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Mit gerade acht Jahren war ich mitten in Berlin allein unterwegs, in der großen sozialistischen Hauptstadt, die für neun Tage und Sommernächte der hitzige Nabel der Welt war. Ging, hüpfte, lief unbeschwert durch sie hindurch wie durch mein winziges Kinderzimmer im Elternhaus, das allein mir gehörte.
An der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz trafen sich bunte Menschenmassen aus aller Herren Länder, ich sammelte mit Leidenschaft und Stolz die Unterschriften von wildfremden Leuten auf meinem Halstuch. Auf den Straßen und in den Parks wurde laut gesungen, es wurde getanzt, geküsst und geliebt – in der Reihenfolge, wie es damals üblich war.
„Jugend aller Nationen, uns vereint gleicher Sinn, gleicher Mut. Wo auch immer wir wohnen, unser Glück auf dem Frieden beruht. In den düsteren Jahren haben wir es erfahren: Arm ward das Leben. Wir aber geben Hoffnung der müden Welt.“ Gemeinsam sangen wir in der Schule dieses Lied und andere über die Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer.
Das Ende des Zweiten Weltkriegs war nun schon fast dreißig Jahre bittere Vergangenheit, trotzdem legte sich unsere Nachbarin, Frau Boxhorn – eine kleine Frau in Kittelschürze, sonntags ein Kissen auf ihr Küchenfensterbrett, um es sich dort bequem zu machen –, damit sie den lieben langen Tag auf die Straße und den Gehweg schauen konnte, ob er nicht doch noch nach Hause kommt, der Alfred.
Die düsteren Kriegsschrecken flimmerten in meiner Kindheit in Schwarz-Weiß, später in Farbe auf dem RFT Staßfurt, dem kastenförmigen Fernsehapparat der DDR, ins Wohnzimmer, und von dort in meinen kleinen Lockenkopf. Tag und Nacht fühlte ich sie, hatte immer diese diffuse kindliche Angst. Das Leiden und Sterben von Juden auf der einen, das von sowjetischen Soldaten auf der anderen Seite verfolgten mich in meinen Träumen. Wenn es noch einmal anfängt, werde ich in das kleine Wäldchen nahe bei unserem Haus fliehen und mich dort verstecken.
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Hoffentlich reicht der kleine Mut bis ganz nach oben
Meine Oma Hilde wohnte im heutigen Nobelkiez Prenzlauer Berg, auf der Hufelandstraße, zwischen Greifswalder Straße und Bötzowstraße – für einen Achtjährigen aus Karl-Marx-Stadt, schlicht irgendwo in Berlin. Den Weg dorthin bekam ich als Kind zu jener Zeit nur einmal kurz und knapp erklärt, also höre gefälligst gut zu: Ostbahnhof, kommste an. Da steigste aus, da gehste runter zum Bus und steigst ein, da gehste durch'n Park, dann kommste links an det große Kino vorbei, dann weiter bis zum Eisladen, danach geradeaus bis zur nächsten Kreuzung, am Spielzeugladen nicht stehenbleiben, sondern weiter bis anne Ecke der Jemüseladen kommt, da jehste rein und nach fuffzig Meter offe rechte Seite, grüne Tür, Eingang Nr. 25. Nicht vergessen. Ja, Vati. Alles klar. Habe ich mir gemerkt: Hufelandstraße 23. Das war schon so in Ordnung damals.
Die Tür zum zweiten Hinterhof war Gott sei Dank fast immer offen, noch mal hätte ich nicht so viel Kraft aufbringen können wie vorn an der Straße. Das Treppenlicht war immer defekt im Durchgang, bloß schnell hier durch und dann vier Treppen aufwärts hetzen, nur jede zweite Stufe nehmen. Hoffentlich reicht der kleine Mut bis ganz nach oben.
Wenn man erst acht Jahre alt ist, muss man sich alles einteilen, seine Kraft und besonders die Zeit. Man hat gerade erst verstanden, dass sie existiert und man selbst offenbar darin. In den Sommerferien schleppte ich blecheimerweise Kohlen hoch und stapelte sie in der Außentoilette, genau an dem Platz, den Oma mir gezeigt hatte. Wenn ich schon nicht mehr konnte, rannte ich wieder in den Keller. Am Abend gab es zuerst einen Apfel, danach drei Tafeln Vollmilchschokolade mit Haselnüssen, Moskauer Eis und Westfernsehen bis zum Sendeschluss – Columbo zwinkerte mich in den Schlaf, später der erste heimliche Zigarettenzug auf dem Dachboden.
Hoffentlich reicht der Mut bis ganz nach oben ...
© Thomas Imo/photothek.net/Imago
Der Moment ist vor dem nächsten Atemzug Geschichte
Wenn ich mir heute Fotos aus meinem früheren Leben ansehe oder alte Dinge berühre, dann legen sie etwas von dem frei, was die Zeit bereits verschüttet hat und in mir schon zu einer verblassenden Erinnerung geworden ist – was hier war, wer dort lebte, wo das Land gewesen ist – in dem ich geboren und aufgewachsen bin, wohin der Weg entlang eines Baches führte, warum man mit seiner ersten Liebe regungslos in der Dunkelheit stand, auf einer Wiese lag, sich mit einem Grashalm gegenseitig kitzelte und traumverloren in den wolkenlosen Himmel blickte.
Jedes weitere Jahr, immer dann, wenn die Uhren vor- oder zurückgestellt werden, frage ich mich nicht, ob sie nun vor- oder zurückgestellt werden, ich frage mich, ob man sich eines Tages auch selber ausgraben könnte, um seiner eigenen Geschichte wieder habhaft zu werden, selbst zu urteilen über Wunden, die ich schlug und die geschlagen wurden.
Sich selbst verschütten, schafft eine Zukunft, die bereits Vergangenheit enthält. Der Raum existiert. Dann wird er begraben, mit allem, was uns heilig ist. Dann werden die Überreste wieder hervorgeholt. Der Moment ist schon Geschichte vorm nächsten Atemzug. Was wird hier gewesen sein, ist keine Metapher. Räume, die wir wieder ausgraben, sind nicht dieselben, wir darin andere. Ausgrabung ist nicht Wiederherstellung, es ist Entdeckung. Eine Geste der Demut gegenüber der Zeit, die vergeht und wieder auftaucht. Verschwinden und Wiedergeburt als Gesamtkunstwerk.
Also. Jetzt gib mir deine Hand, kleiner Mann, und ich grabe dich. Spürst du schon was? Ist das echt oder das, was danach kommt? Bin das noch ich oder ist das schon mein Profil. Du kennst dein Profil nicht? Du hattest keines. Du warst einfach da – in einer großen Stadt, auf einer langen Straße, unter dem Weltjugendlied, das die ganze Welt meinte und die Welt der Jugend und Studenten meinte es ebenso. Wo auch immer wir wohnen, unser Glück auf dem Frieden beruht – der gehalten hat mein Leben lang und jetzt brüchig geworden ist. Die Garantie scheint mittlerweile abgelaufen, der letzte Akkord bereits verklungen, das Finale verhallt. „Freund, reih dich ein, das vom Grauen wir die Welt befreien. Unser Lied die Ozeane überfliegt, Freundschaft siegt, Freundschaft siegt.“ Auch der nächste Krieg ist kein Langstreckenläufer, lautlos schleicht er sich millimeterweise zurück in mein limbisches System.
Wo kommen wir denn da hin? Wohl dem, der einen DDR-Marschkompass hat
Der Smartring weiß Bescheid
Das Gesundheitsprofil von meinem Smartring weiß, dass ich auch diese Nacht ab 2:17 Uhr nicht mehr schlafen kann. Lange bevor ich zu Bett gegangen sein werde, wusste es schon Bescheid. In tausend und aber tausend kalten Nächten hatte es von meinem Vorhofflimmern gelernt. Zeit, die Laken zu wechseln. Weshalb das Zögern. Sieh. Mich. An. Eye Tracking Control. So ist fein, so ist brav – da bist du ja.
Kurz tief einatmen und halten, halten, halten und ausatmen. Schlaf weiter. Du heißt nicht wirklich Helmut, oder? Bitte verurteile mich nicht, ich scroll ja schon weiter. Du willst es doch auch. Du scrollst schon lange nicht mehr. Ich scrolle dich. Du entscheidest, du wählst. Lächerlich. Ich wähle, was du siehst. War da was. Ich gebe dir den Unterschied, du gibst mir ein Ergebnis.
Nach der Entbindung geben Eltern ihren Kindern schon lange keine Namen mehr. Sie geben ihnen eine Mailadresse. So, wir sind quitt, heißt es dann im Kreißsaal. Ich habe dir etwas gegeben, das sich wie Gemeinschaft anfühlt. Mach mit deinem Leben, was du willst. Glauben, wählen, scrollen und von vorn. Kein Unterschied mehr zwischen dem und dir.
Aus Vergissmeinnicht wurde: Ich vergesse nichts. Nicht den Podcast, den du angeklickt und nicht zu Ende gehört hast. Nicht den Warenkorb, den du dir angesehen hast, wie einen Klumpen Gold aus dem 19. Jahrhundert. Wenn du richtig traurig bist, machst du Proteinfasten und gehst mit deinem sensiblen Mischlingsrüden heute zweimal um den See. Ich erinnere den Moment, in dem du kurz gezögert hast. Das liebe ich besonders, dein Zögern. Das triggert mich hart.
Etwas muss eingestürzt sein, die Wände. Schweißgebadet schrecke ich aus dem kurzen Schlaf. Nur ein Alb, natürlich grab' ich mich nicht aus. Auf meiner Zunge der Staub vergangener Tage, was ist das. Summe mich leise zurück in den Traum. „Brüderliche Gedanken, überwinden die Schranken, reicht euch die Hände, nun sich vollende, Glück der Gemeinsamkeit.“ Die Mauer ist nicht auf mich gefallen, sie ist in mich hineingestürzt.
Volker Metzler, Jahrgang 1965, geboren in Karl-Marx-Stadt. Schauspielstudium an der Theaterhochschule Hans Otto in Leipzig, 35 Jahre Theater u.a. Staatsschauspiel Dresden, Volkstheater Rostock, Junges Staatstheater Berlin als Regisseur, Schauspieldirektor und Theaterleiter. Gründer und Autor der Kolumnenserie Polemika – unsachlich & persönlich.
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