Erfunden

„Die Ostidentität wurde erfunden“: Warum Linda Teutebergs Satz vor allem über den Westen etwas verrät

Linda Teuteberg will keine Ostidentität sehen. Nun soll sie Brandenburgs SED-Beauftragte werden. Über ein Amt, eine These und einen bequemen Irrtum.

7 Min
Linda Teuteberg (FDP) soll SED-Aufarbeitungsbeauftragte werden – und nennt die Ostidentität „erfunden“.

Linda Teuteberg (FDP) soll SED-Aufarbeitungsbeauftragte werden – und nennt die Ostidentität „erfunden“.

© IMAGO/dts Nachrichtenagentur

Wenn Politiker das Volk beurteilen, sagt das in der Regel mehr über die Politiker aus als über den Adressaten. „Die Ostidentität wurde nachträglich erfunden“, sagte die Politikerin der FDP, Linda Teuteberg, im August der dpa, kurz vor dem Jahrestag des Mauerbaus.

Vier Wochen später schlägt die scheidende Brandenburger Aufarbeitungsbeauftragte Maria Nooke ausgerechnet Teuteberg als ihre Nachfolgerin vor. SPD und CDU haben bereits Zustimmung signalisiert.

Man muss gedanklich einen Schritt zurückgehen, um die Pointe zu erkennen: Eine Politikerin erklärt eine kollektive Identität für eine Erfindung – und übernimmt dann jenes Amt, dessen Existenzberechtigung genau darauf beruht, dass es in Ostdeutschland eine besondere Erfahrung, eine besondere Prägung, eine besondere Geschichte gibt.

Wenn der Osten nur ein Konstrukt ist, warum benötigt Brandenburg dann eine Beauftragte für seine Aufarbeitung?

Ich komme darauf zurück.

Teuteberg hat halb recht. Und das ist das Problem

Beginnen wir fair. Teutebergs These ist nicht aus der Luft gegriffen, sie ist der schlecht zitierte, weil wahrscheinlich nur rudimentär erfasste Rest einer echten Debatte.

Detlef Pollack und Gert Pickel wiesen bereits 1998 nach, dass die Ostdeutschen 1990 Freiheit vor Gleichheit stellten, leistungsabhängige Ungleichheit sogar stärker akzeptierten als die Westdeutschen und den demokratischen Grundprinzipien exakt so zustimmten wie ihre neuen Landsleute.

Erst danach kippte es. Ihre Schlussfolgerung: Die Sozialisationshypothese – die Ostdeutschen seien vom Sozialismus mental verformt – „steht auf schwachen Füßen“. Was sich herausbildete, war eine „Abgrenzungsidentität“, gespeist aus zwei Quellen: ökonomischer Schlechterstellung und, so Pollack und Pickel wörtlich, „der Verletzung des merkwürdigerweise auch bei Ostdeutschen vorhandenen Gefühls der eigenen Würde und des Stolzes“.

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Trabant beim 31. Internationalen Trabant-Treffen zu sehen. Zum Treffen sind in diesem Jahr über 1.400 Fans der DDR-Automarke mit rund 600 Trabis nach Anklam gekommen.

Trabant beim 31. Internationalen Trabant-Treffen zu sehen. Zum Treffen sind in diesem Jahr über 1.400 Fans der DDR-Automarke mit rund 600 Trabis nach Anklam gekommen.

© Stefan Sauer

Der Satz wurde 1998 geschrieben und beschreibt 2026 immer noch die Debattenlage.

Also ja: Das dominante Narrativ einer Ostidentität ist nachträglich entstanden. Nur folgt daraus das genaue Gegenteil dessen, was Teuteberg suggeriert. Wenn eine Identität nicht aus 40 Jahren DDR stammt, sondern aus 35 Jahren Vereinigung, dann ist sie kein Erbe der SED, sondern ein Produkt der Bundesrepublik. Kein Mitbringsel, sondern eine Rechnung.

Konstruiert ist alles. Auch der Westen. Nur merkt er es nicht

„Konstruiert“ ist in der Soziologie kein Vorwurf, sondern eine Feststellung über so ziemlich jede Gruppenzugehörigkeit. Naika Foroutan, Mara Simon und Sabrina Zajak haben 2023 vorgerechnet, wie beweglich das Ganze ist: Je nachdem, ob man Wohnort, Geburtsort, Elternherkunft oder Selbstbezeichnung zugrunde legt, sind zwischen 16,7 und 26,1 Prozent der Bundesbürger ostdeutsch. Wer von Berlin-Charlottenburg nach Pankow zieht, wird statistisch über Nacht zum Ossi. Angela Merkel dagegen fällt beim Geburtsortprinzip raus.

Der interessanteste Befund der Studie ist aber ein anderer. Von den Menschen mit „Osthintergrund“ bezeichnen sich 21,6 Prozent eher als ostdeutsch denn als deutsch. Bei den Menschen ohne Osthintergrund nennen sich nur rund elf Prozent „westdeutsch“. Die Autorinnen ziehen den nüchternen Schluss: „Eine Westidentität ist insofern keine vergleichbar relevante Kategorie.“

Genau das ist der Punkt, den man in der Debatte selten hört. Der Westen hat keine Identität – weil er die Norm ist. Wer die Norm stellt, muss sich nicht benennen. Er wird einfach „deutsch“ genannt.

Und deshalb wirkt es auf westdeutsche Ohren immer ein wenig sektiererisch, wenn sich jemand ostdeutsch nennt: Es klingt nach Partikularinteresse, nach Selbstethnisierung, nach Jammern.

Die Autorinnen des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) warnen ausdrücklich davor, „die neuen Sozio-Ostdeutschen“ reflexartig mit dem Verdacht zu konfrontieren, sie verfolgten Partikularinteressen oder verharmlosten Rechtsextremismus.

Sie ahnen, worauf das hinausläuft.

Die Ämter, die dem Westen gehören – auch wenn Ostdeutsche sie führen

Und hier wird es unangenehm, weil hier eine Struktur sichtbar wird, die von der Herkunft der jeweiligen Amtsinhaber unabhängig ist.

Zwei Ämter haben in den vergangenen Jahren zweifelhaften Ruhm erworben: das des Ostbeauftragten und das des SED-Beauftragten beziehungsweise Aufarbeitungsbeauftragten. Beide sind dem Ursprungsgedanken nach Anwaltschaftsämter. Beide haben sich in der öffentlichen Wahrnehmung in etwas anderes verwandelt: in Kanzeln politischer Predigten.

Von dort wird dem Osten erklärt, was mit ihm nicht stimmt – von Menschen, die häufig selbst aus dem Osten stammen und gerade deshalb als unangreifbar gelten. Der Kronzeuge ist die stärkste Figur im Ensemble.

Die These, die man hier vertreten kann und die man aushalten muss: Diese Ämter dienen längst nicht mehr primär der ostdeutschen Selbstverständigung. Sie dienen einer westdeutschen Identitätsarbeit – nämlich der Vergewisserung der eigenen moralischen Position gegenüber jenem Bevölkerungsteil, dem man das Demokratielernen weiterhin nicht zutraut.

Der Aufarbeitungsdiskurs ist zu einem Instrument geworden, mit dem sich die eine Hälfte des Landes ihre Überlegenheit über die andere bestätigt. Den eigenen Anteil an der Nachwendegeschichte muss man kaum thematisieren, geschweige denn moralisch rechtfertigen. Sonst dürften Vertreter der Treuhand sich heute nicht mehr auf die Straße trauen.

Und weil das so ist, war die Ostidentität immer dann willkommen, wenn sie dem Westen nützlich war. Als Erklärung für Wahlergebnisse. Als Diagnose. Als Herkunftsbeweis für Personal, das man in Ämter setzen konnte – nach einer Logik, die man in den Neunzigern noch offen aussprach: Wer im Westen nichts wurde, konnte im Osten immer noch etwas werden. Die Prägung war brauchbar, solange sie als Defizit gelesen werden konnte. Sobald sie als Anspruch auftritt – Ostquote, Repräsentationslücke, Elitenzugang –, ist sie plötzlich „nachträglich erfunden“.

Das Wahlalter 16, oder wie man Rechte wieder einsammelt

Es gibt ein Muster, und man erkennt es besser im Vergleich. Das Wahlrecht ab 16 wurde jahrelang vor allem von Grünen und Sozialdemokraten gefordert – mit dem Argument, junge Menschen müssten über ihre Zukunft mitentscheiden. Ein hervorragendes Argument, solange man annahm, dass junge Menschen ungefähr das wählen, was den Befürwortern der Absenkung des Wahlalters dient.

Seit sich zeigt, dass die Jüngeren sich zu erheblichem Teil der Neuen Rechten zuwenden, ist die Begeisterung erkennbar abgekühlt. Plötzlich diskutiert man Reife, Beeinflussbarkeit, TikTok. Das Recht war nie das Recht. Es war ein Instrument.

Genau dieselbe Mechanik läuft bei der Ostidentität. Sie wurde zugestanden, konstruiert und kultiviert, solange sie den eigenen Zielen diente – als Erklärungsressource, als Fördertopfbegründung, als Karriereweg. Sie wird in dem Moment bestritten, in dem sie Ansprüche formuliert und Pfründe berührt. Identitäten und politische Rechte, so scheint es, sind in diesem Land keine Fragen des Prinzips, sondern des Bedarfs.

Wer bewirtschaftet hier eigentlich was?

Teuteberg stellt die schärfste Frage ihres Interviews selbst: „Wer bewirtschaftet tatsächliche oder vermeintliche Unterschiede? Wessen politisches Geschäftsmodell ist die Teilung?“

Eine ausgezeichnete Frage. Nur endet die Antwort nicht bei Linken und AfD.

Denn zu bewirtschaften gibt es in der Tat etwas. Der Sachsen-Anhalt-Monitor 2025 misst: 62 Prozent der Menschen dort fühlen sich „als Ostdeutscher als Bürger zweiter Klasse“, die Hälfte davon in starkem Ausmaß. Nur 17 Prozent bewerten die wirtschaftliche Lage des Landes positiv. Und die Verbundenheit mit Ostdeutschland liegt exakt gleichauf mit der Verbundenheit zum eigenen Wohnort – bei 88 Prozent, dem höchsten je gemessenen Wert.

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