeten, Journalisten und Minderheitenpolitikers Jan Skala, veröffentlichte 2014 das Buch „Minderheitenrecht ist Menschenrecht. Sorbische Denkanstöße zur politischen Kultur in Deutschland und Europa“.
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