Roboterkriege

Drohnenboote der US Navy: So riss ein unbemanntes Boot ein Loch in ein Kriegsschiff

Ein unbemanntes Boot rammt ein Kriegsschiff und reißt ein Loch in den Rumpf – gesteuert nicht einer KI. Wie die Roboterkriege die USA erreichen.

6 Min
Ein unbemanntes Boot vom Typ Devil Ray im Einsatz – solche Kleinboote werden zunehmend bewaffnet.

Ein unbemanntes Boot vom Typ Devil Ray im Einsatz – solche Kleinboote werden zunehmend bewaffnet.

© Mass Communication Specialist 2nd Class Jacob Vernier

Die Drohnenboote der US Navy haben eine neue Schwelle erreicht: Vor der Küste von Hawaii hat ein unbemanntes Boot erstmals eine aktive Angriffsrolle übernommen – und mitgeholfen, ein ausgemustertes Kriegsschiff zu versenken. Bei der Übung rammte das ferngesteuerte Boot die frühere USS Peleliu und riss ein Loch in den Rumpf.

Zeitgleich macht das Pentagon Ernst mit der nächsten Stufe: Ein Wettbewerb mit 100 Millionen Dollar Preisgeld sucht Roboterboote, die selbst Angriffsdrohnen starten können. Beides zusammen zeigt, wie schnell sich die Kriegsführung auf See gerade verändert – weg von teuren, bemannten Einheiten, hin zu billigen, unbemannten Systemen.

Für die Marine ist das keine ferne Vision mehr, sondern operative Realität.

Was bei der Übung vor Hawaii geschah

Am 17. Juli 2026 versenkte die US Navy vor Hawaii zwei ausgemusterte Kriegsschiffe. Eines davon war die USS Peleliu, ein amphibisches Angriffsschiff von fast 40.000 Tonnen mit über 35 Dienstjahren. Das zweite war der Kreuzer USS Mobile Bay.

Die Übung fand im Rahmen des Manövers Rim of the Pacific (Rimpac) statt. Solche Versenkungsübungen heißen im Fachjargon Sinkex – kurz für Sinking Exercise. Dabei werden ausgemusterte Schiffe als reale Zielobjekte genutzt.

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Rimpac 2026 war laut US Navy die 30. Widerholung dieser seit 1971 laufenden Übungsreihe. Beteiligt waren nach offiziellen Angaben 30 Nationen, 30 Schiffe, fünf U-Boote, mehr als 190 Flugzeuge und über 30.000 Soldaten. Der Drohnen-Einsatz fand also nicht in einem isolierten Test statt, sondern im Rahmen der weltweit größten internationalen Marineübung.

Im Zentrum des Geschehens stand das sogenannte Global Autonomous Reconnaissance Craft, kurz Garc. Das nur 16 Fuß lange Boot wurde bislang vor allem für Aufklärung genutzt. Diesmal übernahm es eine völlig andere Aufgabe.

Wie das Drohnenboot das Kriegsschiff traf

Nach Berichten des Fachmediums The War Zone, das sich auf freigegebenes Bild- und Videomaterial der Navy stützt, war das GARC bei der Übung mit einer Sprengladung von rund 450 Kilogramm beladen – umgerechnet etwa 1.000 Pfund.

Das Boot rammte die USS Peleliu und riss ein Loch knapp über der Wasserlinie in den Rumpf. Dieser Treffer beschleunigte das Sinken des riesigen Schiffs maßgeblich.

Für das GARC ist das eine bemerkenswerte Rollenerweiterung. Ursprünglich war das kleine Boot ein reines Aufklärungssystem. Nun wurde es als „Kamikaze-Drohnenboot“ eingesetzt – ein Einwegsystem, das sich selbst in ein Ziel steuert.

Wie das Drohnenboot autonom zuschlug

Das GARC handelte laut den vorliegenden Recherchen weitgehend selbstständig. Ausgestattet war es mit einem KI-gestützten Navigations- und Steuerungssystem des US-Herstellers Anduril Industries.

Dieses System ermöglichte dem Boot eine autonome Zielerfassung und Wegfindung während des Angriffs. Der Mensch musste den Weg zum Ziel also nicht mehr im Detail steuern – das übernahm die Software.

Bemerkenswert ist auch die Choreografie des Einsatzes. Bei der Übung waren zwei GARC-Boote zeitgleich unterwegs. Während das erste Boot den Kamikaze-Angriff ausführte, übernahm das zweite eine ganz andere Aufgabe.

Unbemanntes Kampfboot "Comet" der Firme BlackSea

Unbemanntes Kampfboot "Comet" der Firme BlackSea

© BlackSea

Dieses zweite Boot näherte sich der brennenden USS Peleliu unmittelbar nach der Detonation. Seine Mission: die Schadensbewertung. Es dokumentierte die strukturelle Zerstörung aus nächster Nähe – im Militärjargon „Battle Damage Assessment“ genannt.

Aus dieser Perspektive stammen auch die spektakulären Nahaufnahmen, die die Navy später veröffentlichte. Von einem bemannten Boot aus wären solche Bilder aus Sicherheitsgründen kaum möglich gewesen.

Was das GARC-Drohnenboot alles kann

Das Boot des Baltimore-Herstellers BlackSea Technologies ist vielseitiger, als sein Ursprung vermuten lässt. Nach Angaben des Unternehmens trägt es bis zu 450 Kilogramm Nutzlast und erreicht eine Reichweite von 700 Seemeilen bei einer Geschwindigkeit von 22 Knoten.

Bedienen lassen sich die Boote einzeln oder im Schwarm. Steuern kann man sie manuell – oder ihnen per Radar ein Ziel zur Verfolgung zuweisen.

Das Aufgabenspektrum wächst dabei laufend. „Wir stehen am Anfang und wissen noch gar nicht, wohin wir das entwickeln werden“, sagte Sarah Weinstein, Kommandeurin der zuständigen Einheit USVDIV-32, im Juni dem Wall Street Journal.

Aus einem Boot mit ursprünglich begrenzten Fähigkeiten sei bereits ein System für Eskorte, Überwachung, Aufklärung und maritime Lagebilderstellung geworden. „Wir haben mit einer einzigen Plattform bereits erweitert, was im Bereich des Möglichen liegt“, so die Offizierin.

Nicht nur Angriff: Vom Nordpol bis Afrika

Der Kamikaze-Einsatz vor Hawaii ist nur eine Facette. Tatsächlich wurde das GARC 2026 in ganz unterschiedlichen Rollen und Regionen erprobt.

Im Mai testete die Navy das Boot bei der Übung „Arctic Sentry 2026“ gemeinsam mit Norwegen in rauer Arktis-Umgebung. Als Aufgaben nannte die Navy dort Minenabwehr, den Schutz kritischer Unterwasser-Infrastruktur sowie Aufklärung.

Ebenfalls im Mai kam das System bei „Obangame Express 2026“ vor Kamerun zum Einsatz. Dort agierte das GARC als schnelle Plattform für Abfangaufgaben – etwa zum Schutz von Häfen und wichtiger maritimer Infrastruktur.

Im Juni fungierten die Boote dann bei der Nato-Übung BALTOPS in der Ostsee als gegnerische Kraft. Sie simulierten Angriffe feindlicher Sprengboote, damit alliierte Schiffe die Abwehr üben konnten.

„Der erste schwierige Teil ist das Entdecken des Boots“, erklärte Lieutenant Sarah Weinstein zu dieser Rolle. „Wie sieht es aus? Was sind die verräterischen Anzeichen? Wie erkennt man, ob es sich nähert?“

Warum das Pentagon jetzt neue Boote sucht

Parallel zu diesen Übungen setzt das Pentagon bereits auf die nächste Stufe. Es sucht Roboterboote, die nicht nur selbst zuschlagen, sondern eigene kleine Angriffsdrohnen tragen und starten können.

Der Grund ist vor allem wirtschaftlich. Billige gegnerische Boote und Drohnen bedrohen teure Marineschiffe – besonders in umkämpften Gewässern wie dem Persischen Golf.

„Das Kosten-Austausch-Verhältnis ist stark zugunsten des Gegners verzerrt“, heißt es in der offiziellen Ausschreibung. Die USA könnten sich nicht länger darauf verlassen, millionenschwere Schiffe und Flugzeuge gegen billige Ziele einzusetzen.

Der Wettbewerb mit dem Namen SWAP-USV ist mit 100 Millionen Dollar Preisgeld ausgestattet. Dazu kommt ein Budget von 200 Millionen Dollar für Folgeaufträge, um erfolgreiche Prototypen schnell in die Produktion zu bringen.

Die gesuchten Systeme sollen zwei oder mehr Drohnen tragen und binnen 120 Tagen einsatzbereit sein. Zu den möglichen Zielen zählen die Ausschreibung ausdrücklich auch schnelle Schmugglerboote und schwer aufzuspürende Halbtauchboote, wie sie Drogenkartelle nutzen.

Hinter der Technik: eine neue Truppengattung

Damit die Marine den rasanten Zuwachs an unbemannten Systemen überhaupt bewältigen kann, hat sie eine ganz neue militärische Laufbahn geschaffen: den „Robotics Warfare Specialist“.

Diese Fachkräfte bedienen und warten Systeme wie das GARC. Die Bedeutung wächst schnell, wie ein Spezialist der übergeordneten Einheit USVRON 3 betont.

„Ich denke, die meisten, wenn nicht sogar alle Kommandos werden eine Komponente von Robotics Warfare Specialists haben“, sagte Chief Robotics Warfare Specialist Christian Butler. „Man kommt an diesem Punkt nicht mehr um unbemannte Systeme herum; sie werden nur noch an Umfang zunehmen.“

Auch organisatorisch skaliert die Navy. Im April 2026 stellte die Pazifikflotte mit USVRON 7 ein weiteres Geschwader für kleine unbemannte Boote auf. Die Marine ordnet diese Systeme ausdrücklich in das Konzept einer bemannt-unbemannten „Hybrid-Flotte“ ein.

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