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Vorwort
Seit Jahrhunderten lebt ein kleines slawisches Volk unter, neben und mit den Deutschen. Es unterscheidet sich bis heute von den Deutschen durch eine eigene Sprache, eigene Sitten, Bräuche und Traditionen sowie eine eigene Hymne und Fahne.
Vor allem die Industrialisierung sowie juristische und politische Restriktionen bewirkten, dass die slawische Mehrheitsbevölkerung in ihrem Siedlungsgebiet im Verlaufe der Zeiten zu einer ethnischen Minderheit wurde.
Mit allen deutschen „Obrigkeiten“ gab es mal mehr, mal weniger heftige Differenzen. Dabei passte sich das Verhalten vieler Lausitzer Slawen an die Verhältnisse an, ohne dass sie ihre slawische Identität vollständig aufgaben. Andererseits gab es stets Gruppen und Persönlichkeiten, die sich dafür engagierten, über die eigenen Angelegenheiten, Rechte und Interessen selbst bestimmen zu können.
Wesentliche Momente dieses Ringens aus den letzten knapp 200 Jahren sollen hier nachgezeichnet werden.
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Mit dem Machtantritt der Nazis am 30. Januar 1933 wird ganz Deutschland zielstrebig mit einem vielgestaltigen Geflecht von Unterdrückungsmaßnahmen überzogen.
© Robert Sennecke/SVT/Imago
In der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 brannte der Deutsche Reichstag in Berlin. Der entscheidende Vorwand zur Verfolgung aller innenpolitischen Gegner war geschaffen. Mit der tags darauf in Kraft gesetzten Notverordnung „zum Schutz von Volk und Staat“ werden wichtige Grundrechte (Freiheit der Person, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit, Postgeheimnis) außer Kraft gesetzt und willkürliche, durch keinerlei rechtliche Mittel anfechtbare Verhaftungen (sog. Schutzhaft) möglich, die Todesstrafe kann erweitert angewandt werden. In Dachau bei München wird am 22. März 1933 ein Muster-Konzentrationslager errichtet. Joseph Goebbels, seit dem 13. März 1933 Minister für Volksaufklärung und Propaganda, verkündet, er werde das geistig-kulturelle Leben in Deutschland so umgestalten, dass alle Menschen vorbehaltlos dem Führer folgen.
Mit dem Machtantritt der Nazis am 30. Januar 1933 wird ganz Deutschland zielstrebig mit einem vielgestaltigen Geflecht von Unterdrückungsmaßnahmen überzogen. Verhaftungen Andersdenkender, „Gleichschaltung“ verschiedener Institutionen, Terror zur bedingungslosen Unterordnung bestimmen den Alltag.
Unübersehbar verschärfte sich der schon fast „traditionelle“ Widerspruch zwischen der antislawischen Politik der Deutschen und sorbischen Patrioten, die am slawischen Charakter der Sorben festhielten. Sorbische Zeitungen wurden verboten, sorbische Lehrer gezielt aus dem Siedlungsgebiet heraus an deutsche Schulen versetzt, sorbischen Kindern wird die Teilnahme an Ferienlagern in der Tschechoslowakei untersagt, es gibt Hausdurchsuchungen bei sorbischen Aktivisten und im Sorbischen Haus in Bautzen.
Zusammen mit anderen sorbischen Aktivisten wird Jakub Šajba (1899 bis 1956, seit 1922 Vorsitzender des Sokoł, einer in vielen slawischen Ländern lebendigen Turnbewegung, die körperliche Ertüchtigung mit dem Erlebnis ethnischer Gemeinschaft verknüpfte) am 28. April 1933 verhaftet. Zwei Tage zuvor bittet der Bautzener Amtshauptmann die Dresdner Staatskanzlei, sie solle dafür sorgen, den in Berlin wohnhaften Skala zu verhaften, weil dieser „stets eine ausgesprochene deutschfeindliche Haltung eingenommen hat“.
Ein altbewährtes Prinzip
Sehr viele Lausitzer Slawen lehnen die rassistische, antislawische Politik der Nazis ab. Aber nicht wenige passen sich dem „Zeitgeist“ an, mitunter in vorauseilendem Gehorsam. Auf einer Tagung der Maćica Serbska am 19. April 1933 lässt z.B. deren Vorsitzender, Justizrat Arnošt Herman (1871 bis 1940), ein Glückwunschschreiben zu Hitlers Geburtstag beschließen. Darin wird die staatsloyale Haltung der Gesellschaft, die sich der Geschichte, Sprache und Kultur des sorbischen Volkes widmet, betont. Die Wendenabteilung und sächsische Behörden beobachten aufmerksam solche und andere innersorbische „Querelen“.
Im Herbst 1933 wird das altbewährte Prinzip des „Teile und herrsche“ gegen die Lausitzer Slawen so perfekt und lehrreich praktiziert, dass es wegen der lehrreichen Erkenntnisse über das Ausmaß an Hinterlist, Tarnung, Täuschung, Druck und Verrat chronologisch erzählt werden soll.
Das Sächsische Ministerium der Auswärtigen Angelegenheiten teilt am 24. August 1933 in einer zwölfseitigen Stellungnahme dem Reichsaußenminister mit, die Lage unter den Sorben sei von Erregung und Unsicherheit gekennzeichnet. Man solle doch den Sorben in geeigneter Form zusichern, die Regierung denke nicht daran, sie zu unterdrücken, rabiat zu assimilieren oder sie in der Pflege kultureller Sitten, Bräuche und Traditionen zu behindern, solange damit nicht staatsfeindliche Bestrebungen verbunden sind. Als solche seien jedoch auf jeden Fall die „intensive Pflege der Beziehungen zu anderen slawischen Völkern“ zu zählen, die „in Zukunft unter keinen Umständen geduldet werden kann“.
Ankündigung des zeitweiligen Verbots der Zeitung Serbske Nowiny, April 1933
© Repro: Sorbische Zentralbibliothek am Sorbischen Institut
Eine von den Nazis vorgefertigte „Entgegnung“
Drei Wochen später übersendet das sächsische Ministerium dem Reichsaußenminister den Entwurf einer Regierungserklärung. Vorgeschlagen wird, diesen Text möge der Bautzener Amtshauptmann einigen maßgebenden sorbischen Persönlichkeiten gegenüber namens der Regierung abgeben. Als vorausschauende Organisatoren fügen die sächsischen Beamten zugleich die „Antwort“ der noch auszuwählenden sorbischen Persönlichkeiten an. Darüber hinaus sind zwei weitere Schritte gut vorbereitet. Zum einen soll ein geeigneter Sorbe für die schon fertige „Entgegnung“ gefunden werden. Zum anderen soll unmittelbar nach dem Treffen eine schnelle Verbreitung der Erklärung im In- und Ausland durch das Wolff’sche Telegraphische Büro erfolgen.
Der Plan gelingt. Der Bautzener Amtshauptmann Hans Sievert ernennt 16 ausgewählte Sorben (darunter Pawoł Nedo, Lehrer in Quatitz; Jan Andricki, Lehrer in Radibor; Jurij Handrik, Kaplan in Chrostwitz; Jurij Hejduška, Domkapitular in Bautzen und Měrćin Kral, Lehrer in Saritsch) zu Vertretern der sorbischen Bevölkerung und beordert sie zum 20. September ins Amt.
Zu den von der Staatsmacht Nichteingeladenen zählen zum Beispiel Jan Cyž, Měrćin Nowak-Njechorński, Jakub Šajba, Jan Skala, Marko Smoler, Jakub Lorenc-Zalěski, Mina Witkojc, Alojs Andricki, Arnošt Bart, Jurij Delan, Romuald Domaška. Das geschah ganz gewiss nicht grundlos und gibt so manchem selbstbewussten Lausitzer Slawen auch heute noch zu denken.
Ein Akt der Unterwerfung
Mit den Eingeladenen sind mehrere Pressevertreter anwesend. Sievert verliest im Auftrag der sächsischen und der preußischen Regierung sowie der Reichsregierung die Erklärung. Darin heißt es: Die Wenden konnten sich „im Rahmen der für alle Deutschen geltenden Gesetze frei und ungehindert entfalten“; „einige wenige verirrte Heißsporne (suchten) Verbindung mit gewissen ausländischen deutschfeindlichen Organisationen“, um „vor aller Welt von einer angeblichen Unterdrückung der Wenden in Deutschland (zu) reden“. Dass dagegen „im nationalsozialistischen Deutschland mit der gleichen Schärfe wie gegen alle anderen landesverräterischen Bestrebungen vorgegangen wird, ist selbstverständlich“.
Wie „bisher (soll) auch in Zukunft jeder Wende auf allen Gebieten des politischen und kulturellen Lebens die gleichen Rechte wie jeder andere deutsche Staatsbürger genießen. [...] Niemand wird die Wenden in der Pflege und am Gebrauch der wendischen Sprache im täglichen Leben und bei kulturellen Veranstaltungen hindern, noch in der Pflege der wendischen Literatur und der Herausgabe von wendischen Zeitungen und wendischen Büchern“.
Als „Chef“ der Vorgeladenen verliest Dr. Herman die von den Nazis vorbereitete Antwort. Er lobt die Politik der Nazi-Regierung „mit aufrichtiger Dankbarkeit“. Konkret sagt er: „Im Namen der wendischen Bevölkerung, die hier durch uns vertreten ist, […] lehnen (wir) […] aufs Schärfste die landesverräterischen Bestrebungen Einzelner ab“, die „durch ihre deutschfeindlichen Proklamationen [...] für die wendische Lausitz nichts als Misstrauen zwischen uns und unsern deutschen Brüdern säen“, weswegen wir „mit diesen Bestrebungen dieser angeblichen Freunde nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich nichts zu tun haben (wollen)“.
Es ist heute für die Lausitzer Slawen unerheblich, ob sich darin eigene „nationalsozialistische“ Überzeugung, eine bei manchen Sorben spürbare Anpassungsbereitschaft an Politik und Ideologie der deutschen Faschisten zeigte oder ob es einfach nur mangelnde Zivilcourage, Duckmäusertum oder Leisetreterei war. Für den damals 25-jährigen Nedo hält die sorbische Wissenschaftlerin Annett Bresan in ihrer 2002 veröffentlichten Nedo-Biografie fest: „Die Unvereinbarkeit der Ideologie des totalitären NS-Staates mit den Zielen der sorbischen Bewegung nicht erkannt zu haben, war eine tragische Komponente in Nedos Tätigkeit.“
In jedem Fall gilt: Die Entgegennahme der Regierungserklärung und noch viel mehr Akzeptanz und Ablesen der vorgefertigten „Antwort“ waren die Kapitulationsurkunde für alle Bestrebungen, die Rechte der sorbischen nationalen Minderheit durchzusetzen. Nicht Abwendung von der sorbischen Bewegung und das Bedienen von Vorurteilen, nicht Anpassung und vorauseilender Gehorsam taten damals not, sondern Widerspruch. Aber niemand von den 16 Vorgeladenen hatte den Mut und die Kraft (auch später nicht), sich von diesem Unterwerfungsakt zu distanzieren.
Unter, neben und mit uns: Die Lausitzer Slawen, Teil 1: Ein Echo der 1848er-Revolution
Die Lausitzer Slawen, Teil 2: Deutsche Konspiration gegen sorbische Demokraten
Jan Skala antwortet mit feingeschliffener Ironie
Der Schaden für die Durchsetzung der Minderheitenrechte der Lausitzer Slawen war groß. Die Verbreitung über das Wolff’sche Telegraphische Büro ins In- und Ausland funktionierte perfekt. Die Farce Sievert–Herman fand große, überwiegend zustimmende, wohlwollende Widerspiegelung in der in- und ausländischen Presse. Nur der tschechische Sorbenkenner und -freund Josef Páta (1886 bis 1942) bezeichnete sie als „abgekartete Komödie“. Die deutsche „Teile-und-herrsche-Strategie“ entlarvte er mit der Feststellung, „die deutsche Gleichberechtigung gilt nur für die lauen Sorben, mit den echten wird auch weiterhin wie mit Hochverrätern verfahren.“
Mit obrigkeitshörigem Kuscheln um ein Plätzchen am Katzentisch der Mächtigen konnten auch damals die Rechte der Lausitzer Slawen nicht erreicht werden. Nötig war vielmehr eine das sorbische Volk sachlich-aufrüttelnde Klarheit und Wahrheit im wohlverstandenen Interesse der nationalen Minderheit.
Dieser Aufgabe stellte sich Jan Skala (1889 bis 1945), Chefredakteur der Zeitschrift des Verbandes der nationalen Minderheiten in Deutschland. Im Heft 9/1933 der „Kulturwehr“ wertet er das Geschehen kritisch und weist Lügen faktengestützt zurück. Mit Blick auf die 16 Eingeladenen antwortete er – ohne Zynismus, aber mit feingeschliffener Ironie – „für den nichteingeladenen Teil“ des sorbischen Volkes. Er stellt zunächst fest, dass die Behauptung, die Sorben hätten sich im Rahmen der für alle geltenden Gesetze stets frei entfalten können, mit den von Sorben erlebten und in insgesamt zehn Memoranden sorbischer Organisationen zwischen 1923 und 1931 „geschilderten Tatsachen und Zuständen in ausgeprägtem Widerspruch“ steht. Das beweist er, indem er auf nachprüfbare Quellen verweist und aufzählt:
„1. Memorandum der lausitzserbischen Kirchen- und Schulvorstände an die preussische Regierung vom Jahre 1923 – Antwort des preussischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 11.3.1924 (vgl. Kulturwehr 1925, S. 148 ff.)
2. Forderung einer lausitzserbischen Superintendentur für die evangelischen Lausitzer Serben vom Jahre 1925 – Ablehnung durch die sächsische Landessynode (vgl. Kulturwehr 1926, S. 206 ff.)
3. Erklärung des sächsischen Regierungsvertreters Dr. Schulze zu dem Antrag Böttcher u. Gen. (Februar 1927) im sächsischen Landtag (vgl. Kulturwehr 1927, S. 365 ff )
4. Zwei Antwortschreiben des sächsischen Volksbildungsministeriums – a) Schreiben vom 26.3.1927, b) Schreiben vom 13.5.1927 (vgl. Kulturwehr 1927, S. 374-377)
5. Protestaktion der katholischen Lausitzer Serben gegen die kirchliche Entrechtung (vgl. Kulturwehr 1927, S. 545)
6. Resolution der Generalversammlung der „Domowina“ vom 25. März 1928 (vgl. Kulturwehr 1928, S. 182/83)
7. Protestaktion der katholischen Lausitzer Serben gegen die kirchliche Entrechtung – Resolutionen vom 12. Dezember 1924 und 26. August 1927 (vgl. Kulturwehr 1928, S. 459 ff)
8. Eingabe des Zentralverbandes lausitzserbischer Vereine „Domowina“ an die Reichsregierung vom 28. Februar 1929
9. Memorandum des Volksrates der Lausitzer Serben an die Regierung des Deutschen Reiches, März 1931
10. Eingabe an die sächsische Staatsregierung vom Jahre 1931 (betr. Regelung des Schulwesens) – mit etwa 11 000 Unterschriften; – eine Erledigung ist bisher nicht erfolgt.“
Im gleichen Artikel weist er die Unwahrheit zurück, traditionelle Beziehungen zu anderen slawischen Völkern seien Landesverrat. Mutig bekräftigte er: Kulturelle Beziehungen zu anderen slawischen Völkern „sind notwendig, bestehen zu Recht und verstoßen gegen keines der bestehenden für alle Reichsbürger gleichen Gesetze“. Zuvor erinnert er daran, dass einzelne deutsche Volksgruppen in europäischen Ländern „sogar politisch wirkende Organisationen im Deutschen Reich“ besitzen und „sämtliche deutsche Minderheiten aus 10 europäischen Staaten ... in einer einheitlichen Organisation über alle Staatsgrenzen hinweg zusammengefasst“ seien. Die Führer deutscher Minderheiten stehen „ausnahmslos auf der Grundlage des Bekenntnisses zur Volksgemeinschaft“ und jeder einzelne von ihnen würde „sich […] entschieden dagegen verwahren, deswegen in seinem Wohnstaat als Landesverräter behandelt oder auch nur bezeichnet zu werden“.
Treffend war damit gesagt: Zwei Landesregierungen und die Reichsregierung sowie der in ihrem Auftrag tätige Amtshauptmann handelten verfassungs- und gesetzeswidrig. Das Kapitulantentum konservativer Sorben isolierte sie letztlich vom sorbischen Volk. Das musste sogar die Wendenabteilung im Nachhinein zugeben. Es war völlig abwegig zu glauben, durch Bekundung von Harmlosigkeit und Anpassungsbereitschaft könne man der eigenen Sache dienen. Die Eingeladenen handelten nationalitätsvergessen und duckmäuserisch.
Peter Kroh, 1944 in Namslau (Schlesien) geboren, Enkel und Biograf des sorbischen Poeten, Journalisten und Minderheitenpolitikers Jan Skala, veröffentlichte 2014 das Buch „Minderheitenrecht ist Menschenrecht. Sorbische Denkanstöße zur politischen Kultur in Deutschland und Europa“.
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