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Die Lausitzer Slawen, Teil 2: Deutsche Konspiration gegen sorbische Demokraten

Warum und wie die verfassungsmäßigen Rechte der Lausitzer Slawen während der Weimarer Republik systematisch unterlaufen wurden.

Peter Kroh
Peter Kroh
10 Min
Unter ständiger Beobachung durch die Wendenabteilung: ein Domowina-Treffen 1926 in Hochkirch bei Bautzen

Unter ständiger Beobachung durch die Wendenabteilung: ein Domowina-Treffen 1926 in Hochkirch bei Bautzen

© Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut in Bautzen

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Vorwort

Seit Jahrhunderten lebt ein kleines slawisches Volk unter, neben und mit den Deutschen. Es unterscheidet sich bis heute von den Deutschen durch eine eigene Sprache, eigene Sitten, Bräuche und Traditionen sowie eine eigene Hymne und Fahne.

Vor allem die Industrialisierung sowie juristische und politische Restriktionen bewirkten, dass die slawische Mehrheitsbevölkerung in ihrem Siedlungsgebiet im Verlaufe der Zeiten zu einer ethnischen Minderheit wurde.

Mit allen deutschen „Obrigkeiten“ gab es mal mehr, mal weniger heftige Differenzen. Dabei passte sich das Verhalten vieler Lausitzer Slawen an die Verhältnisse an, ohne dass sie ihre slawische Identität vollständig aufgaben. Andererseits gab es stets Gruppen und Persönlichkeiten, die sich dafür engagierten, über die eigenen Angelegenheiten, Rechte und Interessen selbst bestimmen zu können.

Wesentliche Momente dieses Ringens aus den letzten knapp 200 Jahren sollen hier nachgezeichnet werden.

***

Überparteiliches Plakat des Werbedienstes der Deutschen Republik zur Wahl der Nationalversammlung von César Klein.

Überparteiliches Plakat des Werbedienstes der Deutschen Republik zur Wahl der Nationalversammlung von César Klein.

© Kena Images/Imago

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In der deutschen Novemberrevolution 1918 wurden innerhalb weniger Tage alte, verstaubte fürstliche, großherzogliche, königliche und kaiserliche Privilegien beseitigt. Alle 22 Könige, Großherzöge und Herzöge in deutschen Landen verloren ihre Kronen. Die unumschränkte Macht dieser „Herrschaften“ war beendet, Militär und Staatsmacht weitgehend paralysiert.

Diese Entwicklung erfasste auch die Lausitzer Slawen. Die sorbische Nationalbewegung erstarkte. Arnošt Bart-Brězynčanski (1870–1956), sorbischer Politiker und nationaler Aktivist, 1912 Mitbegründer der Domowina, rief Ende Oktober 1918 in der Serbske Nowiny die Sorben auf, sich in einem nationalen Verband zusammenzuschließen.

Er war einer der Ersten, die sich in der politischen Öffentlichkeit zum Streben der Lausitzer Slawen nach Gleichberechtigung äußerten. Als Abgeordneter des sächsischen Landtags kritisierte er 1918 die Rittergutsbesitzer und die Germanisierungsbestrebungen der Herrschenden. In der Serbske Nowiny betonte er Ende Oktober 1918, die Regierung habe nur zugesehen, „wie Handwerker und Kleingewerbetreibende sich vergebens und hoffnungslos gegen den Würgegriff des Großkapitals wehrten“.

Nationalausschuss mobilisiert die Bevölkerung

Am 5. November 1918 schließlich prangerte er im Sächsischen Landtag an, es seien „in den letzten Jahrzehnten [...] die brutalen Ausrottungsmaßnahmen, unter denen unsere Volksgenossen in der preußischen Lausitz zu leiden haben, leider auch in zahlreichen Schulen des sorbischen Sprachgebietes in Sachsen zur Anwendung gekommen“.

Am 6. November 1918 gab der evangelische Christ Arnošt Bart-Brězynčanski gemeinsam mit dem Katholiken Michał Kokla (1840–1922), dem zweiten Sorben im Sächsischen Landtag (beide Mitglieder der Konservativen Fraktion), eine Erklärung ab, in der sie sich für die volle Wahrung der sorbischen Muttersprache und des sorbischen Volkstums einsetzten.

Am 13. November 1918 konstituierte sich der Sorbische Nationalausschuss. In seinem Programm forderte er die Aufteilung des Bodens über 80 Hektar an Klein- und Mittelbauern, die Beschlagnahme der Kriegsgewinne über 100.000 Mark, ein Verbot der Großbanken, Studienmöglichkeiten auch für die Ärmsten und Gleichberechtigung für die Sorben. Der Sorbische Nationalausschuss mobilisierte in vielen Orten die Bevölkerung, um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Betont wurde dabei stets, mit den deutschen Nachbarn in Frieden leben zu wollen.

Sozialdemokratische Zukunftsvisionen

Im Jahr darauf, genau am 2. November 1919, ging inhaltlich und personell aus dem Sorbischen Nationalausschuss die Serbska ludowa strona (Sorbische Volkspartei) unter Führung des Sägewerksbesitzers Jakub Lorenc-Zalěski (1874–1939) hervor. Im Wahlprogramm der Partei heißt es, man sei „gegen ungesunde Konzentration des Kapitals“, gegen Versuche, „einen großen Teil des deutsch-sorbischen Volkes der Lausitz für die […] Pläne eines verbrecherischen Imperialismus zu mißbrauchen“ und suche nach einem dritten Weg, „weder dem Kommunismus noch dem Mammonismus huldigend“.

Gemeinsam mit Jan Skala (1889–1945) gab Jakub Lorenc-Zalěski in Běła Woda (Weißwasser) die zweisprachige Serbski Dźenik (Sorbische Tageszeitung) heraus. Sie artikulierte im Grunde genommen sozialdemokratische Zukunftsvisionen für das sorbische Volk und nahm politisch Partei für die Ansprüche der Sorben: auf die Pflege der eigenen Kultur, auf die Achtung und Beachtung ihrer Sprache, ihrer Sitten und Bräuche.

In der Zeitung wurden Maßnahmen zum redlichen Zusammenleben der deutschen und sorbischen Bevölkerung der Lausitz erörtert, die gesetzliche Gleichberechtigung der Lausitzer Slawen ebenso gefordert wie die Brechung des Bildungsprivilegs und Maßnahmen zum Schutz der Mütter und der außerehelichen Kinder.

Herausgeber, Redakteur und Leserschaft erlebten, dass sich im Alltag der Lausitzer Slawen kaum etwas zum Besseren entwickelte. Sie litten darunter, dass die neue Regierung alte, verschrobene Ansichten, Vorurteile und Regelungen aus monarchistischen Zeiten kontinuierlich weiter praktizierte. Und so mancher selbstbewusste Sorbe ärgerte sich über die Lethargie im sorbischen Volk, weil sie höchst schädlich für mehr Mitbestimmung in den eigenen Angelegenheiten war.

Dieser Realität und Stimmung verlieh Skala Ausdruck, als er im Dezember 1919 aufrüttelnd schrieb: „Für uns […] ist es eine Gewissensfrage, ob wir uns zur slawischen Allgemeinheit bekennen oder nicht. Wir sind die älteste Slavenfamilie Westeuropas […] Wir sind hier, wo wir wohnen, ein bodenständiges Volk, und waren es auch dort, wo man uns mit Kreuz und Schwert, mit Galgen und Rad, mit List und Gewalt, mit Ehrung und Schändung vertrieben, verdrängt, entrechtet und geknechtet hat.“

Gründungsakte der Wendenabteilung aus dem Jahr 1920

Gründungsakte der Wendenabteilung aus dem Jahr 1920

© Sächsisches Staatsarchiv

Kommission verfasst innenpolitische Konzeption

Die Zeitung musste am 30. Juni 1920 ihr Erscheinen einstellen. Ein Grund war der akute Geldmangel. Zugleich aber wirkten zielstrebige Konkurrenzaktivitäten einflussreicher Sorben aus Bautzen mit der kleinkarierten Forderung, nur die Herausgabe der Serbske Nowiny als Tageszeitung zu akzeptieren, in die gleiche Richtung.

Noch vor der Parteigründung, im September 1919, verfasste eine 15-köpfige Kommission des Sorbischen Nationalausschusses eine innenpolitische Konzeption. Sie forderte einen „autonomen Lausitzer Regierungsbezirk“, „Liquidierung der Privilegien der Rittergüter“ und „die Aufteilung ihrer Ländereien durch Aufkauf zugunsten der landarmen Dorfbevölkerung“, „Vertretung sorbischer Bürger in den Parlamenten“, Verbesserungen auf „dem Gebiet des Schulwesens“, die Anwendung der sorbischen Sprache, „insbesondere in der Verwaltung und vor Gericht“, die „Errichtung einer sorbischen Lehrerbildungseinrichtung“ und eines „Lehrstuhls für Sorabistik“ an der Universität Leipzig.

Mit diesem „Nachkriegsprogramm“ sollte mehr Druck auf die Gewährung der Rechte für die Sorben erreicht werden. Dazu sandten sie diese Forderungen an das preußische und das sächsische Staatsministerium sowie an die Reichsregierung.

Die Führer der sorbischen Bewegung verhielten sich in der neuen Republik als Demokraten, vertrauten den Regierungen und der Verfassung. Kaum oder gar nicht bedachten sie hingegen die Chancen außerparlamentarischer demokratischer Selbst- und Mitbestimmung. Insofern waren sie noch immer der Vorstellungswelt obrigkeitsstaatlichen Denkens verhaftet.

Unverblümter Verstoß gegen die Verfassung

Am 7. Oktober 1919 wollte eine sorbische Delegation dieses Konzept dem Reichspräsidenten Friedrich Ebert übergeben. Sie wurde vom stellvertretenden Leiter der Präsidialkanzlei, Otto Meissner (1880–1953, später als Leiter der Präsidialkanzlei für Paul von Hindenburg und Adolf Hitler tätig), empfangen. Er sagte „wohlwollende Prüfung“ und eine Beratung zu.

Wie die aussah, veranschaulicht gut drei Monate nach dem Erhalt des sorbischen Programms eine Beratung am 20. Januar 1920. Unter Leitung von Meissner kamen mehrere Akteure der Staatsmacht im Auswärtigen Amt zusammen. Sie sollten und wollten nicht wohlwollend prüfen. Ihr Ziel war vielmehr, – so belegen es einschlägige deutsche und sorbische Archivalien – „eine zentrale für Sachsen und Preußen zugleich zuständige Behörde zur Überwachung der wendischen Bewegung“ zu schaffen, die eine „dauerhafte und möglichst wirksame“ Form der Kontrolle und Ausforschung garantiere.

Meissner teilte mit, Reichspräsident Ebert selber wolle eine solche Landesbehörde, denn durch sie „werde der lokale Charakter der Wendenfrage am besten unterstrichen [...] Zugleich ermögliche es eine solche Lösung der Reichsregierung, nach außen bei etwaigen Protesten wegen angeblicher Übergriffe gegen das Wendentum sich als unkompetent zu erklären. Diese Handlungsfreiheit sei angesichts der Hilfe, welche die zahlreichen deutschen Volksgruppen im Ausland von der Reichsregierung erwarten, umso wichtiger.“

Unverblümter, unmissverständlicher kann man gegen die Verfassung vom 11. August 1919 nicht verstoßen. Im Artikel 113 ist dort fixiert: „Die fremdsprachigen Volksteile des Reichs dürfen durch die Gesetzgebung und Verwaltung nicht in ihrer freien, volkstümlichen Entwicklung, besonders nicht im Gebrauch ihrer Muttersprache beim Unterricht, sowie bei der inneren Verwaltung und Rechtspflege beeinträchtigt werden.“

Von wegen „wohlwollende Prüfung“: Reichspräsident Friedrich Ebert

Von wegen „wohlwollende Prüfung“: Reichspräsident Friedrich Ebert

© United Archives/Imago

Die Politiker finden willige Helfer

Die Politiker fanden für ihre grobe Verletzung der Verfassung willige Helfer. V. Wagner, Referent des Deutschen Schutzbundes für das Grenz- und Auslandsdeutschtum, meinte, es komme darauf an, „die slavische Gefahr im allgemeinen in das Bewusstsein unserer deutschen Bevölkerung zu rufen“, so die „Überwindung der Schmach von Versailles vorzubereiten“ […] und vor allem „Verbindungen zwischen den wendischen Hochverrätern und dem linksradikalen vaterlandslosen Gesindel (Spartakisten, Bolschewisten u.a.) aufzuspüren“.

Rudolf Kötzschke (1867–1949), Direktor des Seminars für Landesgeschichte und Siedlungskunde an der Leipziger Universität, verstieg sich zu der unwissenschaftlichen, politisch reaktionären Aussage: „Gerade die landesgeschichtliche Forschung sei unmittelbar berufen, die Meinungsbildung von der Primitivität der Wenden und Slaven wissenschaftlich zu untermauern“, denn so würden „die wendische Bewegung zur Lächerlichkeit verurteilt und die wendischen Nationalisten schließlich selbst von der Fruchtlosigkeit ihrer Bestrebungen überzeugt“. Dazu „müsse aber vor allem der Gefahr der Herausbildung eines eigenen geschichtlichen Bewusstseins unter den Wenden (begegnet werden)“, denn „gerade die Geschichtslosigkeit der Wenden sei ein Garant für ihr beschleunigt zu erstrebendes Aufgehen im Deutschtum.“

In negativer Form und mit sorbenfeindlicher Zielstellung hatte er gleichwohl auf eine für heutige selbstbewusste Lausitzer Slawen wichtige Wahrheit hingewiesen: Gesundes Nationalbewusstsein wird gestärkt durch sichere Kenntnis der Geschichte des eigenen Volkes. Sie ist absolut unerlässlich für sorbisches Selbstbewusstsein.

Die verfassungsfeindliche Übereinstimmung der Sorbenfeinde fasste der promovierte Jurist Meissner am Ende der Beratung so zusammen: Die „Behörde zur Überwachung der wendischen Bewegung [...] soll […] dem Wesen nach […] eine Reichsbehörde, in der Form aber […] eine Abteilung einer Bezirksverwaltung“ sein. Sie „ist demzufolge zum unmittelbaren Dienstverkehr mit allen interessierten Kreisverwaltungen usw. in Sachsen und Preußen berechtigt, […] als Sitz (wird) Bautzen vorgeschlagen und als Leiter der Herr Kreishptm. zu Bautzen, […] in allen wendischen Angelegenheiten sind (dieser Abteilung) die Bezirke Bautzen, Liegnitz und Frankfurt/O. zuzuweisen.“ Und damit es praktisch wird: „Der Herr Kreishauptmann erarbeitet ein Statut für die Arbeiten und Aufgabenbereiche der Wendenabteilung, welches […] insbesondere auch die wertvollen Gedankengänge der Herren Wagner und Prof. Kötzschke zusammenfasst.“

Das Gespenst des Bolschewismus

Zügig und unmissverständlich formulierte der Kreishauptmann die destruktiven Ziele: Grundsätzlich geht es der Wendenabteilung um „Stärkung der Deutschtumsarbeit in den wendischen Gebieten, […] Förderung einer breiten Aufklärung über den hochverräterischen Charakter jeglicher wendischer Nationalbestrebungen, [...] Aufdeckung jedes wendischen Nationalbewusstseins als reichsfeindlich […] Förderung des Aufgehens der Wenden im Deutschtum, [...] Verhinderung einer möglichen Einflussnahme des radikalen Sozialismus auf die Wendenbewegung, Vermeidung jeglichen unnötigen Aufsehens bei der Verfolgung der angeführten Ziele“. Zu den laufenden Aufgaben zählten etwa die „Überprüfung der wendischen Presse“, die „Beobachtung wendischer Versammlungen […] und (namentlich noch zu bestimmender) Wendenführer“, die „Beobachtung der Reisen von Ausländern durchs wendische Gebiet und von Wenden ins Ausland“ sowie die „Unterstützung […] der sachsentreuen Wenden“.

Die Wendenabteilung verstieß gegen die Verfassung, basierte auf rassistischen Vorurteilen und diente der Unterdrückung von als „minderwertig“ angesehenen deutschen Staatsbürgern. Führende Politiker der Weimarer Republik und ihr dienende Beamte bewerteten das Agieren selbstbewusster Sorben, die bestehende politische, juristische, soziale Ordnung in Frage zu stellen, als „reichsfeindlich“ und „hochverräterisch“. Sie sahen darin wohl das Gespenst des Bolschewismus durchschimmern. Sie sollten und wollten innenpolitisch die slawischen Sorben durch eine deutsche, staatliche, konspirativ arbeitende Einrichtung nicht nur am Widerstand, sondern schon am Widerspruch gegen ungerechte Behandlung hindern, in der Einforderung ihrer verfassungsmäßigen Rechte entmutigen und auf diese Weise ruhig stellen.

Zur Politik der Nazis, „Nichtarisches“ zu germanisieren, fehlen noch wichtige Schritte. Aber ein sehr wichtiger ist mit der Schaffung der Wendenabteilung im Januar 1920 gemacht. Die spätere Mischung aus Antislawismus, Chauvinismus und konspirativer Kontrolle der Bevölkerung werden die Nazis „Volksgemeinschaft“ nennen und dafür bis 1945 auch die Wendenabteilung nutzen.

Peter Kroh, 1944 in Namslau (Schlesien) geboren, Enkel und Biograf des sorbischen Poeten, Journalisten und Minderheitenpolitikers Jan Skala, veröffentlichte 2014 das Buch „Minderheitenrecht ist Menschenrecht. Sorbische Denkanstöße zur politischen Kultur in Deutschland und Europa“.

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