Der Gehweg Stephensonstraße/Ecke Herztstraße: Das ist seit elf Wochen das Zuhause von Michael und Annette sowie den Kindern Jenny (27), Michelle (25), Anna (24) und Zarina (10). Auf den kalten Steinen liegt eine große graue Plane, die an der rechten Seite fein säuberlich eingerollt ist. Sie dient an Regentagen als Dach, gestützt von Säulen aus aufgestapelten Plastekisten. Das Lager mit den Isomatten ist das Wohnzimmer von Familie Rednik. Wer hier sitzt, hat die Schuhe ausgezogen und schützt seine Füße mit dicken Wollsocken vor der Kälte.
In ihrem Internetblog bezeichnen sich die Redniks als Freie Familie Dresden. „Man stellt uns aber auch gerne in die Reichsbürgerecke, weil wir den Staat und sein Rechtssystem ablehnen“, sagt Mutter Annette. Sie habe ihren Ausweis den Behörden ausgehändigt, genauso wie ihr Mann Michael, der im Einwohneramt noch als Mike Paul geführt wird und mit den Ausweis auch seine Identität abgelegt hat. Er sitzt auf dem Mattenlager und spielt mit Tochter Zarina und zwei Plüschtieren Verstecken. Sie lachen, als der Hase aus der Kapuze purzelt. Die Familie hat sich ab 2015 geweigert, Grundsteuer an die Stadt zu überweisen. Die aufgelaufenen Schulden haben zur Zwangsversteigerung des Hauses und schließlich zur Zwangsräumung geführt.
Michael vermeidet es, aufzustehen, will Energie sparen. Denn er ist im Hungerstreik: Seit Montag, dem 2. November, 11 Uhr, nimmt er keine Nahrung zu sich und auch keine Flüssigkeit. Nach Einschätzungen von Medizinern könnte das spätestens ab Tag drei zu einer lebensbedrohlichen Situation führen. Und alle Maßnahmen, sein Leben zu retten, lehnt Michael Rednik ab. Das hat er, vor Beginn des Hungerstreiks, „bei Bewusstsein und klarem Verstand“, schriftlich zu Protokoll gegeben.
Ein Blick in das Schlafzimmer von Familie Rednik. Drei der sechs Familienmitglieder schlafen auf der Rückbank eines Autos, das ihnen ein Freund geliehen hat.
© Ines Mallek-Klein für die Ostdeutsche Allgemeine
Der Familienvater fordert die Rückgabe seines Eigentums, eines Mehrfamilienhauses in der Stephensonstraße. Der Garten des großen gelben Hauses wird von drei Meter hohen Lebensbäumen begrenzt. Dahinter verberge sich eine grüne Oase mit Beeten für den Anbau von Gemüse und Obst. „Wir lebten dort quasi als Selbstversorger“, sagt Tochter Michelle. Was nicht verbraucht wurde, wurde eingekocht. Man habe mit all den Vorräten bestimmt vier, fünf Jahre leben können, „auch, weil wir sehr sparsam waren“, so Mutter Annette.
Sie hat gemeinsam mit ihrem Mann in Leipzig studiert. Sie wollten Lehrer werden, er am Gymnasium und sie in der Grundschule. Doch auf dem Weg zum zweiten Staatsexamen brachen sie das Studium ab, machten sich mit einem kleinen Frisörladen im Haus der Schwiegereltern selbstständig.
2009 stand die gelbe Villa in der Stephensonstraße für 260.000 Euro zum Verkauf. 120.000 Euro hatte die Familie gespart, den Rest borgte man sich zusammen und erwarb so das „kleine Paradies“, wie sie es in ihrem eigenen Blog nennt. Saniert wurde in Eigenleistung und auf den über 400 Quadratmetern Wohnfläche gab es nach Erzählungen der Familie Platz für ein eigenes Musikzimmer, ein riesiges Bodentrampolin, eine Zehn-Meter-Indoor-Bogenschießanlage, ein Näh- und Malzimmer, eine Werkstatt, eine Bibliothek und insgesamt sechs Bäder.
Vorwurf der Kindeswohlgefährdung
2012 begann Familie Rednik, sich vom Staat abzuwenden, Stück für Stück. Die damals noch minderjährigen Kinder Jenny, Michelle und Anna wurden für acht Monate aus der Familie genommen und in drei verschiedenen Heimen untergebracht, „nahe der Schweizer Grenze“, wie sie selbst erzählen. Im Raum stand der Vorwurf der Kindeswohlgefährdung, der sich letztlich nicht beweisen ließ, und die Kinder kamen zurück nach Dresden.
Mit der Begründung, er wolle einen Staat nicht länger finanziell unterstützen, der mit Behördenwillkür Kinder aus ihren Familien reißt, entschied Michael Rednik 2015, keine Grundsteuer mehr an die Stadt Dresden zu zahlen. Die stellte das nach einigen Monaten auch fest und schickte für die Jahre 2015 und 2016 Mahnbescheide über insgesamt 1500 Euro inklusive aller Bearbeitungsgebühren.
Michael Rednik blieb hartnäckig. Er überwies auch in den Folgejahren kein Geld, doch dafür wurden er und seine Familie nie belangt. Mitgerechnet hat die Stadt Dresden allerdings schon. Sie ließ im November 2025 das Haus zwangsversteigern. Die Villa war von einem Sachverständigen auf einen Wert von 700.000 Euro geschätzt worden. Er musste das aus der Ferne tun, denn die Familie hatte ihm den Zugang verweigert und auch der Schornsteinfeger kam nur mit Polizeischutz. Ein Unternehmer ersteigerte das Haus schließlich für 360.000 Euro.
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Am Montag, dem 17. August, änderte sich das Leben von Familie Rednik schlagartig, und zwar um 6 Uhr morgens, als die Beamten des Spezialeinsatzkommandos in der Stephensonstraße vor der Tür standen und die Zwangsräumung durchsetzten. Sie hatte sich schon angekündigt mit Parkverbotsschildern direkt vor dem Haus und einer Mail aus dem Jugendamt Dresden, die anmahnte, dass eine Unterkunft für Zarina gefunden werden müsse.
An jenem Augustmorgen blieb den Redniks Zeit, das Nötigste zusammenzupacken. Seitdem leben sie auf der Straße. „Die Behörden waren sicher, dass wir nicht mehr als ein paar Tage durchhalten, aber wir sind immer noch da“, sagt Annette Rednik und schlägt den Kragen ihrer Weste hoch. Es sind knapp über fünf Grad Celsius.
Wie lebt man unter diesen Umständen auf der Straße? „Man vegetiert“, sagt Annette Rednik. Geschlafen wird in einem Auto, das Freunde zur Verfügung gestellt haben. Doch der Platz dort reicht nur für drei der sechs Familienmitglieder. Vater Michael und die beiden großen Töchter schlafen unter freiem Himmel, nur mit einer Plane über dem Kopf.
Die Schlafsäcke sind jeden Morgen klamm. Eine Freundin holt sie zum Trocknen ab, sie wäscht auch die Wäsche der Familie und bringt eine Kanne mit heißem Tee vorbei. Gegessen wird, was Freunde und Fremde spenden. Und für den Gang auf die Toilette geht es mit dem Rad wenige hundert Meter weiter auf die Hundewiese oder ins Zschach-Center. Duschen ist Luxus, geht nur auf Einladung, und so haben die Redniks in den vergangenen Wochen einige Badezimmer in der Umgebung kennengelernt. „Aber wir sind zu sechst, das ist eine Zumutung für jede noch so hilfsbereite Familie“, sagt Mutter Annette.
Amt will psychische Gesundheit des Vaters überprüfen
Vergangenen Mittwoch hat das Jugendamt erneut eine Unterkunft für Zarina angemahnt. Da fiel die Entscheidung, in den Hungerstreik zu treten, nacheinander: erst der Vater, eine Woche später die Mutter und danach die volljährigen Töchter. „Wir wollen unser Zuhause zurück“, sagt Tochter Anna – und das bald. Die Tage und unruhigen Nächte, die wahlweise von pöbelnden Passanten und Reparaturarbeiten an den Straßenbahnschienen gestört werden, haben Spuren hinterlassen. Ja, die Stadt Dresden habe eine Notunterkunft angeboten, bestätigt die Familie, doch die hat sie abgelehnt. „Wir haben ein Zuhause und das wollen wir zurück“, sagt Anna.
Es dürfte mittlerweile leergeräumt sein. Mehrere Tage sei eine Umzugsfirma vor Ort gewesen und habe ihr Haus beräumt – und das, obwohl der Verteilungstermin, der das Ergebnis einer Zwangsversteigerung besiegelt, erst für Januar 2027 festgesetzt ist. Die Lage verschärft sich mit jeder kalten Nacht. Auf die Anfrage der Ostdeutschen Allgemeinen, wie sie mit der Situation umgehen wolle, hat die Stadtverwaltung Dresden bis Montagabend noch nicht geantwortet.
Stattdessen schickte sie am frühen Nachmittag drei Mitarbeiter der Polizeibehörde mit zwei Briefen zu den Redniks. Es gehe um eine Begutachtung des psychischen Gesundheitszustandes des Familienvaters, wobei ganz offen von einer möglichen Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung die Rede ist. Die Begutachtung soll am Mittwoch erfolgen, „notfalls mit Unterstützung des Polizeivollzugsdienstes“, wie es in dem Schreiben heißt, das der Ostdeutschen Allgemeinen vorliegt. „Unfassbar! Das ist das Einzige, dass ihnen einfällt. Die Pathologisierung eines gewaltfreien Menschen“, schreibt Tochter Anna in einer kurzen Nachricht, bevor man sich auf die nächste Nacht auf dem Gehweg vorbereitet. Die Temperatur wird laut Wetterdienst auf vier Grad Celsius fallen.
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