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Die Lausitzer Slawen, Teil 5: Professoren, Propaganda und Rassenwahn

Wie Politik und Wissenschaft die Unterdrückung der Sorben und anderer slawischer Völker ideologisch vorbereiteten – und warum das bis heute nachwirkt.

Peter Kroh
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14 Min
Auch Slawen galten den Nationalsozialisten als Untermenschen.

Auch Slawen galten den Nationalsozialisten als Untermenschen.

© UIG/Imago

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Vorwort

Seit Jahrhunderten lebt ein kleines slawisches Volk unter, neben und mit den Deutschen. Es unterscheidet sich bis heute von den Deutschen durch eine eigene Sprache, eigene Sitten, Bräuche und Traditionen sowie eine eigene Hymne und Fahne.

Vor allem die Industrialisierung sowie juristische und politische Restriktionen bewirkten, dass die slawische Mehrheitsbevölkerung in ihrem Siedlungsgebiet im Verlaufe der Zeiten zu einer ethnischen Minderheit wurde.

Mit allen deutschen „Obrigkeiten“ gab es mal mehr, mal weniger heftige Differenzen. Dabei passte sich das Verhalten vieler Lausitzer Slawen an die Verhältnisse an, ohne dass sie ihre slawische Identität vollständig aufgaben. Andererseits gab es stets Gruppen und Persönlichkeiten, die sich dafür engagierten, über die eigenen Angelegenheiten, Rechte und Interessen selbst bestimmen zu können.

Wesentliche Momente dieses Ringens aus den letzten knapp 200 Jahren sollen hier nachgezeichnet werden.

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In den unterschiedlichen Formen der Diskriminierung und Unterdrückung der Lausitzer Slawen durch die offizielle deutsche Politik vom Kaiserreich bis ins sogenannte Dritte Reich ist das Muster von der Überlegenheit der Deutschen (wahlweise: der Germanen, der Arier) zu erkennen. Die angestrebte Germanisierung slawischer Völker war ein innen- und außenpolitisches Ziel, das ideologisch und quasiwissenschaftlich gestützt und propagiert wurde. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien ein paar konzeptionell bedeutsame, nur knapp kommentierte Standpunkte chronologisch zitiert.

„Außerdem haben die Deutschen als Träger höherer Cultur auch ein höheres Recht auf Ausbreitung.“ (P. de Lagarde: Die nächsten Pflichten deutscher Politik, Nachwort zur Gesamtausgabe „Deutsche Schriften“, Göttingen 1886, S. 98 f.)

Um „eine erfolgreiche Germanisierung […] zu erreichen, müßten selbstverständlich die Grundsätze der nationalen Gleichberechtigung und manche Anschauungen des bisherigen öffentlichen und privaten Rechts fallen gelassen werden.“ (Aus der 1895 anonym erschienenen Schrift des Vorsitzenden des „Alldeutschen Verbandes“, Prof. Dr. Ernst Haase: „Großdeutschland und Mitteleuropa um das Jahr 1950“, S. 107–121)

Unter dem Pseudonym „Daniel Frymann“ bewertete der Anwalt Heinrich Claß alles „Rassenfremde“ sowie die im Reich lebenden „Nichtdeutschen“ als unerwünscht und forderte deren „Entfernung“ aus dem Reich. (Daniel Frymann: „Wenn ich der Kaiser wär. Politische Wahrheiten und Notwendigkeiten“, Leipzig 1912, S. 92)

„Die Behauptung eines germanisch-slavischen Gegensatzes sei mehr als eine Redensart, sie sei eine Tatsache von weittragendster politischer Bedeutung, die im Gegensatz der Volksanlagen begründet sei, die wiederum ihre Ursache in Rassen-Unterschieden hätten.“ (Aus dem Bericht über „Die politische Lage“ von Rechtsanwalt Claß auf der Münchener Vorstandssitzung des Alldeutschen Verbandes; in: „Alldeutsche Blätter“, 1913, S. 197)

Forderung der Zwangsaussiedlung nach Süddeutschland

Ende August 1914, der Krieg hatte gerade begonnen, trafen sich leitende Funktionäre des „Alldeutschen Verbandes“, um über die damit verfolgten Ziele zu beraten. Der Vorsitzende Claß formulierte prägnant: „Wenn dieser Krieg von uns nicht dazu verwandt wird, uns endgültig zum Herrenvolke ‚herauszupauken’, den Herrenstandpunkt überall dort zur deutlichen Anwendung zu bringen, wo es nötig erscheint, dann wird’s wohl nimmer geschehen.“

Die „weiten Ebenen zwischen Elbe und Weichsel [waren] ursprünglich von germanischen Volksstämmen bewohnt und [...] erst im Laufe der Völkerwanderung [ist] hier das Slaventum eingedrungen“ [...] weswegen „die Deutschen die bodenständigen Bewohner der strittigen Landesteile und die Slaven die Usurpatoren [sind], deren spätere Vertreibung nur einem Gebot der Gerechtigkeit entsprechen würde“. (Prof. Dr. Laubert: Hier wird der Weltgeschichte kein Zwang angetan; in: „Der Oberschlesier“, 25. Dezember 1919)

Auf einem Forum der Reichszentrale für Heimatdienst, einer dem Auswärtigen Amt unterstellten Behörde, forderte Laubert (1877–1960) am 12. Februar 1927 in Weißwasser die Zwangsaussiedlung der Sorben nach Süddeutschland. Bei dem früher oder später sowieso ausbrechenden Krieg mit dem Osten (sic!) würden sie die Sicherheit des Reiches gefährden, weil sie eine Brücke zu den Feinden bilden würden. Die „Čechen und Polen (könnten) mit Hilfe der ‚Wenden‘ Schlesien vom Reich abwenden. Deshalb sei es zu begrüssen, dass die Zahl der ‚Wenden‘ immer mehr abnimmt, und dieser Vorgang sei mit allen Mitteln zu beschleunigen.“

Im Sprachgewand eines Faschisten

Noch einmal Laubert: Der „Ausbau des Kulturlebens unserer Fremdsprachigen“ bringe nur eines: „die absolute Sicherheit, daß wir uns eine Laus in den Pelz setzen und die ungeheure Gefahr einer künstlichen Wiederbelebung der Irredenta […] bei den Lausitzer Wenden. Nach dem Volkszählungsergebnis vom Juni 1925 (bietet) der rapide Rückgang der Fremdsprachigen [...] die Aussicht, binnen weniger Jahrzehnte das Problem im eigenen Haus auf friedlichem Weg auslöschen (sic) zu können.“

Sprache ist verräterisch, sie kennzeichnet die Art zu denken, zu werten. Zuerst wird gelogen: Niemand in der sorbischen nationalen Bewegung, keine sorbische Institution, keine sorbische Persönlichkeit strebte danach, alle Lausitzer Slawen in einem Nationalstaat zu vereinen. Irredentismus war eher erkennbar in der seit dem Ende des Ersten Weltkrieges betriebenen „Heim-ins-Reich-Politik“. Insofern betreibt Laubert 1927 eine nicht nur für die damalige Zeit typische Doppelmoral.

Dann redet Laubert chauvinistischen Klartext: Fremdsprachige Läuse im „teutschen“ Pelz gilt es – vorerst auf friedliche Weise – auszulöschen. Das ist nicht die Sprache eines Wissenschaftlers. Es ist, mitten in der Weimarer Demokratie, die inhumane, rassistische Sprache des kommenden Dritten Reiches. Ein Professor zeigt sich im Sprachgewand eines Faschisten. Besser: Ein antislawischer Rassist tritt in Maske und Habitus eines Gelehrten auf.

Im „deutschen Volk“ ist „die Kulturpflege im Sinne der Erhaltung, Herausbildung und Veredelung deutscher Eigenart zu fördern und dadurch die Vorbildlichkeit deutschen Wesens zu sichern.“ Der so „geschaffene Inhalt der deutschen Gesamtkultur ist planmäßig in den Dienst einer Verbreitung und Vertiefung des deutschen Kultureinflusses auf die nichtdeutschen Völker zu stellen.“ (Aus dem Bericht über die Berliner Schlußbesprechung des Deutschen Schutzbundes am 14. März 1928)

Stellers wirre Gedanken

Der in Breslau lehrende, als „Vater der Antislawentheorie“ bekannte Professor Walther Steller (1895–1971) behauptete 1935 in der Zeitschrift für Volkskunde, bei den Sorben finde sich nichts Slawisches, die nationalen und kulturellen Eigenheiten der Sorben seien Teil des deutschen Volkstums, die Sorben seien wendischsprechende Deutsche. Er erklärte seine Fantasien mit dem wirren Gedanken, die Wenden würden von den Vandalen abstammen, denn es gäbe ja eine unübersehbare „Ähnlichkeit der deutschen (sic!) Wörter ‚Wende‘ und ‚Vandale‘“.

Es charakterisiert Steller, dass er schon 1922/23 den Ausbau des Germanischen Seminars an der Breslauer Uni und dessen Aufwertung zum „Deutschen Institut“ plante, um damit der slawischen Bewegung entschiedener und wirksamer entgegentreten zu können. Seit April 1933 bestritt er seine Vorlesungen und Seminare grundsätzlich in SA-Uniform. Am 10. Mai 1933 hielt er in der Aula der Universität die „Flammenrede“ zur Vorbereitung der tags darauf stattfindenden Bücherverbrennung.

Im Herbst 1935 legte eine Arbeitstagung des Bundes Deutscher Osten (BDO) unter Leitung von Theodor Oberländer (1905–1998) „die besonderen grenzpolitischen und volkstums-politischen Aufgaben“ des Bundes in der Lausitz fest. Der Ausgangspunkt dafür lautete: „Nationale Zwischenschichten, wie sie in einigen östlichen Gebietsteilen bestehen, sind Rückstände aus einer Zeit ungefestigten Nationalbewußtseins.“ (Ostland, Heft 7/1936, S. 73. In diesem Zentralorgan des BDO veröffentlichten Steller und Laubert regelmäßig.)

In der Folge erhielten faschistische Frauen-, Jugend-, Sport-, Kultur-, Gesangs- und Wandervereine in der Lausitz besondere Förderung. Im Mittelpunkt stand die Schuljugend. Hier wurden aktive und im nationalsozialistischen Sinne besonders zuverlässige Lehrer eingesetzt, um den Einfluss der sich reorganisierenden Domowina abzufangen und einzudämmen. Sorbische Bräuche wurden als alte germanische ausgegeben, sorbische Texte wurden aus der Öffentlichkeit verbannt, sorbische Ortsnamen eingedeutscht. Systematisch tilgte der deutsche Faschismus alles, was den slawischen Charakter eines großen Teils der Bevölkerung Deutschlands in der Lausitz ausmachte. In der Öffentlichkeit sollte der Eindruck entstehen, es gäbe keine Sorben mehr, alle seien assimiliert, germanisiert und legten keinen Wert auf ihre eigene Kultur und Sprache.

Max Vasmer (1886–1962)

Max Vasmer (1886–1962)

© Narodowe Archiwum Cyfrowe

Professor Vasmer widersetzt sich

Professor Max Vasmer (1886–1962), eine der wenigen Persönlichkeiten, die sich in diesen Zeiten der Anpassung an den Nazi-Zeitgeist widersetzten, gründete 1924 eine deutsche „Zeitschrift für slavische Philologie“ und baute ab 1925 das Slavische Institut der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin auf. Unter seiner Leitung gab es ernsthafte, seriöse wissenschaftliche Arbeiten und erfolgreiche Promotionen zu den Slawen in Europa, ihren Sprachen und ihrer Kultur.

Weil diese Arbeiten in der Regel nicht den politischen Zielen der Nazis entsprachen, schufen sie schon 1932 als eine Art „Gegenpol“ die sogenannte „Publikationsstelle“ mit Sitz in Berlin-Dahlem, geleitet von Albert Brackmann (1871–1952). Sie fungierte als „Zentralstelle für die wissenschaftliche Beratung“ des Nazi-Regimes.

Einen Antrag aus der Gruppe um Vasmer zur Gewährung eines Forschungsstipendiums für sprachtheoretische Studien zum Sorbischen lehnte die Publikationsstelle am 21. August 1937 mit der Begründung ab: „Es ist unerwünscht, überhaupt Arbeiten über die wendische Sprache von deutscher Seite aus zu veröffentlichen, damit die wendische Sprache möglichst unbeachtet bleibt und ihr Rückgang nicht durch eine verstärkte wissenschaftliche Bearbeitung derselben aufgehalten wird […] , denn „letzten Endes (würde) […] einem völkischen Erstarken des Wendentums ungewollt Vorschub geleistet“. Brackmann selbst arbeitete 1939 an einer Denkschrift zur „Eindeutschung Posens und Westpreußens“. Darin forderte er die rasche Umsiedlung von rund drei Millionen Polen und Juden.

Den Tiefpunkt der sorbenfeindlichen Politik in Nazi-Deutschland markiert Heinrich Himmler (1900–1945). Er war einer der Hauptverantwortlichen für die angestrebte Vernichtung der Juden und Slawen. Er wurde 1929 von Hitler an die Spitze der damals noch der SA (Sturmabteilung) unterstellten SS (Schutzstaffel) berufen. 1939 wurde er zum Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums ernannt.

In dieser Eigenschaft notierte er am 28. Mai 1940 als „Geheime Reichssache“ ein Gespräch mit Hitler. Die Notiz lautet: „Am Sonnabend, den 25. d. Mts., gab ich dem Führer meine Niederschrift über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten. Der Führer las die 6 Seiten durch und fand sie sehr gut und richtig. Er gab jedoch die Anweisung, daß sie nur in ganz wenigen Exemplaren vorhanden sein dürfe, nicht vervielfältigt werden dürfe und ganz geheim zu behandeln sei. [...] Der Führer wollte, daß ich Generalgouverneur Frank noch einmal nach Berlin bäte, um ihm diese Niederschrift zu zeigen und ihm zu sagen, daß der Führer das für richtig halte.“

Himmlers bösartige Denkschrift

In dieser konzeptionellen Denkschrift heißt es u.a.: Wir „(haben) nicht nur das grösste Interesse daran, die Bevölkerung des Ostens nicht zu einen, sondern im Gegenteil in möglichst viele Teile und Splitter zu zergliedern. [...] Aus dem „ganzen Völkerbrei des Generalgouvernements […] und der Ostprovinzen“ sind „durch rassische Siebung […] die rassisch Wertvollen aus diesem Brei herauszufischen, nach Deutschland zu tun, um sie dort zu assimilieren.“ […] „Den Begriff der Juden hoffe ich durch die Möglichkeit einer großen Auswanderung sämtlicher Juden nach Afrika oder sonst in eine Kolonie völlig auslöschen zu sehen.“ […] „Eine grundsätzliche Frage bei der Lösung aller dieser Probleme ist die Schulfrage und damit die Sichtung und Siebung der Jugend. Für die nichtdeutsche Bevölkerung des Ostens darf es keine höhere Schule geben als die vierklassige Volksschule. Das Ziel dieser Volksschule hat lediglich zu sein: Einfaches Rechnen bis höchstens 500, Schreiben des Namens, eine Lehre, dass es ein göttliches Gebot ist, den Deutschen gehorsam zu sein und ehrlich, fleissig und brav zu sein. Lesen halte ich nicht für erforderlich. Ausser dieser Schule darf es im Osten überhaupt keine Schulen geben. Eltern, die ihren Kindern von vornherein eine bessere Schulbildung […] vermitteln wollen, müssen dazu einen Antrag bei den Höheren SS- und Polizeiführern stellen. Der Antrag wird in erster Linie danach entschieden, ob das Kind rassisch tadellos und unseren Bedingungen entsprechend ist. Erkennen wir ein solches Kind als unser Blut an, so wird den Eltern eröffnet, dass das Kind auf eine Schule nach Deutschland kommt und für Dauer in Deutschland bleibt.“ […] Damit „(erlischt) die Gefahr, dass das Untermenschenvolk des Ostens durch solche Menschen guten Blutes eine für uns gefährliche, da ebenbürtige Führerschicht erhält“ [...] „Die Bevölkerung des Generalgouvernements setzt sich dann zwangsläufig nach einer konsequenten Durchführung dieser Massnahmen im Laufe der nächsten 10 Jahre aus einer verbleibenden minderwertigen Bevölkerung, die noch durch abgeschobene Bevölkerung der Ostprovinzen sowie all der Teile des deutschen Reiches, die dieselbe rassische und menschliche Art haben (z.B. der Sorben und Wenden), zusammen. Diese Bevölkerung wird als führerloses Arbeitsvolk zu Verfügung stehen und Deutschland jährlich Wanderarbeiter und Arbeiter für besondere Arbeitsvorkommen (Strassen, Steinbrüche, Bauten) stellen; sie wird selbst dabei mehr zu essen und zu leben haben als unter der polnischen Herrschaft und bei eigener Kulturlosigkeit unter der strengen, konsequenten und gerechten Leitung des deutschen Volkes berufen sein, an dessen ewigen Kulturtaten und Bauwerken mitzuarbeiten und diese, was die Menge der groben Arbeit anlangt, vielleicht erst ermöglichen.“ Der Ausgang des Krieges verhinderte erfreulicherweise die faktische Umsetzung dieser Konzeption.

Unübersehbar wird: Sorbenfeindliche Rasssisten aller Coleur waren und sind nationalistische „Reinheitsfanatiker“. Sie tun so, als wollten sie Deutschland in ein Land verwandeln, in dem „deutsche Milch“ und „arischer Honig“ für die „reinrassigen Herrenmenschen“ fließen.

Der Philosoph Karl Jaspers (1883–1969) sagte zum Nazi-Reich: „Der entscheidende Punkt ist, ob man anerkennt, der Nazistaat war ein Verbrecherstaat, nicht ein Staat, der auch Verbrechen begeht. Ein Verbrecherstaat ist ein solcher, der im Prinzip keine Rechtsordnung stiftet und anerkennt. […] Sein Prinzip bezeugt er durch Ausrottung von Völkern, die gemäß seiner Entscheidung keine Daseinsberechtigung auf der Erde haben sollen […] Den Verbrecherstaat als Verbrecherstaat klar vor Augen zu haben, ist die Voraussetzung jeder weiteren Argumentation […] Der uneingeschränkte Wille zum Abbruch der Kontinuität zu dem Verbrecherstaat, die Erkenntnis und der Wille zur Neugründung, das alles ist die Voraussetzung für uns, wenn wir eine Zukunft haben.“

Der Schlimmste von allen: Heinrich Himmler spricht in einer Aula zu Mädchen, die in der Hitlerjugend organisiert waren.

Der Schlimmste von allen: Heinrich Himmler spricht in einer Aula zu Mädchen, die in der Hitlerjugend organisiert waren.

© World History Archive/Imago

Gestützt von Jaspers: ein großes ABER

Manchmal denke ich, man könnte Claß, Laubert, Steller, Oberländer, Himmler & Co. einfach vergessen und dem Orkus der Geschichte, dem Ort des endgültigen Verschwindens, überantworten. Denn alles, was sie und so mancher andere an rassistischen Gedanken und Praktiken hervorbrachten, führte Juden und Slawen, aber auch Deutsche nur ins Verderben.

Zugleich meldet sich, gestützt auf Jaspers, in meinem Hirn ein großes ABER. Laubert arbeitete nach dem Krieg an der Universität Göttingen. Zu seinem 75. Geburtstag veröffentlichte die Uni eine Festschrift. Darin wird sein „Bekenntnis zur Unzerstörbarkeit des Rechts auf die Heimat und des Vertrauens in die Lebenskraft des stammestümlichen Erbes“ hervorgehoben, was besonders wichtig ist, „da die deutschen Ostgrenzen zusammengebrochen [...] sind“. Gelobt wird, dass er „sich mit der Waffe und der Feder gegen das entstehende Unrecht zur Wehr“ setzte und die „wissenschaftliche Begründung des deutschen Standpunktes seine eigentliche Lebensaufgabe (wurde)“.

Steller hielt vom Sommer 1947 bis zum Winter 1961/62 am Germanistischen Seminar der Kieler Universität Vorlesungen zur Volkskunde. Als Bundeskulturwart der Landsmannschaft Schlesien innerhalb des Bundes der Vertriebenen veröffentlichte er 1959 eine Arbeit unter dem Titel „Name und Begriff der Wenden (Sclavi). Eine wortgeschichtliche Untersuchung.“ Darin griff er die im deutschen Faschismus populäre sogenannte „Urgermanentheorie“ auf. Die besagt, entlang der Ostseeküste, in Pommern, an Elbe, Oder und Weichsel hätten schon immer Germanen gesiedelt; sie seien im 7./8. Jahrhundert von Slawen unterworfen worden, hätten ihre nationale Eigenständigkeit als hörige Ackerbauern bewahren, nach Zuwanderung neuer germanischer Stämme aus westelbischen Landesteilen im 12./13. Jahrhundert ihre freie Lebensgestaltung zurückgewinnen und dem Deutschtum in diesen Gebieten wieder Achtung verschaffen können. Diese längst widerlegte Anschauung wollte er weiterentwickeln, indem er jegliche Zuwanderung von Slawen leugnete. Damit wollte er direkt in die aus seiner Sicht offene Frage der deutschen Ostgrenze eingreifen. Wissenschaftler, die anderer Meinung waren, warf er vor, den Verlust der deutschen Ostgebiete verschuldet zu haben.

Einer von denen analysierte mit „wachsender Bestürzung den haarsträubenden Dilettantismus des Verfassers“ und stellte fest, dass wir „es hier mit einem typischen Erzeugnis nationalsozialistischer Pseudowissenschaft zu tun haben. Die bornierte Überbewertung des Germanentums gegenüber dem Slawentum [...], der immer wieder im Buche herumspukende Rassismus und die primitive, vorwissenschaftliche Gleichsetzung von nordischer Rasse und Germanentum sind deutliche Kennzeichen“. […] Das „groteske und gleichzeitig erschütternde Produkt einer von politischen Tendenzen geleiteten akademischen Halbbildung verdient vielleicht nur in einem Punkte ernst genommen zu werden: in seiner Bedeutung als Symptom.“

Als 82-jähriger Sorbe, der in der DDR erwachsen wurde und knapp die zweite Lebenshälfte Bürger der BRD ist, frage ich mich: Symptom wofür?

Peter Kroh, 1944 in Namslau (Schlesien) geboren, Enkel und Biograf des sorbischen Poeten, Journalisten und Minderheitenpolitikers Jan Skala, veröffentlichte 2014 das Buch „Minderheitenrecht ist Menschenrecht. Sorbische Denkanstöße zur politischen Kultur in Deutschland und Europa“.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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