Es sind Sätze, die man aus einer Sozialstudie nicht erwartet: Menschen haben in den Interviews geweint. Andere sagten, sie würden ihren Computer am liebsten aus dem Fenster werfen. Auslöser war kein Behördenstreit und kein abgelehnter Antrag – sondern der Versuch, sich bei zwei digitalen Angeboten des Staates anzumelden, die eigentlich das Leben erleichtern sollen: der digitalen Rentenübersicht und der elektronischen Patientenakte.
Das berichtet der Soziologe Felix Wilke von der Ernst-Abbe-Hochschule Jena, der die Zugänglichkeit beider Portale erstmals systematisch untersucht hat – gemeinsam mit seinem Kollegen Wesley Preßler. Und wie erging es ihm selbst bei der Anmeldung? „Schwer!“, sagte er dem MDR. Er habe dieselbe Odyssee durchlaufen wie der größte Teil der Bevölkerung.
Zehn Prozent bei der ePA, sechs bei der Rentenübersicht
Datenbasis der Untersuchung ist eine bevölkerungsrepräsentative Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Januar und Februar 2026 mit 1.077 Teilnehmenden, ergänzt um eine Zusatzstichprobe von 220 Nutzenden. Gefördert wurde das Projekt vom Fördernetzwerk Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung des Bundesarbeitsministeriums.
Die Kernzahlen: Nur zehn Prozent haben die elektronische Patientenakte (ePA) jemals genutzt, bei der digitalen Rentenübersicht (dRü) sind es sechs Prozent. Wilke hält die tatsächlichen Werte für noch niedriger – weil viele Befragte die Angebote verwechseln und etwa die App ihrer Krankenkasse für die Patientenakte halten.
Das Nadelöhr: die Registrierung
Bei der Patientenakte fehlt es nicht am Bekanntheitsgrad: 87 Prozent kennen sie. Doch nur 21 Prozent treten überhaupt in Kontakt mit ihr, und von diesen schafft es nicht einmal die Hälfte vom Anmeldeversuch zum funktionierenden Zugang. Die Studie beschreibt die Registrierung als kritischen Punkt, an dem ein erheblicher Teil der Versuche abbricht.
Bei der digitalen Rentenübersicht liegt das Problem früher: Hier ist die geringe Bekanntheit die zentrale Hürde. Viele steigen aus, bevor sie begonnen haben.
Diese drei Dinge brauchen Sie für die Rentenübersicht
Für den Zugang zur dRü sind nötig:
- Personalausweis mit aktivierter Online-Funktion und zugehöriger PIN
- ein NFC-fähiges Smartphone oder
- ein Kartenlesegerät sowie die Steuer-Identifikationsnummer
Für die ePA braucht es die App der eigenen Krankenkasse plus einen digitalen Identitätsnachweis – Gesundheitskarte mit PIN oder ebenfalls die Online-Ausweisfunktion.
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Als häufigste Abbruchgründe nennt die Studie einen zu komplexen, zu langwierigen, frustrierenden Anmeldeprozess sowie fehlende Voraussetzungen wie PIN oder freigeschalteten E-Ausweis. Wilke betont: Die Barrieren beginnen vor dem ersten Klick. Ohne Smartphone, PC, aktuelles Betriebssystem oder Internetzugang bleiben beide Portale verschlossen.
Digitaler Graben: Wer systematisch draußen bleibt
Der Zugang ist sozial höchst ungleich verteilt. Die Studie spricht von einem ausgeprägt selektiven Prozess, der bestehende Ungleichheiten reproduziert:
Daten zu den Zugängen
- 27 Prozent der Befragten mit hohem Bildungsabschluss haben eine ePA-Anmeldung versucht – bei niedrigeren Abschlüssen nur 17 Prozent.
- Nur fünf Prozent der Menschen mit Hauptschulabschluss nutzen die Angebote, bei Hochschulabsolventen 14 Prozent.
- Pro 1.000 Euro mehr verfügbarem Einkommen steigt die Chance einer erfolgreichen Nutzung um 20–30 Prozent.
Betroffen sind laut Wilke vor allem Menschen mit geringer Bildung, niedrigem Einkommen und Migrationshintergrund. Und Ältere: Bei ihnen trifft hohes Interesse auf ein überdurchschnittliches Scheiternrisiko. Statistisch erklären sich die Bildungsunterschiede vor allem über die digitale Affinität – also darüber, wie leicht jemandem Apps und Geräte fallen.
Der bittere Kern: Ausgeschlossen bleiben oft genau jene, für die Vorsorgeplanung besonders wichtig wäre. Die Angebote richteten sich an alle, sagt Wilke dem MDR, ausgeschlossen würden aber häufig Menschen mit niedrigem Einkommen – und gerade für die sei zusätzliche private Altersvorsorge essenziell.
Was Nutzer tatsächlich davon haben
Wer die Hürde überwindet, profitiert – begrenzt. 47 Prozent der ePA-Nutzenden sehen einen besseren Überblick über ihre Gesundheitslage (bei aktiver Nutzung 55 Prozent). Für den Austausch mit Ärzten und Therapeuten sind es nur 28 bis 33 Prozent. Bei der Rentenübersicht hält rund die Hälfte der Nutzenden das Portal für hilfreich, um die Versorgungslage im Alter zu überblicken oder den Renteneintritt zu planen. Alte Verträge wiederzufinden – ein Kernversprechen – nennen nur 26 Prozent.
Fazit der Forscher: Besser informiert fühlt sich etwa die Hälfte, handlungsfähiger nur rund ein Viertel. Und: Weil Praxen und Kliniken die ePA füllen, kann sie anfangs leer sein – sieben Prozent der erfolgreich Registrierten fanden keine Daten vor.
Fünf Tipps, damit die Anmeldung klappt
- Ausweis-PIN vorab klären. Oft nie gesetzt oder vergessen. Neuen PIN-Brief beim Bürgeramt beantragen – das dauert.
- Gerätecheck. Smartphone mit NFC oder Kartenlesegerät am PC.
- Steuer-ID heraussuchen. Steht auf Steuerbescheid und Lohnsteuerbescheinigung.
- Analoge Wege nutzen. Rentenversicherung berät telefonisch und in Beratungsstellen, Krankenkassen in Servicestellen.
- Hilfe holen. Angehörige, Digital-Lotsen in Bibliotheken, Seniorenbüros, Volkshochschulen.
Wenn Scheitern das Vertrauen kostet
Das Vertrauen in Krankenkassen und Rentenversicherung bleibt laut Studie weitgehend unberührt. Der Glaube an die Digitalisierung selbst aber leidet: Gelungene Zugänge stärken das Modernisierungsversprechen, gescheiterte drücken die Zustimmung auf das Niveau der Nichtnutzenden – und wer sich anmelden konnte, aber keinen Nutzen erlebte, urteilt sogar skeptischer als völlig Unerfahrene.
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Bemerkenswert: Mehr Eigenverantwortung in der Sozialpolitik befürworten besonders jene mit negativen Zugangserfahrungen. Die Autoren vermuten eine Abwendung vom Staat, nicht die erhoffte Befähigung.
Ohne analoge Rückwege geht es nicht
Die Empfehlung der Studie: digitale Zugänge nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung nicht-digitaler Wege – und die Registrierungsphase eng beobachten. Wilke sagte dem MDR, Digitalisierung sei nicht so günstig zu haben wie oft dargestellt; die Beratungsarbeit leisteten derzeit vielfach Arztpraxen, die Besseres zu tun hätten.
Dass ePA und Rentenübersicht zu Informationsinstrumenten für die breite Masse werden, hält die Studie für unwahrscheinlich. Und beide sind erst der Anfang – Vorboten weiterer Digitalisierungsprojekte im Sozialstaat.
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