Wer im Winter zum Skifahren in die Schweiz fährt oder über den Gotthard nach Italien will, braucht womöglich bald viel Geduld. Die Schweiz bereitet Tempo 80 auf ihren Autobahnen vor, weil der Diesel knapp wird.
Zuerst hatte die Zeitung „Schweiz am Wochenende“ darüber berichtet. Die zuständige Behörde in Bern hat die Vorbereitungen bestätigt. Beschlossen ist noch nichts.
Tempo 80 in der Schweiz: Was geplant ist
Federführend ist das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL). Es soll sicherstellen, dass dem Land in Krisen weder Energie noch Lebensmittel ausgehen. Das Amt hat eine Vorlage für Tempo 80 innerhalb der Bundesverwaltung zur Stellungnahme verschickt.
Heute gilt auf Schweizer Autobahnen Tempo 120. Die Senkung müsste der Bundesrat anordnen, also die Schweizer Regierung. Laut BWL käme sie nur bei einer schweren Mangellage infrage, als zusätzliche Sparmaßnahme neben den Notreserven.
Warum der Diesel in der Schweiz knapp wird
Im Lagebericht vom 21. Oktober nennt das BWL die Diesel-Versorgung „sehr angespannt“. Beim Kerosin für Flugzeuge sieht die Behörde sie sogar als gefährdet an.
Das größte Problem ist der Rhein. Tankschiffe bringen Sprit normalerweise von Rotterdam bis Basel. Wegen des Niedrigwassers fahren sie derzeit nur halb beladen oder gar nicht. Laut BWL kommen Störungen im Bahnverkehr und geringere Pipeline-Lieferungen in Europa hinzu.
Im September fiel außerdem die einzige Schweizer Raffinerie in Cressier wegen eines Defekts aus. Der ADAC verweist zudem auf den Konflikt zwischen den USA und Iran, der Öl in ganz Europa verteuert.
Schweiz zapft ihre Diesel-Notreserven an
Für solche Fälle hat die Schweiz vorgesorgt. Wer Treibstoff ins Land importiert, muss per Gesetz Vorräte anlegen. Diese sogenannten Pflichtlager sind der Notgroschen des Landes.
Noch bis zum 22. November dürfen bis zu 45 Millionen Liter Diesel daraus entnommen werden, knapp vier Prozent des Bestands. Auch beim Kerosin wurden Reserven freigegeben.
Billiger wird der Sprit dadurch nicht, denn auch die Reserven werden zu Marktpreisen verkauft. Bei Benzin und Heizöl ist die Versorgung laut BWL gesichert, aber ebenfalls angespannt.
Wann kommt Tempo 80?
Einen Termin gibt es nicht. Nach Angaben des Schweizer Fernsehens SRF wäre Tempo 80 erst dann eine Option, wenn die Pflichtlager zu einem erheblichen Teil aufgebraucht sind und freiwilliges Sparen nicht mehr reicht.
Ungeklärt ist, ob das ganze Autobahnnetz betroffen wäre und ob die Regel auch für Elektroautos gälte. Als allerletztes Mittel hat die Schweiz sogar eine Rationierung von Benzin und Diesel vorbereitet. Die hält das BWL aber für unwahrscheinlich.
Politisch ist Tempo 80 umstritten. Die Grünen fordern laut Nau.ch eine rasche Temposenkung. Der Automobil-Club der Schweiz wäre nicht glücklich darüber, will sich bei einer echten Notlage aber nicht querstellen.
So viel Sprit spart Tempo 80 – und so viel Zeit kostet es
Das BWL selbst hat die Ersparnis nicht beziffert. Laut Schweizer Medienberichten rechnet der Touring Club Schweiz mit 1 bis 1,2 Litern weniger auf 100 Kilometern.
Der Preis ist Zeit. Wer statt 120 nur 80 fährt, braucht rechnerisch rund 50 Prozent länger. Von Basel bis zur italienischen Grenze bei Chiasso wären das ohne Stau gut eine Stunde mehr.
Was deutsche Autofahrer jetzt wissen sollten
Wer in die Schweiz fährt, sollte in Deutschland volltanken. Nach ADAC-Angaben vom 27. Oktober kostet ein Liter Diesel in der Schweiz 2,66 Euro, so viel wie nirgendwo sonst in Europa. Super E10 liegt bei 2,34 Euro.
Auch beim Tempo versteht die Schweiz keinen Spaß. Schon 6 bis 10 km/h zu viel auf der Autobahn kosten 60 Franken, bei 16 bis 20 km/h sind es 180 Franken. Wer deutlich schneller ist, landet vor dem Strafrichter.
In Deutschland plant die Bundesregierung kein Krisen-Tempolimit. Sie setzt auf den Tankrabatt, der Benzin und Diesel seit dem 1. Oktober um bis zu rund 17 Cent pro Liter verbilligt. Am 31. Dezember läuft er aus. Wer im Januar tankt, zahlt dann allein durch die Steuer wieder bis zu 16,7 Cent mehr.
Ölkrise 1973: Autofreie Sonntage gab es schon einmal
Neu wäre so ein Eingriff in der Schweiz nicht. Während der Ölkrise in den 1970er-Jahren senkte das Land das Tempolimit und verbot an einigen Sonntagen das Autofahren.
Auch Westdeutschland erlebte damals autofreie Sonntage und monatelang Tempo 100 auf der Autobahn. Fünfzig Jahre später bereitet die Schweiz wieder einen solchen Eingriff vor. Die Zapfsäulen sind dort noch nicht leer, doch die Behörde rechnet offenbar ernsthaft damit, dass es eng werden kann.
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