Der deutsche Großhandelspreis für Strom ist innerhalb weniger Tage von 13 auf mehr als 300 Euro je Megawattstunde gestiegen. Das berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf Daten der Strombörse Epex Spot.
Der Day-Ahead-Preis für Lieferungen am Donnerstag liegt damit etwa doppelt so hoch wie im bisherigen Oktober-Durchschnitt. In einzelnen Abendstunden werden sogar Strompreise von mehr als 500 Euro erreicht. Noch am Sonntag wurde Strom zeitweise für lediglich 13 Euro gehandelt.
Auslöser ist laut Bloomberg die erste längere Dunkelflaute der Heizsaison: Kühles, bewölktes und nahezu windstilles Wetter drückt gleichzeitig die Produktion von Wind- und Solarstrom. Deutschlands Windkraftanlagen sollen bis in die kommende Woche hinein im Tagesdurchschnitt weniger als sieben Gigawatt liefern – nicht einmal halb so viel wie im bisherigen Jahresmittel. Die fehlende Energie müssen vor allem Gaskraftwerke ersetzen. Gleichzeitig hat der europäische Gaspreis erstmals seit der Energiekrise 2022 die Marke von 100 Euro je Megawattstunde überschritten.
Teure Gaskraftwerke treiben den Strompreis hoch
Über Deutschland setzt sich derzeit ein Hochdruckgebiet fest. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) verlagert es sich in den kommenden Tagen kaum und bringt vielerorts Nebel. Laut Bloomberg fällt die deutsche Windstromproduktion dadurch bis Sonntag stark ab und bleibt voraussichtlich auch in der kommenden Woche niedrig. Anhaltende Bewölkung begrenzt zugleich die Solarstromproduktion.
Wie lange die Dunkelflaute anhält, ist noch offen. Das Hochdruckgebiet könnte sich bis in die nächste Woche halten, erklärte MetDesk-Meteorologe Matthew Dobson gegenüber Bloomberg. Die Prognose sei allerdings noch unsicher. Gleichzeitig erhöhen sinkende Temperaturen den Heizbedarf – und damit in Ländern mit vielen elektrischen Heizungen zusätzlich die Stromnachfrage.
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Für den Strommarkt entsteht dadurch eine teure Kombination: Wind und Sonne liefern weniger, während der Verbrauch steigt. Gaskraftwerke müssen kurzfristig einspringen, um Erzeugung und Nachfrage auszugleichen. Nach dem Merit-Order-Prinzip im europäischen Strommarkt setzt das teuerste noch benötigte Kraftwerk häufig den Börsenpreis. Wird Gasstrom gebraucht, kann er daher auch den Preis für Strom aus günstigeren Quellen nach oben treiben.
Bereits im September hatte die Berliner Zeitung unter Berufung auf Bloomberg berichtet, dass der Preis für Stromlieferungen im Januar am Terminmarkt bei mehr als 180 Euro je Megawattstunde lag – über 60 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Damals galt ein kalter und windarmer Winter als zentrales Preisrisiko. Die aktuelle Dunkelflaute zeigt nun schon zu Beginn der Heizsaison, wie schnell sich dieses Szenario auf den kurzfristigen Stromhandel auswirken kann.
Hohe Gaspreise treffen auf schwach gefüllte Speicher
Lieferausfälle im Nahen Osten und der Wettbewerb mit asiatischen LNG-Käufern haben den europäischen Gaspreis in diesem Jahr stark steigen lassen. Deutschland trifft das in einer angespannten Ausgangslage: Am Dienstag waren seine Gasspeicher laut Gas Infrastructure Europe zu 61,65 Prozent gefüllt, Italiens dagegen zu rund 90 Prozent. Der größte deutsche Speicher im niedersächsischen Rehden kam am 21. Oktober lediglich auf 18 Prozent.
Niedrige Füllstände bedeuten nicht automatisch einen Versorgungsengpass. Sie verringern aber die verfügbaren Reserven für längere Kälteperioden und eine verstärkte Stromerzeugung aus Gas.
Grauer Himmel über einem Solarpark: Die Dunkelflaute bremst die Solarstromproduktion aus – teure Gaskraftwerke müssen die wachsende Lücke schließen.
© MaxSolar GmbH
Nach Berechnungen der europäischen Regulierungsagentur ACER, über die die Berliner Zeitung berichtete, müsste die EU in diesem Winter rund 900 Terawattstunden LNG in ihr Gasnetz einspeisen. Das Modell setzt einen Verbrauch wie im vergangenen Winter und erneut rund 28 Prozent Speicherfüllstand am Ende der Heizsaison voraus. Die benötigte LNG-Menge läge elf Prozent über dem höchsten Vergleichswert der vergangenen fünf Winter.
Erreichen die LNG-Lieferungen nur den Durchschnitt dieses Zeitraums, müsste der Gasverbrauch laut ACER gegenüber dem Vorwinter um rund sechs Prozent sinken, damit die Speicher am Ende noch zu 20 Prozent gefüllt sind. Eine Dunkelflaute erhöht den Beschaffungsdruck zusätzlich: Gas wird dann nicht nur zum Heizen und in der Industrie, sondern verstärkt auch zur Stromproduktion benötigt.
Erst Minusrekord, jetzt Strompreise über 500 Euro
Der Sprung von 13 auf mehr als 300 Euro zeigt, wie empfindlich kurzfristige Großhandelspreise auf die wetterabhängige Stromproduktion reagieren. Bei viel Sonne und Wind entsteht zeitweise das umgekehrte Problem. Allein in den ersten fünf Monaten des Jahres wurde Strom bereits in 242 Stunden zu negativen Preisen gehandelt. Am 1. Mai sank der Day-Ahead-Preis auf minus 499 Euro je Megawattstunde; am Intraday-Markt wurden zeitweise sogar minus 855 Euro erreicht.
Die Energieökonomen Manuel Frondel und Lion Hirth hatten gegenüber der Berliner Zeitung bereits auf ein wachsendes Ungleichgewicht hingewiesen: Der Ausbau von Speichern, Netzen und flexiblen Verbrauchern hält mit dem Zubau von Wind- und Solaranlagen nicht Schritt. Bei einem Überangebot fällt der Strompreis deshalb zeitweise tief ins Minus, während er bei Windstille und dichter Bewölkung innerhalb weniger Tage auf mehrere Hundert Euro steigen kann.
Für die meisten Haushalte bedeutet der aktuelle Börsensprung allerdings nicht, dass sich ihre Stromrechnung sofort vervielfacht. Versorger kaufen Energie zu unterschiedlichen Zeitpunkten und sichern einen Teil ihres Bedarfs langfristig ab. Zudem machen Netzentgelte, Steuern und Umlagen einen großen Teil des Endpreises aus. Hält das hohe Preisniveau jedoch länger an oder kehren Dunkelflauten im Winter häufig zurück, können steigende Beschaffungskosten nach und nach in neue Tarife einfließen.
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